Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen… General!

434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der Dichter Klabund (eigentlich Alfred Henschke, * 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) hat in seinem kurzen Leben mehr als 70 Bücher veröffentlicht, darunter Gedichtbände, Romane, Schauspiele und Übersetzungen – meist aus Sprachen, die er nicht sprach. Er übersetzte persische, japanische und chinesische Gedichte nach deutschen, französischen oder englischen Vorlagen. Zur Entstehung seines ersten Buchs mit Nachdichtungen chinesischer Lyrik, „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik“ (es erschien zuerst 1915 bei Insel, mein Exemplar ist aus dem 36. bis 45. Tausend 1952) sagt eine Anekdote, er habe 1915 (!) die Nachdichtungen Hans Bethges („Die chinesische Flöte“) gehört und spontan gesagt, das müsse man „anders übertragen“. Tatsächlich hat er systematisch besonders französische Quellen studiert und begonnen nachzudichten. Der Erfolg seiner Nachdichtungen bei den Lesern trotz mancher kritischer Stimmen von Rezensenten scheint ihm recht zu geben. Hier heute ein Lied daraus, gefolgt von einer von Fachleuten gerühmten philologisch korrekten Übersetzung. Es handelt sich um ein Lied aus der ältesten chinesischen Lyrikanthologie, bekannt als Schi-King, von der die Überlieferung sagt, kein Geringerer als Konfuzius habe die Auswahl getroffen.

KLAGE DER GARDE

General!
Wir sind des Kaisers Leiter und Sprossen!
Wir sind wie Wasser im Fluß verflossen ...
Nutzlos hast du unser rotes Blut vergossen...
General!

General!
Wir sind des Kaisers Adler und Eulen!
Unsre Kinder hungern... Unsre Weiber heulen...
Unsre Knochen in fremder Erde fäulen ...
General!

General!
Deine Augen sprühen Furcht und Hohn!
Unsre Mütter im Fron haben kargen Lohn ...
Welche Mutter hat noch einen Sohn?
General?

Aus: Dumpfe Trommel und berauschtes Gong. Nachdichtungen chinesischer Kriegslyrik von KLABUND. Wiesbaden: Insel-Verlag, 1952 (IB 183), S. 5

Der Sinologe Wilhelm Gundert wählte in seinem zuerst 1958 bei Hanser (später auch als dtv-Taschenbuch) erschienenen Band auch dieses Gedicht aus, in der Übersetzung von Victor von Strauß, über die er sagt: „Die meisterhafte Übertragung des lippischen Kabinettsrats Victor von Strauß wahrt mit äußerster Treue Wortlaut und Versform.“

Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung.¹

Reichsfeldmarschall!²
Wir sind des Königes Gebiß und Krallen.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo kein Verweilens bleibt uns Allen?

Reichsfeldmarschall!
Wir sind des Königs Krallen und Soldaten.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo wir an’s Ende nie gerathen?

Reichsfeldmarschall!
Fürwahr du thust nicht weise.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Daß Mütter müh’n sich müssen um die Speise?³

¹ Die Garde wurde gegen das Herkommen in dem unglücklichen Feldzuge gegen die nördlichen Gränzstämme im Jahre 788 v. Chr. verwendet.
² Er war zugleich Kriegsminister.
³ Weil die Söhne für sie nicht sorgen können.

Quelle: Lyrik des Ostens: China. Mit einem Nachwort von Wilhelm Gundert. München: dtv, 1962, S. 18

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