Tom Schulz

Über El Salvador im November 1989 schreibt Tom Schulz, junge Welt 20.12.03.

Tom Schulz wurde 1970 in der Oberlausitz geboren. Er wuchs auf in Ostberlin und lebt im Friedrichshain, z. Zt. als »vom Arbeitsamt geförderter Autor«. Er schreibt Gedichte, Prosa, Kritiken und Glossen in Zeitungen und Zeitschriften. Im Januar 2004 erscheint der Gedichtband: »Abends im Lidl« beim Kölner krash verlag

Selbstzitat à propos: Der Fall Anders

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das „Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen.“ (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). („Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!“)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise („Beamte traf ich, aber keine Menschen!“). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: „sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht „auf dem land“ [sic] aus: laut u. luise wegzulassen.“ Die überwiesene Summe: DM 3,24 (OE S 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): „Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.“
Ein Fall Anders? Oh nein. Eher ein Fall Deutschland; ein Fall Literaturbetrieb. / Michael Gratz, in: Wiecker Bote 27-29/ 1999.

Richard Anders erhielt 1998 als erster Preisträger den in Greifswald verliehenen Wolfgang-Koeppen-Preis. Zuletzt erschienen:

Anders, Richard
Marihuana Hypnagogica
Gedichte und Protokolle
(Galrev Druck- u. V.-G.) ISBN 3-933149-30-4

20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A] / 37,00 sFr

Richard Anders: Wolkenlesen.
Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen.
(Wiecker Bote) September 2003 – Taschenbücher – 167 S.
Lieferbar innerhalb von ein bis zwei Wochen
15,00 EUR
ISBN 3-935458-06-1
Hier Libri-Sofort-Kauf aktivieren

/ 20.12.03

Kleines Dossier: Mariella Mehr

Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Mariella Mehr. Literaturbetrieb. Rassismus

„Geltungsbedürftig, moralisch schwachsinnig“

«Verstimmbare, haltlose, geltungsbedürftige und moralisch schwachsinnige Psychopathin mit neurotischen Zügen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist.» So lautete 1964 das ärztliche Urteil über Mariella Mehr. Zu Ursache und Therapie formulierten die Mediziner kurz und knapp: «In Erwägung ihrer hereditären Belastung – die Probandin gehört zur dritten Generation einer degenerierten Vagantenfamilie – kann eine dauernde Einweisung in eine Psychiatrische Klinik nicht ausgeschlossen werden.»

Ehrendoktorwürde verliehen

1998 ernannte die Universität Basel die inzwischen mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin und Theaterautorin Mariella Mehr («Brandzauber», «Daskind») für ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit sowie für ihre Recherchen über die Jenischen zum Ehrendoktor. Ehrendoktor der Basler Universität ist auch der Basler Verleger Thomas Karger. 1968 publizierte sein Verlag einen «Beitrag zur Frage der Psychopathie» mit dem Titel «Nomadentum und Sesshaftigkeit als psychologische und psychopathologische Verhaltensradikale: Psychisches Erbgut oder Umweltsprägung.» Das Werk ist im Sinne der Rassenhygiene und des Rassismus des Dritten Reiches geschrieben und enthält unter anderem Vorschläge zur Zwangssterilisation und zur lebenslänglichen Versorgung in psychiatrischen Kliniken. …

Der Basler Verleger Thomas Karger, der als Kind jüdischer Eltern einst selber aus Berlin fliehen musste, hat sich nie öffentlich von der Dissertation distanziert. Während an der Universität Basel die Ausstellung «Alltag der Jenischen, Sinti und Roma» geöffnet ist (bis zum 5. Dezember 2003), hat sich der heutige Geschäftsführer Steven Karger schriftlich bei Mariella Mehr entschuldigt: «Inzwischen ist es bekannt und öffentlich geworden, dass Benedikt Fontana Ihre Sippe in diesem Artikel diffamiert und mit seinen Thesen Hand zu deren kulturellen und sozialen Zerstörung geboten hat. Der S. Karger Verlag kann für den redaktionellen Inhalt der Zeitschrift («Psychiatrica Clinica», Anm. d. Red.) keine Verantwortung übernehmen, distanziert sich aber in aller Form vom Geist dieses Artikels. Wir teilen sowohl der betroffenen Sippe als auch dem Jenischen Volk in der Schweiz unser aufrichtiges Bedauern mit.»
Zum Inhalt der Dissertation meinte Steven Karger auf Anfrage der «Südostschweiz»: «Ich erlaube mir da kein Urteil, ich bin kein Fachmann. Es war übrigens keine Dissertation, sondern ein ganz normaler Artikel, der vor über dreissig Jahren veröffentlicht wurde. Das war einfach eine andere Zeit damals.» /Willy Näf, Aktion Kinder des Holocaust. Mehr

Mariella Mehr

Geboren 27.12. 47, in Zürich, Schweiz, als Jenische, eine Angehörige des Roma-Volks

Bürgerin von Almens GR und der Stadt Zürich

Nachrichten aus dem Exil / Nevipe andar o exilo
Übersetzung ins Romanes von Rajko Djurić
Autor: Mariella Mehr
112 Seiten
Preis: 197,- ATS
Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag, 1998

Übersetzt wurden die Gedichte ins Romanes von dem in Deutschland lebenden Rom Rajko Durić. So wurde auch der Autorin Mehr ein Stück Eigenes zurückgegeben.

Thomas Huonker: Wahnsinn und Wahrheit. Zur literarischen Leistung Mariella Mehrs. In: Mariella Mehr. Kinder der Landstrasse. Zytglogge Verlag, Bern 1987, pp. 134-153

Aus „Nachrichten aus dem Exil“, Gedichte von Mariella Mehr

Kein Meer lag uns zu Füßen,
im Gegenteil, wir sind ihm
mit knapper Not entgangen, als
uns – kein Unglück, sagt man, kommt allein –
der stählerne Himmel ans Herz fesselte.
Umsonst haben wir an den Schädelstätten
um unsere Mütter geweint,
und tote Kinder mit Mandelblüten bedeckt.
sie zu wärmen im Schlaf, dem langen.
In schwarzen Nächten sät man uns aus
um dann, in den Morgenstunden,
die Erde von uns Nachgeborenen leerzufegen.
Noch im Schlaf such‘ ich Dir Wildkraut und Minze;
Fall ab, Auge, sage ich zu Dir,
und daß Du nie in ihre Gesichter sehen sollst,
wenn ihre Hände zu Stein werden.
Darum das Wildkraut, die Minze.
Sie liegen Dir still auf der Stirn,
wenn die Mäher kommen.
Für alle Roma, Sinti und Jenischen,
für alle Jüdinnen und Juden,
für die Ermordeten von gestern und die von morgen.

Übersetzung ins Romanes: Rajko Djuric

0 dorav naj sas paša mare punre,
amen leske naklam,
sar phenol pe,
– ni jek bibaht kokoro ni resel –
o sastruno devel pe amare ile pelo.

Gote kaj si e šere nange, ivjake

amen amare dajenge rujam

thaj e mule chaven e mandeleske patrenca uchardam,

te tataras len, an sajekutno suno.

An kale raca chuden amen

thaj napal an detharinake sahata

e phuv amendar, nevebijandendar cuci meken.

An suno rodav tuke vošenge cara thaj menta rupuni;

te trebela, jakha, me vakarav tuke,

nikana an lengo cham te na dikhes,

te lenge vasta bara kerdona.

Godoleske e vošenge cara, e menta.

Von pe co cikat pašljon,

kana e aindzara resena.

Sa e Romenge, Sintenge thaj Jenischenge, sa e Judenge,

save si mudarde arati thaj save tajsa avena mudarde.

weitere Gedichtbände:

„in diesen traum schlendert ein roter Findling“, Gedichte, Zytglogge, Gümligen, 1983

„Widerwelten“, Gedichte, 2-sprachig, Drava Verlag, Klagenfurt, 2001

„Im Sternbild des Wolfes“, Gedichte, Drava Verlag, Klagenfurt, 2003

Über Mariella Mehr:

Elementarereignisse und grosse Kunst – die Gedichte der „Widerwelten“ sind beides in einem.

Kurt Marti 2001

Wislawa Szymborska und Mariella Mehr sind die bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart!

Dr. Michaela Lehner vom ORF im Gespräch mit Dr. Helga Mracnikar

Mariella Mehr gehört zweifellos zu den sprachmächtigsten Autorinnen der Schweizer Gegenwartsliteratur. Sie schreibt eine lyrisch verdichtete Prosa; in ihrer Lyrik dagegen neigt sie zu einer verschwenderischen, barocken Bilderpracht …

(Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung)

Die Schriftstellerin Mariella Mehr, 1947 in der vermeintlich neutralen Schweiz geboren, ist zu jung für die Schublade der Opfermehrheiten Jüdin, Roma, Sinti; … kann weder Partisanen- noch Nazitochter sein. Mariella Mehr entstammt weder dem Zugriffszeitraum noch dem Zugriffsgebiet des Faschismus. Und doch ist sie Teil jener Kommune, die sich heute, nach dem Abschluss des Jahrhunderts der Totalitarismen, vergeblich an den Wunsch klammert, endlich als Menschen wie du und ich betrachtet zu werden.

Martin Droschke, PNN 27.4.02

Links: Website der Autorin / Lexikon deutschsprachige Schweiz / Nobelpreis für Mariella Mehr. Schmähschrift / Gespräch mit Rajko Djuric (Die Literatur der Sinti und Roma)

/ 20.12.03

Es gärt aus dem Off

Der immer noch als einziger im Buchhandel erhältliche Gedichtband „JeDaZeitBereit“ von Tom de Toys stammt von 1993 und ist damals im Claus Richter Verlag seines Kunsttherapie-Professors Peter Rech erschienen. Für die von 21 auf 33 Gedichte erweiterte Neuauflage des vergriffenen Folgewerkes „ÜBERWELTIGUNG“ (Erstauflage im Bochumer Vapet-Verlag 1999) suchen wir nun dringend einen neuen Herausgeber. Es handelt sich um eine programmatische Auswahl „Direkter Dichtung“, die von den Scheuklappen des germanistischen Establishments ignoriert wird. Selbst Robert Schindel sprach sich in einem Aufsatz sogar offensiv gegen das (leider mißverstandene) allzu „direkte“ Moment aus – unsere verklemmt-verbissenen Formfanatiker verstecken sich gut hinter ihren METAPHERNMASKEN, und die 70er-Jungautoren schreiben fleißig ab: mangels eigener Lebensphilosophie werden pathetische Hohlformeln reaktiviert und neue austauschbare Variationen hinzugefügt. Das nennt man dann wohl im „Kanon“ der Literatur singen: der offizielle deutsche Dichterchor ist ein lausiger Schildbürgerstreich!!! Doch die Leichtgläubigkeit des Lesers wird überschätzt, unter der Hand wird schon immer der eigentliche „Unterstrom“ (vgl. Toussaint & Töske) gehandelt – es brodelt und gärt aus dem Off… / Tom de Toys (Neuropoelitiker) 20.12.03

Übersetzen & verstehen: Herder

Vorzüglich kommentiert ist auch die Auswahl Christoph Michels aus Herders Sammlung von Volksliedern. So schildert der Herausgeber Herders Mühen bei der Übersetzung des „Ännchen von Tharau“. Der Kommentar kontrastiert das Original in preußischem Plattdeutsch („Anke van Tharaw öß, de my geföllt / Se öß mihn Leven, mihn Goet ön mihn Gölt. // Anke van Tharaw heft wedder eer Hart / Op my geröchtet ön Löw‘ on ön Schmart.“) und zitiert Herder: Das Lied „hat sehr verloren, da ich’s aus seinem treuherzigen, starken, naiven Volksdialekt ins liebe Hochdeutsch habe verpflanzen müssen“. Neben alten und veränderten Texten – so etwa Goethes „Erlkönig“, einer gegenüber der dänischen Vorlage weitgehend neu gedichteten Ballade – stehen Texte, die gerade erst entstanden waren, wie das immer wieder vertonte „Abendlied“ von Matthias Claudius, mit dem Herder auch seine Vorliebe zu den Büchern des Alten Testaments teilte.

„Kein Buch des Alten Testaments ist gemisshandelter worden als das so genannte Hohelied Salomons. Man weiß, bei seinem klarem Wortverstande, nicht, was man daraus zu machen habe, hat Allegorie, Mystik, zuletzt Zoten und Liebesränke darüber geschüttet – und das alles aus lauter lieber Heiligkeit – es steht ja in der Bibel!“ So umriss Johann Gottfried Herder das Unverständnis, auf welches das Lied der Lieder weithin stieß, das er 1778 in neuer Übertragung herausbrachte. Seiner Edition fügte er eine von Regine Otto in „Lieder der Liebe“erfreulicherweise ebenfalls abgedruckte kleine Geschichte der Übersetzungen dieses biblischen Buches an, in der er auch eine Reihe von mittelhochdeutschen Übersetzungen aus „alten Minneliedern“ mitteilte, die mit dem Text, der damals nur aus der lateinischen Vulgata bekannt war, viel unbefangener umgegangen sind als die allegorischen Auslegungen der Theologen. / Hans-Albrecht Koch, Die Welt 20.12.03

Johann Gottfried Herder: Lasst in die Herzen sie dringen. Volkslieder. Insel, Frankfurt/M. 121 S., 12,80 EUR. Lieder der Liebe. Manesse, Zürich. 174 S., 12,90 EUR.

Vgl. auch Bernhard Rothen, NZZ 20.12.03, über die neudeutsche Bibel.

Bernstein entdeppt

Kein Droste(Wiglaf) ohne Bier(mann), bitte sehr:

Wo [F.W.] Bernstein hindichtet, da wächst kein Kitsch mehr, kein Schwurbel, keine Angeberei, kein Bier- und kein Eppelmann. Wer es beklagt, dass diese Welt viel Dummheit mit sich schleppt / Der lese Bernstein – und wird kompetent entdeppt.

taz Nr. 7238 vom 19.12.2003, Seite 20, 105 Zeilen (Kommentar), WIGLAF DROSTE

Tod des irakischen Diktators

In der NZZ vom 19.12.03 schreibt der in Deutschland lebende Exiliraker Khalid al-Maaly, wie er die Nachricht vom Tod des irakischen Diktators erlebte:

Bei einigen Menschen war die Freude nicht zu übersehen. Andere waren offensichtlich nicht erfreut. Die Iraker in den Emiraten verstecken sich nicht mehr. Sie haben auch keine Angst mehr voreinander. Sie sind wieder normale Menschen. Die Verhaftung von Saddam hat allerdings bei einigen Arabern die Frustration noch verstärkt. Für sie bleibt er der personifizierte Traum vom übernatürlichen arabischen Helden. Nun werfen sie den Irakern Verrat an dieser Ikone vor.

Keine Metapher

In einem seiner bisher letzten Bücher, Hinab Hinab von 1998, steht das Gedicht Die Dichtung brennt, das die Frage nach dem Sinn von Poesie angesichts des Krieges stellt. „Das Feuer setzt Satzzeichen. / Das flinke Feuer mit verkohlten Augen / blättert die Blätter mit Flammenfingern. // (… Es brennen die Rosen in umfriedeten Gärten. / Es brennen die Spelunken, die Stäbe der Minarette brechen. / Die Kirchen brennen / Im Feuer die verkohlte Frage: / Was ist ein Gedicht.“ Die Strophe ist zu Ende, keine Antwort, es folgt: „Es brennen alle auf einmal in Brand gesteckten Gesichter der Uhren. / Vergangene Zeit, kommende Zeit / schwirren aus den Flammen der Jetztzeit. / Auf die Frage: Was ist der Tod, / tropft Blut / aus der Todeswunde des gerade Geborenen.“ Blut ist hier keine Metapher. / Hans-Peter Kunisch, Die Zeit 52/2003

Dane Zajc: Hinter den Übergängen
Gedichte u. Stimmen, teils zweisprachig; aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner; Nachwort von Ales Steger; enthält CD, gesprochen und gesungen von Dane Zajc und Janez Skof; Klett-Cotta, Stuttgart 2003; 144 S., 22,50 EURO

Fels ohne Eile

Grasnick gönnt dem Leser den Canaletto-Blick über Pirnas Marktplatz, lässt ihn das Ablegen eines Elbdampfers im Frühnebel miterleben und ist sich gewiss: „Ich komme zum Fels,/weiß, er steht dort,/wo ich ihn verließ“. / BLZ 18.12.03

Ulrich Grasnick/S. Friedemann: Fels ohne Eile. Lesebühne der Kulturen Karlshorst 2003. Limitierte Auflage. 110 S., 20 Euro, mit Originalgrafik 40 Euro. Bestellen über 5548 7592 oder 4404 3421(Atelier Hartwig).

Dan Pagis

Der Lyriker Dan Pagis dürfte hierzulande nur wenigen bekannt sein. 1930 in Radautz (Bukowina) geboren, durchlitt Pagis als Kind die Shoah, wanderte als Siebzehnjähriger nach Palästina ein, lernte Hebräisch – wurde Lehrer und später Professor für mittelalterliche hebräische Dichtung in Jerusalem, Harvard und Berkeley.
Pagis‘ Gedichte sind gedankenreiche, in ihrer Tiefgründigkeit «tageshelle» Deklinationen des Schweigens: Sie rühren an Unberührtes, sie schauen aus dem Nicht-mehr ins Noch-nicht, aus dem Tod ins Leben, aus dem Raum in die Zeit. So überwach, so geklärt und so durchleuchtet von Abgrund ist diese Dichtung, dass ihr Leser, will er sie denkend mitvollziehen, zu ihrem Mitschöpfer werden muss.

Der misstrauischste Blitz im Auge der Katze sehnt sich in der stechendsten Sekunde, ich zu sein. (…)

Kurt Kreiler, NZZ 16.12.03 über

Dan Pagis: An beiden Ufern der Zeit. Ausgewählte Gedichte und Prosa. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Straelener Manuskripte, Straelen 2003. 128 S., Fr. 46.40.

Kritiker gesucht

Poetry rarely makes the front page of The Wall Street Journal, but throw in 100 million bucks and the newspaper starts to get interested. Last Monday it ran a story about Poetry magazine, a 90-year-old institution in the world of American letters, receiving just such a sum from one Ruth E. Lilly, the drug company heiress.

So beginnt Philipp Marchand einen Aufsatz im Toronto Star vom 16.12.03 Sein Artikel schließt messerscharf:

We need critics, first of all, who can tell good verse from bad, and who then can act as collaborators with poets, guiding the reading public through the wilderness of various forms and pointing to the genuine triumphs of language that some poets have wrought. Until we get such critics, the audience of poets will remain almost entirely other poets.

hua fei hua

Toby Litt, a novelist from London, was adjusting the shape of his mouth to get the right pronunciation of hua fei hua? the Chinese phrase for „a flower is not a flower.“ He had just learned it from Chinese poet Ye Yanbin. / Bericht über eine Chinareise britischer Autoren in China Daily 13.12.03

The „Poet of Palestine“ died

Renowned Palestinian poet Fadwa Toukan, known as the „Poet of Palestine,“ died Friday at her home in Nablus. She was 86.

Toukan, whose poems have been translated into English and Farsi, was famous for her poetry depicting the suffering of the Palestinian people living under occupation.

She was also an avid promoter of woman’s rights and through her poetry, reflected the hardships faced by women in the male-dominated Arab world. / Jerusalem Post 13.12.03

Links: „I Found It.“ Modern Arabic Poetry / Gedicht: „A life“ / The vision of Henry /
[viele Links in diversen Sprachen bei Google! – aber auf Deutsch?]

Vertreten in den Anthologien: Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker (Hg. Annemarie Schimmel) Eugen Diederichs 1987 / Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute (Khalid al-Maaly) Das Arabische Buch 2000

Hier eins ihrer Gedichte über Palästina:

Enough for Me

Enough for me to die on her earth
be buried in her
to melt and vanish into her soil
then sprout forth as a flower
played with by a child from my country.
Enough for me to remain
in my country’s embrace
to be in her close as a handful of dust
a sprig of grass
a flower.

Vergessene Klassikerin

In seinem 1962 veröffentlichten Lyrikband Schattenland Ströme ließ Johannes Bobrowski drei Gedichte aufeinander folgen, von denen jedes einer jüdischen Dichterin gewidmet ist. Eines von ihnen richtete sich an die 1940 nach Schweden emigrierte und von da an in Stockholm lebende Nelly Sachs, ein anderes an Else Lasker-Schüler. Das dritte Gedicht ist mit „Gertrud Kolmar“ überschrieben und endet mit den Zeilen: „Wenn ich deiner gedächte:/ Vor die Buche trat ich,/ ich hab befohlen der Elster:/ Schweig, es kommen, die hier/ waren – wenn ich gedächte:/ Wir werden nicht sterben, wir werden/ mit Türmen gegürtet sein?“ Bobrowski gedenkt der einzigen der drei Lyrikerinnen, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen war und ihr 1943 in Ausschwitz zum Opfer fiel, mit einer Sprache, die „rostig von Blut“ ist – und indem er in der letzten Zeile fast wortwörtlich aus ihrem Gedicht „Die Jüdin“ zitiert, aus dessen Auftaktversen: „Ich bin fremd.// Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,/ Will ich mit Türmen gegürtet sein,/ Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein.“ / Jan Wagner, FR 13.12.03

Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Herausgegeben von Regina Nörtemann.Wallstein Verlag, Göttingen 2003. Drei Bände, 1248 Seiten, 98 Euro.

Im Netz: Kolmar-Seite Falkensee / orte. Kontextverlag / Wer war Gertrud Kolmar / Les mondes de Gertrud Kolmar (L´humanité) / Reinhard Döhl /

Neger-Idyllen

Doch auch viel direkter noch war Herder ein Kritiker des Kolonialismus: Dem 114. Humanitätsbrief, der einen Gedichtzyklus mit dem sarkastischen Titel «Neger-Idyllen» enthält, ist eine eindrucksvolle Einleitung vorangestellt: «Der Neger malt den Teufel weiss, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. ‹Warum giessest du mir Wasser auf den Kopf?›, sagte jener sterbende Sklave zum Missionar. – ‹Dass du in den Himmel kommest.› – ‹Ich mag in keinen Himmel, wo Weisse sind›, sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit!» / Luca Di Blasi, NZZ 13.12.03

Literatur:
  • Solbrig, Ingeborg, Herder and the „Harlem Renaissance“ of Black Culture in America: The Case of the „Neger-Idyllen“, in Herder Today: Contributions From the International Herder Conference, November 5-8, 1987, Stanford, California 402 (Kurt Mueller-Vollmer, ed. 1987).
  • Shelley, Philip Allison. „Crèvecoeur’s Contribution to Herder’s „Neger-Idyllen““. The Journal of English and Germanic Philology, vol. 37, 1938, p. 48-69. Urbana : The University of Illinois. ( Article extrèmement érudit sur l’influence de l’oeuvre de St. John de Crèvecoeur en Allemagne, et particulièrement sur le „Neger-Idyllen“ de Herder.)

NZZ bringt zum 200. Todestag Herders außerdem einen Artikel von Marion Heinz und Jochen Johannsen über Herders Humanitätsphilosophie.