33. Umstürzende Omnibusse

Die Ahnung von „Weltende“ (so der Titel des berühmten Gedichts von Jakob van Hoddis), von Weltzerschleuderung, mit sprachlicher Zerschleuderung im Gefolge, muss damals die Köpfe dieser Dichter besetzt und für Hochdruck gesorgt haben. Doch wer verdüstert uns den Himmelsklumpen so dramatisch wie Lichtenstein? Wer sonst hat einen derart bitter wilden Sinn für das Groteske? Nicht nur, dass „Mimen bersten“, auch „Schöne homosexuelle/Männer kullern aus den Betten“. Das Gedicht ist vier Strophen lang ein berserkerhafter Gang aufs Ganze, bis alles „ein ekles Ende“ nimmt. Nur das Krächzen der umstürzenden Omnibusse hallt nach, letztes Geräusch in einer apokalyptischen Landschaft. / Joachim Sartorius, FAZ 9.2.

Prophezeiung

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen.
Sturmtod hebt die Klauentatzen:
Nieder stürzen alle Lumpen.
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt sein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

Alfred Lichtenstein: „Dichtungen“. Herausgegeben von Klaus Kanzog und Hartmut Vollmer. Zürich: Arche Verlag 1989.

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Aus: Ebd. S. 45.

Menschheitsdämmerung in der Open Library

4 Comments on “33. Umstürzende Omnibusse

  1. Das Gedicht von Jakob van Hoddis gefällt mir wesentlich besser als dieses. Es ist bildhaft und sehr lebendig, dass ich das Weltende quasi direkt vor meinem inneren Auge habe. Dieses hier von Lichtenstein ist zwar auch nicht schlecht, verliert sich aber meines Erachtens im Intellektuellen, was es m.E. schwächt und schwächer macht im Vergleich zum Weltende von Jakob van Hoddis.

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