79. Das ganz alltägliche Pathos

Wie Gegenwartslyriker ihre Bilder finden

Von Astrid Mayerle

1 Oton Monika Rinck

Man muss so nahe herangehen, bis die Dinge fremd werden oder wieder fremd werden.

2 Oton Jan Wagner

der fernseher stummgestellt, am ohr der hörer,
doch in der muschel nur noch der atlantik:
vor dem motel ein packeis
von cadillacs

3 Oton Monika Rinck

…..Oft wird ja über eine Art Fremdheit in der Welt einfach hinweggegangen. Was mich immer wundert. Auch die Idee, Gedichte seien unverständlich, aber sie können gar nicht unverständlicher sein als die Welt.

Zitator

O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen
Hinter den Schleiern suchst du Gesang, übst dich in Gedanken: „Wir sind ein
Gespräch, sagst du, „Wir sind Elefanten“…

4 Oton Jan Wagner

Es kann alles Anlass für ein Gedicht sein und das ist auch das Schöne. Der verlorene Handschuh auf dem Bürgersteig, ein Gesprächsfetzen, den man im Bus aufschnappt, es kann ein Pressezitat sein oder eine skurrile Kurzmeldung im Vermischten.

5 Oton Marion Poschmann

Die Tatsache, dass viele Bilder in den Medien keine eins zu eins-Abbildungen sind, macht man sich oft nicht mehr klar.

6 Oton Sabine Scho

Sommerferien auf Langeoog, 1950
entwickeln, kopieren vergrößern.

7 Oton Björn Kuhligk

….und ihr Kleid
so muß man beteuern, war ein mit
Hochmut sich füllendes Gewebe.

8 Oton Steffen Popp

Welche Bewusstseinszustände sind die, die wir haben wollen, welche wollen wir befördern? Wie wollen wir leben? Im Gedicht hat man die Freiheit, einen Entwurf zu machen, noch freier als in der Architektur, man muss nicht einmal auf die Gravitation achten.

9 Oton Jan Wagner

….ihr seid der könig und die königin,
passt auf euch auf!

Sprecherin

Gedichte sind Angebote an die Imagination. Gedichte aktivieren das Bildgedächtnis. Sie kitzeln mit ihren Metaphern die vernachlässigten Bereiche unserer Erinnerungsräume wach und erweitern das Vorstellungsvermögen.

Sprecher

Die Lyriker der Gegenwart nehmen sich verschiedenste Bildquellen vor: Sie plündern Fotoarchive, sie lassen sich von Kunstwerken inspirieren, von Pressebildern oder von Zeichnungen in botanischen Sachbüchern.

/ DLR

One Comment on “79. Das ganz alltägliche Pathos

  1. >>Oft wird ja über eine Art Fremdheit in der Welt einfach hinweggegangen. Was mich immer wundert. Auch die Idee, Gedichte seien unverständlich, aber sie können gar nicht unverständlicher sein als die Welt.<<

    ich kann diese – (art) kontemporanen(r) – klischees (und knotenpunkte in den leitschnüren der vorherrschenden anschauungen) langsam nicht mehr ertragen.

    u.a. bedeutet das, setzt voraus, beides, welt wie gedicht so, in einem ausreichenden und zufreidenstellend überzeugenden maß zu verstehen und er/kennen, bei aller fremdheit (zu einem selbst? dem individuum, dem dichterischen? oder eine erlebt, angenommen, diagnostiziert kollektive.. oder der fortschrittlich aufgeklärt auf der höhe der zeit sich befindenden und reflektierenden schichten?)
    um sie nicht nur vergleichen sondern beides auch richtig beurteilen & überhaupt erfassen … dann implizit sich veranschaulichen und sogar beschreiben & darlegen zu können.

    oder fremd ist & bleibt fremd und dann vergleichen wir unsere projektionen und vorstellungen von recht unterscheidlichen, naheliegenden oder disparaten objekten, gegenständen usw … und was – disziplinen?

    dann kann ich auch über die erlebten, gefühlten, emfpundenen, angenommenen bzw. in mir manifest werdenden gemeinsamkeiten von Mayaschrift, Manesser handschrift , Mangroven und Madrigale, Maximen und Maieutik, medien und mobilfunkneztteilnehmer, movietrailer, muttertag und musikboxen, megapixel und milchstraße … aussagen treffen die allgemeingültiger und apodiktischer kaum gehalten werden können.

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