Bashos letzter Vers

Matsuo Bashō

(jap. 松尾 芭蕉, Matsuo Bashō; * 1644 in Akasaka, Provinz Iga, heute: Akasaka, Ueno, Iga, Präfektur Mie; † 28. November 1694 in Osaka)

Sein letzter Vers:

Der Weg zählt meinen Schritt nicht mehr.
Auf dürrer Heide
Irrt mein Traum.

Aus: Werner Helwig: Wortblätter im Winde. Deutsche Nachdichtung japanischer Texte. Hamburg: Goverts, 1945,. S. 52

Die Poesie

Ferdinand Raimund

(* 1. Juni 1790 in Wien-Mariahilf; † 5. September 1836 in Pottenstein)

Fragment

Die Poesie ist jener goldgewebte Traum,
Der nur vor das geweihte Aug‘ des doppelt Wachen tritt.
Sie ist der Seele edelste und reinste Schwärmerei,
Weil sie den Schwärmer nicht allein,
Weil sie durch ihn die Welt erfreuen kann,
Weil sie ein Traum ist, der sich schriftverkörpern läßt.
Noch keiner war, der sich aufs Moos hinstrecken durft‘,
Den Schlaf beschwörend durch der Flüche Donner,
Und zu dem Traume kühn gebietrisch rufen:
»Ich will, daß du mir deine Bilder zeigst.«
So auch die Poesie, der götterhohe Traum,
Den keine Formel bannt in unsrer Wünsche Kreis.
Vergebens spricht des Sängers Mund, ich will
Ersinnen jetzt ein Lied voll edler Glut.

Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne

Walt Whitman

(* 31. Mai 1819, 200. Geburtstag! in West Hills, Long Island, New York; † 26. März 1892 in Camden, New Jersey)

Helle Mitternacht

Dies ist dein[e] Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unterricht aus,
Hebst du dich völlig empor, schweigend, schauend, deine liebsten
Gegenstände betrachtend,
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.

Aus: Walt Whitman:, Gedichte von Traum und Tat. Deutsch von Gustav Landauer, in: Der Aufbruch. Monatsblätter aus der Jugendbewegung. Herausgeber: Ernst Joël. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena. 1. Jahrgang. August /September 1915. Heft 2 / 3

A Clear Midnight

THIS is thy hour O Soul, thy free flight into the wordless,
Away from books, away from art, the day erased, the lesson done,
Thee fully forth emerging, silent, gazing, pondering the themes
thou lovest best,
Night, sleep, death and the stars.

(1881)

Sonnenuntergang

Oskar Kanehl (1888-1929)

Sonnenuntergang

Die letzten weißen Wolkenflotten fliehen.
Der Tag hat ausgekämpft
über dem Meer.
Wie eine rote Blutlache liegt es,
in der das Land wie Leichen schwimmt.
Vom Himmel tropft ein Eiter, Mond.
Es wacht kein Gott.
In Höhlen ausgestochner Sternenaugen
hockt dunkler Tod.
Und ist kein Licht.
Und alles Tier schreit wie am Jüngsten Tag.
Und Menschen brechen um
am Ufer.

(1914)

Oskar Kanehl „Die Dinge schreien“. Wiecker Bote 21 – Sonderausgabe mit den frühen Gedichten von Oskar Kanehl. 44 Seiten, 13 x 21 cm.  4€

Stimmen der Toten

Helmut Preißler

Aus: Stimmen der Toten (1957)

Friedhelm Gluger
1894-1940

Von Politik hielt ich gar nichts;
mir schmeckte der Morgenkaffee.

Soldaten marschierten;
mir schmeckte der Kaffee noch immer.

Als sie mich holten, las ich Lokales.

Ratlos ließ ich den Morgenkaffee
und ging, wohin sie befahlen.

Kalt ist das Grab bei Narvik.

Anne Brontë; zugleich etwas übers Übersetzen

Wurden ihre Gedichte ins Deutsche übertragen? Ich finde nur welche von ihrer Schwester Emily. Deshalb heute ein Gedicht auf Englisch sowie mit DeepL- und Google-Übersetzung. Ein Notbehelf, besser als gar nichts. Außerdem lohnt sich ein Vergleich der Übersetzungsmaschinen. Um das zu erleichtern, schicke ich die Strophen zwei und drei in allen drei Fassungen voraus (von mir leicht grammatisch und semantisch korrigiert). Unten dann die kompletten „Original“-Fassungen. Vielleicht haben Leser Lust, aus diesen drei Fassungen (oder ganz auf eigene Faust) eine bessere Übersetzung mit zu entwickeln? Gerechtigkeit für Acton Bell!

And ere one generation dies,
Another in its place shall rise;
That, sinking soon into the grave,
Others succeed, like wave on wave;

And as they rise, they pass away.
The sun arises every day,
And, hastening onward to the West,
He nightly sinks, but not to rest:

Google:

Und bevor eine Generation stirbt,
Eine anderer an seiner ihrer Stelle wird auferstehen aufersteht;
Das, Welcher, da sie bald im Grab versinkend versinkt,
Andere schaffen es folgen, wie Welle auf Welle;

Und wenn sie aufstehen, vergehen sie.
Die Sonne geht jeden Tag auf,
Und eilte weiter nach Westen,
Er Sie sinkt jeden Abend, aber nicht um sich auszuruhen:

DeepL:

Und bevor eine Generation stirbt,
Eine anderer an seiner ihrer Stelle wird sich erheben;
Das, das bald im Grab versinkt,
Anderen gelingt es folgen, wie Welle auf Welle;

Und wenn sie sich erheben, sterben sie.
Die Sonne geht jeden Tag auf,
Und beschleunigte sich in den Westen,
Er Sie sinkt nächtlich, aber nicht zum Ausruhen:

VANITAS VANITATUM, OMNIA VANITAS.

In all we do, and hear, and see,
Is restless Toil and Vanity.
While yet the rolling earth abides,
Men come and go like Ocean tides;

And ere one generation dies,
Another in its place shall rise;
That, sinking soon into the grave,
Others succeed, like wave on wave;

And as they rise, they pass away.
The sun arises every day,
And, hastening onward to the West,
He nightly sinks, but not to rest:

Returning to the eastern skies,
Again to light us, he must rise.
And still the restless wind comes forth,
Now blowing keenly from the North;

Now from the South, the East, the West,
For ever changing, ne’er at rest.
The fountains, gushing from the hills,
Supply the ever-running rills;

The thirsty rivers drink their store,
And bear it rolling to the shore,
But still the ocean craves for more.
‚Tis endless labour everywhere!
Sound cannot satisfy the ear,

Light cannot fill the craving eye,
Nor riches half our wants supply;
Pleasure but doubles future pain,
And joy brings sorrow in her train;

Laughter is mad, and reckless mirth—
What does she in this weary earth?
Should Wealth, or Fame, our Life employ,
Death comes, our labour to destroy;

To snatch the untasted cup away,
For which we toiled so many a day.
What, then, remains for wretched man?
To use life’s comforts while he can,

Enjoy the blessings Heaven bestows,
Assist his friends, forgive his foes;
Trust God, and keep his statutes still,
Upright and firm, through good and ill;

Thankful for all that God has given,
Fixing his firmest hopes on heaven;
Knowing that earthly joys decay,
But hoping through the darkest day.

Acton.

Google:

VANITAS VANITATUM, OMNIA VANITAS.

In allem, was wir tun und hören und sehen,
Ist unruhige Mühe und Eitelkeit.
Während noch die rollende Erde bleibt,
Männer kommen und gehen wie die Gezeiten des Ozeans;

Und bevor eine Generation stirbt,
Ein anderer an seiner Stelle wird auferstehen;
Das, bald im Grab versinkend,
Andere schaffen es, wie Welle auf Welle;

Und wenn sie aufstehen, vergehen sie.
Die Sonne geht jeden Tag auf,
Und eilte weiter nach Westen,
Er sinkt jeden Abend, aber nicht um sich auszuruhen:

Rückkehr in den östlichen Himmel,
Um uns wieder anzuzünden, muss er aufstehen.
Und immer noch kommt der unruhige Wind hervor,
Jetzt weht scharf aus dem Norden;

Jetzt aus dem Süden, dem Osten, dem Westen,
Für immer ändern, nie in Ruhe.
Die Brunnen, die aus den Hügeln sprudeln,
Versorge die ständig laufenden Furchen;

Die durstigen Flüsse trinken ihren Laden,
Und es zum Ufer rollen lassen,
Trotzdem sehnt sich der Ozean nach mehr.
Überall ist endlose Arbeit!
Ton kann das Ohr nicht befriedigen,

Licht kann das sehnsüchtige Auge nicht füllen,
Noch reicht die Hälfte unseres Bedarfs;
Vergnügen aber verdoppelt zukünftigen Schmerz,
Und Freude bringt Trauer in ihren Zug;

Lachen ist verrückt und rücksichtslose Heiterkeit –
Was macht sie in dieser müden Erde?
Sollte Reichtum oder Ruhm unser Leben beschäftigen,
Der Tod kommt, unsere Arbeit zu zerstören;

Um die ungeschmackte Tasse weg zu schnappen,
Für die wir so viele Tage gearbeitet haben.
Was bleibt denn dem Elenden übrig?
Um den Komfort des Lebens zu nutzen, solange er kann,

Genießen Sie die Segnungen, die der Himmel schenkt,
Helfen Sie seinen Freunden, vergeben Sie seinen Feinden;
Vertraue Gott und halte seine Satzungen ruhig,
Aufrichtig und fest, durch Gut und Böse;

Dankbar für alles, was Gott gegeben hat,
Seine festesten Hoffnungen auf den Himmel richten;
In dem Wissen, dass die irdischen Freuden vergehen,
Aber ich hoffe durch den dunkelsten Tag.

Acton.

DeepL:

VANITAS VANITATUM, OMNIA VANITAS.

Bei allem, was wir tun, und hören und sehen,
Ist unruhig Toil and Vanity.
Während noch die rollende Erde bleibt,
Männer kommen und gehen wie die Meeresgezeiten;

Und bevor eine Generation stirbt,
Ein anderer an seiner Stelle wird sich erheben;
Das, das bald im Grab versinkt,
Anderen gelingt es, wie Welle auf Welle;

Und wenn sie sich erheben, sterben sie.
Die Sonne geht jeden Tag auf,
Und beschleunigte sich in den Westen,
Er sinkt nächtlich, aber nicht zum Ausruhen:

Rückkehr in den Osthimmel,
Um uns wieder zu erleuchten, muss er aufstehen.
Und doch weht der unruhige Wind,
Jetzt bläst er stark aus dem Norden;

Jetzt aus dem Süden, dem Osten, dem Westen,
Für immer im Wandel, nie im Ruhezustand.
Die Brunnen, die aus den Hügeln sprudeln,
Liefert die ständig laufenden Rillen;

Die durstigen Flüsse trinken ihren Laden,
Und ertragen Sie es, wenn es zum Ufer rollt,
Aber trotzdem sehnt sich der Ozean nach mehr.
Es ist überall endlose Arbeit!
Geräusche können das Ohr nicht befriedigen,

Licht kann das sehnsüchtige Auge nicht ausfüllen,
Auch der Reichtum der Hälfte unserer Kunden will nicht versorgt werden;
Vergnügen, aber verdoppelt den zukünftigen Schmerz,
Und Freude bringt Trauer in ihren Zug;

Lachen ist verrückt und rücksichtslose Freude.
Was tut sie in dieser müden Erde?
Sollte Reichtum oder Ruhm, unser Leben beschäftigen,
Der Tod kommt, unsere Arbeit zu zerstören;

Um die ungekochte Tasse wegzureißen,
Wofür wir so viele Tage gearbeitet haben.
Was bleibt dann für den unglücklichen Menschen?
Um den Komfort des Lebens zu nutzen, solange er kann,

Genieße den Segen, den der Himmel dir schenkt,
Hilf seinen Freunden, vergib seinen Feinden;
Vertraue Gott und halte seine Gesetze still,
Aufrecht und fest, durch Gut und Böse;

Dankbar für alles, was Gott gegeben hat,
Er setzt seine festesten Hoffnungen auf den Himmel;
Zu wissen, dass die irdischen Freuden vergehen,
Aber in der Hoffnung, den dunkelsten Tag zu überstehen.

Acton.

Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator

Als die Bienenschar noch unverdrossen war

Paul Gerhardt

(* 12. März jul./ 22. März 1607 greg. in Gräfenhainichen; † 27. Mai jul. / 6. Juni 1676 greg. in Lübben)

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

1.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

2.
Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.

3.
Die Lerche schwingt sich in die Luft,
Das Täublein fleugt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder;
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

4.
Die Glucke führt ihr Völklein aus,
Der Storch baut und bewohnt sein Haus,
Das Schwälblein speist die Jungen;
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh
Ins tiefe Gras gesprungen.

5.
Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich in ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz von Lustgeschrei
Der Schaf und ihrer Hirten.

6.
Die unverdroßne Bienenschar
Fleucht hin und her, sucht hie und dar
Ihr edle Honigspeise.
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk und Kraft
In seinem schwachen Reise.

7.
Der Weizen wächset mit Gewalt,
Darüber jauchzet Jung und Alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
Das menschliche Gemüte.

8.
Ich selbsten kann und mag nicht ruhn;
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen;
Ich singe mit, wenn alles singt,
Und lasse, was dem Höchsten klingt,
Aus meinem Herzen rinnen.

9.
Ach, denk ich, bist du hier so schön
Und läßt du uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erden,
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem festen Himmelszelt
Und güldnen Schlosse werden!

10.
Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
Da so viel tausend Seraphim
Mit eingestimmtem Mund und Stimm
Ihr Halleluja singen!

11.
O wär ich da, o stünd ich schon,
Ach, süßer Gott, vor deinem Thron
Und trüge meine Palmen,
So wollt ich nach der Engel Weis
Erhöhen deines Namens Preis
Mit tausend schönen Psalmen!

12.
Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
Hier trage dieses Leibes Joch,
Auch nicht gar stille schweigen;
Mein Herze soll sich fort und fort
An diesem und an allem Ort
Zu deinem Lobe neigen.

13.
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich dir stetig blühe!
Gib, daß der Sommer deiner Gnad
In meiner Seelen früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe!

14.
Mach in mir deinem Geiste Raum,
Daß ich dir werd ein guter Baum,
Und laß mich wohl bekleiben;
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
Ich deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben!

15.
Erwähle mich zum Paradeis
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So vill ich dir und deiner Ehr
Allein und sonsten keinem mehr
Hier und dort ewig dienen.

(Erstdruck 1653)

Recension

Justinus Kerner

(* 18. September 1786 in Ludwigsburg; † 21. Februar 1862 in Weinsberg)

Spindelmanns Recension der Gegend.

Näher muß ich jetzt betrachten
Diese Gegend durch das Glas;
Sie ist nicht ganz zu verachten,
Nur die Fern’ ist allzu blaß,

Jene Burg auf steiler Höhe
Nenn’ ich abgeschmackt und dumm,
Meinem Auge thut sie wehe,
Wie der Fluß, der gänzlich krumm.

Jene Mühl’ in wüsten Klüften
Giebt mir gar zu rohen Schall,
Aber ein gesundes Düften
Weht aus ihrem Eselsstall.

Daß hier Schlüsselblumen stehen,
Hätt’ ich das nur eh’ gewußt!
Muß sie schnell zu pflücken gehen,
Denn sie dienen meiner Brust.

Kräuter, die zwar farbig blühen,
Doch zu Thee nicht dienlich sind,
Doch nicht brauchbar sind zu Brühen,
Überlaß ich gern dem Wind.

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1880], S. 61f

Katzen

Manfred Peter Hein

KATZEN solange der Nachmittag brütet
ihr Fell atmet Schlaf

Meilenhin über den Wald hier sichtbar
ein Gespräch um nichts
eine Attrappe dreht sich
schwillt schwindet schwillt

Wenn weiß in rot die Rosenbüsche
über den Weg kommen und Sommer
sagen wie kaltes Fieber Schnee

Real things kept changing place with unreal

Die weiße Wolke auf eine Hauswand gemalt Waschpulverreklame
und wollt ihr mehr von meinem Gedicht ein jaulendes Laken
hätte ich noch zu bieten VORSICHT BISSIG

Aus: Manfred Peter Hein: Ausgewählte Gedichte. 1956-1986. Zürich: Ammann, 1993, S. 125

Büchermarkt anno 1860

August Kahlert

(* 5. März 1807 Breslau; † 29. März 1864 Ebd.)

Der Büchermarkt

Hans berichtet treu sein Thun und Trachten,
Siegfried dichtet neu die Römerschlachten,
Hinz verpflichtet sich zum Weltverachten,
Kunz vernichtet sich durch Liebesschmachten,
Erich lichtet Trug, wohlausgedachten,
Nestor sichtet klug, was andre brachten,
Friedlieb schlichtet Streit, erst angefachten,
– Endlich richtet Zeit, was Menschen machten.

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1896? 1880?], S. 933

Heimatlos

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Heimatlos

Wir ohne Heimat irren so verloren
und sinnlos durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen plaudern vor den Toren
vertraut im abendlichen Sommerwind.
Er macht den Fenstervorhang flüchtig wehen
und läßt uns in die lang entbehrte Ruh
des sichren Friedens einer Stube sehen
und schließt sie vor uns grausam wieder zu.
Die herrenlosen Katzen in den Gassen,
die Bettler, nächtigend im nassen Gras,
sind nicht so ausgestoßen und verlassen
wie jeder, der ein Heimatglück besaß
und hat es ohne seine Schuld verloren
und irrt jetzt durch der Fremde Labyrinth.
Die Eingebornen träumen vor den Toren
und wissen nicht, daß wir ihr Schatten sind.

Aus: Max Herrmann-Neiße: Heimatfern. Gedichte. Berlin: Aufbau, 1946, S. 9

Wo sind unsre Bräute

Gérard de Nerval

(eigentlich Gérard Labrunie; * 22. Mai 1808 in Paris; † 26. Januar 1855 ebenda)

NACH GÉRARD DE NERVAL

DIE HIMMELSBRÄUTE
Où sont nos amoureuses

Wo sind unsre Bräute?
Sie sind in der Gruft!
Sind glücklicher heute,
In blauerer Luft!

Bei Engeln sind sie
In himmlischem Kreise
Und singen zum Preise
Der Mutter Marie!

O Bleiche, o Bräute,
Ihr Blumen der Frühe,
O nicht mehr betreute:
Die Klage verblühe!

Im Blick hat gelacht euch
Das Ewige Werde . . .
Erstickte der Erde:
An Himmeln entfacht euch!

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. 1. Band. München: O.C. Recht, 1922, S. 181

OÙ sont nos amoureuses?
Elles sont au tombeau!
Elles sont plus heureuses
Dans un séjour plus beau!

Elles sont près des anges,
Dans le fond du ciel bleu,
Et chantent les louanges
De la mère de Dieu!

Ô blanche fiancée!
Ô jeune vierge en fleur!
Amante délaissée,
Que flétrit la douleur!

L’éternité profonde
Souriait dans vos yeux…
Flambeaux éteints du monde,
Rallumez-vous aux cieux!

Ein Tag

Tudor Arghezi

(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)

Eın Tag

Der Tag von gestern ist mir nachgelaufen,
ich hörte ihn gehetzt und hungrig schnaufen,
er glaubte wohl, er sei gleich andren Hunden
mit einer Kette an mein Ich gebunden.
An einem Kreuzweg vor Statuen blieb er stehn.
Da merkte er, er muß nicht mit mir gehn.

Er verlor sich, ohnmächtig, heimatlos verwirrt —
Denn all die Zeit ist er mir nachgeirrt,
hat mich verfolgt bei jedem Schritt und Tritt,
bis in den Mittag lief er mit mir mit.

Wer einen Tag verlor, vielleicht ein Leben,
der suche schnell, weil Nacht kommt und die Nebel sich erheben.

Deutsch von Heinz Kahlau

Aus: Lyrik aus Rumänien. Hrsg. Eva Behring. Leipzig: Reclam, 1980, S. 110

Herbst 1914

Otokar Fischer

Herbst 1914

Wie Blätter auf verwaisten Boden fallen,
so fallt, ihr Brüder, tot zum Schollengrund;
aus allen Kehlen stumme Schreie hallen,
mit einem Fluch schließt sich so mancher Mund.

Laub sinkt zur Witwenerde müd und müder,
und in die wehe Brust fällt Trän auf Trän
um euch, die in der Ferne ihr, o Brüder,
irgendwo sterben müßt – wofür? für wen?

Durch welke Blätter höhnt ein Windgerassel.
Zu ihm, für den jung euer Leben schloß,
ersticken wir in einem stummen Hasse.
In Liebe doch zu dem, der auf euch schoß.

Übersetzt von Otto E. Babler

Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900-1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 92

Alles versucht

Ada Christen

(* 6. März 1839 in Wien; † 19. Mai 1901 in Inzersdorf)

Letzter Versuch

Ich habe mich zu erhängen gesucht:
  Der Strick ist abgerissen.
Ich bin in's Wasser gesprungen:
  Sie erwischten mich bei den Füßen.
Ich habe die Adern geöffnet mir:
  Man hat mich noch gerettet.
Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus:
  Weich hat der Sand mich gebettet.
Den Teufel! ich habe nun alles versucht,
  Woran man sonst kann verderben –
Nun werd' ich wieder zu leben versuchen:
  Vielleicht kann ich dann sterben.

Aus: Ada Christen: Lieder einer Verlorenen, Hamburg: Hoffmann & Campe, 1868, S. 48