Christel

Gretchen, Klärchen, Friederike, Christel, Lili, Lotte, Christiane, wie sie alle heißen. Die einen spielen eine Rolle in der Dramaturgie von Theaterstücken, die den Titel von Männern haben (Faust, Egmont) und denen sie untergeordnet sind. Gretchen, das ist natürlich keine Liebesgeschichte, sondern die Geschichte einer ruchlosen Verführung, ausgeführt mit teuflischem Beistand, kein Verbrechen auslassend. Das weiß eigentlich jeder. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass heute manche meinen, Goethe habe Egoismus und Sexismus abgefeiert (tatsächlich fiel das Wort in den letzten Tagen). Er hat sie dargestellt.

Hat er Frauen anders denn als frommdoofe Opfer männlicher Verführung gezeichnet? Ja. In großer Zahl. Gestern hier die junge Frau, die die männliche Obrigkeit (Pfarrer, Amtmann) in die Schranken weist. Im Faust könnte man Marthe Schwerdtlein ansehen (eine Frau, die versucht, den Teufel zu verführen). Wer ist stärker, Werther oder Lotte? Und was ist mit der Liebe?

Der junge Goethe schrieb Liebesgedichte im Stil der Zeit, man kann es Rokoko nennen. Einem Mädchen seiner Leipziger Studentenzeit widmete er einen ganzen Zyklus, nicht einmal die Mutter des Mädchens brauchte da misstrauisch zu werden. Weil diese Gedichte literarischen Konventionen folgten und nicht auf Selbsterlebtes schließen lassen. Selbsterlesen. Geschickt mit Worten.

Das ändert sich mit der Zeit. Die Grenzen sind fließend, Metaphern, Motive aus der angelesenen Lyrik mischen sich ein. Aber es ist nicht leicht, in der Rokokolyrik unter allen Melissen, Climenen, Daphnen, Phyllen und Amarillen ein Mädchen wie diese Christel zu finden.

24. An Christel.

Hab offt einen dummen düstern Sinn
Ein gar so schweeres Blut,
Wenn ich bey meiner Cristel bin
Ist alles wieder gut.
Ich seh sie dort, ich seh sie hier
Und weis nicht auf der Welt
Und wie und wo und wann sie mir
Warum sie mir gefällt.

Das schwarze Schelmenaug dadrein
Die schwarze Braue drauf,
Seh ich ein einzigsmal hinein
Die Seele geht mir auf.
Ist eine die so lieben Mund
Liebrunde Wänglein hat?
Ach und es ist noch etwas rund
Da sieht kein Aug sich satt.

Und wenn ich sie dann fassen darf
Im lüftgen teutschen Tanz
Das geht herum das geht so scharf
Da fühl ich mich so ganz.
Und wenn’s ihr tümmlich wird und warm
Da wieg ich sie sogleich
An meiner Brust in meinem Arm
Ist mir ein Königreich.

Und wenn sie liebend nach mir blickt
Und alles rund vergisst,
Und dann an meine Brust gedrückt
Und weidlich eins geküsst
Das läuft mir durch das Rückenmarck
Bis in die grose Zeh
Ich bin so schwach ich bin so starck
Mir ist so wohl, so weh!

Da mögt ich mehr und immermehr
Der Tag wird mir nicht lang,
Wenn ich die Nacht auch bey ihr wär
Dafür wär mir nicht bang.
Ich denck ich halte sie einmal
Und büse meine Lust;
Und endigt sich nicht meine Quaal,
Sterb ich an ihrer Brust.

Aus: Goethes erste Weimarer Gedichtsammlung mit Varianten herausgegeben von Albert Leitzmann. Bonn: A. Marcus und W. Weber, 1910 (Kleine Texte für theologische und philologische Vorlesungen und Übungen, 63)

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