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Quer durch Deutschland führen ihn seine Lesereisen, und so still es im Feuilleton um den Georg-Büchner-Preis-Träger des Jahres 1977 in den vergangenen Jahren auch geworden sein mag, so sehr zählt er nach wie vor zu den ganz wenigen Lyrikern deutscher Sprache, die Säle mit mehr als 500 Sitzplätzen problemlos füllen.
Seit 52 Jahren sind Elisabeth und Reiner Kunze ein Paar; die Geschichte ihres Kennenlernens ist so anrührend, dass man sie für erfunden halten (oder erfinden) müsste, wenn sie sich nicht tatsächlich zugetragen hätte: In den späten 1950er-Jahren hatte die tschechische Medizinstudentin Elisabeth Mifka im DDR-Rundfunk ein Liebesgedicht gehört und wegen des schlechten Empfangs den Namen des Autors nur undeutlich verstanden: „Die liebe / ist eine wilde rose in uns / Sie schlägt ihre wurzeln / in den augen, / wenn sie dem blick des geliebten begegnen / Sie schlägt ihre wurzeln / in den wangen, / wenn sie den hauch des geliebten spüren / Sie schlägt ihre wurzeln / in der haut des armes, / wenn ihn die hand des geliebten berührt / Sie schlägt ihre wurzeln, / wächst wuchert / und eines abends / oder eines morgens / fühlen wir nur: / sie verlangt / raum in uns“.
Elisabeth schreibt auf gut Glück eine Postkarte an Radio Dresden, die über viele Umwege den Weg nach Ostberlin zur Sendungsmacherin und schließlich in die Hände des jungen Dichters findet. Mehr als 400 Briefe später kommt es zu einem ersten handvermittelten Telefonat; es ist zwei Uhr morgens: „Willst du meine Frau werden?“ „Ja.“
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Und wenngleich Reiner Kunze vorwiegend Lyrik geschrieben und übersetzt hat und seine Gedichte in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden sind, ist es doch der Kurzprosaband Die wunderbaren Jahre (1976), der ihm den größten Publikumserfolg beschert hat: Der Titel liegt mittlerweile in der 32. Auflage vor – rund 750.000-mal will der S.-Fischer-Verlag das Buch verkauft haben.
Nach dessen Erscheinen (in Westdeutschland) wird Kunze aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, was de facto einem Berufsverbot gleichkommt. Als Teile des Politbüros einen Prozess gegen ihn anstrengen, „nach dem keiner mehr so anfangen wird wie Heym oder Kunze“ (und Kunze über gezielte Indiskretionen erfährt, dass acht bis zwölf Jahre Haft erwogen werden), stellt er einen Antrag auf dauerhafte Ausbürgerung, der binnen kurzem genehmigt wird. „Honecker war gegen diesen Prozess. Biermann war ja schon ausgebürgert, das internationale Ansehen der DDR sollte nicht weiter beschädigt werden.“
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Man muss weder die zwölf Bände und 3.491 Blätter umfassende Stasi-Akte über Reiner Kunze gelesen haben noch mit Kunzes Agieren auf dem politischen Tagesparkett der BRD – und später des wiedervereinigten Deutschland – einverstanden sein, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sehr Kunze diese Diffamierungsversuche getroffen haben müssen: „Über Wochen wurden mir in unregelmäßigen Abständen meine Bücher in zerrissenem Zustand und mit Inschriften wie ‚Strauß-Intimus‘ zugeschickt – ich hatte Franz Josef Strauß bis dahin nur ein einziges Mal gesehen, und das aus der Ferne.“ Helmut Kohl kannte er aus dessen Zeit als Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses, in dessen Zuständigkeitsbereich auch der Freikauf von DDR-Häftlingen gehörte: „Nachdem er Bundeskanzler geworden war, lud er mich als ehemaligen DDR-Bürger ein, ihn auf seinem ersten Staatsbesuch in Israel zu begleiten. Nach unserer Rückkehr schwappte mir aus der gesamten Bundesrepublik eine Flut von Protestbriefen ins Haus, in denen es u. a. hieß, ich hätte mich als Kohl-Begleiter endgültig vor den Karren der Rechten spannen lassen, oder in denen ich unter Androhung eines bundesweiten Buchkauf- und Lesungsboykotts aufgefordert wurde, die Kohl‘ sche Politik zu verurteilen. Eine bekannte Berliner Buchhandlung ließ einen ihrer Kunden wissen, von nun an werde kein Kunze-Buch mehr in ihren Regalen zu finden sein.“ Bis heute erhält er Drohbriefe; erst unlängst einen mit dem Sartre-Zitat „Ein Antikommunist ist und bleibt ein Hund.“
/ Josef Bichler, Album, DER STANDARD 10.8.
Anmerkung: Die numerierten Auszüge, quasi 3 Stationen, sind eine Zutat der Lyrikzeitung. Tatsächlich handelt es sich um einen längeren zusammenhängenden Text.
Das Wortart-Ensemble, welches am Dienstagabend in der ausverkauften Klosterkirche Reichenbach zu hören war, ließ eine Vielzahl zeitgenössischer Dichter zu Wort kommen, unter anderen Wolf Wondratschek, Eva Strittmatter, Nora Gomringer. Ausgewählte Texte dieser Poeten stellten die Basis für die Vertonungen durch die fünf im Jazzgesang ausgebildeten jungen Künstler dar. …
Im zweiten Teil waren vor allem die atemberaubenden Gedichte von Nora Gomringer vertreten: „Haut und Hülle“, „Erdbebenstimmung“ als auch „Ich war schrecklich“. Schwer klang der Schluss bis in die letzte Reihe: „Ohne dich war ich schrecklich. Mit dir war ich schrecklich. Wenn alles nichts mit dir zu tun hat, bin ich tadellos.“
/ Christiane Geier, HNA
Kritiker, lese ich, hoffen auf die Lyrik. Oder in die oder der Lyrik. Das ist doch gut!
Nach Tränenfabrik von 2009 erschien bei Suhrkamp vor Kurzem ihr zweiter Gedichtband Kreuzwort. Eigentlich lebt sie in Amerika. Sie dichtet, übersetzt und lehrt als Assistenzprofessorin an der Cornell University, Ithaka. Unter Kritikern gilt sie als große Hoffnung in der Lyrik. Bereits 2008 zierte sie mit Bubikopf und wachem Blick das Cover des US-Magazins Poets&Writers.
Mort hat sich die Welt mit Worten erobert. Sie stammt aus Belarus, einem Land, das im toten Winkel der öffentlichen Wahrnehmung liegt.1981 wurde sie in der Hauptstadt Minsk geboren, heute besitzt sie die belarussische und amerikanische Staatsbürgerschaft. So selbstverständlich wie zwischen Kontinenten bewegt sie sich auch durch Kreuzberg.
In ihrer Lyrik verrücken Räume, Perspektiven verschieben sich. Das Meer stürzt „wie ein Kettenhund“ auf die Möwen, eine Insel wird „von der Sonne über die Schulter der Welt gespuckt“, „Bücher verwitwen“, ein Vogel „glaubt, das Meer wäre sein Ei“. / Carmen Eller, Die Zeit
Valzhyna Mort: Kreuzwort
Suhrkamp, Berlin 2013; 109 S., 12 €
Valzhyna Mort: Tränenfabrik
Suhrkamp, Berlin 2013; 86 S., 10 €
An den Ufern der Wurm dichtete Nikolaus Becker das Lied „vom freien deutschen Rhein“. Sein „Rheinlied“, das 1841 veröffentlicht wurde, ging wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland.
Reichskanzler Otto von Bismarck lobte den Verfasser ebenso wie König Ludwig I. von Bayern für sein Werk. / mehr
Die wachen Augen blitzen, suchen direkten Kontakt zu den Menschen, die ihm gegenüber Platz genommen haben. Es sind die Augen eines Menschen, der bei sich geblieben ist. Einer, der glaubhaft vom Glück spricht, mit dem sein Geld verdienen zu können, das er am meisten mag: Musik machen, Lieder komponieren, Gedichte schreiben. Konstantin Wecker ist auf der Bühne ein Live-Erlebnis der besonderen Art. / Michael Merkle, General-Anzeiger
„Hereinspaziert! Das ist der Eingang zu einer kleinen, aber gut gehenden Dichterei!“ So charmant begrüßt Heinz Rudolf Unger Besucher seiner Webseite. Literarisch kann der Dichter und Dramatiker aber auch zulangen, was er mit Theaterstücken wie „Zwölfeläuten“ und Liedtexten für die Schmetterlinge unter Beweis stellte. Zuletzt hat er sich mit „Der schweigende Sprachraum“ der zarteren Lyrik zugewandt. Am Mittwoch wird der künstlerische Tausendsassa 75. / Salzburger Nachrichten
Schließlich wird man ermordet, weil man Lyrik liebt und im Internet Gedichte mit stimmungsvollen Fotos kombiniert postet. Allerdings, was wäre, wenn die Gedichte Botschaften enthalten, die nur einige Forumsmitglieder verstehen und die gar nicht so harmlos sind, sondern eher düster, weil es in ihnen um Angst und Tod geht? Der Krimi kostet 16,95, als E-Book 14,99 Euro. / Mitteldeutsche Zeitung
Schon seit zehn Jahren lebt der 1977 geborene Lyrik-Performance-Künstler in Berlin. Der Großvater stammte aus Katalonien, Domeneck ist ein katalonischer Name. Die Großmutter war Italienerin. In München, wo er anfangs Deutsch als Fremdsprache studierte, hatte er es ein knappes Jahr ausgehalten. Die Stadt war ihm zu teuer. Eigentlich wollte Domeneck nur ein Jahr in Deutschland leben, doch dann ist er geblieben. „Europa ist wichtig für meine Arbeit“, sagt Domeneck. „Hier gibt es ein Netzwerk experimenteller Lyrik, Festivals und einen Respekt für die Literatur, der in Lateinamerika oft fehlt.“
Domeneck ist es wichtig, mit seinem Körper zu arbeiten, er bewegt sich auf der Bühne, liest mit schmerzhaft verschränkter Körperhaltung oder verbindet Lyrik mit Tanz. In seinen Texten will er die Trennung zwischen Körper und Geist aufheben. „Ich arbeite an der Grenze dieser Dualität“, sagt er. Er will diese Grenze nicht mehr als Trennung sehen, sondern als Verbindung.
Deswegen bezieht sich Domeneck in seiner Lyrik immer auf den Körper. Der Titel seines kürzlich erschienenen zweisprachigen Gedichtbands lautet: „Körper: Ein Handbuch“ (Corpo: Um Manual). Odile Kennel hat seine collageartigen Texte mit anatomischen Begriffen, Regionalismen, Gay-Slang und Alltagssprache nach Hunderten „Küchengesprächen“ mit dem Autor feinfühlig ins Deutsche übersetzt (Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013. 240 S., 16,90 Euro)
Poetry in Motion, New Yorker U-Bahn:
Aus dem Gehen neben jemandem, in den heimlich man verliebt ist, kann bei Hefter durch ein neues Arrangement unversehens das Gehen zweier Betrunkener werden. Wobei in diesem Fall die Ähnlichkeit der beiden Ereignisse gar nicht so überraschend ist.
gehen
betrunken, zu zweit, nachts eine Straße entlang
Ich zeige dir gehen als Trick. Schaffen wir das ohne Patzer?
Gern in den Flieder, mit Trinken.
Ich bin nicht aus Papier.
Wertsachen wären jetzt dufte. Bleib in den Puschen,
dein Puls wirft dich um, hier sind festgetackerte Blüten,
die kannst du verkaufen.
Reden wir einfach nie wieder.
Immer surfen wir gleich
mitten unter die Schwäne, was kostet uns das?
Was wir spinnen, ist etwas zu golden.
Ich verlernte, durch Repertoires zu spazieren,
jetzt stupsen wir an die Umrisse der Wolken.
Auf spielerische Weise vermisst Martina Hefter in ihren Gedichten den Alltag genauso wie die Sprache. Jedes Gedicht ist dabei wie ein kleines Experiment: Was geschieht, wenn etwas angestoßen, verrückt, in Schwingungen versetzt wird? Den Abschluss vom Handbuch vom Gehen und Stehen bilden Gedichte, in denen Hefter ihre eigene feste, vermeintlich sichere Perspektive aufgibt.
Man könnte es ein produktives Irren nennen, das Hefter hier betreibt. Wie verändert sich Bedeutung, wenn man sich absichtlich verhört, was für ein neuer Sinn erschließt sich – erschließt sich überhaupt einer? -, wenn die Laute ein Stückchen in die eine oder die andere Richtung verschoben werden? Eine Variation des Kinderspiels „Stille Post“, wie diese Gedichte auch überschrieben sind. / Wiebke Porombka, DLF
Martina Hefter: „Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch.“ Gedichte. kookbooks, Berlin 2013. 80 Seiten, broschiert, 19,90 Euro
Der Niedergang dieser beiden einst heiligen Kühe einer Elite, der Lyrik (die heute vor allem in Poetry Slams und deutschsprachigem Pop neue Impulse erfährt) und der Neuen Musik, mag letztlich seinen Ursprung in soziologischen Veränderungen, dem Verschwinden des Bürgertums, haben. Nichtsdestotrotz gibt es so etwas wie Zurüstungen des Genres, die zeigen, dass die klassische Lyrik durchaus Chancen auf ein Überleben hat. Wenn Durs Grünbein und Thomas Kling zwei Seiten einer Münze darstellen, hier die fast schon klischeehafte Figur des bürgerlich-elitären Dichters und dort die des geilen, aber unverständlichen Avantgardisten, so meldet sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Lyrikern zu Wort, die eine andere Linie des Gedichts in Deutschland weiterzuführen scheint, die des landläufig als Pop-Literaten bezeichneten Brinkmanns oder Borns. Die Lyriker heute sitzen denn auch zwischen zwei Stühlen: zwischen traditioneller Elite und poppiger Gegenwartskultur, zwischen Hölderlin und Blumfeld.
Dem kleinen Berliner Verlag Kook-Books kommt der Verdienst zu, dieser Art von Lyrik, die nicht mehr so recht in die Programme der sich gerade neu definierenden (oder besser: dekonstruierenden) Majors passen will, ein schon dem schicken Design der Bücher nach zeitgemäßes Gewand, ja, eine Plattform gegeben zu haben. Der Erfolg – zumindest bei den Kritikern – gibt Kook-Books Recht: Nahezu alle Lyriker, zuletzt Uljana Wolf, sind mit wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. (…)
Steffen Popp ist ein außergewöhnliches Talent. Vielleicht hätte er in „Ohrenberg“ nur mehr auf die Funksprüche aus dem Turm der Hauptfigur hören sollen (ein Topos, der unter seinem enormen sprachlichen und erzählerischen Potenzial bleibt) als auf die Lyra alter Dichter, die oftmals zu „raunendem Schwulst“ verleitet.
/ Thomas von Steinaecker, Textem
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Kook-Books 2006
Scholl: Der „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Michael Braun über politische Gedichte. Jetzt werden wir mal richtig positiv mit der Frage, was denn ein gutes politisches Gedicht ausmacht, Herr Braun, und da haben Sie uns nämlich ein Beispiel mitgebracht, das wir uns anhören wollen! Was ist das für ein Gedicht?
Braun: Ja, ich bin diesem Gedicht und seinem Autor zum ersten Mal 2004, also vor fast schon wieder zehn Jahren begegnet, und es war auf einem Poetenfest im bayerischen Erlangen und dort hat der Autor Hendrik Jackson, Jahrgang 1971, ein Berliner Lyriker, ein Gedicht gelesen, das mich erst mal verstört hat, also auch aufgeregt hat, auch genervt hat damals.
Aber mit einem gewissen Abstand, je häufiger ich das Gedicht dann wieder las, desto mehr hat es mir gefallen. Und warum hat es mich aufgestört, es ging um die Reizfigur …
Scholl: Osama bin Laden! Und das wollen wir uns jetzt mal anhören, Herr Braun, Sie wollen uns das vorlesen!
Braun: Ich lese es mal vor in dem Gestus, wie es der Autor vorträgt, auch mit Laut-leise-Wechseln:
Hendrik Jackson: „Schutz vor Nachstellung, meiner Vorstellung nach“
Bin Laden geht in die Berge,
geht bewundernswert & bärtig durchs Gebirge
im zweiten Programm und in allen.
Was ist von hier aus die Rückseite der kapitalistischen Münze?
Adler oder Eichmann, Goethe oder Lenz? Falsch, (Baudrillard).
Oha, die Medien rufen ihn an:
Höhle, hallo!
Hallo? Holla!
Ja, ja, hier Hölle! Hab ein Video!
Gut gelaunte Europäer.
Der Teufel dringt ins Detail, das Netzwerk leckt.
Ist da noch Speichelplatz unter der (vernetzten)
Zunge des Propheten?
Scholl: Verse des Berliner Lyrikers Hendrik Jackson, Michael Braun hat sie uns vorgetragen hier in unserem „Lyriksommer“ im Deutschlandradio Kultur. Herr Braun, was macht für Sie den Reiz denn dieses politischen Gedichtes aus, warum ist es gut?
Braun: Aufgestört, erschreckt, genervt hat es mich, weil ich die ersten zwei Zeilen zuerst halt hörte und sie sich festfraßen, „Bin Laden geht in die Berge, geht bewundernswert und bärtig durchs Gebirge“. Vor allem das „bewundernswert“ dachte ich, hatte ich gleich dem Autor zugeschrieben, dass hier so eine Art heimliche Faszination an dieser Gestalt des Terroristen vorherrscht. Aber wenn man dann weiter liest, merkt man, es sind, da überkreuzen sich gewissermaßen Projektionen, die in unserer Gesellschaft, auch in unserer Mediengesellschaft existiert haben, auf bin Laden projiziert wurden. Das Raubein der Apokalypse!
Und in den Text werden immer wieder – das ist ein Verfahren, das wir in der Dichtung des 21. Jahrhunderts immer wieder finden – ganz schnelle Schnitte, rasche Blickwechsel, schroffe Montagetechnik, Verknüpfung von disparatesten Bildwelten findet hier statt.
Und immer, wenn uns Gedichte solche auch Rätsel aufgeben im positiven Sinn, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen müssen, wenn sie uns Mühe machen, hat mal Brecht gesagt, solange uns Gedichte Mühe machen, verfallen sie auch nicht und werden sie nicht gleich flach und leer und ohne Widersprüche.
Und das Gedicht hat sehr viele Widersprüche, hat sehr viele historische Schichten, die übereinandergelegt, miteinander verschränkt werden, sodass bei jeder Lektüre halt einfach neue Erkenntnisse aufblitzen.
/ DLR
Für Robert Pinsky kommt der Spaß an Lyrik aus der Musik der Sprache und nicht aus der Bedeutung der Worte. Daher stellte er eine Anthologie von 80 „modellhaften“ Gedichten bedeutender Dichter von Sappho bis Allen Ginsberg, Shakespeare bis Dickinson zusammen.
„Für viele Menschen wurde die Lyrik infolge gutgemeinter Ausbildung zu etwas rätselhaftem, schwierigem, eine zähe Medizin, die vielleicht gut für dich ist aber nicht so gut schmeckt“, sagt Pinsky. „Daher versuchte ich eine Anthologie zu machen, die Spaß macht. Die Lyrik als Kunst vorstellt, statt als Anlaß, klug zu schnacken.“
Darin eine Meditation über die Zeit in 15 Worten von Walter Savage Landor:
On love, on grief, on every human thing
Time sprinkles Lethe’s water with his wing.
(Lethe ist der Fluß des Vergessens, einer der fünf Unterweltflüsse in der griechischen Mythologie).
Was an dem Gedicht bezaubert, sagt Pinsky, ist die anmutige Choreografie der Wörter: „Dreimal am Anfang des Gedichts muß ich die oberen Zähne an die Unterlippe legen, um zu sagen: ‚On love, on grief, on every human thing.‘ Und dreimal am Ende muß ich die Lippen schürzen um zu sagen: ‚Time sprinkles Lethe’s water with his wing.‘ / NPR
Singing School
Learning to Write (And Read) Poetry by Studying With the Masters
by Robert Pinsky
Hardcover, 160 pages
Der Kritiker muß sich nicht entscheiden. Er muß die Dichter nicht in gegnerische Lager einteilen, Paleface vs. Redskin oder Akademische gegen Avantgarde. Und das Kampffeld hallt von den Gewehrkugeln der Dichter selber. Whitman beschwerte sich, bei Poes „lurid dreams“ [wie sagt man, „grellen Träumen“? Glänzenden, schockierenden, fluoreszierenden, kühnen, übertriebenen, von allen Gegensätzen etwas, zugleich Lob und Schmäh] würde ihm schlecht. Dickinson las Whitman erst gar nicht; man hatte ihr gesagt, er wäre „schändlich“. William Carlos Williams kritisierte T.S. Eliots „Waste Land“, es habe „unsere Welt ausradiert, als wäre eine Atombombe gefallen“. Bei einer ihrer kühlen Begegnungen in Key West sagte Wallace Stevens zu Robert Frost: „Ihr Problem ist, Sie schreiben über Dinge“. Worauf Frost antwortete: „Ihr Problem ist, Sie schreiben über Lappalien, bric-a-brac.“ Selbst Lob kann zweideutig klingen, so wenn Robert Lowell an Theodore Roethke über ein paar neue Gedichte schrieb: „Etwas, was ich an ihren Gedichten schätze, ist der Eindruck, sie seien an einem zusätzlichen Halbtag entstanden.“
J.D. McClatchy, Einleitung zu: The Vintage Book of Contemporary American Poetry. 1. 1990. 2. 2003.
In der New York Times: „Manche Milliardäre mögen Autos, Yachten und private Flugzeuge. Andere eben Zeitungen.“ Historisch gesehen ein Schnäppchen. Jeffrey Bezos, der Amazongründer, zahlte 250 Millionen für die Washington Post, die einmal mehrere Milliarden wert war. John Henry zahlte für den Boston Globe, den die New York Times 1993 für 1,1 Milliarden gekauft hatte, gerade einmal 70 Millionen. Vom realen Wert her eher Wohltätigkeit. Die Zeitungen machen Verluste. Im ersten Halbjahr 2013 verlor die Washington Post 7 Prozent verkaufte Exemplare. 1993 verkauften sie 832.332 Stück, 2012 grade mal 484.85 (durchschnittlicher täglicher Umsatz).
„Ich dachte ein Gewehr wäre auf mich gerichtet / Rauhe Töne von Gewehrschüssen von fern / Eins meiner Gesichter neigte sich zum Abschied, das andere zum Leben / Ich bin auch heute nicht gestorben, Mama“. Das schrieb Ahmet Erhan 1979. Die Verse drückten die Stimmung der späten 70er aus, mit Straßenkämpfen sich bekämpfender, amoklaufender militanter Gruppen, und wurden in der Vertonung des kurdischen Sängers Ahmet Kaya zum Symbol einer Generation.
Jetzt, mitten in einem neuen politischen Aufbruch, ist Ahmet Erhan im Alter von 55 Jahren gestorben. In den letzten Jahren kämpfte er einen anderen Kampf, gegen Kehlkopfkrebs. In seinem letzten Gedichtband schrieb er: „Ich hatte die Poesie vor langer Zeit aufgegeben“ – freilich in Versen. „Nun schreibt mein Schatten.“
/ Hürriyet
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