Kategorie: Deutsch

Paul Pörtner 100 (Neue Musik und Neue Poesie)

die stählernen engel der dinge
holen uns ein.

Frederike Frei 80

Wo wohnen die Wörter im
Schlaf in der Stille des
Sturms im ruhig Blut im
unwirschen un in der
Einsilbe Nein, im Nachhall
des Ja, immer im Nimmer, im
Zimmergrau, im Immerblau

Rufe zur Nacht

Ich, der Dichter Jesse Thoor –
dem Zünglein, Zeh und Ohr
und die Seele fror!

wie ich es drehe oder mich

wo dämmerung die dünung abstellt,
den strand zuklappt, radiert der wind die letzten segel aus
und legt sich auf die seite, schläft mit dem gesicht zum horizont.

Alltagslyrik (Eugen Gomringer 100)

bewegt sich einzelnes
ruht alles

alles ruht
einzelnes bewegt sich

100-Jahre-Serie

Es ist nicht schwierig, bei uns in Deutschland, mißverstanden zu werden. Das Talent: zu schreiben, erhält sich noch in einigen Exemplaren; das Talent: zu lesen, scheint ausgestorben.

Wer denn?

wer ist denn schon zu hause
wenn er bei sich ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu hause ist

Er allein

Keiner hat es kommen sehn
Jeder hielt sich ferne.
Alle ließen es geschehn
Aber, ach, nicht gerne.

Das lyrische Ich

Ein Mann, eine Frau, vor einhundert Jahren,
sie setzten das lyrische Ich in die Welt, ich gebe es
einhundert Jahre später zurück.

Charité

Wo bist du? – Straßen hat es mich durchhetzt.
Der böse Nachtwind höhnt: was willst du jetzt?
Aus allen Ecken kriechen Spinnenschrecken

Bert Papenfuß 69

ich will mich hier am dikken ende
nicht noch unnuetz ausspinnen
was ich getan haette
wenn ich nicht die richtung wuesste

wueste

Statemental

Apollo spendet
Und die Stunde schlägt
An unsre Ufer wo die Zeit sich wendet

Bilde, Künstler! Isme nicht!

Man wird mit Ismen krank gefüttert.
Der Magen ist schon arg erschüttert.
Der Becher-Ismus stinkt zum Himmel.
Der Apfel fällt nicht weit vom Schimmel.
„Hie Baader!“ und „Hie Hülsenbeck!“
Der Dadaismus ward längst leck.

im anfang war nichts

alles erstand aus dem nichts und das nichts mehrte sich aus der mehrung kam der gedanke • aus dem gedanken kam die erinnerung • aus der erinnerung das begehren

Träume und Wirklichkeit liegen eng nebeneinander

Und jeden
Abend ist man zufrieden mit den
Möglichkeiten, die man hatte,
weil man nie weiß, wie viele
Möglichkeiten man wirklich hatte.