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Veröffentlicht am 7. November 2025 von lyrikzeitung
194 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Astrid Litfaß
ICH BIN'S
Ich wache auf und meine Zähne meine Haare
liegen neben mir auf dem Kopfkissen
meine Mutter mein Vater stehen vor meinem Bett, wer
bist du was hast du mit unserem Kind gemacht
schreien sie, aber ich bin's
rufe ich in großer Angst, ich bin es doch
ich, eure Tochter
doch sie ergreifen mich
werfen mich hinaus auf eine kalte graue Straße
Passanten bleiben stehen
Warum liegt da eine Person, die gefährdet ja den ganzen Verkehr
ich kann dazu wenig sagen
denn ein Auto nach dem andern fährt über mich drüber
dann
irgendwann
kniet ein alter Mann neben mir
bohrt mir einen Kugelschreiber in den Leib
um zu prüfen, ob ich tot bin oder nur so tue
Meine Liebe, flüstert mein Physiklehrer
du warst meine beste Schülerin, doch nun
kann ich leider nichts mehr für dich tun.
Die Nacht ist ein unerklärlich gefährlicher Raum
dachte ich, stand auf und ging
kein Mond
ich ging, entfernte mich mit freundlichen Gedanken
so als ob alles so sein müßte
die Straßenlampen leuchteten gelblich.
Aus: Miniaturen. In: Sinn und Form 6/2025, S. 753
Astrid Litfaß, geboren 1944 in Berlin, lebt dort. Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Kurzprosa.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Albtraum, Astrid Litfaß, Berliner Autorin, deutsche Gegenwartslyrik, Entfremdung, Ich bin’s, Identität, Kurzprosa, Lyrikzeitung, moderne Poesie, Prosagedicht, Sinn und Form, surrealistische Lyrik, Traum
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… Schreck am Morgen, verrückt – freut mich ziemlich sehr, dankeschön! Allerbestes & herzlichen Gruß A. Litfaß
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