Die US-amerikanische Poetry Foundation teilt mit, daß am 27.1. auf Anweisung des iranischen Präsidenten Hassan Rohani der Dichter und Aktivist Hashem Shaabani hingerichtet wurde. Laut Radio Free Europe habe ein Islamisches Revolutionstribunal ihn und 14 weitere Personen im vergangenen Juli zum Tode verurteilt, u.a. weil sie einen „Krieg gegen Gott“ führten. Nach Presseberichten sei die Todesstrafe durch Hängen vollstreckt worden.
Shaabani war während seiner dreijährigen Haft schwer gefoltert worden. Human Rights Voices schreibt:
Seine Freunde kannten ihn als einen Mann des Friedens und der Verständigung, der innerhalb des despotischen Khomeinisystems dafür kämpfte, individuelle Freiheitsräume auszuweiten. In einem Brief aus dem Gefängnis, den seine Familie zugänglich gemacht hat, schrieb er, er habe nicht schweigen können, wenn Menschen willkürlich und unrechtsmäßig verurteilt und hingerichtet wurden. Er habe versucht, das Recht jeden Volkes auf ein freies Leben mit vollen Bürgerrechten zu verteidigen. „Die einzige Waffe, die ich in meinem Kampf gegen diese furchtbaren Verbrechen je benutzt habe, war die Feder.“
Die deutsche Literatur aus Rumänien ist ausgewandert nach Deutschland, und eine ganze Weile sind ihre Dichter hier angelegentlich willkommen geheißen worden. Da waren neue Stimmen, sie kündeten von einer merkwürdigen, bisweilen bösen alten Welt, und man genoss, dass diese untergegangen und doch in Texten so aufgehoben war und man einen wohligen Schauer zu beziehen vermochte, weil man sie so vermittelt erhielt und nicht unvermittelt hatte erleben müssen. Dieser auch als „Exotenbonus“ (Peter Motzan) apostrophierte Aufmerksamkeitsvorschuss ist verbraucht, die Securitate-Wirrnisse haben die Szenerie vernebelt, der Widerhall schwillt ab zum Nachhall. Der „Betrieb“ wirft früher oder später einen jeden auf sich selbst zurück, viel Selbstbewusstsein, ja Eigensinn ist nötig, im literarischen Tun noch einen Sinn zu sehen – und viel Gelassenheit gegenüber dem Markttreiben.
Der Eigen-Sinnigsten und Gelassensten einer ist Franz Hodjak. Er war und ist so sehr Dichter, dass er es auch im Überdruss noch vermag, mit seinem sanften kargen Wort die sirrende und dröhnende Wirklichkeit hüben und drüben, die alte und die neue, zu übertönen und dem Leser, den er freundschaftlich zum Komplizen macht, ein paar Verse lang das Empfinden zu schenken, er wäre ihrer enthoben, ja stände über ihr. Hier ist ein Therapeut am Werk, der Hoffnung gibt, die er selbst nicht mehr hat. (…)
Wäre da nicht die streng stilsichere – gleichsam vom „Meißel“ geführte – Hand des Dichters, der sich jeden Überschwang versagt, sich zurücknimmt und die Bilder diszipliniert, indem er sie weiterdenkt oder -spinnt, immer allerdings auf eine eigentümlich gegenständliche und zugleich transzendierende Art: „Es gibt Tage, da rollen dir bloß / Sellerieköpfe über den Weg wie Gesichter // aus einem Märchen mit bösem Ausgang“ („Grammophon“). Das Furchtbare ist wirklich und umgekehrt – und das ist das Märchenhafte dran! Bei Franz Hodjak kann man lesen, wie Unerträgliches erträglich geschrieben wird.
Man muss sich nur einlassen darauf, er macht es einem leicht. Er schreibt eine Lyrik, die nicht allein Selbstaussage ist, sondern einbezieht, den Leser allemal – und dann die anderen, denen die Texte zugeeignet sind. Der Dichter bekennt sich eingangs zu den „auffallend viele(n)“ Widmungsgedichten, tatsächlich beherrschen sie den Band. All diese Menschen, einmal in sein „Leben getreten, sind … nicht mehr wegzudenken“. Ist da ein Widerspruch? Einerseits praktiziert der Poet die Auflösung der Wirklichkeit im Gedicht, andererseits holt er per Widmung Menschen aus derselben in selbiges herein, „erdet“ und konkretisiert also seine Verse mit den mitdichtenden Gedanken an mitmenschliche Existenzen. / Georg Aescht, Siebenbürgische Zeitung
Franz Hodjak: „Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an“. Gedichte. Lithographien von Hubertus Giebe. Verlag SchumacherGebler, Dresden 2013, 100 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3941209-28-2
Submissions Accepted March 1–April 30
CHICAGO – Five Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships in the amount of $25,800 each will be awarded to young poets through a national competition sponsored by the Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine. Submissions will be accepted from March 1 through April 30 of this year.
The original Ruth Lilly Poetry Fellowships were established in 1989 by Indianapolis philanthropist Ruth Lilly to encourage the further study and writing of poetry. Earlier this year, the Poetry Foundation received a generous gift from the Dorothy Sargent Rosenberg Memorial Fund to create the Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships, which increase the fellowship amount from $15,000 to $25,800.
The new fellowships honor two extraordinary women and their commitment to poetry and give five young poets a more auspicious start to their careers. The awards are among the largest offered to young poets in the United States.
“From Harriet Monroe’s founding of Poetry in 1912 to our constant search for fresh new voices today, Poetry has always discovered work that enlivens our sense of what poetry is worth and what it can do,” says Don Share, editor of Poetry magazine. “The Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Poetry Fellowships are especially inspiring because they identify emerging writers whose promising work shows how poetry helps compose our lives.”
The fellowships are open to all U.S. poets between 21 and 31 years of age. Visit poetryfoundation.org/foundation/prizes_fellowship for information on how to submit.
The winners of the fellowships will be announced in September 2014 and featured in the November 2014 issue of Poetrymagazine.
The Poetry Foundation’s annual awards to poets include the $100,000 Ruth Lilly Poetry Prize, which honors a living U.S. poet whose lifetime accomplishments warrant extraordinary recognition, and the new $7,500 Pegasus Award for Poetry Criticism, first given this year, which honors the best book-length works of criticism published in the prior calendar year, including biographies, essay collections and critical editions that consider the subject of poetry or poets.
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About Poetry Magazine
Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.
About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit poetryfoundation.org.
Follow the Poetry Foundation and Poetry on Facebook atfacebook.com/poetryfoundation or on Twitter @PoetryFound.
POETRY FOUNDATION | 61 West Superior Street | Chicago, IL 60654 | 312.787.7070
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In der „Staatsgalerie“ des Prenzlauer Bergs stellt Sarah Marrs ihre „Stadtnomadin“ vor – Mit und außer ihr lesen Sylvia Koerbel, Robert Mießner, Bert Papenfuß und Uwe Preuß (…)
1992 reist Sarah Marrs mit „Novemberklub“ nach Bitterfeld zur „Kunst. Was soll das?“-Konferenz. Die Stadt hat geschlossen. Überall wird „Novemberklub“ abgewiesen. Schließlich zwingt Sarah Marrs einen Wirt, ihrer Band Toast Hawaii zu servieren. Das betrifft die knurrenden Mägen von Bernd Jestram, Ronald Lippok, Mario Mentrup, Bert Papenfuß und Brad Hwang. Sarah Marrs findet dann auf einem Plakat manches erklärt. Was darauf grafisch zusammenwächst und aufblüht in der Landschaft, ergänzt Wurst mit Banane.
Es ist heiß in Bitterfeld, A. R. Penck baut in der Hitze ab. Er behauptet, der „Denver Clan“ sei kulturpolitisch weiter als Maxim Gorkis „Mutter“. Penck erinnert daran, dass Stalin seine Erkenntnisse aus dem amerikanischen Kino gewann. Er lobt „die Philosophie des amerikanischen Kleinbürgers“, in der Staatsgalerie wird die Story mit verteilten Rollen gelesen. Uwe Preuß ist der Penck des Abends.
Immer wieder Penck, wie er im Halbschlaf zuckt, und auch dann nicht wach wird, wenn Durs Grünbein der Versammlung vermeintlich linken Zynismus mit Negativer Dialektik erklärt. Schön auch die Einlassung vom ostaffinen Westmann Ulf Erdy Ziegler: „Das gemeinsame Klagen hat uns (linke Wessis und Ossis) immer wieder subversiv zusammengebracht mit vielen Getränken. Das war stets schön.“ / Jamal Tuschick, Faustkultur (http://faustkultur.de/1389-0-TEXTLAND-von-Jamal-Tuschick.html)
Sarah Marrs: „Stadtnomadin. Wilde Tage in Chicago, lange Nächte in Berlin“. Eden Books
literaturlabor in der Lettrétage
Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)
Teil V – Die Kommunikation der Literatur: Knall sitzsamen Ultramontanisten einen Fortschritt hin – und erwarte ein Wunder in Zwischen
Zuß, u.e. Leutnant, und Ames, suspendierter Hilfsinspektor, mussten das Büro räumen und wechselten die Stadt, so routiniert wie eine volle Windel. In ihren Augen rollt ein Text, so wie ein frisch aufgeschlagenes Ei in der Pfanne rollt, die nicht erhitzt ist, wie ein Pennälerköpfchen voller Rechtschreibregeln und Beschulungsbedürfnis. In Zwischen hoffen Zuß und Ames ein Treffen mit Morgenstern arrangieren zu können, wenn nur nicht …
avec un accent
connais-tu le land, où le Regenbogen steigt? ça n’est pas à
Sarrelouis, où des Lorrains doing shopping comme des
Allemands de l’Est à Pologne.
on (ichchen) ne trouvait pas certains élégies à Mayence ou à
Coblence ou dans la Metze de Metz: Bouzonville (zu Sapphos
Verdruss)
on les trouvait à Eisenhüttenstadt (Cité du Stalin, jusqu’au
13eme novembre 1961) 2013 verzagt und fast stumm in einem
Pferdepo (cul-de-sac) avec l’air de Mme. de Staël (Merci pour les
Dichter et Denker! c’est trop gentil!)
Voltigez, Mme. Taupe!
Voltigez au travers
(des élégies pour nouvelles verreries« 24.10.2013)
Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!
Dem Band Jäger Gejagte des Dresdner Dichters Uwe Hübner, meine ich, ist in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre nichts Vergleichbares entgegenzusetzen – weder an erzählerisch verdichteter Qualität noch an Radikalität der Faltung von Zeiten und Räumen. Die Einzige, die auf diesem Level ihren Sound gefunden hat, scheint mir Ann Cotten zu sein. Sein leider zu wenig beachtetes Debüt hat Uwe Hübner mit Pinscher und Promenade 1993 bei Galrev gegeben. Vor also genau 20 Jahren!
Angefangen zu schreiben hat er vor 40 Jahren. Zwei Bücher in vierzig Jahren! Der 1951 im Erzgebirge geborene, sein bisheriges Lohn-Leben als Heizungsmechaniker in den Kellern der Technischen Universität Dresden abgespult habende und auch als Rentier weiterhin in Dresden lebende Schriftsteller ist wahrlich kein Vielschreiber. Keiner, der aus jedem Scheiß gleich ein Gedicht quetscht. Was noch lange nicht heißt, dass nicht jeder im Weg liegende Haufen eins wert wäre. Denn das wird in Jäger Gejagte offensichtlich, dass es nichts gibt, das es nicht wert ist.
Auf Seite 90 des 112 Seiten starken Bandes steht: „Pleitier zu sein … puh … das ist schon was / schrieb der Finanz- und Sprachexperte, aus dem Nichts / wird dies keiner“, womit wir das drei Verse lange Motto des Weltbürgers, des Kompagnons, des Niemands und Odysseus’ (siehe S. 100) – alles Aliasse des in Welt-Er-Kenntnis gespiegelten Autoren – ausgegraben und aufgedeckt hätten. / Sascha Anderson, Der Freitag 4/14 vom 23.01.2014 (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/pleitier-zu-sein-puh)
Jäger Gejagte GedichteUwe Hübner Poetenladen 2013, 109 S., 16,80 €
In der TLS (http://www.the-tls.co.uk/tls/public/article1371516.ece) erklärt der Papyrologe Dirk Obbink,
why is the discovery important, what do the poems tell us about Sappho, and how do we know they are genuine?
Darin u.a. eine Übersetzung des neuen Brüder-Gedichts durch Christopher Pelling.
Für zeitgenössische Lyriker gibt es Publikationsmöglichkeiten in einschlägigen Zeitschriften zuhauf, aber regelrechte Gedichtbände bringen nur noch ganz wenige Verlage heraus–und ihre Zahl nimmt stetig ab. Zwei neue Reihen, die im letzten Jahr gestartet wurden, versuchen sich gegen diesen Trend zu stemmen. Das ungewöhnlichere Unternehmen ist das des pensionierten Kunsterziehers Carl-Walter Kottnik, der im Zeichensaal seines Hamburger Gymnasium von 1999 bis 2013 hundert Autorenlesungen veranstaltet hatte, bis die Schule diese weithin beachtete Initiative nicht mehr unterstützte. Es lasen dort unter anderem die Lyriker Elisabeth Borchers, Heinz Czechowski, Gerhard Falkner, Ulla Hahn, Norbert Hummelt, Wulf Kirsten, Ulrich Koch, Richard Pietraß, Steffen Popp, Hendrik Rost und Ron Winkler.
Nachdem Kottnik eine Fortführung seiner Dichterlesungen versagt worden war, entschloss er sich zur Herausgabe einer Lyrikreihe. Die Booklets, wie er sie nennt, umfassen um die 30 Seiten und bieten meist nur 15 Gedichte, sind aber sehr schön gedruckt und sämtlich von Malern der Gegenwart illustriert. Auf dieses Zusammenspiel von Text und Bild kommt es dem Herausgeber besonders an, nicht hingegen auf Einheitlichkeit, denn jedes der ansehnlichen Bändchen hat ein anderes Format. / Mehr bei Fixpoetry 27.1. (http://www.fixpoetry.com/feuilleton/notizen/2014-01-27/zwei-neue-reihen-mit-gegenwartslyrik)
Ein Kommentar von Simone Kornappel und Michael Gratz
Was ist besser: Wenn sie Lyrik mit Klischees zuschütten, also immerhin bedenken, irgendwie ernstnehmen, abhandeln – oder sie ignorieren? Die Tageszeitung junge Welt neigt just zur ersten Sorte. Dort (http://www.jungewelt.de/2014/02-04/048.php) schreibt Martin Rautenberg über „zwei Büchlein aus dem Distillery-Verlag“ und hat unsere Aufmerksamkeit. Wie soll man das nicht loben? Wenigstens kommt Lyrik vor. Sogar die Bestelladresse wird mitgeteilt. Leider aber verheißt die doppelte Überschrift kaum Gutes: „Die Pointe zurückdenken. Wie formalistisch sollen Gedichte sein?“
Tatsächlich ist der erste Absatz der informativste. Genauer der einzige informationshaltige. Deshalb hier in voller Länge:
Ein Verlag, der sich ganz der Veröffentlichung heutiger Gedichte verschrieben hat, nennt sich Distillery und wird von Alexander Krohn in Berlin betrieben. In unregelmäßigen Abständen bringt er kleine, schön gestaltete Hefte heraus; jüngst erschienen »Mengenleere« von Katja Horn und »ineinandersetzung« von Tone Avenstroup.
Alles soweit richtig. So geht es jedoch nicht weiter. Die Gedichte sind kurz, heißt es; das geht noch als Beschreibung durch. Es gebe „keine Strophen“, na okay, „und selbstverständlich auch keinen Reim“. Selbstverständlich? Lassen wir mal Theorie und Geschichte des Reims beiseite. Das Wort „selbstverständlich“ verrät, worum es dem Kritiker geht. Er hat ein Bild vom „heutigen Gedicht“ und will es – siehe Überschrift – an beiden Büchern vorführen. „Selbstverständlich“ gibt es ja im „heutigen Gedicht“ auch nicht wenig Gereimtes. Sogar bei Katja Horn, in einem anderen Heft von Distillery. Was also wäre damit gesagt? Aber weiter im Text, denn „Es herrscht konsequente Kleinschreibung“. Diese Gedichte seien durch Kürze, Reimlosigkeit und Kleischreibung gekennzeichnet. „Tone Avenstroup bietet ebenfalls die schon erläuterte formale Struktur: Kleinschreibung, Kürze, kein Reim.“
Offenbar soll dies eine feste Struktur sein, ein Pattern. Und wofür es steht wird sogleich detailliert entwickelt:
(…) konsequente Kleinschreibung – ein möglicherweise heute als Marotte zu beschreibendes Gestaltungsprinzip, das in der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg, und zwar insbesondere in linken Kreisen, die Konzentration auf die wesentlichen Inhalte ermöglichen sollte. Zugleich steckt – übrigens analog zur Begründung der Zwölftonmusik – ein die Unterschiede nivellierender, gleichmacherischer Ansatz dahinter. Also eine Art formalistische Übertragung aus der politischen Sphäre.
Da haben wir den Salat, den formalistischen. Ein bißchen wirr vielleicht, forsch sowieso, wie hier „linke Kreise“, „nivellierende“, „gleichmacherische“ Ansätze mit „heutiger Lyrik“ und „übrigens analog“ Zwölftonmusik (sic) verkoppelt werden. Liests das anbetroffne Publikum mit ehrfürchtigem Staunen? Oder erinnert es sich an Stefan George, der die „gleichmacherische“ Kleinschreibung vor über 100 Jahren einführte – in einem eher elitären und kaum links zu nennenden Milieu?
Diese „Rezension“ sagt fast nichts über die Gedichte, dafür viel über den Rezensenten. Er hat einen ideologischen Aufriss im Kopf, eine Blaupause dessen, wie Gedichte sein oder „funktionieren“ „sollen“. Jedenfalls nicht so wie die „heutigen“ Gedichte der genannten Distillery-Autoren. Und die eingängliche Frage nach der formalistischen Obergrenze will per point-out beantwortet werden. Der Elefant im Raum aber ist in diesem Fall der Rezensent selbst, wenn er formale oder gestalterische Aspekte derart gewichtig als die Information begreift, die den besprochenen Texten zuvorderst innewohnt. Und nicht nur das, „Tone Avenstroup bietet ebenfalls die schon erläuterte formale Struktur: Kleinschreibung, Kürze, kein Reim. Dann auch noch zweisprachig; auf der linken Seite findet sich das norwegische Original, die deutsche Übersetzung gegenüber.“ Ist das jetzt links oder was? Thematisches, Inhaltliches der Gedichte wird lediglich im groben Ansatz ver- oder abgehandelt: hier wittgensteinsches Sprachspiel und irgendwie was mit Écriture automatique, schließlich gar Dadaismus, als wär das alles eins; dort Hermetik, die keine Hermeneutik zulasse und das Klischee des Kryptizismus, das es dem Rezensenten leider verunmöglicht, näher auf die Texte einzugehen, aber dann doch nicht so unübersetzbar ist, als dass es ihm nicht möglich wäre, mit gutem Willen und sinngemäß Gedanken zu erkennen, die „so noch niemand gedacht hat“. Framedropping statt Beschau, pffff nicht Feuilleton… oder wie man nichts sagt, wenn man Besprechung meint. Wäre für die Leser allemal besser, wenn sie von beiden Autoren eins der Gedichte abgedruckt hätten statt einer Besprechung, die die Gedichte nur für ihre eigenen Zwecke benutzt. Entweder es gefällt (interessiert) oder irritiert: beides wär mehr als nichts.
Katja Horn: Mengenleere, Neunundzwanzig Gedichte, Mit fünf Zeichnungen von Mareile Fellien, Distillery 39, Berlin 2013, ISBN 978-3-941330-35-1, 6 Euro
Tone Avenstroup: ineinandersetzung/samstemmelse, Gedichte norwegisch/deutsch, Übersetzung in Zusammenarbeit mit Bert Papenfuß, Distillery 38, ISBN 978-3-941330-34-4, 6 Euro
Bestellen: a.krohn@distillerypress.de
Modern ist das nicht, wenn auch reimlos und in freien Rhythmen daherkommend, genau beobachtet hingegen schon und immer wieder so gebrochen, dass sich die Naturschilderung mit einem melancholischen Kommentar zum Lauf der Dinge, einem ironischen Einwurf, einer Reflexion auf Alter, Beruf oder Stand bricht. Der Kreis, den diese Dichtung um sich selbst schlägt, ist klein, eng gebunden an die eigene Erfahrung und dieser ohne große Umstände abgerungen. Fast zehntausend Gedichte von Johannes Kühn soll es geben, entstanden wie ein Tagewerk und manchmal auch auf Bestellung. Nichts wäre ihnen fremder als das Genialische: „Wenn ich berühmt wäre, würde ich es wohl können, / mit Steigeisen / den Himmel hochsteigen“, schreibt der Lyriker, wenn er, wie so oft als „Winkelgast“ (den Namen gibt er sich selbst) im Schankhaus sitzt. Fast würde man ihm so viel Bescheidenheit glauben: „Lieber dicht ich / das Gras wächst und brauchst keinen Stock wie die Rede“, wenn da nicht auch das Selbstbewusstsein eines zeitgemäßen Bänkelsängers wäre, dem die Moritat zur lyrischen Bestandsaufnahme seiner Heimat und der von ihr beförderten Lebensumstände wurde.
Es ist deswegen auch dies angemessen: dass Johannes Kühn neben den großen Auszeichnungen, neben dem Hermann-Lenz-Preis und dem Hölderlin-Preis etwa, auch einen Wanderweg durch seine Gegend gewidmet bekam, dass er in saarländischen Schulen liest, dass er Ehrenbürger der Gemeinde Tholey wurde und dass er noch immer seine Runden um den Schaumberg zieht. An diesem Montag wird der zeitgemäße Dichter Johannes Kühn achtzig Jahre alt. / THOMAS STEINFELD, Süddeutsche Zeitung 3.2.
Am 30. Januar ist der spanische Lyriker, Essayist und Flamencologe Félix Grande wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag in Madrid gestorben. Er trat mit seiner Dichtung besonders in den 1960er und 1970er Jahren hervor. Sein Debutband Las piedras [Die Steine] erhielt 1963 den Premio Adonáis, u.a. wurde er auch mit dem Premio Nacional de las Letras Españolas (2007) geehrt.
Hier der Nachruf von rtve.
Hier ein Gedicht:
CALLE VACÍA
(Ante un cuadro de Antonio López García)
A ese a quien no se ve, yo lo conozco.
No está y es evidente como un sueño.
Por la calle vacía,
derramada en la siesta y en el cielo,
con un roce de ayer suenan sus pasos
en perfecto silencio.
A ese a quien no se ve, yo lo conozco.
Va hacia el final o vuelve o está quieto
mientras la calle en sol arde callada,
secreta y clara, enharinada en tiempo.
A ese a quien no se ve, yo lo conozco,
o yo lo reconozco, o lo recuerdo,
o lo busco sin fin… ¡Dios lo bendiga,
tan solo como va, tan lejos!
(Aus: La noria [Das Schöpfrad], 1986)
Leere Straße
(Vor einem Gemälde von Antonio López García)
Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich.
Er ist nicht da und doch offensichtlich wie ein Traum.
Auf der leeren Straße,
vergossen über Mittagsschlaf und Himmel,
klingen mit dem Vorbeistreifen von gestern seine Schritte
in vollkommener Stille.
Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich.
Er geht bis zum Ende oder kehrt zurück oder steht still,
während die Straße schweigend in der Sonne brennt,
heimlich und hell, bestreut mit Zeit.
Diesen, den man nicht sieht, den kenne ich,
oder ich erkenne ihn wieder oder erinnere mich an ihn
oder suche ihn ohn’ Unterlass … Möge Gott ihn segnen,
da er so allein geht, so weit weg!
[Übers. à.s.]
Er gilt als die schönste Stimme der deutschen Lyrik, ja er ist die Stimme der deutschen Lyrik…
Aber den Namen verrate ich nicht. Wenn Sie nicht wissen wer gemeint ist, müssen Sie schon selber klicken. *(http://www.lokalkompass.de/wesel/kultur/stellers-wunderbare-lyrik-zitate-gesang-und-gesprochenes-im-preussen-museum-d396571.html)
Geistige Gänseblümchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak
*) Ich zähle dann die Klicks.
Rezensionen von Paul-Henri Campbell
Der deutsch-amerikanische Lyriker und Übersetzer Paul-Henri Campbell rezensiert im Gedicht-Blog Lyrik-Neuerscheinungen in einem zweiwöchigen Rhythmus. Alle Rezensionen von Paul-Henri Campbell auf dasgedichtblog finden Sie hier.
Heinrich Detering: »Old Glory«
von Paul-Henri Campbell
»wasp-waisted, they doze over muskets
and muse through their sideburns«
(Heinrich Detering: For the Union is Dead)
»OId Glory« ist ein Kosename für die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Obschon die Flagge ursprünglich in Salem (MA) hergestellt und während des Sezessionskriegs als Banner der Unionstruppen verwendet worden ist, ist »OId Glory« ein Symbol für die nationale Einheit durch alle Diskontinuitäten, Widersprüche, Triumphe, durch alle busts and bangshindurch. Das Smithsonian hütet heute »OId Glory« wie der Trierer Dom die Tunika Jesu Christi (Heiliger Rock). Ich lese Deterings Titelwahl als eine Art poetologische Weichenstellung.
Das Büchlein »Old Glory« (Wallstein Verlag, 2012) präsentiert 50 Gedichte in fünf Sektionen zu je 10 Texten, von denen Tao downtown und Schlangenberg aus zwei bzw. drei Abschnitten bestehen. Vielleicht könnte man dieses Arrangement als (nahezu) analog zu den Sternen im Sternenbanner betrachten, in dem ein Stern jeweils für einen Bundesstaat steht. Die Gedichte, die unter diesem Titel zusammengeführt sind, sind thematisch äußerst heterogen und von einem starken qualitativen Gefälle geprägt. Auch hier lese ich ein Analogon zu »Old Glory« bzw. der amerikanischen Zivilisation.
Das kryptische Motto, das Detering wählt, erzeugt noch zusätzliche Patina und unterwirft das Sammelsurium an Gedichten – neben dem Titel – einer weiteren Strategie einer rezeptionslogischen Harmonisierung und Zuspitzung. So ist jedenfalls meine Lesart – man braucht sie nicht zu verfolgen. Das Motto ist von Shakespeare und dem Sonnet 88 entnommen: »That thou in losing me shalt win much glory: / And I by this will be a gainer too«.[1]
Betrachten möchte ich Deterings Lyrikband unter drei Gesichtspunkten: 1) In der Intimität des Ichs; 2) Gedichte und Gedanken; sowie 3) »Old Glory« – der Dichter als Vielgewanderter. Der Umstand, dass wir womöglich Heinrich Detering als Literaturwissenschaftler sehr bewundern, muss uns gegenüber seiner Poesie keineswegs skeptisch stimmen.
In der Intimität des Ichs
Das Gedicht Flussgras beginnt im schmucklosen Stil des Berichts: »als ich auf dem Li-Fluss die Füße vom / Bambusboot ins kühle Wasser tauchte / als ich den Buddhafelsen erblickte / gespiegelt im jadegrünen Wasser / als der Wasserbüffel mir entgegen« – dann mit dem letzten Vers dieser ersten Strophe nimmt es eine surreale Wendung – »schwamm Flussgras kauend wie ich mein Reisbrot«. Zwischengeschaltet nun zwischen der ersten und dritten Strophe (beides reimlose Sestinen) folgt ein Dreizeiler, der den vorangegangenen Moment der Inspiration als solchen bezeichnet: »und mir die Verse in den Sinn kamen / vom Lauf des fließenden Wassers und vom / Schwimmen Gottes in Seen und Flüssen«.
Und nun kommt das Gedicht Flussgras von seiner Rahmung los und bringt das zur Sprache, wovon es nur bildlich zu sprechen vermag: »da hatte ich für einen Augenblick / die Kiesbänke vergessen die weiten / Kiesbänke zwischen uns hier im Wasser und Bambuswald und dem Buddhafelsen / die jedes Jahr weiteren Kiesbänke / den weiten endlosen trockenen Kies«. Die Stimme manifestiert sich in der skripturalen Gestalt des Gedichts ohne Interpunktion; sie fließt.
Die Themen, die Strophe 1 und 3 spiegeln, sind invertiert: das Bambusboot, worauf das einsehende Subjekt treibt, ist erkannt als die statische Stofflichkeit des Bambuswaldes, der hinter den Gestaden wächst; der Buddhafelsen, woran sich das »Erblicken« ereignete somit die Einsicht – »die Verse in den Sinn« – herbeiführt … dieser Buddhafelsen ist nun »vergessen«; das »jadegrüne Wasser« kontrastiert die Zeitlichkeit auf den sandigen »Kiesbänken«. Dazwischen, wie gesagt, im scharnierartigen Dreizeiler »Schwimmen Gottes in Seen und Flüssen«. Die Genese poetischer Imagination, die hier eingangs privatistisch inszeniert ist, wird hier als Text performiert und öffnet sich nun zur kosmischen Schau. Das Gedicht beginnt mit »als ich«. Syntaktisch könnte man dieses »ich« sehr leicht mit einem »ob« ersetzen, sodass der Eingang im Modus des uneigentlichen Sprechens, also dem Gleichnis, mit »als ob« begänne. Anstelle des Gleichnisses steht aber das »ich«.
Man mag die Einsicht, die in diesem Gedicht geschieht, als trivial einstufen, in der poetischen Ausführung jedoch – und auf die kommt es an – lässt sich aber gewiss festhalten, dass hier ein Gedicht gelungen ist, das kosmische Inspiration subjektiviert, auch privatisiert und in der Tonlage der confessional poets (etwa Robert Lowell) ausführt. Dieser Umgang mit der Intimität, gebrochen mit der skripturalen Produktion (hier: »Verse«) findet sich in Heinrich Deterings Buch an einigen Stellen. Oft sind dies die schönsten Gedichte, die der Band vorzuweisen hat.
Ein weiteres Beispiel wäre in diesem Zusammenhang das Gedicht Kilchberg: »täglich andere Ängste / und immer dieselbe Angst / die erste die letzte die längste: / dass du nicht langst // dass du nie genug bist / dass du nie genügst / dass deine Sicherheit Lug ist / dass du lügst // Angst vor offenen Plätzen / Gier nach dem eigenen Platz / nachts das alte Entsetzen / morgens der nächste Satz«. Es ist offensichtlich, dass die Poetizität hier durch eine stärkere klangliche Durchbildung der Sprache erreicht wird als im oben besprochenen Gedicht Flussgras. In Kilchberg haben wir das Geklingel der Kreuzreime sowie eine Dramaturgie der Wiederaufnahmen (etwa »dass« oder »nie« oder »du«), die sich zur Qualifizierung der Angst im letzten Quartett steigert. Wenn wir erlauben, dass das Sonnet nicht auf altitalienische Normen festgeschrieben sei, sondern von der Proportion eines Gedankens lebt, denke ich, wären diese zwölf Verse als ein Beispiel des zeitgenössischen Sonetts auszumachen (was nichts außergewöhnliches ist, aber immerhin). Ich finde das Gedicht bemerkenswert, weil es ein Eingeständnis vorführt, womit sich deutsche (maskuline) Lyriker meines Erachtens schwertun: die Inszenierung eines Einbüßens der Souveränität, der eigenen Verletzlichkeit. Ähnlich funktionieren zum Beispiel die Gedichte Limbus oder Ruhe.
Gedichte und Gedanken
Im Gegensatz zu Poetiken, die stärker der Linguistik verpflichtet zu sein scheinen (etwa Ulrike Draesner oder Eleni Sikelianos[2]), also die Materialität des Textflusses (»der Sprache«) in eine starke Spannung zur Lesbarkeit oder Interpretierbarkeit der Gedichte stellen, liegt mit »Old Glory« eine Sammlung vor, die die kulturalistische Wende deutlich vollzieht.
Deterings Gedicht wird so zum Ziborium thematisch zugespitzter Interpretationen von Welt. Artefakte (etwa Keplers Grabschrift), anekdotisches Material aus der Religionsgeschichte, sorbische Sagen, chinesische Poesie, historische Orte (das Schlachtfeld von Jena und Auerstedt; Lemberg; Kapernaum), medienhistorische Konkreta (z. B. Fox News) und viele weitere Elemente, die nur durch kulturelle Rahmungen (frameworks) verständlich sind, fließen in Deterings Poesie ein. Glücklicherweise fügt Heinrich Detering eine Seite mit kurzen Erläuterungen an. Der Prozess der Poetisierung sodann bricht diese Elemente ironisch oder eignet sich diese subjektivierend an, indem sie ins Verhältnis zu der urteilenden bzw. wertenden Instanz des lyrischen Subjekts gesetzt werden. Sie erfahren eine ästhetisierende Situierung im Gedicht.
Nehmen wir zur Illustration das Gedicht im Gouverneursmuseum. Es besteht aus vier Strophen (4/3/3/4). Es setzt mit einer Art Exposition ein: »die Stuttgarter Möbel-Manufactur / fertigte im Jahr neunzehnhundertvier / Bett und Schreibtisch für den Gouverneur der / Kaiserlichen Kolonie in Tsingtau«. Dieser Umstand aus der Wirtschaftsgeschichte ist eigenartig, auch exotisch genug, um unsere Neugier zu erwecken. Es geht also um das Geschick einer gewissen Anzahl von Möbelstücken, die zehn Jahre vor dem Großen Krieg in der schwäbischen Metropole hergestellt worden sind.
Das darauffolgende Terzett liefert weitere Informationen: »nach der japanischen Besatzung / schrieb der Vorsitzende Mao / ein Pamphlet hier am Stuttgarter Schreibtisch«. Wir erfahren von wechselnden Eigentümern, auch von wechselnden Verwendungen. Bis zu diesem Punkt scheint das Gedicht nicht mehr zu sein als eine in lyrische Zeilen gefasste Karteikarte, die man sich vielleicht für spätere Recherchen notiert hat. Das Wörtchen »hier« allerdings bereitet eine Perspektive vor, die außerhalb des Textflusses liegt und auf ein artikulierendes Subjekt verweist. Möbelstücke sind von einem »hier« aus betrachtet.
Und nun geschieht in der dritten Strophe etwas, das eigenartig ist: »im letzten Herbst sah ich vom Fenster aus / im Hof die Immobilienmanager / als warteten sie auf den Ausverkauf«. Wir sind plötzlich dieser tief in geschichtliche Umstände getauchten Notiz entrissen und vernehmen eine Stimme, die in der Gegenwart zu sprechen scheint und die eine Erinnerung versifiziert, die unmöglich um »neuzehnhundertvier« oder im Ehedem verankert sein kann, sondern »im letzten Herbst«. Auch sind die Zeilenübergänge weniger syntaktisch, stärker elliptisch geworden.
Die vierte Strophe schließlich lässt den Leser mit einer Frage zurück bzw. wirft (ironisierend) uns in die Mitte des Unbeantworteten, dem Drängen dessen, was uns gerade als Gedicht präsentiert worden ist: »dies alles dreht sich (ging mir durch den Kopf) / nur um die Stuttgarter Manufactur / und sag mal wann haben die eigentlich / Pleite gemacht war das im letzten Jahr?«
Eine ähnliche Strategie verfolgt das Gedicht Glenn Beck verlässt Amerika. Es inszeniert die seit den 80er Jahren sich intensivierende perverse Trinität von Medien, Religion und Politik. Diese Trinität kann durch bestimmte rechtskonservative Fanatiker in Personalunion mit eher religiös-fundamentalistisch orientierten Gruppen und Fox News in der republikanischen Partei Wurzeln schlagen. Das Gedicht bringt eine Melange an Motiven zusammen, die hierzulande ironisch, auch komisch wirken, aber tatsächlich in ihrem Zutreffen abgründig sind: »Glenn Beck hat vor Hass geweint / in Fox News dafür lieben sie ihn« oder etwas später »neben dem Denkmal der Ermordeten / steht das Denkmal der Mörder / edle Weiße edle Weiße«.[3]
Glenn Beck verlässt Amerika ist thematisch verwandt mit dem darauffolgenden Gedicht,Fox News, welches die Geiselnahme der amerikanischen Mittelschicht durch die Ideologie des Fernsehsenders aufgreift, indem es in stark gebundenen Versen eine Anklage ausführt: »ihr Sinn- ihr Brand- ihr Stifter / von Nacht zu Nacht: /«; oder die Schlussverse: »der Bildschirm wird schon heller / bis an das kühle Grab«. In einem Gedichtband mit dem Titel »Old Glory« sind medienkritische Gedichte besonders wichtig, da sie an eine lange Tradition in der amerikanischen Lyrik anschließen – ich möchte hier nur an Allen GinsbergsTelevision Was a Baby Crawling Toward That Deathchamber erinnern, das in den frühen 60ern entstand.
Die politischen Verhältnisse, die Detering implizit als ideal voraussetzt, tauchen in den sozialkritischen Gedichten in diesem Band erneut auf – z. B. Tao downtown, Eiswürfeloder Meerleute. Besonders das Gedicht Eiswürfel möchte ich hervorheben, da es den sozialkritischen Impuls in der Literatur problematisiert: »mit Dr. Enzensberger standen wir / auf der Terrasse der Akademie / und schauten hinunter auf den Platz wo // drei graue Frauen Flaschen sammelten«. Es ist ja keineswegs selten, dass soziales Bewusstsein zur Pose verkommt, zu etwas, mit dem sich Vertreter der aufgeklärten Kreise schmücken, ohne die inhärenten Widersprüche ihrer rhetorischen Bekundungen der Empörung selbst zu begreifen. Es ist ebendieses Paradox, das Detering bewusst ist, wenn er Eiswürfel mit folgendem Vers beschließt: »Keine der drei schaute zu uns herauf«. Zwischen Sozialkritik und sozialer Realität besteht ein Graben, der sich eben nicht einfach hermeneutisch einholen lässt, sondern eigentlich aktivistische Praxis, Risiko und realer Courage bedarf.
»Old Glory« – der Dichter als Vielgewanderter
Es ist uns, die wir Deterings Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann (1994) abends vor dem Gebet lasen bzw. morgens eine Stunde früher aufstanden, um die wunderbare Studie über Wilhelm Raabe (Theodizee und Erzählverfahren, 1990) zu verschlingen … uns allen ist klar, dass Heinrich Detering aus weitgewanderter Erfahrung spricht. Er ist gewiss polytrop, was die Auseinandersetzung mit Literatur betrifft, aber auch die Bezüge und Anspielungen in seiner Lyrik machen einen weitgewanderten Charakter deutlich. Er zwinkert dem Leser zu, wenn er z. B. im Gedicht Schlangenberg die Gegensätze zwischen dem neuen und dem alten China kollidieren lässt: »ein buddhistischer Tempel samt vegetarischem / Restaurant […]« oder später ebendort: »in der Pagode der gelben Kraniche / über der Autobahn gegenüber dem Fernsehturm«.
Was seine Gedichte so unterhaltsam macht, ist dieses abgründige Spiel der Ironie, die bis in die dunkelsten Kapitel der Geschichte hineinreicht. Wenn er in dem Gedicht Buffalo Bill verlässt Weimar eine Wildwest-Show, die um 1906 in Weimar gastierte, kontrastiert mit unserem Wissen nach 1945: »Buffalo Bills Wildwest-Show in Weimar / der Übermensch glänzt als Lassowerfer«. Wir kennen den Irrsinn der Buchenwald-Kultiviertheit, die zwischen Goethe und dem Genozid keinen Widerspruch erkennen will. Wir kennen auch die Allgegenwärtigkeit des genozidären Moments in aller westlichen Zivilisation, also auch angesichts der Ureinwohner Amerikas. Es erstarrt einem daher das Blut in den Adern bei dem Gedanken an Buffalo Bill vor Schillers Denkmal, der »erzählte wie immer die Geschichte / How I Killed My First Indian dachte an / Nutzen und Nachteil der Historie«.
Zum Schaden dieser starken Texte, gibt es allerdings in dem Band auch Gedichte wie das Glück in Texas: »kein Student in Texas verstand die Schönheit / von Tranströmers Vers das Glück / sei ein sonnenwarmer Stein in der Hand // das Glück ist in Texas ein mondkühler Stein«. Bei solchen aufgeblasenen Eurozentrismen ist man dann doch schon gedrängt, sich zu wundern, wie hoch der highbrow Deterings eigentlich ist, wenn er es nötig hat, sich über ein paar ahnungslose texanische Tölpel zu echauffieren, die sich nicht für kitschige Tranströmer-Gedichte erwärmen können, weil sie noch so satt sind von Taco Bell nach ihrem Steak & Shredded Cheese Quesadilla. Das war nicht fein Herr Detering. Kosmopolitisch geht anders. Das heißt, um die kritischen Punkte nicht zu sehr auszuweiten, der Gedichtband leidet – nicht oft, aber gelegentlich – an platten Pointen, die ihre Komik nicht einmal unfreiwillig entwickeln – z. B. in Ende der Geschichte: »Adam und Eva hatten zwei Kinder / beide leider (ein Missgeschick) männlich // einer erschlug den anderen blieb allein / so starb die kleine Menschheit wieder aus // eine Frau drei Männer eine kurze / Geschichte (doch an Höhepunkten reich)«. Sollten wir uns nun auf die Schenkel klopfen?
Ich erwähne dies keineswegs abschätzig, sondern lediglich, um das Bild abzurunden. »Old Glory« ist eine amüsante Sammlung an Gedichten. Die Texte sind ihrer Oberflächenstruktur nach leicht zugänglich und erfordern keineswegs einen Handapparat, um an ihnen eine aufregende Leseerfahrung zu machen. Sie sind reich an ausgezeichneten Bildern und Passagen; daher ist der Band allemal zur Lektüre zu empfehlen, denn, wie es im GedichtKalligraphie heißt: »ein Wolfshaar steckt in jedem / Pinsel des Kalligraphen / umgeben von Hasenhaar«.
Old Glory
Heinrich Detering
Wallstein Verlag, Göttingen 2012
76 S.
€ 16.90 (Gebundene Ausgabe)
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Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen. Gedichte | At the End of Days. Gedicht:Poetry«.
Am Sonnabend starb der französische Lyriker Pierre Garnier im Alter von 86 Jahren. In den 60er Jahren begründete er zusammen mit seiner Frau Ilse Garnier die Bewegung des „Spatialismus“. Diese große poetische Internationale vertrat die Idee, daß das „Wort … der sichtbare Teil der Idee“ sei, daß sich Poesie „auf Einzelwörter jenseits des Artikulierten“ gründen solle, auf „nicht artikulierte Wörter, die gleichwohl etwas ausdrücken“.
„Er war in Deutschland, Japan, den Vereinigten Staaten und England bekannter als in Frankreich“, sagt Martial Lengellé, der über ihn promovierte. / Courrier picard (http://www.courrier-picard.fr/region/pierre-garnier-un-poete-s-en-est-alle-ia0b0n306674)

Pierre Garnier, poème Pik bou (« picvert » auf Pikardisch), Ozieux 1, 1966
Seit dem Surrealismus, seit der Dichtergruppe von Rochefort, seit dem Lettrismus sind wir nicht mehr auf die fernen Feuer zugegangen, die plötzlich aufflackern. Die menschliche Erfahrung hat sich von der Poesie gelöst, die Dichtung kann den Menschen nicht mehr ergreifen.
Massen von Versen, selbst die gelungensten, versperren den Weg ins Abenteuer. Wir treten auf der Stelle. Nichts ist geschehen, um den Gleichtritt zu unterbrechen. Dennoch verspüren wir das Bedürfnis eines neuen Aufbruchs zur Freiheit.
Überdruß an einer Poesie, die sich nur noch wiederholt, nur noch Redundanz ist und Weg in ein neues poetisches Abenteuer: das entspricht dem antizipatorischen Handeln, wie es Max Bense ausdrückt. / Ilse und Pierre Garnier: Max Bense und der Spatialismus (http://www.stuttgarter-schule.de/spatialismus.htm)
Die visuelle Aussage gestaltet der aus Amiens stammende Künstler jedoch nicht nur mit sprachlichen Mitteln; den Wörtern stellt er einfache, meist geometrische Formen gegenüber. „Die poésie spatiale betont mehr den lyrischen Aspekt“, erklärt ihr Erfinder. Die inhaltliche Diskrepanz zwischen Bild und „Textvorschlag“ solle beim Betrachter einen „lyrischen Kurzschluß“ auslösen. / Stuttgarter Nachrichten 10.7. 1991
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