16. Modest proposals

From: 20 modest proposals toward rethinking the act of reading a poem by Mark Yadich, The Atlantic


  1. Dispel the notion that reading poetry is going to dramatically change your life. Your life is continually changing; most of the time you’re simply too busy to pay enough attention to it. Poems ask you to pay attention—that’s all.

2 When you read a poem, especially a poem not meant to be a “spoken word” poem, always read it out loud. (Never mind what they said in grammar school—to subvocalize so that you won’t bother your peers.) Your ear will pick up more than your head will allow. That is, the ear will tell the mind what to think.

6 If you don’t know a word, look it up or die.

8 A poem has no hidden meaning, only “meanings” you’ve not yet realized are right in front of you. Discerning subtleties takes practice. Reading poetry is a convention like anything else. And you learn the rules of it like anything else—e.g., driving a car or baking a cake.

13 Perform marginalia. Reading without writing in the margins is like walking without moving your arms. You can do it and still reach your destination, but it’ll always feel like you’re missing something essential about the activity.

14 There is nothing really lost in reading a poem. If you don’t understand the poem, you lose little time or energy. On the contrary, there is potentially much to gain—a new thought, an old thought seen anew, or simply a moment separated from all the other highly structured moments of your time.

15 Poetry depends on pattern and variation—even non-linear, non-narrative, anti-poetic poetry. By perceiving patterns and variations on those patterns, your brain will attempt to make order out of apparent chaos. “Glockenspiel,” “tadpole,” and “justice” have ostensibly nothing to do with each other, and yet your brain immediately tries to piece them together simply because they are there for the apprehending.

16 As your ability to read poems improves, so will your ability to read the news, novels, legal briefs, advertisements, etc. A Starbucks poster a few years ago read:Friends are like snowflakeseach one is unique. How true. But isn’t snow also cold and ephemeral? Let’s hope our friends are not.

20 Reading a good poem doesn’t give you something to talk about. It silences you. Reading a great poem pushes further. It prepares you for the silence that perplexes us all: death.

15. Poetische Horizonte in Greifswald

Dafür lohnt es glatt nach Greifswald zu pilgern:

Poetische Horizonte – Tagung zur Poesie: Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft

13.-16.11.2014 im Koeppenhaus und Falladahaus in Greifswald

Ähnlich wie in den Wissenschaften schreitet die Differenzierung auch in der Poesie voran. Ein einzelner Dichter kann das Feld dessen, was probiert worden oder möglich ist nicht überblicken. Kein Kenner der Poesie hat für alle Richtungen der Poesie gleichermaßen Verständnis. Leider fehlt im öffentlichen Gespräch über Poesie weitgehend eine Reflexion über die Tendenz zunehmender Fragmentierung.
Für einige Tage versammeln sich Dichter und Herausgeber verschiedener Generationen und Szenen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands in Greifswald und diskutieren gemeinsam mit Literaturwissenschaftlern Probleme, an denen sie aus jeweils unterschiedlicher Perspektive arbeiten.
Die Tagungsbeiträge werden in der randnummer – literaturhefte (Berlin) publiziert.
Alle Veranstaltungen sind öffentlich und Gäste sehr willkommen!

Veranstalter: Literaturzentrum Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Verlag Reinecke & Voß (Leipzig)

Wir danken für die Unterstützung: Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V (ALG), der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, der Universität Greifswald, randnummer – literaturhefte (Berlin) und dem pom-lit Verein/Falladahaus.

Veranstaltungsorte
Koeppenhaus, Bahnhofstr. 4-5 und Falladahaus, Steinstr. 59

Donnerstag, 13.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)
17.30 Uhr, Begrüßung

18.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Sich selbst neu Erfinden – Poetische Utopien“
Norbert Lange, Bertram Reinecke, Elke Erb

21.00 Uhr, Lesung, Falladahaus, Eintritt 5/3 Euro
Norbert Lange, Elke Erb, Simone Kornappel, Bertram Reinecke

 

Freitag 14.11.2014, Falladahaus + Koeppenhaus
Fremde Literaturen

10.00 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Pindars Traum“
Immanuel Musäus

10.30 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Untote – Vom Weiterleben antiker Formen und Motive“
Dirk Uwe Hansen
anschließend Diskussion

12.00 Uhr Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Übersetzungen“
Christian Filips, Dirk Uwe Hansen, Ann Cotten

++++ Koeppenhaus ++++
16.00 Uhr Lesung, Koeppenhaus
Christian Filips, Jan Kuhlbrodt, Ann Cotten, Dirk Uwe Hansen lesen und kommentieren Übersetzungen von Texten von Pier Paolo Pasolini, Christian Prigent, Keith Waldrop, Konstantín Kavafis und Anderen

19.30 Uhr Buchpremiere, Koeppenhaus
„Muse, die zehnte: Antworten auf Sappho von Mytilene“
Dirk Uwe Hansen, Anne Martin, Georg Christoph Rohrbach, Bertram Reinecke

21.00 Uhr Gespräch & Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Gespräch zwischen Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann und Michael Gratz über die Kulturlandschaft der späten DDR
anschließend
Sounds’n’Poetry „1648“
Bert Papenfuß feat. Underwater Agent Alexander Pehlemann

 

Samstag, 15.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59) + Koeppenhaus (Bahnhofstr. 4-5)
Moden – Zeiten – Räume

10.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Hausse und Baisse. Über Konjunkturen und Moden in der Poesie“
Kai Pohl, Jan Kuhlbrodt, Alexander Pehlemann, Tom Bresemann

12.00 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Geschichte des Politischen Witzes der DDR“
Karl-Heinz-Borchardt

13.30 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Experiment Textanalyse“
Monika Schneikart und Gudrun Weiland

14.15 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Zukunft schreiben“
Eckhard Schumacher

15.30 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Das Zentrum und die Ränder“
Wie prägt Herkunft Schreibstile und die Wahrnehmung eines Lyrikers in der Öffentlichkeit?
Daniela Seel, Angelika Janz, Martin Holz, Simone Kornappel

++++ Koeppenhaus ++++
18.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
tEXTRAbatt
Odile Endres, Irmgard Senf, Ulrike Sebert

19.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
„Lyrik aus dem Hinterland“
Martin Holz, Tobias Reußwig, Christoph Georg Rohrbach, Christiane Kiesow

21.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Daniela Seel, Angelika Janz, Kai Pohl, Ron Winkler

 

Sonntag, 16.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)

10.00 Uhr, gemeinsames Frühstück

11.00 Uhr, Schlussdiskussion & Lesung
Silke Peters und Tom Bresemann

14. Gefährliche Lektüre

Vor 100 Jahren, am 3. November 1914, starb der Dichter Georg Trakl. Als Buchpreisträger Lutz Seiler dessen Verse als Student in der DDR zum ersten Mal las, veränderten sie sein Leben. / Süddeutsche Zeitung 3.11.

„Das Werk Georg Trakls ist das Bild einer völlig geschlossenen, in sich selbst beruhenden Welt. Müsste man ihr einen Namen geben, man könnte sie nur die Trakl-Welt nennen,“ schrieb der österreichische Lyriker und Essayist Josef Leitgeb. Ludwig Wittgenstein notierte zu Trakls Gedichten: „Ich verstehe sie nicht, aber ihr Ton beglückt mich.“ / Dieter Kaltwasser, literaturkritik.de

Von den Anfängen bis zu «Grodek», dem letzten Gedicht, das auf fürchterlichen Kriegserlebnissen beruht, davon aber nur in hohen Tönen redet, hat sich Trakls Schreiben in seiner Struktur nicht wesentlich verändert. In fast jedem seiner lyrischen Texte rückt der Dichter die Extreme gegeneinander, den abgerückten Geisterraum und die tückische Gegenwelt. Eine Auflösung der Kontraste findet sich nur selten. / Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung

Mit Trakl gelingt Heidegger eine raunende Betrachtung über das Leben, das das Subjekt gleich beiseite lassen kann. „Im Gesprochenen des Gedichts west das Sprechen“, folgert Heidegger in seinem Aufsatz „Die Sprache“ (1950) auf der Grundlage von Trakls „Winterabend“ und befindet: „Die Sprache spricht als Geläut der Stille.“ Trakls Schmerz wird für Heidegger „der Unter-Schied selber“ und „Riss“ in der „Verfugung des Daseins“.

So wie andere schloss Heidegger zu Trakl aus einem zerfaserten Nachlass, stilisiert aber seine Erkenntnis gerade über die Spur der Handschrift. Ludwig von Ficker hatte Heidegger das Original der zweiten Fassung des „Winterabends“ vermacht – und Heidegger nobilitiert die lyrische Zerrissenheit zum grundlegenden Existenzial. / Gerald Heidegger, ORF.at

„O! wie weh ist die Welt, wie wahnig das Weh, wie weltlich der Wahn“, schreibt Georg Trakl im November 1912 an seinen Freund Erhard Buschbeck und protokolliert zu den Umständen seines Schreibens: „Vorgestern habe ich 10 (sage! Zehn) Viertel Roten getrunken.“ Ein „Frostbad“ danach auf dem Balkon um vier Uhr in der Früh habe ihm den Einstieg in ein Gedicht ermöglicht, „das vor Kälte schebbert“. / Gerald Heidegger, ORF.at

Bücher zum Trakl-Jubiläum

  • Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Zsolnay, 354 Seiten, 25,60 Euro.
  • Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biografie. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2014. 224 S., Fr. 37.90.
  • Hans-Georg Kemper: Droge Trakl. Rauschträume und Poesie. Otto Müller Verlag, 340 Seiten, 35 Euro.
  • Georg Trakl: Werke. Entwürfe. Briefe. Hrsg. von Hans-Georg Kemper und Frank Rainer Max, Reclam Universal Bibliothek, 9,20 Euro.
  • Hilde Schmölzer: Dunkle Liebe eines wilden Geschlechts. Georg und Margarethe Trakl. Francke, 192 Seiten, 19,80 Euro.
  • Gunnar Decker: Georg Trakl. Leben in Bildern. Hrsg. von Dieter Stolz. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2014. 96 S., Fr. 28.40.
  • Karl-Markus Gauß, Arno Kleibel (Hrg.): Umfrage über Georg Trakl. Literatur und Kritik Mai 2014. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.

13. Land der Besten

Die Deutschen lieben (und honorieren) ihre Dichter, wie ich der Presse entnehme:

Sven Regener, Frontmann der Band Element of Crime, ist einer der besten deutschen Lyriker. Das sollte man einfach voranstellen, wenn man den Erfolg der Berliner Band verstehen möchte, die immerhin seit 1985 besteht.

 

12. Der Dichter Müller

Wie alle großen Dichterinnen und Dichter hat Heiner Müller vieles, was uns heute bedrängt, antizipiert, er muss also gar nicht wiederkommen, die Metapher ist groß genug. „… der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und / oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden“, heißt es in der „Wunde Woyzeck“, einem Prosastück von 1985, als die Welt eigentlich noch streng in Ost und West gescheitelt war. Oder nehmen wir eines seiner letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte, „Ajax zum Beispiel“: „Geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte … / Das zu Ende geht Das kommende / Wird den Advokaten gehören die Zeit / Steht als Immobilie zum Verkauf“. Die Anrufung der Toten hat Müller wie kein anderer beherrscht. Und auch ihre Abwehr. „ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“, hieß es in „Bildbeschreibung“, jenem Zwitterwesen aus Prosa und Drama, dessen in Versalien verfasste Totenbeschwörung 1992 noch einmal auftaucht in einem Gedicht, das mit „DER TOD IST EIN IRRTUM“ endet. (…)

Heiner Müller hat sein Leben lang Gedichte geschrieben, und nicht nur Blankverse. Aber viele Jahrzehnte wurden sie nicht als eigenständig in seinem Werk wahrgenommen, sondern galten eher als Selbstvergewisserungen im Zusammenhang mit seinen dramatischen Texten. 1980 schrieb die Heiner-Müller-Forscherin Genia Schulz: „Prosa und Lyrik begleiten Müllers dramatisches Werk, ohne dessen Selbstständigkeit zu haben.“ Dabei hatte Müller schon in den Fünfzigerjahren eine starke lyrische Phase gehabt, die Gedichte waren an Brecht geschult und oft in Zwiesprache mit seiner damaligen Frau, der Dichterin Inge Müller, entstanden. In ihren jeweiligen Nachlässen finden sich Gedichte zum selben Thema, mit ähnlichen Zeilen, „MAJAKOWSKI“ zum Beispiel, mit dem „bleiernen Schlusspunkt“ darin. (…)

Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren. Das Drama fand nicht mehr statt. „Und so zieht sich Müller mit Lyrik aus dem Sumpf seiner Zeit, die er nur als Wiederkehr einer trüben Vergangenheit erlebt“, schreibt Kristin Schulz im Nachwort. Seiner Schreibblockade trotzt Müller „Mommsens Block“ ab, dem Krebs seine besten Gedichte. 355 Gedichte und Gedichtentwürfe hat Kristin Schulz in die Sammlung aufgenommen, davon 220 Texte aus dem Nachlass, 88 davon sind Erstveröffentlichungen. (…) liest man sie chronologisch von den späten Vierzigerjahren bis 1995, ist deutlich zu sehen, wie Ezra Pound sich in den Kopf des Autors stalinistischer und maoistischer Auftragsballaden setzt und da kleben bleibt bis zum Ende, während die -ismen zersplittern und Gewissheiten dem grundsätzlichen Zweifel über den Zustand der Welt Platz machen./ Annett Gröschner, Die Welt

Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Suhrkamp, Berlin. 675 S., 49,95 €.

11. Dresdner Lyrikpreis 2014

Der Dresdner Lyrikpreis feiert 2014 sein 10. Jubiläum. Alle zwei Jahre wird durch die Landeshauptstadt Dresden der mit 5000 Euro dotierte Preis an deutsch- und tschechischsprachige Autorinnen und Autoren vergeben. Es werden jeweils fünf Autorinnen und Autoren jedes Sprachraumes nominiert. In einem öffentlichen Lesewettbewerb präsentieren sie ihre Texte der siebenköpfigen Hauptjury. 2014 gab es für den Dresdner Lyrikpreis insgesamt 709 Bewerbungen von Autorinnen und Autoren aus Tschechien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. Eine Vorjury hat aus ihnen folgende zehn Autorinnen und Autoren nominiert:

Die Nominierten 2014

Zehn Autorinnen und Autoren – fünf deutschsprachige und fünf tschechischsprachige – wurden nominiert für den Dresdner Lyrikpreis 2014.

Die Jurys

Aus über 700 Bewerbungen mit jeweils bis zu zehn Einzeltexten hat eine sechsköpfige Vorjury im Laufe des Jahres die zehn diesjährigen Nominierten des Dresdner Lyrikpreises 2014 ausgewählt.

Die Hauptjury wählt im Anschluss an die öffentliche Wettbewerbslesung den Dresdner Lyrikpreisträger 2014.

Mitglieder der Hauptjury

  • Peter Geist
  • Veronika Dudková
  • Cornelia Eichner
  • Wanda Heinrichová
  • Christa Müller
  • Ilma Rakusa
  • Manfred Wiemer

Mitglieder der Vorjury

  • Helwig Brunner
  • Martin Fibiger
  • Martina Hefter
  • Tereza Riedlbauchová
  • Michael Špirit
  • Michael Wüstefeld

Ausschreibung und Preisträger der vergangenen Jahre

Öffentlicher Lesewettbewerb

Samstag, 22. November 2014 ab 19 Uhr
Literaturhaus Villa Augustin

Lesung der zehn Nominierten aus ihren Wettbewerbseinreichungen vor Hauptjury und Publikum.
Eintritt: frei

 

Preisverleihung

Sonntag, 23. November 2014 um 11 Uhr
Literaturhaus Villa Augustin

In einem öffentlichen Festakt mit anschließendem Empfang wird der Dresdner Lyrikpreis 2014 durch Kulturbürgermeister Dr. Ralf Lunau verliehen und es wird der Publikumspreises bekannt gegeben.

10. Ungesagtes sagen

Inwiefern das Ungesagte und Unsagbare doch zur Sprache finden können, problematisierten zu Beginn [der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt] die in London lebende Autorin Anne Duden, der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss und der Wiener Lyriker und Romancier Robert Schindel. Schindel, der anders als die meisten seiner Angehörigen, die Schoah als Kind durch Zufall überlebte, schilderte, wie er über Lektüren und durch ein indirektes Sprechen über den von seiner Familie erlebten Schrecken eine Art „Tapetenmuster“ für die Gewinnung seiner eigenen Sprache ausbildete. Dem „Ungesagten“, das in der Gewalt eines letztlich unfassbaren Suizids beschlossen liegt, stellt sich Lukas Bärfuss in seinem für den Schweizer Buchpreis nominierten Roman „Koala“. Und Anne Duden begreift das Schreiben als einen geradezu somatischen Übersetzungsakt, der Physis und Schmerz in Schrift verwandelt. / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 27.10.

9. American Life in Poetry: Column 501

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I love a good ghost story, and here’s one about a ghost cat, by John Philip Johnson, who lives in Nebraska, where most ghosts live in the wind and are heard in the upper branches of cedar trees in country cemeteries. He has an illustrated book of poems, Stairs Appear in a Hole Outside of Town.

Bones and Shadows

She kept its bones in a glass case
next to the recliner in the living room,
and sometimes thought she heard
him mewing, like a faint background music;
but if she stopped to listen, it disappeared.
Likewise with a nuzzling around her calves,
she’d reach absent-mindedly to scratch him,
but her fingers found nothing but air.

One day, in the corner of her eye,
slinking by the sofa, there was a shadow.
She glanced over, expecting it to vanish.
But this time it remained.
She looked at it full on. She watched it move.
Low and angular, not quite as catlike
as one might suppose, but still, it was him.

She walked to the door, just like in the old days,
and opened it, and met a whoosh of winter air.
She waited. The bones in the glass case rattled.
Then the cat-shadow darted at her,
through her legs, and slipped outside.
It mingled with the shadows of bare branches,
and leapt at the shadow of a bird.
She looked at the tree, but there was no bird.
Then he blended into the shadow of a bush.
She stood in the threshold, her hands on the door,
the sharp breeze ruffling the faded flowers
of her house dress, and she could feel
her own bones rattling in her body,
her own shadow trying to slip out.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by John Philip Johnson and reprinted by permission of John Philip Johnson. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

8. 0x0a.li online

Hannes Bajohr teilt in seinem Blog mit:

Gregor Weichbrodt und ich haben ein Textkollektiv gegründet – es heißt 0x0a. 0x0a ist der Hexcode für den Zeilenumbruch. Es ist ein Zeichen, das es im Analogen nicht gibt, nicht gesprochen werden kann und nur als “Steuerzeichen” existiert – und damit ideales Symbol für den Versuch, genuin Digitale Literatur zu produzieren.

0x0a soll ein Workshop, Labor, Schaufenster und eine Anlaufstelle für digitale konzeptuelle Literatur werden und die Diskussion über diese Literaturform in Deutschland anregen. Wir laden ein, mitzudiskutieren und selbst Texte einzureichen, und hoffen, dass wir in Zukunft die Autorenliste erweitern können.

Für diese Website heißt das, dass ich in Zukunft Literarisches auf 0x0a unterbringen werde und hannesbajohr.de für Hinweise und Akademisches freihalte. Nach und nach werden auch die längeren Texte dorthin umziehen.

7. Preis für Friederike Mayröcker

Die Dichterin Friederike Mayröcker erhält für ihr jüngstes Werk „Cahier“ (Suhrkamp) den Johann-Beer-Literaturpreis. Die mit 7.000 Euro dotierte Auszeichnung wird der 89-Jährigen am 25. November von der oberösterreichischen Ärztekammer und der Deutschen Bank in Linz verliehen, wie heute in einer Aussendung bekanntgegeben wurde.

Der Johann-Beer-Literaturpreis zeichnet ein aktuelles Werk eines österreichischen Schriftstellers aus, das „von den Unwägbarkeiten des Lebens und vom Umgang mit existenziellen Anforderungen und Nöten“ erzählt. In den vergangenen Jahren wurden unter anderen Robert Schindel, Monika Helfer und Arno Geiger mit der Auszeichnung bedacht. / ORF

Johann Beer, * 28. Februar 1655 in St. Georgen im Attergau, Oberösterreich; † 6. August 1700 in Weißenfels, Schriftsteller und Komponist. Seit 2009 wird in Österreich der Johann-Beer-Literaturpreis gemeinsam von der Ärztekammer in Oberösterreich und der Deutschen Bank vergeben. Der Preis ist mit € 7.000,- dotiert.

 

6. „Schatten“ der Sprache

Nachdem eines ihrer auf Bengali verfassten Gedichte falsch ins Englische übersetzt worden war, zog die in Delhi lebende indische Künstlerin Mithu Sen Konsequenzen. (…)

Sen hat ihre Lyrik nun auf den „Schatten“ der Sprache reduziert: verfasst in einer „asemischen“ Pseudoschrift und – wie in ihrer Soloperformance I Am a Poet zur Eröffnung ihrer Schau – als klangmalerische Sound-Poetry vorzutragen. In einem der Räume der Galerie ist ein Pult mit Mikrofon aufgestellt, an dem die Besucherinnen und Besucher selbst Lautmalerei betreiben können. / HELMUT PLOEBST, Der Standard 12.9.

Mithu Sen bei Poetry International Web (Bengali, Englisch)

Gedichtbände

  • Bashmati Sarir Bagan Ba Gaan, (1995-2005), Nandimukh, Kolkata, 2007
  • Visual Rhapsody (along with other artists/poets, edited by Debashis Chanda),New Delhi, Niyogi Offset, 2005
  • Ma Jai Boluk, Prothom Alo Publications, Dhaka, 2000

Hier zwei ihrer Zeichnungen zum Thema männlicher sexueller Angst.

„I am a Poet: Not bound by rules of grammar, diction, vocabulary and syntax, a book of my poems in an abstract, asemic writing with an effort on my part to give and collect the unsaid, unspoken margins, which have been forgotten in the language-power structures, to empower this lone struggle into collective resistance.“ — Mithu Sen

 

5. Poetopie

Touristenreisen ins Weltall – das Schönste dabei wäre die Rückkehr

Hansjürgen Bulkowski

4. Morgenfeier

Das Schicksal von Insekten als mikroskopische Kurzschrift für das menschliche Leben. In einem Essay beschrieb Virginia Woolf den Tod einer Motte so, als wäre es der des ganzen Universums. Grillparzer schrieb ein Gedicht über eine müde Winterfliege, Wisława Szymborska eines über einen toten Käfer. Der verrückte Quirinus Kuhlmann verfasste als junger Mann innige Grab-Epigramme auf tote Bienen und Ameisen. Neben Insekten wird der Mensch riesengroß, ein grotesk den Raum ausfüllendes Wesen, eine Schlafwalze. Ernst Jandls „morgenfeier“ war das erste Gedicht, das mich zu Tränen rührte. Ich muss etwa sechzehn gewesen sein. Ich lag auf der Couch bei uns zu Hause, hielt das Buch über mir und heulte. / Clemens J. Setz, Frankfurter Anthologie

3. Hans Keilson

Hans Keilsons Tagebuch hat sich erst im Nachlass des 2011 im Alter von fast 102 Jahren gestorbenen Dichters und Psychoanalytikers gefunden. Seine Witwe Marita Keilson gibt es jetzt heraus. Es handelt sich um ein vollkommen einzigartiges Dokument. Denn es beschreibt nicht nur den Alltag eines Gejagten, der immer wieder Todesangst auszustehen hat. Es bildet auch die Gewissenserforschung eines Schriftstellers ab, der noch im Werden ist (seit seinem literarischen Debüt kurz vor Toresschluss, Januar 1933, im Verlag von S. Fischer hat er nur vereinzelte Gedichte publiziert). (…)

Mit der dialektischen Volte, das „Sicherheitsgefühl des Unsicheren“ zu bejahen, sieht er sich jetzt eher als einer, der „sein Sach‘ auf nichts gestellt“ hat und legt sich selber folgendermaßen fest: „Ich weiß, dass ich ein Dichter bin und ein Schlemihl – aber mein Ziel ist Arzt.“

Hans Keilson hat sicher im Dezember 1944 noch nicht geahnt, wie weit der Weg zu diesem Ziel noch sein würde. Wie lange es überhaupt dauern würde, bis er im Leben seinen Platz zu finden vermochte. Seinen medizinischen Doktortitel erwarb er erst als Siebzigjähriger. Als Schriftsteller setzte er sich – dank der Einrichtung der „Schwarzen Reihe“ im S. Fischer Verlag, die sich den Vertriebenen und Verfemten des Dritten Reiches widmete – im Grunde erst als Achtzigjähriger durch. Die großen Ehrungen und Preise (darunter auch der „Welt“-Literaturpreis) erhielt er dann als Neunzigjähriger. Der Weltruhm kam, als er hundert geworden war. / Tilmann Krause, Die Welt

Hans Keilson: Tagebuch 1944. Herausgegeben von Marita Keilson. S. Fischer, Frankfurt/M. 256 S., 18, 99 €.

2. November

Der November ging gestern an mir vorbei
und erkannte mich nicht mehr.
»Was mach ich denn«, rief ich ihm zu,
»mit dem ganzen Restlaub,
dem Trüben, den Kreuzen auf öden Hügeln?«
Er ging stumm weiter, geht immer noch,
immer noch

Àxel Sanjosé

Aus: Versnetze sieben