Im St. Galler Tagblatt vom 20.6.03 ein lauter Stoßseufzer des Verlegers und Herausgebers der Schweizer Literaturzeitschrift orte, Werner Bucher, betreffend eingesandte Manuskripte (Schreibanfänger: Lesen!). Dann wendet er sich Erfreulicherem zu: dem Dichter Christian Saalberg . Hier der Schluß:
Mir aber bleibt nur zu sagen, ich werde weiterhin Einsendungen öffnen und mir dabei jedesmal wünschen, wieder einen Dichter, eine Dichterin vom Formate Saalbergs zu entdecken, der sagt «die Gewehre haben uns verdorben» und von dem unlängst jemand schrieb, «indem er den Schrecken der Auslöschung und die Trauer darüber in Bilder bannt, erfindet er eine Transparenz, die das Vergessene und die verbliebene Schönheit aufhellt». Mehr bleibt im Moment über seine Gedichte nicht zu sagen, meine ich. Lieber zitiere ich meinem Verleger- und Dichterfreund Beat Brechbühl, der im Gedicht «Verleger sein» wegen der unermesslichen Gedichtproduktion auch an die armen Briefträger und -trägerinnen denkt. «Im Mai da knospen die Dichterinnen. / Im Mai da schwellen die Dichter. / Laub und Gräser werden davon ganz dunkelblau, / und ich ganz rot, / dann gelb, / und der Postbote, beim Hertragen noch hellgrün, / sinkt beim Wegtragen / aschefahl und lungehustend / in die leere Landschaft.»
denen Karol Wojtylas frühere, oft hermetische Poesie voller komplizierter Gedanken und philosophischer Anspielungen bekannt sei, so der «Newsweek»-Reporter Szymon Holownia, müssten sofort erkennen, dass sie diesmal etwas sehr Reines und Bewegendes in die Hände bekommen hätten: «ein literarisches Testament von Johannes Paul II. Eine kurze, sehr persönliche Geschichte über das Vergehen. Mit einer Pointe über die Hoffnung.» /Marta Kijowska, NZZ 20.6.03
Außerdem heute : Ein Gedicht der Krakauer Lyrikerin Anna Swirszczynska (1909-1984)
Manchmal muss man schon die verborgensten Winkel der poetischen Tradition ausleuchten, um sich an die Schreibvoraussetzungen unserer zeitgenössischen Dichter herantasten zu können. Auch wer als Lyriker die gesteigerte Gegenwärtigkeit des Sprechens im freien Vers erreichen will, sucht für diese halsbrecherische Art lyrischer Artistik zuverlässige Unterstützung in den Grundbüchern der Moderne. Im Fall des Lyrikers Mirko Bonné, der bislang als Autor zweier Romane auf sich aufmerksam gemacht hat, ist der literarische Schlüsseltext ein Brief des englischen Romantikers John Keats , der vermutlich im Dezember 1817 abgefasst worden ist. Dieser Brief umspielt eine ästhetische Offenbarung, die auch heute noch als schönste Beschreibung der lyrischen Disposition gelten kann. Keats spricht darin von der negative capability , also von einer „negativen Befähigung“, die eintrete, „wenn einer fähig ist, in Unsicherheiten zu sein, in Unerklärlichkeiten, in Zweifeln, ohne dem ärgerlichen Ausstrecken nach Faktum und Vernunft“. …
Jede Gedichtzeile, so Bonné in Anlehnung an Keats, soll so lange als möglich im unsicheren Neuland bleiben. In den schönen Verrätselungen von Gedichten wie „Sonja“ oder „Ode an Null“ durchmisst man dieses unbegrenzbare Terrain – ohne immer den „Helden Hibiskus“ blühen zu sehen./ Michael Braun, FR 18.6.03
Mirko Bonné: Hibiskus Code. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2003, 90 Seiten, 17,90 €.
Jeder Überragende schickt ein Dutzend Große in die Kälte der Vergessenheit. Ein Celan verdunkelt die Eich, Lehmann, von der Vring, Bobrowski und Lavant. Die wir sonst stets die liberale Vielfalt preisen, anerkennen unbeirrt den Monarchen, den Ersten und Einen, die führende Größe, die die schwach Lesenden zusammenhält und ihnen Orientierung bietet. Obgleich doch die Kunst in Höchstformen nur existiert, weil sie im Ganzen von den Vielverschiedenen geschaffen wird. Man muss sogar dem Ranking, das die Geschichte selbst, die Überlieferung vornimmt, zuwider lesen. Erst dann verdient man das kleine und seltene Ehrenabzeichen des Lesers.
Das schickt Botho Strauss in der Zeit 26/03 einem Würdigungsartikel für Konrad Weiß voraus, den vergessenen großen Mystiker-Dichter:
Äußerste Verdichtungen der Sprache, oder besser gesagt: gesteigerte, ausgangslose Erlebnisformen des Deutschen, wie Hamann, Hölderlin, Weiß sie uns übertrugen, sind unverzichtbar, um die Sprache als Dienstmittel, sei es in der Erzählkunst oder der gesellschaftlichen Verständigung, von Zeit zu Zeit stärkend zu unterbrechen, damit sie nicht konstant ihrem Mangel anheim fällt. Dies geschieht unvermeidlich um den Preis der Abgeschlossenheit, denn im Herzen der Verdichtung kann zunächst kein anderer als der Dichter sein.
(Da derzeit kein einziges Buch von Konrad Weiß im deutschen Buchhandel lieferbar ist, verweist die Zeit im WWW dankenswerterweise auf ZVAB , wo es zahlreiche Angebote gibt.)
Im WWW:
Helmut Kreuzer , Ein Blick auf Konrad Weiß und seine Lyrik
Jürgen Brocans Ideale Bibliothek
/ 18.6.03
Inger Christensen hat dieses Langgedicht, das nun erstmals auch auf deutsch vorliegt, im Jahre 1969 veröffentlicht, im Alter von 34 Jahren. Unter der Hand, ja recht besehen mit der Niederschrift des ersten Wortes verabschiedet sie darin ein Zeitalter: die Moderne Mallarmés, Valérys, Blanchots. Mallarmés texttheoretisches Evangelium, wonach das Wort die Abwesenheit des Dings bezeichnet, wird durch ein neues Bedingungsverhältnis ersetzt. Die Autorin beruft sich auf die sprachgeschichtlichen Untersuchungen Noam Chomskys, wird aber auch von Naturwissenschaftlern gestützt, die für die beiden großen Evolutionsprozesse der Natur, die Evolution der Arten und die Evolution des Geistes, die Existenz einer Sprache voraussetzen. Nun werden die Naturwissenschaften von der Dichtung nein, nicht theologisiert. Ihr Wissen wird sprachexperimentell komplettiert.
Die schöne Klarheit, Genauigkeit und Ökonomie der Übersetzung Hanns Grössels sichert dem Buch seinen Rang scheinbar ganz mühelos auch in unserer Sprache. / Sibylle Cramer, SZ 18.6.03
INGER CHRISTENSEN: Det/Das. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Mit Aufsätzen von Walter Baumgartner, Bernhard Glienke und Gert Kreutzer. Kleinheinrich Verlag, Münster 2002. 500 Seiten, 45 Euro.
Eine Prise Hemingway´scher Existenzialismus, gepaart mit Bukowski’scher Gossenprosa und Brinkmann’scher Popbegeisterung – vieles, was Wondratschek so schrieb, wirkt erstaunlich artifiziell und konstruiert. Warum auch nicht, solange ein Meisterstück der Post-Pop-Dichtung wie die Brinkmann-Hommage „Er war too much für euch Leute“ dabei herauskommt. Das Gedicht erübrigt das Schreiben einer Brinkmann Biographie, so präzise und poetisch zeichnet es den Lebens- und Leidensweg des Lyrikers nach. Heute allerdings riecht das alles zu sehr nach 70er Jahre Muff. Dennoch ein interessantes Zeitdokument. Was macht Wondratschek eigentlich heute so? / Sascha Seiler, titel -Magazin
Wolf Wondratschek – Gedichte/Lieder
Zweitausendeins 2003.
Broschiert. 12,90 Euro
/ 8.6.03
Am 7. Juni vor 160 Jahren starb in Tübingen der Dichter Friedrich Hölderlin . Hier 1. ein hübscher Greifswald-Fund der Lyrikerin Silke Peters (mitgeteilt am 11.11.2001):
gerade lese ich einen meiner Lieblingsweisen, Karl Kerènyi, und habe einen Greifswaldfund. Er hat in den zwanziger Jahren in Greifswald studiert und verbindet den Hyperion mit der Stadt: „Die erste wahre Lust an einer fremden Sprache entsprang aus dem Italienischen, aus Leopardi-Gedichten, so intensiv, wie erst viel später, in der Greifswalder Zeit, aus dem lauten Lesen von Hölderlins Hyperion oder der Elegie Stutgard .“
2. zwei der Tübinger „Turm“-Gedichte – Werke eines anerkannt Geisteskranken:
Auf den Tod eines Kindes
Die Schönheit ist den Kindern eigen,
Ist Gottes Ebenbild vieleicht, –
Ihr Eigentum ist Ruh und Schweigen,
Das Engeln auch zum Lob gereicht.
StA, Band 2, Seite 264.
Der Spaziergang
Ihr Wälder schön an der Seite,
Am grünen Abhang gemahlt,
Wo ich umher mich leite,
Durch süße Ruhe bezahlt
Für jeden Stachel im Herzen,
Wenn dunkel mir ist der Sinn,
Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen
Gekostet von Anbeginn.
Ihr lieblichen Bilder im Thale,
Zum Beispiel Gärten und Raum,
Und dann der Steg der schmale,
Der Bach zu sehen kaum,
Wie schön aus heiterer Ferne
Glänzt Einem das herrliche Bild
Der Landschaft, die ich gerne
Besuch‘ in Witterung mild.
Die Gottheit freundlich geleitet
Uns erstlich mit Blau,
Hernach mit Wolken bereitet,
Gebildet wölbig und grau,
Mit sengenden Blizen und Rollen
Des Donners, mit Reiz des Gefilds,
Mit Schönheit, die gequollen
Vom Quell ursprünglichen Bilds.
StA, Band 2, Seite 276.
/ 7.6.03
Celans Haltung zum Verstehensproblem, soweit sich diese aus verstreut vorliegenden Äusserungen rekonstruieren lässt, war so widersprüchlich wie sein schwach hoffnungsvolles und gleichzeitig reserviertes Verhältnis zu seinem Publikum. 1958 verglich er den Kommunikationsprozess mit dem Aufgeben einer Flaschenpost. 1960, in der Büchnerpreis-Rede, beschrieb er beiläufig ein intuitives Verstehen, das dann entstehen könne, wenn man einen Menschen sprechen sehe und ihm aufmerksam zuhöre, ohne dass man indes wisse, wovon die Rede sei. Ein intuitives Erfühlen, wo ein anderer stehe, in welcher Richtung er sich bewege, ermöglicht durch einfache, unbefangene Aufmerksamkeit, allerdings auch eine unmittelbare Präsenz des Sprechers voraussetzend. / Dietrich Seybold, NZZ 7.6.03
die gemeinsam oft ein Graus sind, finden hier so phantasievoll und vergnüglich zueinander wie vielleicht nicht mehr seit dem späten Ernst Jandl. Mit „Diagonal“ spielen Yoko Tawada und Aki Takase ein großartiges Match in dessen Liga. / Thomas David, FAZ 7.6.03
14 unveröffentlichte Bücher hat ein Mann aus Greiz, Thüringen, bis zur Wende geschrieben. Das entnehme ich**) einem kurzen Zeitungsartikel über unbekannte DDR-Schriftsteller, über Literaten, die weder in den Westen gingen noch im Osten gefördert wurden. …
„Welches Buch empfehlen Sie mir. Welches ist Ihnen das Liebste?“
Er greift aus dem Haufen der Bücher, deren Kanten über die Tischbegrenzung ragen, zwei heraus, zwei Gedichtbände, Ullmann ist Lyriker, und seine liebsten Bände heißen Erdlicht und Die Sonne taucht im Wassertropfen. Im ersten Buch sind seine besten Gedichte aus 30 Jahren versammelt, im zweiten Kindergedichte.
Ich schlage Erdlicht auf. NEHMT UNS NICHT DIE HOFFNUNG/ diese ungewissheit/die noch halt gibt/legt uns nicht den/horizont/um/den hals. …
1976 wurde Biermann ausgebürgert. Und der stille Dichter Ullmann schickte umgehend Protestresolutionen an die staatlichen Organe. Das ist nicht weiter bekannt, dass Leute wie er so etwas getan haben, bekannt ist es nur von Stefan Heym und Christa Wolf und all den anderen Berlinern. Ullmann hatte keinen Kontakt zu ihnen. „Wir waren doch in der Provinz hier.“ Von da aus kam man nicht in den Westen, sondern geradewegs in den Knast.
**) auf der Website nicht genannter Autor/ Autorin, SZ 7.6.03
In knapp fünf Jahren hat Soyfer ein Werk von fast tausend Seiten geschrieben, vieles davon für den täglichen politischen Kampf oder um Geld zu verdienen, vieles davon halbfertig, kaum überarbeitet, bedrängt von der Zensur oder von ungeduldigen Schauspielern, die auf ihre Texte warteten. Und trotzdem sind darunter einige der bemerkenswertesten Theaterstücke, der beklemmendsten Gedichte, die die österreichische Literatur der dreissiger Jahre vorzuweisen hat, ausserdem das Fragment eines erstaunlichen Romans, dessen literarische Bedeutung erst entdeckt werden muss. Eine Gelegenheit dazu bietet die kürzlich erschienene neue Gesamtausgabe der Werke und Briefe Soyfers.
Jura Soyfer: Werkausgabe. 4 Bände. Herausgegeben von Horst Jarka. Deuticke-Verlag, Wien. 1270 S., Fr. 117.-.
/ Günther Stocker, NZZ 7.6.03
Während der Herrschaft Pinochets in Chile setzte man auf Gabriela Mistral, Lateinamerikas erste Trägerin des Nobelpreises, als Gegengewicht zu Pablo Neruda. So zierte ihr Bildnis die höchste Banknote. Jetzt diskutiert Chile die Frage, ob die „Mutter der Nation“ lesbisch war. / NYT *) 4.6.03
die gütig-paranoide, ist seine Heimat, Litauisch seine Muttersprache. Eine kleine, alte, dem Sanskrit sehr nahe Sprache, die weiche Konsonanten und klingende Vokale, dazu eine Vielzahl von Flexionsformen kennt und überdies reich ist an Wörtern zum Beschreiben von Wahrnehmungen. Eine schöne Sprache für Poeten. Antanas Jonynas macht Verse mit reichen Assonanzen, in rhythmischem Fluss, teilweise mit Reim. «Die Seele des Gedichts wohnt im Rhythmus», sagt er. / St. Galler Tagblatt 4.6.03
fordern wir. Und da – zugreifen! – ist sie:
Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Nr. 19, 2002. 151 S., Fr. 20.-. Zwischen den Zeilen. Nr. 20, 2003. Hefte 1-19 als PDF- Dateien auf CD-ROM mit Index, Fr. 40.-. (Urs Engeler, Editor, Dorfstr. 33, 4057 Basel)
besprochen von Sibylle Birrer, NZZ 4.6.03:
Zuweilen erweisen sich die poetischen Standbilder im Nachhinein als Ausblicke: So bündelten sich die 1992 im ersten Heft veröffentlichten Gedichte von Durs Grünbein im Folgejahr zum preisgekrönten «Falten und Fallen», und bereits 1994 eilte Marcel Beyer mit einer Handvoll Gedichte seinem lyrischen Début «Falsches Futter» von 1997 voraus. Die Capriccios von Birgit Kempker hingegen, die 1995 als «Hülle 2» in der Zeitschrift zu lesen waren, wurden 1999 in der Ausgabe «Als ich das erste Mal mit einem Jungen im Bett lag» verboten. So birgt mittlerweile «Hülle 2» als poetisches Vor- zum gerichtlichen Nachspiel eine subversive Note.
(L&P blickt neidisch auf die Schweiz: Basel & Zürich, wer reicht das Wasser?)
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