Versschmuggel

Im Gedicht „Praha 1990“ der Französisch-Schweizerin Sylviane Dupuis beginnt die zweite Strophe mit dem Ausruf „Étrangère!“, der die schockartige Erfahrung der Fremdheit pointiert an den Anfang setzt. Barbara Köhler verbannt die „Fremde“ ans Versende und macht aus ihr eine blasser wirkende Apposition: „Du wirst dich hier nicht schadlos halten, Fremde“. Und stehen die „deux animaux fabuleux“ des Marokkaners Abdellatif Laâbi nicht den – zu dem klangähnlicheren – deutschen „Fabeltieren“ näher als den „Märchentieren“?

Es soll hier jedoch nicht gebeckmessert, zumal die Übersetzungen oft gelungen sind. Ein weiteres Verdienst dieser Anthologie liegt darin, dass sie uns deutsche Gegenwartslyrik, die wir in der Regel nur mit der inländischen Konkurrenz vergleichen können, in einem internationalen Kontext präsentiert. Die frankophonen Autoren kommen immerhin aus vier verschiedenen Kontinenten. Der Leser hierzulande gewinnt so auch einen Einblick in verschiedene französischsprachige Kulturen. Zugleich schmuggelt der zweisprachige Band deutsche Gegenwartsdichtung in die Welt hinaus. Eine pfiffige Art von Kulturarbeit. / Jürgen Heizmann, SZ 22.8.03

THOMAS WOHLFAHRT, AURÉLIE MAURIN (Hrsg.): Vers Schmuggel / Mots de passe. Gedichte. Deutsch-französische Ausgabe. Herausgegeben von der LiteraturWERKstatt Berlin. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2003. 320 Seiten, 24,80 Euro

Eindringlinge und Tyrannen

Sein Werk kündet von der Tragödie nicht nur des irakischen Volks, seiner von wechselnden Diktaturen immer wieder enttäuschten Aufbruchshoffnungen. 1971, als ihn die nationalistische Baath-Regierung mit ihren «Säuberungen» vertrieb, kommentierte ein Vers: «Ich habe alle Despoten der alten Welt erlebt, doch jetzt entdeck‘ ich die Despoten der neuen Welt.» 1999, kurz vor seinem Tod, hat sich das Urteil noch verdüstert: «Das irakische Volk wurde von jeher von aussen und innen angegriffen. Und die Tyrannen waren so grausam und verbrecherisch wie die Eindringlinge. Sogar schlimmer. Die Eindringlinge gehen wenigstens wieder, wenn sie geraubt und zerstört haben, und lassen das Volk in Ruhe. Aber die Tyrannen bleiben.» … Al-Bayyatis Werdegang ist exemplarisch. Er trat als Romantiker an, schwang sich mit seinem zweiten Gedichtband 1954 zu einem Pionier der freirhythmischen Moderne auf und fand um 1970, von revolutionären Regimen enttäuscht, zum literarischen Sufitum. Dabei hat al-Bayyati selten auf die Musik nunmehr wechselnder statt – wie in der klassischen arabischen Poesie – immer gleicher Reime verzichtet. Verfechter einer radikalen Moderne haben ihm das verübelt. Sie hätten wohl ihre Freude an der vorliegenden Übersetzung ins Reimlose; wir hingegen vermissen etwas vom verführerischen Wohlklang seiner Worte – und, nebenbei, eine durchgängige Datierung der Gedichte. Was die Sufitöne al-Bayyatis oder etwa auch Adonis‘ betrifft: Die Hommage an die sufistischen Denker Ibn Arabi und Suhrawardi ist nicht im Geringsten religiös. «Ich schreibe nicht für Leute, die in einer Moschee beten!» (1999).
Ludwig Ammann, NZZ 21.8.03

Abdulwahab al-Bayyati: Aischas Garten. Ausgewählte Gedichte. Arabisch/Deutsch. Aus dem Arabischen von Khalid al- Maaly und Heribert Becker. Verlag Hans Schiler, Berlin 2003. 169 S., Fr. 27.50

Gedichtregen

Die chilenische Kulturzeitschrift „CasaGrande“ wollte Blätter mit Texten chilenischer und deutscher Dichter auf die Stadt niederflattern lassen. Aber die örtlichen „Organe“ erlauben es nicht:

Bereits mehrmals hat die Zeitschrift ihr ungewöhnliches Projekt erfolgreich verwirklicht. Die erste Etappe von „Lluvia de Poemas“ (Gedichtregen) war La Moneda, im März 2001 wurden über dem Regierungspalast in der chilenischen Hauptstadt 100000 Lesezeichen mit chilenischer Lyrik abgeworfen. 2002 ergoss sich ein Papierregen mit Texten kroatischer und chilenischer Schriftsteller über Dubrovnik, und für dieses Jahr wurde Dresden ausgewählt. In den kommenden Jahren sind das spanische Guernica und das japanische Nagasaki vorgesehen.

Anfang 2003 wendet sich also Julio Carrasco von „CasaGrande“ an das Goetheinstitut in Santiago. Von dort geht die Bitte um Unterstützung an das Literaturbüro Dresden, das die Unabhängige Schriftsteller Assoziation (ASSO) um Hilfe bittet. Deren Mitglied Uwe Claus schreibt Autoren, Vereinigungen, Literaturzeitschriften an. Die Liste derer, die sich mit ihrer Lyrik beteiligen möchten, ist mit 14 Autoren nicht gerade lang, weist aber mit Utz Rachowski und Undine Materni bekannte Dichter der Region auf. / Dresdner Neueste Nachrichten 21.8.03

Charlotte Mew

It is hard to understand why the English poet Charlotte Mew (1869-1928) isn’t better known. She deserves more readers. Virginia Woolf recognized that she was „very good and interesting and unlike anyone else,“ and Thomas Hardy, whom she revered as the „King of Wessex,“ considered her „far and away the best living woman poet, who will be read when others are forgotten.“ Mew’s poetry has a strange, agitated beauty./ Edward Hirsch´s Poet´s Choice, The Washington Post*) 21.8.03

Martin Merz (1950 – 1983)

Ungeschönt und ungekürzt sind alle Texte versammelt, die Martin Merz in die Tasten seiner Schreibmaschine gehämmert hat – ohne je zu korrigieren, ohne Widerruf oder Überarbeitung, wie Klaus Merz von der quasi eruptiven Schreibweise seines Bruders berichtet. So bleibt einem beim Lesen, den qualitativen Schwankungen zwischen den einzelnen Gedichten ausgesetzt, letztlich nur die permanente Befragung von Text und Lesart zugleich: Aus welchen Bildern oder Auslassungen sind die poetischen Sehnsuchtsräume gezimmert? Wie bewegt sich das lyrische Ich darin? Wie gut greifen die Werkzeuge des Verstehens und Interpretierens in Texten aus dem «Zwischenland»?

Wohl zu Recht fordert Elsbeth Pulver in ihrem so einfühlsamen wie klugen Nachwort, man solle sich auf den Dichter Martin Merz einlassen wie auf andere Lyriker. Dennoch tauchen hinter und über den intensiven Sprachbildern die anderen, biografischen Bilder immer wieder auf: Der vom Bruder gestützte, lachende Mann, der in seinen Gedichten so häufig vom Tanzen, von der Bewegung spricht. Der Dichterbruder, in dessen «Kavernen» im Kopf sich Texte bilden, «schmal und zerbrechlich wie Stalagmiten oder Stalaktiten», wie Klaus Merz das Überraschende, die Vorstellungen vom «Normalen» oder «Behinderten» Überrumpelnde beschreibt. / Sibylle Birrer, NZZ 20.8.03

Martin Merz: Zwischenland. Die gesammelten Gedichte. Mit einer Hommage von Klaus Merz und einem Nachwort von Elsbeth Pulver. Haymon-Verlag, Innsbruck 2003. 155 S., Fr. 25.

Becherhymne

Wie Adorno Eislers Vertonung der Becherhymne als ästhetischen Widerstand las, zeigt D. Razumovsky in der SZ vom 20.8.03

Archiv unterdrückter Literatur in der DDR

Die Autoren Ines Geipel und Joachim Walther haben jetzt bekannt gegeben, daß sie an einem „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ arbeiten.

Für Literaturwissenschaftler könnte sich hier ein Fundgrube auftun, etwa in den Gedichten von Edeltraut Eckert, deren Schwester ein Schreibheft mit 101 Gefängnis-Gedichten zur Verfügung gestellt hat: Edeltraut Eckert, 1950 vom sowjetischen Militärgericht zu einem Vierteljahrhundert Arbeitslager verurteilt, starb 1955 im Alter von 25 Jahren in einem Leipziger Haftkrankenhaus. / Berliner Morgenpost 18.8.03

Reiner Kunze 70

Zum 70. Geburtstag von Reiner Kunze: Ostthüringer Zeitung 21.8.03 / Berliner Morgenpost 16.8.03 / Berliner Zeitung 16.8.03

Sprachverrückt

Das «Poem über den Laut» [von Andrej Bely] ist ein genialisches Kompilat, in dem angelesenes Wissen und beiläufige Assoziationen, dichterische Einbildungskraft und missionarischer Eifer, philologische Akribie und philosophische Spekulation sich zu einer wahrhaft glossolalischen Wortflut vereinigen, die Relikte – Laute, Silben, Wörter, Wortverbindungen – aus gut einem Dutzend lebender und toter Sprachen wie selbstverständlich mit sich führt. Der Leser ist mit einer sinfonischen Dichtung konfrontiert, die nicht primär verstanden, sondern sinnlich wahrgenommen werden will im Hinhören auf ein ur- oder universalsprachliches Raunen, das weit mehr von der Klanglichkeit der Wörter als von deren Begrifflichkeit bestimmt ist und getragen wird.
Mit der «Glossolalie» reiht er sich ein in jene hintergründige Phalanx von «Sprachverrückten», zu der, unter vielen andern Autoren, auch Swedenborg und Wölfli, Chlebnikow und Roussel gehören.

Felix Philipp Ingold, NZZ 16.8.03

Andrei Belyi: Glossolalie. Poem über den Laut. Russische Originalfassung mit deutscher und englischer Übersetzung. Mit Anmerkungen und einer Einführung von Thomas R. Beyer. Herausgegeben von Taja Gut. Pforte-Verlag, Dornach 2003. 263 S. mit zahlr. Abb., Fr. 56.-.

«gedichtbegleitende massnahme»

Indem er sprachliche Mechanismen freilegt und genussvoll ausweidet, verwickelt er sich auch leicht in kleine Diskurse, hält wie beiläufig, absichtsvoll absichtslos, vertrackte Fragen hin, winzige Theoreme: «‹ich bin ein gedicht› – sicher einer der verzwacktesten sätze deutschsprachiger lyrik. ein / widerborst. der ist wovon er spricht.»

In diesem Band kann die «gedichtbegleitende massnahme», wie es einmal heisst, nur aufmerksame Lektüre sein, und die wird reichlich belohnt. / Martin Zingg, NZZ 13.8.03

Ulf Stolterfoht: fachsprachen X-XVIII. Gedichte. Urs Engeler Editor, Basel 2002. 123 S., Fr. 25.-.

Die Vogelscheuche Nächstenliebe

Er, der vom Klang des Walisischen bezaubert war, gab sich bis auf rare Ausnahmen karg und nüchtern im Umgang mit der englischen Sprache – was die Hintergründigkeit der scheinbar so geradlinig vorgebrachten Gedanken oft noch irritierender macht. Unversehens könnte sich der Leser in einer ähnlichen Attitüde vor diesen Gedichten finden, wie sie «Die Antwort» skizziert: «Wir fahren mit den Händen / über ihre Oberfläche wie Blinde / und tasten nach dem Mechanismus, der sie aufgehen lässt. Sie geben / nach, aber nur, um sich umzugruppieren / zu neuen Problemen . . .» Dass R. S. Thomas‘ Gedichte keine schlüssigere Antwort darstellen wollen als diese, bedeutet für den Leser gleichermassen Herausforderung und Gewinn. /Angela Schader, NZZ 12.8.03

R. S. Thomas: Die Vogelscheuche Nächstenliebe. Aus dem Englischen von Kevin Perryman. Babel-Verlag, Denklingen 2003. 83 S., Fr. 33.-.

Shakespeare-Sonette

Von der Romantik als Liebeslyrik wieder- und als Erlebnislyrik neu entdeckt, sind Shakespeares 154 Sonette vielleicht immer noch weniger bekannt als seine Dramen, aber deswegen nicht weniger häufig übersetzt. Unter den zahlreichen in den letzten Jahren erschienenen Publikationen zu Shakespeare finden sich auch neue Übertragungen und Nachdichtungen der Sonette. Wieder sind zwei Übersetzungen erschienen: Ludwig Bernays hat 56, Paul Hoffmann 30 Sonette übersetzt. Bernays, 1924 geboren und dreissig Jahre als praktischer Arzt tätig, hat im Ruhestand klassische Philologie studiert und begonnen, literaturwissenschaftliche Essays und Lyrikübersetzungen zu veröffentlichen. Dagegen bildeten Probleme des Übersetzens für Paul Hoffmann (1917-1999), langjähriger Ordinarius für neuere deutsche Literatur in Tübingen, einen roten Faden seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit. /Stefana Sabin, NZZ 12.8.03

Ludwig Bernays: Sonette von Shakespeare in deutscher Übertragung. Edition Signathur, Dozwil 2002. 75 S., Fr. 18.-.

William Shakespeare: Dreissig Sonette. Englisch/Deutsch. Übertragen von Paul Hoffmann. Attempto-Verlag, Tübingen 2002. 97 S., Fr. 33.50.

Sonett – Rilke und zurück

Man möchte dieser Leserschaft raten, sich in den beiden Bänden frei zu bewegen: Warum nicht bei Rilke anfangen, zu Louise Labé zurück- und weiter zu Ronsard gehen, im deutschen Barock blättern und sich zum deutschen 20. Jahrhundert ein wenig selektiver verhalten als Kemp, umso aufmerksamer die englische Sonettdichtung in Augenschein nehmen und dankbar feststellen, dass Giovanni Gioacchino Belli nicht vergessen ist . . . «Fertig» wird man nicht, und eben darauf hat es der Verfasser, wie er sagen würde, auch nicht «abgesehen». /Hanno Helbling, NZZ 6.8.03

Friedhelm Kemp: Das europäische Sonett. Wallstein-Verlag, Göttingen 2002. Zwei Bände, 442 und 535 S., Fr. 186.-.

Eingesandt

Ansonsten finde ich in ihrer 29. Lyrikpost die Übersetzungen von Malkowski ziemlich gräßlich, wenn ich ehrlich bin. Dieser Furor in der semantischen Genauigkeit zuungunsten des „Restes“ ist mir befremdlich. Das mag für den A-Kurs Mittelhochdeutsch eine gute Sache sein, aber sonst?
Bertram Reinecke (Leipzig)

Hartmann von Aue: Der arme Heinrich. Nachdichtung von Rainer Malkowski. Mit einem Nachwort von Norbert Miller. Hanser Verlag, München 2003, 151 Seiten, 14,90 €.

(vgl. archivierte Ausgabe 23/07/2003)

Gern benutze ich diese Zusendung für den Hinweis, daß in der Lyrikpost enthaltene Meinungen allemal Eigentum ihrer jeweiligen Autoren bleiben. Der Redakteur wählt aus – mit weitem Herzen, wenn auch keineswegs wahllos. Den Platz auf meiner Richterskala von voller Zustimmung über kritische Solidarität zu kritischer Distanz werde ich nur gelegentlich mitliefern (dann aber).
Im übrigen danke ich Frau Regina Berlinghof und Herrn Urs Engeler für freundlichen Zuspruch!

/ 31.7.03

Liebe Lyrikfreundinnen und -freunde in aller Welt,

Lyrikzeitung / Lyrikpost treten in eine dreiwöchige Sommerpause. Hier also die letzten Nachrichten – und voran ein Gedicht, das sich mir – warum auch immer – jetzt aufdrängt. Es stammt von einem französisch schreibenden ägyptischen Dichter koptischer Herkunft. Er heißt Georges Henein (1914 – 1973). Gefunden in: Das surrealistische Gedicht (der rote „Surrealismusziegel“) S. 557. Ein Gedicht, bei dem ich auch bitte die Anmerkung mitzulesen.

Sonia Araquistáin

grabt
und es wird ein Lächeln sein
ein Grabeslächeln
für die die das Leben beim Wort nehmen
grabt
und der Staub wird euch zu Herzen gehen
und ihr geht mit dem Herzen im Staub
während die Liebe säumt
reglos am Fensterkreuz der Weigerung

grabt
und es wird Himmel sein
es wird vielleicht Himmel sein
vielleicht die Teilung der Arten
oder der herzzerreißende Geschmack nach Regen
grabt
auf das diese Frau den Fächer ihres Sturzes entfaltet
auf daß sie für immer die Trägheit des Raumes ohrfeigt
auf daß ihr schönes Gesicht aus geborstnem Kristall
sich dem Festland vermählt

grabt
und es wird die einsamsten Augen der Welt geben
und auf dem fröstelnden Boden der Allee
eine Fremde unverhofft wie ein Fenster
grabt diesen Augen einen unmöglichen Blick
grabt unsren Namen in unsere Nacht
grabt für uns.

 

In der Anlage schicke ich Ihnen … ein Gedicht, das Sonia Araquistáin gewidmet ist. Sonia Araquistáin hat im September in London Selbstmord begangen, indem sie sich entkleidet aus dem dritten Stockwerk gestürzt hat. Da dieser Selbstmord dem niederträchtigen englischen Brauch gemäß Anlaß zu einem Prozeß gegen die Verstorbene war, wobei der Staatsanwalt eine unverhoffte Gelegenheit fand, alles verächtlich zu machen, was es an Poesie auf dieser Welt noch gibt, haben einige Freunde und ich beschlossen, als Antwort darauf eine internationale Huldigung für Sonia Araquistáin zu organisieren. Aber es scheint, daß dieses Vorhaben infolge der Kommunikationsschwierigkeiten, die zwischen Ländern und vor allem zwischen Kontinenten noch bestehen, sich verzögert. G.H.

/ 31.7.03