Qual und Spaß – auf der Suche nach sich selbst treiben Zigtausende ihre trainierten Körper durch die Stadt
Hansjürgen Bulkowski
Einerseits gilt nun „Grodek“ in den Übersichtsdarstellungen und Anthologien des Weltkriegsgedenkjahres als wichtigstes literarisches Denkmal der Ostfront, wobei man sich mit der Deutung des Textes ausgesprochen schwertut. In einem süddeutschen Feuilleton las man vom „Ton der Heldenklage“, von Zeichen eines Opfers „für eine größere Sache“. Andererseits stellt man Trakls Tod gern als direkte Folge traumatischer Erlebnisse in Grodek, oft als Suizid dar.
Bei solchen Ungenauigkeiten und Unsicherheiten ist es gut, dass sich nun mit den beiden wichtigsten Publikationen zum Trakl-Jahr Klarheit verschaffen lässt. In der aktualisierten Neuausgabe der vor genau 20Jahren erschienenen Biografie Hans Weichselbaums kann man (wieder) nachlesen, dass das, was an den Todesumständen Trakls geklärt ist, die Selbstmordthese nicht absichert: Die Ärzte des Krakauer Garnisonsspitals notierten Intoxicatio cocainum, Kokainvergiftung, in die Krankengeschichte, die genauen Umstände bleiben Spekulation. / Wolfgang Straub, Die Presse 27.9.
Rüdiger Görner
Georg Trakl
Dichter im Jahrzehnt der Extreme. 352 S., geb., €25,60 (Zsolnay Verlag, Wien)
Hans Weichselbaum
Georg Trakl
Eine Biografie. 224S., geb., €24
(Otto Müller Verlag, Salzburg)
Der Schweizer Dichter Jürg Halter und der japanische Poet Shuntaro Tanikawa verfassten vor einigen Jahren ihr erstes gemeinsames Kettengedicht «sprechendes Wasser». Das Projekt dauerte damals vier Jahre. Nun wagten sie sich an ein neues Gedicht. Dieses schufen sie in nur fünf Tagen und trugen Ausschnitte davon in Japan einem kleinen Publikum vor.
Bericht in Tagesschau am Mittag vom 14.09.2014, 13:00 Uhr
Vor genau zehn Jahren, am 26. September 2004, starb der Lyriker Jürgen Dziuk an seinem 44. Geburtstag in Kuala Lumpur, wo er für einen deutschen Konzern tätig war. Dziuk stammte aus Nürnberg und zog Mitte der 1980er Jahre zum Studium der Sinologie nach München. Dort war er in der Lyrik-Szene aktiv, u.a. als Mitorganisator der Initiative Junger Autoren; Gedichte von ihm wurden in diversen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. 1993 verließ er Deutschland und verstummte als Dichter fast vollständig.
2007 erschien im Verlag Ralf Liebe (Weilerswist) eine Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel »was bleibt ist Ferne«<hier>.
ausgeschwanzt
von den Freunden blieb der Morgen
und das vergebliche Bimmeln der Schuluhr
im Dreivierteltakt
vom Torschrei blieben die Raben
auf der Asttribüne
verständnislos versteinert
von den Toren blieb die Regenrinne
verbeult sich ans Dach klammernd
fertig zum Sprung
und jemand schwanzt die Zeit aus
(Spätestes erhaltenes Gedicht von Jürgen Dziuk, September 2002)
We previously featured Henri Matisse’s illustrations for a 1935 edition of James Joyce’s Ulysses. If the Odyssey-themed etchings he did for that book surprised you, have a look at his illustrations for Charles Baudelaire’s poetry collection Les Fleurs du mal, first published in 1857. (…) he went an even more unconventional route this time, accompanying Baudelaire’s poems with nothing but portraiture.
The edition’s 33 portraits, including one of Matisse himself and one of Baudelaire, capture a variety of subjects, mostly women — also a source of inspiration for the poet. However, as the site that bears his name makes clear, “Matisse did not indulge in the biographical fallacies of the literary critics of his day who attempted to understand Baudelaire by associating each poem with the woman who may have inspired it. Thus, his gallery of facial portraits provides an accompaniment rather than an imitative rendition of selected poems.” Would that more illustrators of literature follow his example and make a break from pure literalism, allowing the meaning of the relationship between text and image to cohere in the reader-viewer’s mind. You might say that Matisse pioneered, in other words, the most poetic possible method of illustrating poetry. (…)
If you want to buy one of the 300 copies with Matisse’s illustrations, you will have to shell out about $7500. / open culture (mit Beispielen)
Das Rumänische Kulturinstitut in Stockholm verleiht heute auf der Göteborger Buchmesse den Marin-Sorescu-Preis 2014 an den Essayisten, Literaturkritiker und Übersetzer John Swedenmark. Der Preis besteht aus 50 000 Kronen und einer Statuette in Silber und Bergkristall von dem rumänischen Künstler Kuki Constantinescu. Er wird seit 2007 jährlich vom Rumänischen Kulturinstitut in Stockholm an einen schwedischen Schriftsteller verliehen, der mit seinem Werk „die Grenzen auflöst und Orte der Begegnung schafft“.
Bisherige Preisträger waren Steve Sem-Sandberg 2007, Nina Burton 2008, Peter Handberg 2009, Carl-Johan Malmberg 2010, Karin Johannisson 2011, Aris Fioretos 2012 und Marie Silkeberg 2013. Von Marin Sorescu (1936–1996) erschienen sieben Bücher in schwedischer Übersetzung.
Quellen: Wikipedia Schwedisch und Rumänisch sowie Pressemeldungen von heute.
Jirí Kolář war ein Grenzgänger zwischen den Genres: Lyriker und bildender Künstler. Und er war einer der ersten Unterzeichner der Menschenrechtserklärung „Charta 77“.
Die Documenta 4 in Kassel, Juni bis Oktober 1968: neben Werken amerikanischer Pop-Art-Künstler wurden zum ersten Mal Arbeiten des Tschechen Jirí Kolář im Westen gezeigt. Bald fanden sie auf dem internationalen Kunstmarkt Beachtung und wurden in Venedig, New York oder Paris ausgestellt. In seiner Heimat waren sie dagegen lange stigmatisiert. Weniger bekannt als sein bildkünstlerisches Werk wurde bei uns sein literarisches: Es umfasst Kinderbücher, Theaterstücke, Essays, Prosa und Gedichte – beeinflusst war Jirí Kolář von den Surrealisten und Futuristen.
„Lese
ein Häufchen Kiesel zusammen
und verfasse daraus
egal wo
Steinchen für Steinchen
Wort für Wort
Reihe auf Reihe
wie Vers auf Vers
ein Gedicht.“
Nach der Niederschlagung des „Prager Frühling“ 1968 wurde der Künstler vom Husák-Regime verboten und diffamiert. Als er die Menschenrechtserklärung „Charta 77“ unterschrieb, verschärfte sich der Konflikt mit dem Staat. 1979 ging Kolář als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ein Jahr nach Berlin. Als er anschließend einen Arbeitsvertrag am Pariser Centre Pompidou annahm, wurde er in der ČSSR in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, sein Besitz wurde beschlagnahmt und ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt.
/ Doris Liebermann, DLR
Ein Sammelband mit Gedichten und Collagen erschien 1971 bei Suhrkamp:
Er ist auch enthalten im Band
Ein Gedichtband ist was Feines – vorausgesetzt, der geneigte Leser kann mit Lyrik etwas anfangen. Denn ein bissl Zeit braucht es schon, sich mit einem Gedicht auseinanderzusetzen. Die Worte wollen nicht verschlungen werden wie bei einem Roman. Sie wollen verweilen, sich setzen, nachhallen und im Kopf ein wenig kreisen, bis sie im besten Fall ins Herz hinunter gesickert sind und die Gefühlswelt aktiviert wird. Das geht prinzipiell mit allen Gedichten. Man muss es nur zulassen. Der Lichtung Verlag gibt einem nun dazu Gelegenheit – mit “Vastehst me“, worin die Herausgeber Eva Bauernfeind, Hubert Ettl und Christina Pöschl gut 150 Gedichte von 50 Autoren aus 40 Jahren zusammengesammelt haben – auf Bairisch*.
Mundart-Gedichte sind nicht zwingend auf der Stelle verständlich
“Vastehst me” heißt das gut 200 Seiten starke Buch, das kartoniert daherkommt, mit Klappen, die man gut als Eimiagal (Lesezeichen) verwenden kann. /Stephan Hörhammer, hogn.de
Muepu Muamba, der exilkongolesische Schriftsteller und Aktivist, brachte die erste deutschsprachige Anthologie von Autoren des Kongo heraus. Er glaubt an die Zukunft seines Landes, an dessen Kraft zum Träumen
(…)
In den sechziger Jahren habe sein Land zu den bestalphabetisierten Afrikas gehört. Dutzende Zeitschriften erschienen in den nationalen Sprachen und bildende Künstler lebten von staatlichen Aufträgen. Das Fortleben dieser kulturellen Saat wollte Muamba mit seinem bisher ehrgeizigsten Projekt belegen, der ersten deutschsprachigen Anthologie kongolesischer Literatur, „Moyo: Der Morgen bricht an – Stimmen aus dem Kongo“ (Brandes & Apsel, 2013). Muamba hat dafür viele bisher nur im Kongo publizierte Autoren angeworben, Romanfragmente, Satiren und politische Essays übersetzt und mit Verlegern gestritten. Er selbst lässt in seinen Gedichten eine reiche afrikanische Bilderwelt auf ein sehr nüchternes politisches Bewusstsein treffen. „Wir sind dieses Afrika / über das die verschlagenen Exzellenzen / fröhlich hinweg trampeln / … die Trommeln schweigen vor Entsetzen, an äquatorialer Verstummung erkrankt“. Bereits drei Jahrzehnte lang kämpft der 66-jährige – aus dem Exil in Paris und Frankfurt – für die demokratische Bewegung im Kongo. „Wir Dichter mögen politisch ohnmächtig erscheinen. Aber wir haben die Mittel, einen Gegen-Code aufzustellen“. Jedes Wort ist sorgfältig gesetzt: „Nicht die Politiker definieren uns. Nein, die Poesie erfindet die Welt.“ / Jonathan Fischer, Süddeutsche Zeitung 17.9.
Der für den Deutschen Buchpreis nominierte Dichter und Schriftsteller Lutz Seiler (51) bekommt den Marie Luise Kaschnitz-Literaturpreis in Bayern. “Lutz Seilers Gedichte, Essays und Erzählungen sind bestechende poetische Erkundungen ostdeutscher Industrielandschaften, in denen Geigerzähler, Vergasernadeln oder süßliche Gase magische Qualitäten gewinnen”, hieß es in der Begründung der Jury.
Seiler, der mit seinem DDR-Roman “Kruso” auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, wird von der Evangelischen Akademie für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Die Verleihung des mit 7.500 Euro dotierten Preises findet am 19. April 2015 in Tutzing statt. Erst in der vergangenen Woche war Seiler für “Kruso” mit dem Uwe-Johnson-Literaturpreis geehrt worden.
Der Marie Luise Kaschnitz-Preis wurde 1984 anlässlich des 10. Todestages der Schriftstellerin ins Leben gerufen und wird seitdem regelmäßig verliehen. Preisträger der vergangenen Jahre waren unter anderem Thomas Lehr, Mirko Bonne und Pascal Mercier. / Austria.com
Seit vielen Jahren beschäftige sich Brigitte Karner mit dem Werk von Christine Lavant und hat immer wieder öffentlich aus ihrem „Wechselbälgchen“ gelesen. Nun gestaltet die Schauspielerin erstmals einen Abend, der ganz im Zeichen von Lavants Lyrik steht. Der Anlass: Teil eins der vierbändigen Lavant-Werkausgabe, die alle zu Lebzeiten erschienenen Gedichte versammelt.
Und die sind „atemberaubend schmerzvoll“. / Kleine Zeitung
Lesung mit Percussion, morgen, 26. September, 20 Uhr, Musilhaus Klagenfurt.
28.9. 10 Uhr, Rathaus Wolfsberg.
Christine Lavant. Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Wallstein, 720 S., 39.10 Euro
Frisch aus der Bloggerei:
Kristoffer Patrick Cornils (*1987)
der Autor: geboren 1987 in Buxtehude. 2007 bis 2010 Studium an der Tokyo daigaku, Abschluss als Träger des Tengu-Förderpreises (für die Übersetzung vormoderner japanischen Mythen ins zeitgenössische Deutsch). Seit September 2010 Mitorganisator der Berliner Lesereihe Kreuzwort. Studium an der Freien Universität Berlin. Diverse Veröffentlichungen; u.a. Literatur- und Musikkritik, Lyrik.
Das wurde hingenommen. Ich hätte die Lüge gerne erklärt, vielleicht auch mit pausenbäckigem Grinsen. Oder aber, das wäre noch toller gewesen: Ich hätte gern gesehen, wie sie die Runde macht und disseminiert bis niemand mehr weiß, wer ich bin. Nur eben das Zwielicht zwischen Un- und Verständnis, das war so nichts.
Es blieb dabei und damit beim Wunsch nach einer Entzauberungsgeste, und was soll daran schon schwer wiegen? Denn der Autor ist nicht wirklich tot, er müffelt nur im Zwielicht und sitzt geisterhaft rum, sich seiner Verantwortung entziehend. Nicht mein Style, ich will mich gern erklären und hoffe auf Widerspruch. Wenn ich nicht verstanden würde, hätte das ebenfalls was für sich. Wer Verständnis behauptet, der bezieht doch nur Stellung, die keine ist. Trotzdem: Ich müffel im Zwielicht und sitze geisterhaft rum. Nothing to be done.
Konstantin Ames‘ umfangreicher Text kommentiert Stefan Mesch – kann aber auch für sich einstehn. Zitate:
Ich bewundere Ross Sutherland auch dafür, dass er seine Mitmenschen dazu ermutigt, Wege durch die Scheißrealität hindurch zur Poesie zu suchen, indem er Schreibkurse gibt. Es zeigt eine Aufgeschlossenheit und eine Freude an der Sache, die den Plattmachern hierzulande und anderswo völlig abgeht; da wird dann lieber von den zu Vielen-die-Gedichte-schreiben geschwätzt oder von einem Überangebot oder von Exportüberschüssen (!) von Poesie, von bandwurmartiger Coolness, die um sich gegriffen habe. Einige Meisterdenker können wohl nur in den Dimensionen von Wirtschaft und Krankheit denken. Es werden rasch immer mehr. Das soll natürlich diejenigen, die >es geschafft haben< von denjenigen, die es nicht schaffen sollen, abgrenzen. Solange niemand genau hinschaut, dient das sogar der Profilierung der Plattmacher als Freigeist und enfant terrible, wo tatsächlich nur strategische Kommunikation im Zeichen des Egoismus, eben Plattmacherei, stattfindet.
Man muss nicht den in Ehren ergrauten herrschaftsfreien Diskurs herbeizitieren, um eine Bigbrotherisierung (ich meine die amerikanische Serie, nicht Orwells „1984“) auch des deutschen Literaturbetriebs zu konstatieren: Kompetition, die sehr belebend ist, und Streit der Positionen, weichen zunehmend einer Tendenz, Nachwuchs fertigzumachen und Konkurrenz proaktiv auszuschalten. (…)
Das close reading, das Stefan Mesch betreibt, müsste man als noch verdienstvolleren Diskussionsbeitrag werten, wenn es nicht in den letzten beiden Jahren eine ganze Reihe von wichtigen poetologischen Statements (und zuweilen amüsant hochfahrenden Haltungsschulen-Ratschlägen) von Lyriker/innen für Lyriker/innen gegeben hätte: Im Frühjahr dieses Jahres ist die von Norbert Lange herausgegebene Anthologie „Metonymie“ (endlich doch noch!) erschienen; in Nummer 246 der Zeitschrift „die horen“ äußerte sich die Dichterzunft mittels Kollegenporträt auf Einladung von Kerstin Preiwuß und Jürgen Krätzer ausführlich und meist sehr instruktiv über Bewundertes und Problematisches fremder Poesie; Nummer 25 der „Kritischen Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur“ war der zeitgenössischen Literatur und der Reflexion darüber gewidmet, auch einige Beiträge über Lyrik beinhaltend; Walter Fabian Schmid hat jüngst einen Diskussionsbeitrag zum Thema Avantgarde und Experimentallyrik (ist „Quatsch“) auf „Lyrikkritik.de“ publiziert. Ergo: Wer den Beitrag von Stefan Mesch über den grünen Klee loben würde (sagen wir im Gestus des „Endlich sagt’s mal einer!“), dem könnte ich nur schulterzuckend die Frage stellen, ob sein Leseverhalten nicht eventuell zu konsonant ist, und ob er eher kein Interesse hat, auf dem neuesten Stand der Diskussion unter dichtenden Menschen zu sein. Die angebliche Bereitschaft zur Diskussion innerhalb der Poesieszene wird ja turnusmäßig gelobt! Da sollte man also ruhig mal einen Blick in die eine oder andere Zeitschrift riskieren. Das sind ja keine germanistischen Spezialdiskurse. – Es sind ja Klischees wie etwa: Es gibt gute verständliche, lebenssatte Lyrik („Realpoesie“, Poetry Slam, Eigentlichkeit der Provinz) und hermetische Weltfremdheit, die irgendeine schwer zu beurteilende Ausdrucksform gefunden hat, und dann bei „Verschrobenbooks“ (Preckwitz) verlegt wird, die auf dem besten Wege sind, sich im gesellschaftlichen Konsenssessel niederzulassen. Auch die gute alte „tageszeitung“ macht für solche „Unmutsbekundungen“ (https://lyrikzeitung.com/2014/09/19/63-unmut/) immer mal wieder gern Geld locker… In diesem Kontext, das muss Stefan Mesch klar sein, trägt er seine Thesen und ersten bis vierten „Ideen“ vor.
Er war die schillerndste Figur der „Wiener Gruppe“: Konrad Bayer, der Dandy der österreichischen Literatur. Vor 50 Jahren nahm er sich das Leben. Aus diesem Anlass erscheint sein Montageroman „der kopf des vitus bering“ in der „Reihe Österreichs Eigensinn“. / Die Presse
Ein Wortfeld, das sie darin literatur- und gedichtfähig macht, ist das der Börsensprache. Man kann daher diese Gedichte durchaus gesellschaftskritisch lesen. Sie sind aber nie so verkniffen oder simpel wie es politischer Dichtung manchmal unterläuft. Nein, Katharina Schultens hat Humor, und ihre Gedichte knistern erotisch.
Moment, Finanzmarkt und Erotik? Nun, geht es an der Börse nicht um Begehren und Begierden? „morgens wenn es dämmerte ging ich gewöhnlich tanzen / es gab einen club der wechselte die treppenhäuser“, heißt es in Schultens Gedicht „massive attack“. Die Attacke startet hier eine Praktikantin, der man „zwei schlangen zugestanden“ hat. „ich tanzte mit einem kollegen in bärenkostüm / ich trug die stiefel aus meinem Büro // wenn ich mich drehte bohrte ich den absatz immer genau zwischen die zehen seiner tatzen / ich war fast sicher er war unabsichtlich barfuß // (…) ich hob die arme fuhr mit allen fingern tief ins haar / und aktivierte probehalber diesen einen blick / die zungen blitzten auf: brillant- / reflex. denn das genügte“.
Die Börsensprache arbeite ja mit Mystifizierungen, meint Schultens im Gespräch. Da habe eine Vereinnahmung stattgefunden, die wolle sie rückgängig machen. Gerade die Chartanalyse verwende faszinierende Metaphern: „black marubozu“ und „white marubozu“ zum Beispiel, die beiden Kerzenformen, die Tageskursspannen beschreiben. Und dann gebe es Worte, die ganze Heldengeschichten transportieren, oder Fabelwesen, den Bären und den Bullen zum Beispiel.
Schultens freier, assoziativer Umgang mit diesen Begriffen ähnelt Durs Grünbeins Begeisterung für die Bedeutungsräume von Namen und Fachbegriffen aus der Geschichte des Mondes. Anders als bei den Gedichten von Grünbein muss man bei Schultens aber keine Lexika wälzen, um ihren Witz zu entdecken. / Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung 23.9.
Katharina Schultens: gorgos portfolio. Gedicht. Kookbooks, Berlin 2014. 88 Seiten, 19,90 Euro.
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