Heinrich-Mann-Preis für Adam Zagajewski

Der Heinrich-Mann-Preis 2015 geht an den polnischen Dichter, Essayisten und Erzähler Adam Zagajewski. Diese Wahl trafen die Juroren Friedrich Dieckmann, Sebastian Kleinschmidt und Robert Schindel, der Preisträger des letzten Jahres.

Adam Zagajewski wurde 1945 in Lwów (Lemberg) geboren und lebt nach Jahren des selbstgewählten Pariser Exils heute wieder in Krakau. „Seine Gedichte, Erzählungen und Essays haben einen unverwechselbaren Ton, einen Ton der Sehnsucht und der Resonanz, in dem Wahrnehmung und Erinnerung, Außenwelt und Innenwelt lange nachhallen. Zwei Melodien gleichsam, ein trauriges Dur und ein heiteres Moll, zwei Welten, die sich suchen und in den besten Augenblicken auch finden. Und in allem Nachdenklichkeit, aus der das Verlangen nach Verstehen spricht“, heißt es in der Begründung der Jury.

Die Laudatio hält Sebastian Kleinschmidt.

Freitag, 27.3.
19 Uhr 

Pariser Platz
Plenarsaal

Preisverleihung. Laudatio Sebastian Kleinschmidt, Dankesrede des Preisträgers.

Eintritt frei

Peter Bichsel 80

Ganz auf sich allein gestellt, stiess er auf die «Anthologie der Abseitigen» von Carola Giedion-Welcker. Hier entdeckte er Neuland, moderne Lyrik, «die in nichts den Gedichten glich, die ich kannte, Expressionismus, Dadaismus, alles neu». Es war eine Welt, von der seine Lehrer nichts wussten. Er erkor Hugo Ball und Emmy Hennings, sodann Hans Arp und Sophie Täuber zu seinen Lehrern. Sie machten ihn zum Schriftsteller. Bis er fünfundzwanzig Jahre alt war, schrieb er Gedichte, die dieser Moderne verpflichtet waren. Als «konkreter Lyriker» publizierte er in der von Eugen Gomringer mitverantworteten Zeitschrift «spirale» und in Max Benses «augenblicken».

Bichsel bekennt sich bis heute zu diesen Anfängen. Im Geheimen sei er Lyriker geblieben, sagt er und verweist damit auf den Ort, in dem auch seine anspruchsvoll karge Prosa gründet. Viele Leser achten nur auf den Inhalt, er selber ist überzeugt, dass die Sprache die Realität nicht abbildet, sondern sich ihr nur beschreibend etwas nähern kann. / Beatrice von Matt, NZZ

Bichsels Landsmann, der Literaturwissenschaftler Peter von Matt, prophezeit bereits, dass aus genau diesen Texten „tausend namenlose Stimmen der heutigen Schweiz“ ertönen werden, wenn man sie „in hundert Jahren“ lesen wird. Heute wird Peter Bichsel erst einmal achtzig. / Jürg Altwegg, FAZ

In der Serie «Aufgetaucht» präsentiert der «Bund» Fundstücke aus dem Schweizerischen Literaturarchiv. Aktuell vom Autor und Lyriker Peter Bichsel. / Der Bund

In L&Poe

Gestorben

Wie ich zuerst bei dem brasilianischen Dichter Ricardo Domeneck lese, ist der portugiesische Dichter Herberto Helder (1930-2015) im Alter von 84 Jahren gestorben, „einer der größten Dichter der portugiesischen Sprache in der Nachkriegszeit“.

Eine portugiesische Nachricht hier.

In L&Poe: Lyriker aus Madeira

Hausacher Stadtschreiberin

Marie T. Martin hatte schon viel über diesen Hausacher LeseLenz gehört. Sie kannte José F. A. Oliver als Dichter, und sie findet nicht nur sehr interessant, was er schreibt – sondern auch, dass er bewusst nicht in einer Metropole lebt, sondern sich diese durch das Literaturfestival nach Hause holt.

Dies alles gab den Ausschlag, dass sie sich um das LeseLenz-Stipendium in Hausach beworben hat. Und nun ist die Wahlkölnerin für drei Monate die 13. Hausacher Stadtschreiberin und die dritte Gisela-Scherer-Stipendiatin. Von Gisela Scherer weiß sie, dass sie den LeseLenz mitbegründet hat, und dass ihre Bücher im Molerhiisli stehen: »Ich werde lesen, womit sie sich beschäftigt hat«, lächelt sie. / Baden online

Palindromdichter u.a. Sonderlinge

Man stellt mir Bertram Reinecke vor – ein Lyriker und Essayist und eine wichtige Stimme in den Poetik-Diskussionen jüngerer deutschsprachiger Literatur. Ich lese ihn gern. Wir sahen uns noch nie. Erst jetzt verstehe ich, dass er auch Bücher verlegt – in einem eigenen Verlag, Reinecke & Voß. Er stellt mir Titus Meyer vor, einen jungen Lyriker, der mit Palindromen arbeitet, Buchstaben und Silben immer neu stellt, Worte in Einzelteile zerlegt und spielerisch neu montiert. “Das ist gut!” sage ich und lese den Gedichtband am selben Abend. “Darf ich eines davon im Blog veröffentlichen?” Ich darf. / Thorsten Nesch im DLR-Blog

Neue Lyrikbegeisterung

Odile Kennel zur neuen Lyrikbegeisterung:

All die wichtigen Leute, die jetzt sagen, sie freuten sich, dass nun endlich Lyrik zum Zug käme, klingen so, als meinten sie die anderen, als nähmen sie sich selbst davon aus, zukünftig mehr Lyrik zu lesen. Und ich frage mich, wer von all den wichtigen Leuten Lyrik liest, schon vor gestern Lyrik gelesen hat, wer von ihnen sich, bevor sie vor die Kamera oder das Mikro traten, je Gedanken darüber gemacht hat, wie es um die Lyrik auf dem Buchmarkt steht. Mir kommt es vor, als schauten sie kopfschüttelnd über einen Zaun, über den sie vorher nie geschaut haben und hinter dem sie üble, bedauernswerte Zustände erblicken, und dann schauen sie zum Horizont, wo sie ein amorphe Masse zukünftiger Lyrikleser vermuten, nicken zuversichtlich und verlassen den Ort des Geschehens / mehr

Leipzig-Gedichte

Zwei Geschenke wollte die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Leipzig zum 1.000. Jahrestag der Ersterwähnung machen: Ein Poesiealbum mit Gedichten aus allen Leipziger Partnerstädten. Das ist schon im Oktober erschienen. Pünktlich zur Buchmesse gab es jetzt das zweite Geschenk. Klingt wie ein Weihnachtgeschenk. Ist aber eher eine Anspielung auf Heinrich von Morungen.

Das ist Leipzigs ältester nachweisbarer Dichter, Minnesänger, wie das so schön heißt. Peter Gosse zitiert ihn in seinem satyrhaften Gedicht “O vröide”.

Die Lyrikgesellschaft hatte im letzten Jahr dazu aufgerufen, Leipzig-Gedichte und kleine Miniaturen einzusenden. Das haben denn auch, wie OBM Burkhard Jung in seinem Grußwort erwähnt, 221 Autorinnen und Autoren aus neun Ländern getan. 128 bekamen einen Platz in diesem “Poesialbum neu” in vierfacher Seitenstärke. / Ralf Julke,  Leipziger Internet-Zeitung

Buchpremiere ist am 21. April, 19 Uhr in der Leipziger Stadtbibliothek (Wilhelm-Leuschner-Platz 10/11).

Poesiealbum neu “O Freude. Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen”, Edition Kunst & Dichtung, Leipzig 2015, 6 Euro

Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik.

Schöner Schreiben

Angesichts der täglichen Flut von E-Mail, SMS und anderer Kurzmitteilungsdienste klagen immer mehr Kulturpessimisten über den Niedergang der Handschrift und übersehen dabei, dass auch heute noch fleißig mit der Hand geschrieben wird. Selbst junge Menschen kaufen sich wieder schöne Stifte, verschicken Briefe, schreiben wieder Gedichte oder füllen regelmäßig die Seiten ihres Tagebuchs.

Geschrieben wird am liebsten mit Tinte und wer es edel mag, bevorzugt einen Füllfederhalter. Nicht nur weil er für ein schöneres Schriftbild sorgt, er verbessert auch den Stil. / Nach Mittelstands Nachrichten

 

Heimat

Er setzte seiner Heimat ein lyrisches Denkmal:

„Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, / Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; / So käm’ auch ich zur Heimat, hätt’ ich / Güter so viele, wie Leid, geerntet.“

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens wanderte er täglich auf dem schmalen Fußweg am Neckarufer hin und her, beobachtete die hölzernen, flachen Stocherkähne, wie sie wellenlos über das dunkle Wasser glitten und verschloss sich gegen den Lärm der Zeit. Er starb am 7. Juni 1843. / Mehr über Hölderlin in Tübingen hier (Hans H. Krüger)

Vollmundig

Nein, obszön sei seine Übersetzung nicht, wehrt sich Raoul Schrott noch vor Beginn seiner Lesung, über die Zuschreibung, die LitCologne-Geschäftsführer Labonté bei der Vorstellung des Tiroler Dichters über dessen „Ilias“-Übertragung vorschlägt: Nein, nicht obszön, sondern „vollmundig“. Dies gilt dann wohl auch für die neueste Übersetzung, die Schrott gerade geleistet hat und die an besagtem Abend in Köln von ihm selbst vorgestellt wurde, nämlich die „Theogonie“ von Hesiod. Dieses älteste Zeugnis griechischer Poetik, rund 700 v. Chr. entstanden, die Erzählung von der Entstehung der Welt – Hesiod am Berg Helikon auf der Insel Euböa von den Musen eingehaucht – , hat Raoul Schrott – wie schon zuvor die „Ilias“ – in ein zeitgemäßes Deutsch übertragen, eben „vollmundig“, wofür er da und dort bereits heftig kritisiert wurde. / Gerald Schmickl, Wiener Zeitung

Wir brauchen einen großen Poesiepreis

„Ich glaube, daß unsere Dichter – Lutz Seiler, Jan Wagner, Nora Bossong, Monika Rinck und wie sie alle heißen – wunderbare Schriftsteller sind. Aber selbst, wenn sie Preise kriegen, werden die Auflagen nie höher als 3000. Meistens bleibt es bei 700, 800 Exemplaren. Deshalb muß es einen großen Preis für Poesie geben. Wir leben jetzt im Zeitalter der Prosa, des zielgerichteten Schreibens. Da sind diese schweifenden, träumerischen, nachdenklichen Typen nicht mehr so gefragt. Deshalb wäre es toll, wenn der Börsenverein so einen Preis erfände – wo dann auch mal für ein, zwei Wochen der Buchhandel mitmacht. Dann hätten wir Fenster voller Poesie.“

Michael Krüger, Börsenblatt, Dezember 2013

Gedichte im Computerspiel verstehen

Deutschschüler aus Zwickau lernen mit zwei Studenten der Medienkommunikation von der TU Chemnitz Goethes „Osterspaziergang“ verstehen, berichtet die Freie Presse. Gedichte im Informatikunterricht, das klingt nach einem interessanten Ansatz *. Die Studenten

nutzen mit „Minecraft“ ein beliebtes Computerspiel, um jungen Leuten einen neuen Zugang zur Literatur zu eröffnen. Im Spiel geht es darum, aus unterschiedlichen Materialien eine neue Welt zu erschaffen – warum also nicht die, die Faust und Mephisto erlebten, als sie zu Ostern beobachteten, wie es die Menschen in die Natur zieht?

Stück für Stück erarbeiten sich die 9. Klassen Goethes Worte und damit ihre eigene Welt. Und auch die Gedankenwelt des Dichters. Denn die bleibt jungen Leuten nicht selten verschlossen, gibt Anja Lehmann zu. Die 15-Jährige arbeitet an dem Projekt mit. Bislang findet sie, dass Gedichte oft aus geschwollenen Worten bestehen, wie sie es nennt. Indem sie sich näher mit den Natur- und Gemütsbeschreibungen auseinandersetzt, öffnet sich ihr diese Welt. „Man versteht das Ganze besser“, findet die Zwickauerin. Auch wenn sie sich wohl immer noch lieber mit einem Computerspiel zurückzieht als mit einem Lyrik-Band.

*) Das paßt zu einer Nachricht aus Finnland, die ich heute im Independent las. Finnlands Schulsystem gilt ja in Europa als vorbildhaft. Jetzt will man es in einem mutigen Schritt radikal umbauen. Statt Fachunterricht soll es dort künftig Unterricht an Themen oder Projekten (an Phänomenen, sagt man dort) geben. Nicht Montag erste Stunde Geschichte, dann Mathematik, dann zwei Stunden Finnisch, sondern zum Beispiel einen Kurs in „Cafeteria-Service“, was Mathematik, Sprachen, Schreib- und Kommunikationsfähigkeiten einschließt. Oder ein Projekt „Europäische Union“, in dem man sich Elemente von Ökonomie, Geschichte, Sprachen und Geographie erschließt.

Thema Schule in L&Poe

Gert-Jonke-Preis an Julian Schutting

Am Sonntag ist in Klagenfurt der dritte Gert-Jonke-Preis an den Niederösterreicher Julian Schutting vergeben worden. Laudator Cornelius Hell sagte, damit sei Schuttings lyrisches Lebenswerk gewürdigt worden. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Mit der Jonke Preis zeichnen Land Kärnten und Stadt Klagenfurt renommierte Autoren aus. Laudator Hell lobte Preisträger Schutting als Lyriker, der sich bereits seit einem halben Jahrhundert der Arbeit an Gedichten widme. Schutting kreise in seinem Werk „in immer wieder faszinierenden Sprachkaskaden um ein Thema, um das der Liebe“.

Er erhalte die Auszeichnung „für Gedichte, die oft mit einfachsten Alltagsbeobachtungen beginnen und sich zu komplexen Fragestellungen weiten können, für Gedichte, die politisches und religiöses Sprachmaterial in sich aufnehmen und verändern oder Kunstwerke befragen und in einem neuen Licht erscheinen lassen“.

Der Gert Jonke-Preis wird alle zwei Jahre abwechselnd in den Kategorien Prosa, Dramatik und Lyrik vergeben. In der Jury saßen neben dem Laudator und Journalisten Cornelius Hell noch Jochen Jung, Leiter des Jung und Jung-Verlags, sowie Holger Pils von der Stiftung Lyrik Kabinett in München.

Der Laudator kritisierte, dass Lyrik im deutschsprachigen Raum heute zu wenig Beachtung finde. Dies sei „ein Schaden und eine Schande“, öffentliche Literaturgespräche drehten sich nur mehr um Romane, es gebe kaum Rezensionen über Gedichtbände in wichtigen Zeitungen und die neue Zentralmatura und das ihr zugrunde liegende Konzept des Deutschunterrichts grabe der Literatur überhaupt das Wasser ab.

Julian Schutting über Lyrik: „Da gibt es chinesisches kleines Papier, wenn man das ins Wasser wirft, blühen Lampions und Blüten. Ein Reizwort reicht, da entsteht ein Mikrokosmos. Realistische Geschichten zu schreiben hat mich nie gereizt.“

Julian Schutting wurde 1937 in Amstetten als Mädchen geboren. Nach einer Fotografie-Ausbildung und dem Studium der Geschichte und Germanistik arbeitete Jutta Schutting als Lehrerin in Wien. Anlässlich einer 1989 vorgenommenen Geschlechtsumwandlung ließ der Schriftsteller über seinen Verlag erklären, er suche mit diesem Schritt „Übereinstimmung mit meinem lebenslangen Selbstgefühl“.

Seitdem lebt er unter dem Namen Julian Schutting als freier Schriftsteller in Wien. Sein Werk umfasst neben Lyrik auch Prosa und sprachphilosophische Abhandlungen. Seit 1973 wurden mehr als 40 Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien 2014 bei Jung und Jung sein Gedichtband „Der Schwan“. Schutting ist bereits Träger vieler Auszeichnungen, darunter der Anton-Wildgans-Preis und der Georg-Trakl-Preis. / ORF

Jorie Graham

This collection has characteristics of the perfect art exhibit — smart staging has transformed the artist’s familiar work into something foreign and riveting. Graham, an expert designer, has organized poems from disparate books into a seamless whole. The book manages to showcase changes in Graham’s intricate poetic sensibility without diluting the unique, visceral effect one receives from reading her work. / CHRISTIAN HARDER, Special correspondent, Richmond Times Dispatch

Jorie Graham: “From the New World: Poems 1976-2014”

Truth serum

Poems are elusive, sentient creatures, and if they are not ‚trapped‘ in time, they simply fade away. They are caught in midair and made palpable on paper. Poetry demands honesty. It is a truth serum taken voluntarily and unconditionally. The fakes will always be found out. / Der indische Dichter Manohar Shetty bei dnaindia