109. Bolzen

Es hieß in der DDR oft, die Familie sei »die kleinste Zelle der Gesellschaft«, angesichts der Bedrängungen durch Beobachtung eine ungewollt wahre Formulierung; die noch kleinere Zelle allerdings war das Ich, ein übersichtliches Observierungsobjekt. Und zwar Beobachtung in jede Richtung. Man kann es als pfostendumm und lächerlich abtun, wenn ein Stasi-Bericht bescheinigt, Grass sei während eines DDR-Aufenthalts »ordentlich und sauber gekleidet« gewesen. Es ist pfostendumm und lächerlich. Aber just hinter solcher Banalität steckt jener erzieherische Anspruch, der alles auf Zumutbarkeit fürs Erziehungsobjekt Mensch prüfte. Die Sprache ist grobianischer Urteilsspruch und kafkaeskes bürokratisches Labyrinth, »die Maßnahmen zur operativen Kontrolle des Grass laufen unter dem Decknamen ›Bolzen‹, bei der HVA befindet sich der Grass unter Nr. UCF 6969 in Fahndung, Mitteilungen der genannten Diensteinheiten zu ›Bolzen‹ sind der Lagegruppe zu übermitteln und in den Lagefilm aufzunehmen.« Orgasmus einer Berichts-Spinne. Sarah Kirsch, Günter Kunert, Hans Joachim Schädlich sind »feindlich wirkende DDR-Schriftsteller«, Klaus Schlesinger, Jurek Becker, Klaus Poche werden als »negativ-feindlich« betitelt. Solches klare Vokabular bereitet unfreundliche Übernahmen durch die Justiz vor. …

Im Aktenostdeutsch, etwa im Falle von Lutz Rathenow und Frank-Wolf Matthies, die »beide keinen Beruf erlernten, keine Arbeitsrechtsverhältnisse eingegangen sind und sich als freiberufliche Schriftsteller ausgeben« und auch von Grass besucht wurden, klingt das dann so: »Im Zusammenhang mit der Einleitung der Ermittlungsverfahren gegen Matthies und Rathenow erfolgt auf der Grundlage der entsprechenden strafprozessualen und anderen Rechtsnormen die Zurückdrängung und Auflösung jedes feindlich-negativen Personenzusammenschlusses … Die Untersuchungen werden fortgesetzt.« / Hans-Dieter Schütt, ND 15.2.

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte. Ch. Links Verlag Berlin, 379 S., geb., 24,90 €.

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