Malta ist wie ein Frosch,

der auf einem Felsen sitzt, sagt der Schriftsteller Oliver Friggeri. Mal sitzt der Frosch unter, mal oberhalb des Wassers – wie eine Amphibie, die sich nicht entscheiden muss: Sollen wir isoliert bleiben oder uns integrieren? Der 55-jährige Schriftsteller, Lyriker und Maltesisch-Experte wohnt in einem Reihenhaus in dem Durchgangsstraßendorf Birkirkara und versucht die Seele des Maltesers bei geschlossenen Fensterläden zu ergründen. / Die 20.3.02

Robert Schindel

Über Robert Schindel schreibt der Wiener „Standard“:

Robert Schindel hat die Gegenwartsliteratur um eine wichtige Perspektive erweitert. Das konnte so nur ein Kind jüdisch-kommunistischer Eltern, die sich 1944 als getarnte Widerstandskämpfer aus Frankreich nach Oberösterreich einschleusen ließen, wo am 4. April 1944 in Bad Hall Robert Schindel geboren wurde. Die Eltern verfingen sich bald darauf im Netz der Gestapo, der Vater wurde in Dachau hingerichtet, die Mutter überlebte und fand im August 1945 den Sohn wieder: Er war, als Robert Sodl umbenannt und zum angeblichen Kind französischer Zwangsarbeiter erklärt, in einem Wiener Waisenhaus von den Schwestern als U-Boot verwahrt worden. / Der Standard , 20.3.02

Lyriker, prosalesend

Bert Papenfuß: Christa Wolf hat mir immer ihre Bücher gegeben, hat aber immer dazu gesagt, dass ich sie nicht lesen brauche. Ich habe mich weitestgehend daran gehalten. Karl Mickel hat mich mal auf eine Stelle in „Nachdenken über Christa T.“ aufmerksam gemacht, an der, wenn ich mich richtig erinnere, Christa T. über das Elend der Welt nachdenkt, dann wird ihr schwindelig, und sie stößt mit dem Kopf an den Kaminsims. Das fand Mickel witzig. Am Kamin über das Elend der Welt nachzudenken. Daraufhin habe ich das Buch gelesen und fand es sehr gut. / 20.3.02

Trakl wahrgemacht

Die Legionen von Ungeborenen, sie sind längst nicht mehr nur die düsteren Metaphern aus den Gedichten von Georg Trakl . Sie klagen weder von ihrem mythischen Ort aus „im Herbstwind“, noch sind sie „ungeborne Enkel“, die nur deshalb niemals möglich sein werden, weil jene, die ihre Eltern hätten zeugen können, auf dem Schlachtfeld von Trakls „Grodek“ verbluteten. Es gibt längst neue Schlachtfelder. Trakls Ungeborene sind, nicht minder unheimlich, durch die moderne Reproduktionsmedizin wirklich geworden. Und mit ihnen sind neue Fragen auch nach Schuld und Rechtfertigung aufgetaucht. / Anne Zielke: Familienglück mit überzähligen Embryonen: Eine amerikanische Agentur hilft / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 20.03.2002

Benennen und Verschweigen

Marcel Beyer schreibt Gedichte, die nicht von der Fremdheit der Phänomene erlösen, sondern … mitten in ihr „Geheimnis“ hinein führen. Hier wird in großer Eindringlichkeit über Geschichte gesprochen – in Gedichten, die gleichermaßen aus benennen und Verschweigen bestehen. / Michael Braun, FR 20.3.02

Marcel Beyer: Erdkunde. Gedichte. DuMont Literaturverlag Köln 2002, 118 Seiten, 16,90 EU

Zum Tod von Luise Rinser

Die NZZ zitiert Luise Rinsers selbstgeschriebenen Nachruf von 1992:

«Sie hat ihre Aufgabe als Störfaktor bis zum letzten Atemzug erfüllt. Jetzt hat und gibt sie (hoffentlich) Ruhe für eine Weile.» / NZZ 19.3.02

Weitere Nachrufe: Die Welt 19.3.02 / FAZ 19.3. (Walter Hinck) / Landbote Winterthur 19.3. / Leipziger Volkszeitung 19.3. / Augsburger Allgemeine 19.3.

Sogar Lyrik: John Updike 70

Neben über einem Dutzend Romanen stehen zahlreiche Erzählungsbände, autobiographische Essays (vereinigt in dem Band „Selbstbewußtsein“), Bücher über Updikes Leidenschaften wie bildende Kunst und Golf, ja sogar mehrere Lyrikbände. / FAZ 18.3.02

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für Adam Zagajewski

Der 1945 in Lemberg geborene, heute in Paris lebende Adam Zagajewski erhält den Preis, so die Jury, für sein lyrisches, episches und essayistisches Werk, das historisch fest verankert und zugleich von grosser Modernität ist und in dem sich ein tiefes poetisches, philosophisches und politisches Weltverständnis artikuliert. Adam Zagajewskis Dichtungen, vor allem der Lyrikband «Mystik für Anfänger» (1997), die Erinnerungsbilder «Ich schwebe über Krakau» (2000) und die Essays «Solidarität und Einsamkeit» (1986), sind eine Hommage an die Einheit und Freiheit des europäischen Kontinents, ein Brückenschlag zwischen der osteuropäischen, der westeuropäischen und der amerikanischen Welt. / NZZ 18.3.02

Franz Hodjak wird Dresdner Stadtschreiber

Im April wird Franz Hodjak für ein halbes Jahr nach Dresden kommen – als neuer Stadtschreiber.
Seit 1996 sponsert die Stiftung Kunst und Kultur der Stadtsparkasse Dresden dieses Amt. Hodjak tritt die Nachfolge von José F.A. Oliver an und von Christoph Geiser, Wulf Kirsten oder Heinz Czechowski . Inzwischen ist er der siebente Dresdner Stadtschreiber, der sich durch die Stadt, durch Begegnungen und Gespräche mit ihren Menschen zu Lyrik und Prosa anregen lässt. Ganz unbekannt ist er schon heute vielen hiesigen Literaturkennern nicht.
Er las bei den dritten Lyriktagen vor zwei Jahren seine überwiegend freirhythmischen Gedichte. Wulf Kirsten gab 1988 im Aufbau-Verlag seinen Gedichtband „sehnsucht nach feigenschnaps“ heraus. 1990 bekam Hodjak in der „Noch-DDR“ den Georg-Maurer-Preis. Der Gryphius-Ehrenpreis folgte 1991 und 1996 der Nikolaus-Lenau-Preis. / Sächsische Zeitung 16.3.02

Mein russisches Jahrhundert

Das alte „Neue Deutschland“ hat was übrig für Dissidenten und lobt Fritz Mierau, der ohne Zweifel Lob verdient. / ND 16.3.02

Fritz Mierau: Mein russisches Jahrhundert. Autobiografie. Edition Nautilus. 320 Seiten, gebunden, 19,90 EUR.

Spottvers von Karl Kraus

«Will Hofmannsthal Goethes Entwicklung begleiten, / so wirkt es noch bis in die fernsten Zeiten. / Was immer auch dieser jenem leiht, / es reicht für beider Unsterblichkeit. / Müssen die, die späterhin beide lesen, / denn wissen, welcher der Ältre gewesen? / Die hundert Jahre, welche dazwischen, / werden weitere hundert wieder verwischen. / Nach tausend aber ist’s schon egal, / ob Goethe oder Hofmannsthal.» Dieser Spottvers von Karl Kraus schmückt eine Sammelrezension zu Hugo von Hofmannsthal in der NZZ , 16.3.02

Zweierlei griechische Literaturgeschichten

Die moderne griechische Literatur sei eine eigene Welt, die sich zwischen Nord- und Südpol erstrecke. Den einen Pol symbolisiere Dionysios Solomos, den anderen Konstantinos Kavafis . Solomos habe sich in seiner Dichtung der griechischen Sprache am kühnsten und konsequentesten genähert. Kavafis auf der anderen Seite habe in seiner Lyrik die höchstmögliche sprachliche Verknappung und Genauigkeit erreicht. Zwischen diesen beiden Polen, so sagte Odysseas Elytis 1979 in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur, bewegten sich alle anderen Schriftsteller und Lyriker. / So beginnt eine Besprechung von Barbara Spengler-Axiopoulos in der NZZ , 16.3.02

Evi Petropoulou: Geschichte der neugriechischen Literatur. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001. 431 S., Fr. 57.-.

Pavlos Tzermias: Die neugriechische Literatur. Homers Erbe als Bürde und Chance. Francke-Verlag, Tübingen 2001 (2., neu bearbeitete und erweiterte Auflage). 336 S., Fr. 39.80.

Wer sind die „Unsterblichen“?

fragt die Südtiroler „Dolomiten“ und meint den Meraner Lyrikpreis:

Zum 6. Mal wird um den Lyrikpreis vom 16. bis 18. Mai im Meraner Pavillon des Fleurs gerungen. Veranstaltet und ausgeschrieben wird er von der Kurverwaltung Meran und vom Kreis Südtiroler AutorInnen im Südtiroler Künstlerbund. Bis zum Einsendeschluss am 16. November 2001 langten 400 Manuskripte ein, 345 wurden von der Vorjury (Robert Huez/Verein der Bücherwürmer, Lana, Sieglinde Klettenhammer/Universität Innsbruck, Nina Schröder/ Südtiroler Autorenvereinigung Bruneck) ausgewertet. In die Endrunde des Lese-Wettstreits im Mai kamen neun Bewerber, die neben dem Vortrag ihrer Gedichte ein Gespräch über Literatur, insbesondere Lyrik, führen; die Moderation übernimmt Inga Hosp, Klobenstein. Es sind: Christian Baier , geb. 1963 in Wien; Oswald Egger, geb. 1963 in Lana; Manfred Enzensperger , geb. 1952 in Köln; Sylvia Geist , geb. 1963 in Berlin; Mathias Jeschke , geb. 1963 in Lüneburg; Hendrik Rost , geb. 1969 in Burgsteinfurt/Westfalen; Thomas Spaniel , geb. 1963 in Nordhausen/Thüringen; Uwe Tellkamp, geb. 1968 in Dresden; Hans Wagenmann , geb. 1967 in Mannheim. / Dolomiten 15.3.02

Nazim Hikmet zum 100. Geburtstag

Ein Annäherungsversuch von Hans Pfitzinger / Die Gazette 15.3.02

Das Leben ist nicht zum Lachen:
Man muss mit großer Ernsthaftigkeit leben
Wie ein Eichhörnchen zum Beispiel –
Ich meine,
ohne nach etwas jenseits oder über dem Leben zu suchen,
ich meine,
Leben muss deine einzige Beschäftigung sein.

Yasamak sakaya gelmez,
buyuk bir ciddiyetle yasayacaksin
bir sincap gibi mesela,
yani, yasamanin disinda ve otesinde hicbir sey beklemeden,
yani butun isin gucun yasamak olacak.
(Nazim Hikmet, geboren 20. Januar 1902 in Thessaloniki, gestorben 3. Juni 1963 in Moskau)

Bücher von Nazim Hikmet in deutscher Übersetzung:

– Das schönste Meer ist das noch nicht befahrene, Dagyeli Verlag, Frankfurt/Main, Eur 18,50
– Die Luft ist schwer wie Blei / Hava Kursun Gibi, Türkisch – Deutsch, Dagyeli ,Eur 18,50
– Eine Reise ohne Rückkehr / Dönüsü olmayan Yolculuk. Gedichte und Poeme. Türkisch – Deutsch. Dagyeli, Eur 18,50
– Gedichte. Eine Auswahl, Ammann Vlg., Zürich, Gebundene Ausgabe. Noch nicht erschienen, Eur 24,90
– Epos vom Befreiungskrieg, Dagyeli, Gebundene Ausgabe. Noch nicht erschienen, Eur 14,32
– Dietrich Gronau , Nazim Hikmet. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Eur 6,50

Adonis´ Stimme

Um so aufschlussreicher war an diesem Abend, wie Adonis selbst im Kontrast hierzu sein Gedicht las. In seinen Vorlesungen am „Collège de France“ 1984 hat er an den Beginn der „Einführung in die arabische Poesie“ ein Kapitel über die vorislamischen Wurzeln der arabischen Poesie gesetzt. Darin ist das Ohr der Schlüssel zur Dichtkunst, die Rezitation, nicht das Buch, das ideale Medium ihrer Verbreitung. Das Zusammenspiel von Stimme, Wort, Körper und Geste ist bei Adonis der Jungbrunnen noch für die moderne, an Baudelaire, Rimbaud und Nietzsche geschulte arabische Poesie, für die er selbst steht.

Aus der Alltagsstimme seiner französischen Einleitungssätze ließ Adonis in seiner Rezitation rasch die hochstilisierte arabische Stimme herauswachsen, die wie ein zweites Organ die Kunst vom Leben abgrenzt wie der Rahmen das Bild. Dieter Grimm, der Gastgeber und Leiter des Wissenschaftskollegs, hatte zuvor gemeint, Adonis werde nicht lesen, sondern singen. Das traf aber nur die eine Seite dieser Stimme: ihre Lösung vom Buch. Wenn Adonis die Verse, die er spricht, mit den Händen umfasst, die Vokale dehnt und wie Saiten spannt, den Rachenlauten des Arabischen die Härte nimmt, dann hat er die Augen halb geschlossen und braucht das Buch nur wie bei Kleist die Marionette den Boden: um sich davon abzustoßen. / Lothar Müller, Süddeutsche 14.3.02