Ingolds Einzeiler

Auf die Nacht genau verschlaufen sich Name und Bin. Männchen wie Weibchen sind – jedes einzeln – zu rufen.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Muss man alles erklären?

Der Lyrikabend in der Offenburger Buchhandlung Akzente im Rahmen der Wortspiel-Reihe ist zur festen Tradition geworden. In diesem Jahr hat der Hausacher Schriftsteller José F. A. Oliver die in Berlin lebende Dichterin Ann Cotton eingeladen. Die gebürtige Amerikanerin, die in Wien aufwuchs, wurde im vergangenen Jahr mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, der an Deutsch schreibende Schriftsteller vergeben wird, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist.

Ihre jüngste Publikation mit dem Titel „Der schaudernde Fächer“ (2013) veranlasste Oliver zu Beginn des Gesprächs vor vollem Haus zu einem Exkurs über die Fächersprache, mittels derer Frauen Männern die Bereitschaft zur Kommunikation mitteilten, je nach Grad der Öffnung des Fächers. In diesem Band gehen Prosa und Poesie ein enges Verhältnis ein, was Oliver zu der Frage führte, wann die Autorin Prosa und wann sie ein Gedicht schreibe. Cottons Antwort: Es gebe diese Unterscheidung für sie nicht, da Gedichte auch Alltagssprache annehmen könnten. Die Form zu suchen, sei eine sekundäre Frage. Für ihre erste Publikation „Fremdwörterbuchsonette“ habe sie das Sonett als Methode näher kennenlernen wollen. Später wird sie drei Sonette zu Gehör bringen, in der zu einem Stichwort aus dem Fremdwörterbuch eine Szene aus dem Alltag hinzukommt.

Ob Gedichte zu hermetisch seien, will Oliver wissen. „Muss man alles erklären“, lautet die Gegenfrage. Eine Diskussion wolle sie anzetteln, so die Autorin, in deren Antworten sich Ungreifbares und Prägnantes mischt. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung

Ireland, poetry and the first World War

Ireland, poetry and the first World War is a story of contradictions, of contrasts and, a century later, of reconciliation. It should not pass us by that in Irish cities and throughout the countryside, the legacy of the first World War is no longer hidden. So, too, in the personal histories of many thousands of families, the experience of fighting in the Great War, of surviving or not surviving it, has been released into civil society and understood in a public way that was inconceivable even 20 years ago. Whatever about the politics of the war, the reality of Irish engagement is no longer a matter of conjecture or partisan interpretation. The lives and reality of so many ordinary families has been vindicated.

The ceremonies that marked the end of the first World War and the commemorations that lasted until the outbreak of the second World War in both capitals and provincial cities in Ireland are now integrating into a more complex history of the entire island and its complicated relationships with itself, with Britain and with Europe during the last century; so, too, with our literature.

Go back in time to, say, Katherine Tynan, from Clondalkin, Co Dublin, a good friend and supporter of WB Yeats, and her response to the killing fields of war in her poem Flower of Youth, and one recognises how this most popular of poems conveys the yearning of the time that all the suffering and sacrifice was not in vain:

Heaven’s thronged with gay and careless faces,
New-waked from dreams of dreadful things.
They walk in green and pleasant places
And by the crystal water springs
Who dreamt of dying and the slain,
And the fierce thirst and the strong pain.

Yeats, however, was having none of it. Asked to contribute a poem for an anthology published in aid of those made homeless by the war, in typical contradictory fashion, Yeats both refused and agreed, by writing a poem about not writing a war poem. The six-line poem On Being Asked for a War Poem begins:

I think it better that in times like these
A poet’s mouth be silent, for in truth
We have no gift to set a statesman right [.]

(…)

As we know, many thousands fell and never returned to their families in Ireland, while others, the luckier ones, did survive and did return from the maelstrom. But return to what?

Post-first World War Ireland was also post-Easter Rising Ireland and was heading in a few years’ time into a revolutionary war of its own that would be followed by civil war. / Gerald Dawe, The Irish Times

Leopardi

Giacomo Leopardi (1798-1837) ist in Italien was Rimbaud in Frankreich. Die Schulkinder lernen seine Gedichte auswendig, A Silvia oder Unendlichkeit, Jugendliche projizieren ihre Unzufriedenheit. Wie kann man einen solchen Charakter verfilmen? Mario Martone drehte einen Biopic über den Dichter, der Rapper Elio Germano spielt die Hauptrolle.

Leopardi, Il Giovane Favoloso de Mario Martone avec Elio Germano, Michele Riondino… 2 h 15.

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A & Ω

Aus der Serie Helden der Lyrik(berichterstattung):

Von adamitischen Anfängen bis zu Apokalypsen und hinüber ins Reich der Toten reichen N.N.s neue lyrische Erkundungen

Landespreis

Jetzt die motz (wenn es auch nicht wirklich zu trennen ist, motz in Rot):

Deshalb ist es eine ebenso richtige wie wichtige Entscheidung, dass Christoph W. Bauer gestern im Rahmen der Regierungssitzung auf Antrag von Kulturlandesrätin Beate Palfrader (VP) der mit 14.000 Euro dotierte Landespreis für Kunst zugesprochen wurde. (…) Vor allem aber ist Bauer – und das ist im Literaturzirkus der Gegenwart ein Beinahe-Skandalon – ein erfrischend uneitler Wortkünstler, der sich intensiv mit den Werken anderer Autoren beschäftigt. Deshalb scheint es an dieser Stelle durchaus angebracht, darauf zu verweisen, dass Christoph W. Bauer den höchstdotierten Kulturpreis des Landes nicht nur als – in den Worten von Landesrätin Palfrader – „im ganzen deutschen Sprachraum erstaunlich präsenter Schriftsteller“ und Verfasser „lebendig pulsierender Verse“ erhält, sondern auch für seinen Einsatz als „in Tirol hochgeschätzter Literaturvermittler“. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung

L&Poe gratuliert natürlich!

Fraglos

Bei soviel Fraglosigkeit splitte ich diese Meldung. Wenn Poesie aus motz el son besteht, hier zunächst der son:

Von allen Spielarten der Literatur ist die Lyrik fraglos die gefährdetste. Naheliegendster Grund für diese Bedrohung ist – ebenso fraglos – ein ökonomischer. Gedichtbände verkaufen sich schlechter als Romane. Für Gedichte lässt sich nur schwer die Werbetrommel rühren – und selbst wohlwollende Rezensenten wissen: Im Umgang mit Lyrik droht permanente Schwafelgefahr. Womit sich die Dimension des Problems beträchtlich erweitert. Denn auch wenn die Verse eines Gedichts betont welthaltig, ungemein anschaulich und unzweifelhaft konkret daherkommen: Gedichte sind in Form gebrachte Absagen an das allzu Eindeutige. Kurzum: Lyrik macht es Leserinnen und Lesern nicht einfach. Darin liegen Reiz und Bedeutung von Lyrik. Dort freilich lauert auch die Gefahr, denn zur vergnüglichen Feierabendverlustierung taugt getaktete Sprachkunst nur bedingt. / Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung

Aussehen wie Gedichte

Dirk von Petersdorff ist ein Germanistikprofessor, der »schön« mit »Föhn« reimt. In seinem neuen Gedichtband »Sirenenpop« (C.H. Beck, 2014) liegt ein Beispiel für naives Reimen unter mechanischer Beobachtung von Hebungen und Senkungen vor. *

Die früheren Bücher des Trägers des Kleist-Preises, wie etwa »Wie es weitergeht« (1992) oder »Nimm den langen Weg nach Haus« (2010), schienen doch so vielversprechend. Nun aber denkt man: Wem ein Bewusstsein und ein Gefühl für formale Durchbildung von sprachlichem Material fehlt, der schreibe Texte, die zumindest aussehen wie Gedichte. Was ist los? Behauptet der Autor nicht ein ironisches Spiel mit Form zu treiben? Warum aber so verkrampft?

(…)

Im zweiten Teil möchte ich über Pop und Form nachdenken bzw. über die Produktivität dessen, was als Form in den Petersdorffischen Gedichten wahrgenommen worden ist. Ich lese den Band natürlich nur nach Maßgabe meiner Lesegewohnheiten, die notwendig subjektiv sind, und stelle diese Notizen nur deshalb zur Verfügung, um die Debatte zu »Sirenenpops« zu mehren. Einige Kommentatoren stellten z.B. die »strenge« Beobachtung der Form heraus und schlossen daraus, dass Dirk von Petersdorff wohl ein Meister sei. Ich denke hingegen, eine solche Schlussfolgerung lässt sich mit dem vorliegenden Buch nicht belegen. / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry

Dirk von Petersdorff
Sirenenpop
C.H. Beck
2014 · 89 Seiten · 16,95 Euro
ISBN: 978-3-406-66691-9

*) Lesenswerte Besprechungen zu diesem Gedichtband sind z.B. von Thorsten SchulteHellmuth Opitz und Rüdiger Görner verfasst worden.

Neurosmog – Tucholsky reloaded

NEUROSMOG – TUCHOLSKY RELOADED

Institut für Ganz & GarNix, Düsseldorf, den 5.5.2015 / Wenn es nach Tom de Toys ginge, wäre der fünfte Mai der Welttag des Lochismus, weil er an jenem Datum im Jahre 1989 seine eigene Loch-Erfahrung machte, die nicht nur seine Lebensphilosophie begründet, sondern auch zur Entwicklung seiner Poetologie der antimetaphorischen sogenannten „Direkten Dichtung“ führte (siehe dazu das programmatische Auftaktgedicht „KONTAKT“ unter www.gegenwartslyrik.de), die schließlich 2001 in die Quantenlyrik mündete. Heute, also am 26.Welttag des Lochismus, schrieb Monsieur De Toys eine Art Jubiläumsessay, der an die soziologische Bedeutung der Löcher von Kurt Tucholsky erinnert: „NEUROSMOG? DER ALLTAG ALS TAG IM ALL!“ Ein Zitat daraus:(…) C.G.Jung nannte es das Pleroma (die Eigenschaftslosigkeit des Abraxas). Es erinnert in mancher Hinsicht ans Tao, aber es duldet keinen Ismus. Ans Loch kann man nicht glauben. Lochisten sind automatisch Neurodadaisten, denn aus einem Loch lässt sich keine Religion hervorzaubern. Das Loch ist die randlose Leere. Hier wohnt kein Ich. Aber wer im Loch ankommt, wohnt erst wirklich in der Welt. Denn das Loch ist ein Schlupfloch ins Ganze: es verbindet beide Seiten, das konkret Weltliche und das abstrakt Weltlose, und es verschmilzt beide Seiten zu einem einzigartigen seitenfreien Existenzgefühl, das weder Identität noch Ichlosigkeit benötigt, sondern so ist, wie es ist, nämlich DA. Durch das Loch hindurch in das ganze Dasein zu schauen, bedeutet, auf kein Objekt mehr fixiert zu sein. Weder auf ein materielles noch auf ein metaphysisches. Das Bewußtsein befreit sich vom allgegenwärtigen Objektivierungszwang. Es ruht in sich selbst, ohne sich mit etwas zu identifizieren. Das Lochbewußtsein ist sich lediglich des unendlichen Lochs in Bewußtsein bewußt. (…) Fragen stellen nur Lochlose, während die Lochisten staunen. Es gibt keine Lichtquelle, das Ganze leuchtet aus sich selbst heraus. Dieses Leuchten ist farblos. Es ist nur das Sein des Seienden. Das erstaunliche „Da!“ des Daseins. Das große Das. Philosophen und Wissenschaftler hatten schon immer ein Problem mit dem Ganzen. Nur Mystiker trauen sich, alles von innen zu fühlen. Denn nach innen gelangt man nur über das Loslassen. Dann stellt man fest, daß man schon immer ganz innen war. Irgendwie hatte das Ich aber vergessen, daß es sich selber von innen erkennen kann. Weil sich die Wörter von innen auflösen. (…)
Der ganze Essay hier: www.neurosmog.de

Der Präsident kommt

Über Lyrik zu reden, hat ja oft etwas angestrenktes [sic], aber wenn Hans Magnus Enzensberger es sagt…: „Deterings Gedichte sind Kapseln in der Ökonomie und Sparsamkeit ihrer Effekte. Dabei spielen auch versteckte Resonanzen eine Rolle, Echoräume … Manches ist von einer geradezu Heineschen Frechheit, dann wieder gibt es Märchentöne.“

Mit den „Wundertieren“ legt der Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, seinen sechsten Gedichtband vor, den er heute in der Maxvorstadt vorstellt.

Montag, 20 Uhr, Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83a, Tel: 34 62 99, Eintritt 7 Euro, Moderation: Frieder von Ammon

Überschrift, Text & Orthographie: Abendzeitung, München

Focus Fassbinder

Mit dem „Focus Fassbinder“ erinnert das Berliner Theatertreffen an den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. Das Festival widmet dem Regisseur, der am 31. Mai 70 Jahre alt geworden wäre, eine Reihe von Inszenierungen und ein Symposium mit dem Titel „Das Private ist politisch! – Rainer Werner Fassbinder im Theater heute“. Fassbinder-Schauspielerin Hanna Schygulla („Die Ehe der Maria Braun“) tritt mit dem Lieder- und Erinnerungsabend „17/70 – eine Zeitreise“ auf. Schygulla singe Gedichte aus dem Band „Im Land des Apfelbaums“, den Fassbinder (1945-1982) als 17-Jähriger geschrieben habe, kündigte das Festival am Montag an.

Parallel zum Theatertreffen (1. bis 17. Mai) ist im Berliner Martin-Gropius-Bau die große Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ (6.5. bis 23.8.) zu sehen. / Die Welt

Verlagshaus Berlin

Im Sommer feiert das unabhängige Verlagshaus Berlin (ehem. Verlagshaus J. Frank) seinen zehnten Geburtstag. Zum Jubiläum ändert der Verlag seinen Namen, geben die Verleger Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller bekannt.

Der Verlag nimmt den Geburtstag zum Anlass für eine internationale Lesetournee. Frank, Schmidt und Ziller werden Bücher, Autoren und Illustratoren an zehn Tagen in zehn Städten vorstellen: Wien (28. Mai; Phil), München (29. Mai; Literatur Moths), Basel (30. Mai; Eikones), Saarbrücken (31. Mai; Moccachili), Frankfurt/Main (1. Juni; Blaues Haus), Köln (2. Juni; Buchladen Neusser Straße), Leipzig (3. Juni; Galerie KUB), Greifswald (4. Juni; Koeppenhaus) und Hamburg (5. Juni; Der Golem). Ihren Abschluss findet die Tour am 6. Juni in Berlin mit einem großen Verlagsfest im Roten Salon der Volksbühne.

„poetisiert euch“ ist das Motto des Verlagshauses. Schwerpunkte liegen auf deutschsprachiger und internationaler Gegenwartslyrik und dem Zusammenspiel von Illustration und Text. Bisher wurden rund 80 Bücher veröffentlicht. Pro Jahr erscheinen zwischen 12 und 14 Novitäten in mehreren Editionen. Die wichtigsten Buchreihen sind die „Edition Belletristik“ mit deutschsprachiger Gegenwartslyrik, die mehrsprachige „Edition Polyphon“ mit internationalen Dichtern, die „Edition ReVers“ mit verlorenen oder vergessenen Texten und die Essayreihe „Edition Poeticon“, in der Lyriker über Begriffe wie „Geschichte“, „Film“ und „Tanzen“ im Gedicht reflektieren.

Poetopie

dein Lächeln, liebe Schülerin – dort auf dem Gruppenfoto kurz vor dem Abflug – es bleibt uns erhalten

Hansjürgen Bulkowski

Emanuel Geibel (1815-1884)

Der Dichter Emanuel Geibel schrieb mit „Der Mai ist gekommen“ 1841 eines der berühmtesten deutschen Frühlingslieder, das ein Jahr später von Justus Wilhelm Lyra vertont wurde. (…)

Doch nicht nur Geibels „Mai-Lied“ aus dem Jahr 1841 hat überlebt. Die letzten Zeilen seines Gedichts „Deutschlands Beruf“ von 1861 „Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen“ brachten Geibel in der Nachkriegszeit in Verruf, weil sie von den Nazis als Schlachtruf für ein deutsches Vormachtstreben missbraucht wurden. Dabei war Geibel zwar patriotisch, sehnte sich aber wie viele Liberale und Demokraten zu jener Zeit angesichts der zahllosen Fürstentümer und Grafschaften nach nationaler Einheit. Die wollte er dann allerdings im Gegensatz zu den Demokraten lieber unter der Führung eines Kaisers verwirklicht sehen. / Thomas Morell, Frankfurter Neue Presse

Gestorben

Was ist das Wesen, der Kern von Poesie? Auf diese alte abendländische Frage hatte der amerikanische Literaturwissenschaftler Meyer H. Abrams, der am Dienstag [21.4.] im Alter von 102 Jahren in Ithaca, New York gestorben ist, eine Antwort. Drei Dimensionen machen für ihn die Dichtkunst aus: die Art und Weise, wie sie die Welt in die Texte holt, ihre Wirkung auf das Publikum, und schließlich ihr Verhältnis zu dem Geist, der sie geschaffen hat, dem Autor. Zu lange, so Abrams, habe sich die Literaturwissenschaft, aber auch die Literatur selbst, beinahe ausschließlich mit dem ersten Aspekt beschäftigt: wie kommt die Wirklichkeit in die Bücher? / Klaus Birnstiel, Süddeutsche Zeitung 24.4.