Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
ALICJA RYBAŁKO Seismologie Zuerst fliegen die Minderheiten weg. Dann beginnt die Intelligenz zu flattern. Schließlich bricht das Volk zum Flug auf. Als letztes erwacht die Regierung. In der Regel erst nach dem Erdbeben. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall Seismologia Najpierw odlatują mniejszości. Potem… Continue Reading „Seismologie“
Spruch 54 aus der Hávamál (aus der Lieder-Edda) Seichter See; seichte Meeresdünung. Seicht ist vieler Menschen Verstand. Nicht jeder Mann wurde klug geboren. In zwei Hälften zerfällt die Welt. Deutsch von Walter Baumgartner Lítilla sanda lítilla sæva lítil eru geð guma því at allir… Continue Reading „Seicht“
IBN BAQI Ich armer Dichter, der, wo keine Kunstliebhaber Und keine Kenner sind, das Volk um Beifall fleht! Die Reime nur beweinen den verlassenen Araber In einer Welt, die kein Arabisch mehr versteht. Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers.… Continue Reading „Dichter in dürftiger Zeit“
Ibn Hazm Als man seine Bücher verbrannte Verbrennt nur die Papiere! Die Gedanken Sind feuerfest. Was ich erkannt, kommt dadurch nicht ins Wanken‚ Daß ihr den Geist mit falschen Maßen meßt. Allüberall, wohin mich Pferde tragen, Ziehn die Gedanken mit mir auf und ab.… Continue Reading „Schmach der Wissenschaft“
Richard Weiner. Jean Baptiste Chardin Dies ist mein Tisch, Dies meine Hausschuh, Dies ist mein Glas, Dies ist mein Kännchen. Dies meine Etagere, Dies meine Pfeife, Dose für Zucker, Großvaters Erbstück. Dies ist mein Eßzimmer, Dies meine Ecke, Dies ist mein Hund, Dies meine… Continue Reading „Und die Charlotte Liebt ihre Austern“
Johann Wolfgang Goethe Erklärung eines alten Holzschnittes vorstellend Hans Sachsens poetische Sendung In seiner Werkstatt Sonntags früh Steht unser treuer Meister hie: Sein schmutzig Schurzfell abgelegt, Einen saubern Feierwams er trägt, Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten, Die Ahl steckt an den Arbeitskasten; Er… Continue Reading „In Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seinen Meister je verkannt.“
Thomas Brasch IHR QUATSCHT DARÜBER, OHNE ES ZU KENNEN Ihr verdammt es, das was ich Nichts nenne. Weil mir besseres Wort fehlt. Ihr nennt Nihilisten Idioten, weil ihr keine seid. Ihr nennt sie dumm, nicht denkend Aha! Na und? Woran denkt ihr? An Honig,… Continue Reading „Ihr quatscht darüber, ohne es zu kennen“
Thomas Brasch DAS FÜRCHTEN NICHT UND NIE DAS WÜNSCHEN darf mir abhanden kommen, auch mein täglich sterben nicht das seellos süchtig sein auf keinen fall nur hirnlos reimen wie ein wicht muß beendet werden da ist ein gott und setzt sich zwischen alle stühle… Continue Reading „Das fürchten nicht und nie das wünschen“
Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken/ Johann Klaj Aus: Pegnesisches Schäfergedicht Als sie nun solchem Geschrey nachgiengen/ funden sie in der Nähe die Melancholische Schäferin Pamela/die ihr sicherlich einbildete/ sie were das arme und in letzten Zügen liegende Teutschland. In dieser Raserey ließ… Continue Reading „Schwarmrede im Krieg“
Georg Philipp Harsdörffer Ständchen Nun der übermüde Tag Mehr zu wachen nicht vermag, Schleicht der süße Schlaf herein, Legend aller Sorgen Klag‘ In den finstern Schattenschrein. Alles liegt in sanfter Ruh‘ Vieler Augen schließet nu Mancher vorverübte Traum, Blühend so dem Morgen zu, Gleich… Continue Reading „Ständchen“
Martin Luther Das deudsch Sanctus. Jesaia dem propheten das geschach, das er ym geyst den herren sitzen sach auff eynem hohen thron ynn hellem glantz, seines kleides saum den kor fullet gantz. Es stunden zween seraph bey yhm daran. Sechs flugel sach er eynen… Continue Reading „von dem schrei zittert schwel vnd balcken gar“
Paul Celan Es STAND der Feigensplitter auf deiner Lippe, es stand Jerusalem um uns, es stand der Hellkiefernduft überm Dänenschiff, dem wir dankten, ich stand in dir. Entstanden: Paris 17.10. 1969 (Am Tag der Rückkehr von seiner einzigen Israelreise vom 30.9.-17.10. 1969) Mit Ilana… Continue Reading „Es stand Jerusalem um uns“
Jizchak Katzenelson Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen von Wolf Biermann. Aus dem 13. Gesang 13 Die Chaluzim bezogen ihre Posten, alle haben sich verteilt Dicht an der Tür, die Treppe hoch, im Flur, am Kellergang Vom Fenster aus sah einer… Continue Reading „Er hat’s kapiert“
Else Lasker-Schüler Alfred Kerr Jakobsohn und Jakobfritzen Lassen die Tinten spritzen Wasserfarbenrot. Und Mühsam, eh ichs vergesse, Kain heißt seine Presse; Kein Jakob schlägt sie tot. Und Pfemfert der Aktionäre, Zieht mich in die Affaire: Ob Dr. Kerr tut not? Was Dr. Kerr bedeute… Continue Reading „Was Dr. Kerr bedeute“
Else Lasker-Schüler Ich liege wo am Wegrand (Treulosen Freunden) Ich liege wo am Wegrand übermattet – Und über mir die finstere kalte Nacht – Und zähl schon zu den Toten längst bestattet. Wo soll ich auch noch hin – von Grauen überschattet – Die… Continue Reading „Treulosen Freunden“
Neueste Kommentare