Elisabeth Borchers 75

Und doch haben die Objekte noch eine Bedeutung, und so lädt sich die leere Szenerie metaphysisch auf, verbinden sich die „Palmen“ mit den biblischen „Psalmen“. Am Ende ist der Gedichtraum erfüllt von Stimmen: „Leer / Alles leer / Die Stühle / Der Platz unterm Schirm / Das große Haus / Das kleine Haus / Die Fenster, die Türen / Die Palmen, die Psalmen / Sand und Strand / Wasser und Wind / Weder Mensch noch Tier / Und alles redet und schweigt / und ruft“. Auf der Höhe solcher Gedichte, hier geben wir Arnold Stadler recht, „ist noch nicht alles verloren, wenn alles verloren ist“.

Von Elisabeth Borchers ist soeben im Suhrkamp Verlag ein Band mit Gesammelten Gedichten erschienen, Alles redet, schweigt und ruft, ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler. / FR 27.2.2001

Lichtenwald erinnert an Rose Ausländer

„Sie kamen / mit scharfen Fahnen und Pistolen / schossen alle Sterne und den Mond ab / damit kein Licht uns bliebe / damit kein Licht uns liebe // Da begruben wir die Sonne / Es war eine unendliche Sonnenfinsternis.“ Die jüdische Lyrikerin Rose Ausländer erlebte und überlebte diese Sonnenfinsternis, die meisten ihrer Angehörigen aus der Bukowina aber wurden von den Deutschen ermordet. Rose Ausländer, die mit 22 Jahren ihre ersten Gedichte veröffentlichte, schrieb auch weiterhin in deutscher Sprache, diese Sprache war ihr „Mutterland“ und blieb es auch nach der Emigration in die USA. / Stuttgarter Zeitung 26.2.01

Wo bist du, Licht

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich / Zur Stunde wekt des Morgens, wo bist du, Licht!“ So beginnt Friedrich Hölderlins Gedicht „Der blinde Sänger“, und diese Worte hat der Komponist Claude Vivier einer Mezzosopranstimme zu singen gegeben in seinem Stück „Wo bist du, Licht!“ für Sängerin, Streichorchester, Schlagzeug und Tonband. Wie der Titel andeutet, bekommen vor allem die letzten drei Worte Gewicht in diesem Stück, sie werden wiederholt und abermals wiederholt, sie werden zu einer Litaneiformel. / Berliner Zeitung 26.2.01

Der Terror kennt keine Regeln

Der Anfang vom Ende begann für Ossip Mandelstam 1934 – verhaftet wegen eines Epigramms gegen Stalin, den „Verderber der Seelen und Bauernabschlächter“, und geistiger Freiheiten, die nicht ins sowjetische Imperium passten. …

Paul Celan hat den Dichter Ossip Mandelstam für den deutsch-sprachigen Raum entdeckt. Er übertrug Gedichte mit jüdischen, tragischen Themen. Es gibt aber auch viel Leichtes: Verse über moderne Phänomene wie Fußball, Tennis, Tourismus oder Eiscreme.

Mandelstams Lebensgeschichte ist äußerlich wenig fröhlich – er war bettelarm und starb im Gulag; das Wort steht für das System der Straf- und Arbeitslager in der UdSSR von 1930 bis 1955. Seit Solschenizyns Werk „Der Archipel Gulag“ wird die Bezeichnung im Westen verwendet: Glavnoe Upravlenije Lagerej – Hauptverwaltung der Lager. / Netzeitung

Poet laureate task poem?

NO SUBJECT is too esoteric, it seems, for the poet laureate. Andrew Motion, holder of the post since 1999, has written a work to mark the 200th anniversary of the national census. His previous work has celebrated such unlikely subjects as Childline, the TUC conference and the Salvation Army.

All of Us, 32 lines of rhyming couplets, begins with a look back through time to when Britan’s mostly rural population was „a field full of folk“, and moves forward to today’s „stadium hulks“ of football crowds.

(mehr incl. Leseprobe in der Sunday Times v. 25.2.) / Eine weitere Kritik mit Faksimile des Gesamttexts hier .

Bloß keine Klagen

Lang einstudiert sind auch die Wörter, wenn sie endlich auf dem Blatt stehen, weil viele andere dieselben Motive verwendet haben. Der Scrabble-Spieler freut sich über jede neugefundene Kombination, aber er weiß auch, dass er an Vorhandenes andockt. Er schreibt im Wortsinn weiter.
Begegnet einem jemand mit einem Anliegen, das er nur schwer artikulieren kann, handelt es sich mit etwas Glück um einen Dichter: Was Joseph Brodsky über die Stimme schrieb, gilt bei Senser für die Hand: Erlaubte meinen Stimmbändern / alles, bloß keine Klagen. Das ist eine seltene Haltung, am Ende nicht in Schrecken zu verfallen, weil Vieles ungesagt geblieben ist, sondern abzuschließen mit einem lang und früh geübten soviel dazu! / Hendrik Rost, Netzeitung .

Armin Senser, Großes Erwachen, Gedichte, 106 Seiten, Hanser Verlag, München 1999, DM 25,00

Neu

Die FAZ v. 24.2. bespricht ein Büchlein über Rimbauds Stuttgart-Aufenthalt („das Elend und die Langeweile des Dichters in der schwäbischen Stadt“), die Frankfurter Rundschau die Bände 5 u. 6 der „ Mikrogramme “ von Robert Walser (dazu ein Gespräch mit Werner Morlang über die Entzifferungsarbeit), die „Süddeutsche“ Franz Hessel: Sämtliche Werke in fünf Bänden sowie den von Fritz u. Sieglinde Mierau herausgegebenen „Almanach für Einzelgänger

Das neue Gedicht

In der Frankfurter Anthologie vom 24.2. stellt Norbert Mecklenburg ein Goethe-Gedicht vor: „Behandelt die Frauen mit Nachsicht…“ – Das neue Gedicht der „Welt“: Uwe Grüning stellt „Die Morgenröte“ von Federico Garcia Lorca vor.

Donnergrollen der Seel

Quirinus Kuhlmann, der reisende Ekstatiker und Lyriker wird 350 Jahre alt. Der am 25. Februar 1651 in Breslau geborene Quirin Kuhlmann war ein wandelnder Widerspruch. äußerst begabt und belesen, hat er als Kind erhebliche Sprachschwierigkeiten. Polterer, Stotterer oder stark entwicklungsverzögert – die Quellenlage schwankt. Der Widerspruch ist auch das Element von Kuhlmanns Nachwirkung geblieben. Von seinen gut vierzig Werken sind heute gerade einmal zwei im Handel, das Frühwerk der „Himmlischen Libesküsse“ und die beiden Bücher des „Kühlpsalters“, jener Gedichtsammlung also, die das Hauptwerk Kuhlmanns darstellt. …

Der Dichter des „Kühlpsalters“ war ein fahrender Schreiber, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis auf eine Tour begab, die ihn durch Europa und Kleinasien bis hin nach Moskau führte. Kuhlmann wird in London, Paris und Amsterdam, in Genf und Lausanne, in Leiden, Edinburg und York von den höchsten Würdenträgern empfangen, aber er wird am Ende 1689 in Moskau nach monatelanger Folter zum einzigen deutschen Dichter, den man ob seiner Kunst verbrennt. / Dieter Kief, Berliner Zeitung 24.2.01

Warum

Auf die Frage, warum er vor Publikum lese, antwortete er: Erstens könne ein Lyriker vom Verkauf seiner Bücher nicht leben; und zweitens gehe manchmal ,,in den Augen der Zuhörer etwas vor, das für alle Risiken entschädigt“. .. Reiner-Kunze-CD im Hörverlag / Frankenpost 23.2.01

Chamisso-Preis für Zehra Cirak

Die in Istanbul geborene und in Berlin lebende Lyrikerin Zehra Cirak erhält in München den mit 25 000 Mark dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung. Die mit je 10 000 Mark verbundenen Förderpreise gingen an Radek Knapp („Herrn Kukas Empfehlungen“, 1999) und Vladimir Vertlib („Zwischenstationen“, 1999). Die 1960 geborene Zehra Cirak wuchs in Karlsruhe zweisprachig auf. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Bildhauer Jürgen Walter, ging sie 1982 nach Berlin. Ihre erste Gedichtsammlung „Flugfänger“ erschien 1988. Seither hat sie drei Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt kam im vorigen Jahr der Band „Leibesübungen“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln) heraus. dpa / Stuttgarter Nachrichten 23.2.01

Stadtbücherei zeigt Döhl-Archiv

Ein Bildgedicht in Form eines Apfels, das aus einer Aneinanderreihung des Wortes „Apfel“ besteht, in der sich an einer Stelle ein „Wurm“ verbirgt, stellt seine bekannteste, seine einzige wirklich weithin bekannte literarische Arbeit dar. / Dietrich Heißenbüttel über Reinhard Döhl , Stuttgarter Zeitung 23.2.01

Übersetzerpreise 2001

Der arabische Dichter und Übersetzer Fuad Rifka bekommt den Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aus Darmstadt. Rifka erhält den seit 1964 verliehenen Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Libanon. Den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzungen bekommt in diesem Jahr Burkhart Kroeber. Der Münchner wird für seine engagierten Übersetzungen aus dem Italienischen ausgezeichnet. Rifka habe als Professor für Philosophie in Beirut deutsche Philosophie gelehrt und Dichter wie Rilke, Trakl, Goethe und Hölderlin in die moderne arabische Sprache übersetzt. Beide Preise sind mit 20 000 Mark dotiert und werden am 5. Mai in Freiburg im Breisgau verliehen. / Süddeutsche 23.2.01

Opium für Ovid

Die Ästhetik von Ovids „Metamorphosen“ sei der asiatischen Weltsicht näher als der abendländischen Tradition, meint Yoko Tawada. Im Japanischen gibt es bekanntlich kein selbständiges Pronomen für „ich“, auch der Begriff „Identität“ taucht allenfalls im psychiatrischen Fachjargon auf. Die buddhistische Vorstellung der Wiedergeburt kennt kein in sich geschlossenes Ich, sondern eine endlose Abfolge von Verwandlungen, auch über Gattungsgrenzen hinweg. Im christlich geprägten Europa dagegen ist jeder Mensch ein einmaliges Wesen, dessen Existenz einen Anfang und, in der Heilslehre, ein Ziel hat. Mit „Opium für Ovid“ durchbricht Yoko Tawada die Erwartung der europäischen Leser, denn alle Regeln von Kausalität und Zusammenhang sind aufgehoben. „Ich konnte dieses Buch nur auf
Deutsch schreiben. Im Japanischen hätte ein solches Experiment keinen Sinn gehabt.“ / NZZ 23.2.2001

Neue Xenien

Im Post Scriptum zu seinen „Neuen Xenien“ beruft er sich auf den alten Goethe: „Lass uns so viel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer Epoche. . .“

Wenn man B. K. Tragelehn, Schüler Brechts, Freund Heiner Müllers, der heute, [2001] um 20 Uhr, im Lyrik-Kabinett aus seinen Gedichten liest, nach der Gesinnung fragt, an der er festhält, zitiert er Marx: „Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein verächtliches und unterdrücktes Wesen ist“. Ein, wie er betont, „antiideologischer Satz“. Tragelehn, 1936 in Dresden geboren, Theaterregisseur, Übersetzer und Lyriker, hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: „Nöspl“ und die Distichen „Neue Xenien“, bissige Anmerkungen zur sozialistischen Dummheit und zu „Schranzler Köder Fischarping und Co“, entstanden zwischen 1959 und 1999. / Süddeutsche 22.2.01