Odd lines

If Marianne Moore’s poems seem odd to us even now, more than 80 years after the appearance of her first book, this is partly because they are literally — mathematically — odd. Far more than any English-language poet before her, she experimented with lines containing an odd number of syllables — 9, 7, 5 or, as in “The Fish,“ an unlikely 1 and 3:

All
external
marks of abuse are present on this
defiant edifice.

Brad Leithauser, NYT *) 4.1.04

THE POEMS OF MARIANNE MOORE
Edited by Grace Schulman.
449 pp. New York: Viking. $40.

In der NZZ besprach Jürgen Brôcan am 4.9.03 (L&P Archiv 09/2003):

Eva Hesse: Marianne Moore. Dichterin der amerikanischen Moderne. «Die Ehe» als ihr «Wüstes Land». Rimbaud-Verlag, Aachen 2002. 132 S., Fr. 27.-.

Marianne Moore: Becoming Marianne Moore. The Early Poems, 1907-1924. Ed. by Robin G. Schulze. University of California Press, Berkeley 2002. 504 S., $ 50.-.

Hier Gedichte und Informationen, darunter das Gedicht Poetry mit der Anfangszeile:

I, too, dislike it: there are things that are important beyond all this fiddle.

To earthward

In The Oregonian vom 4.1.04 schreibt David Biespiel über das Gedicht „To earthward“ von Robert Frost.

Hinter tausend Gedichten eine Welt?

Durs Grünbein, bedeutendster deutscher Lyriker der Gegenwart, kämpft Tag und Nacht mit Versen / schreibt Susanne Kunckel, Die Welt 4.1.04

Eintritt des Jahres 1754 in Berlin

Gotthold Ephraim Lessing: Der Eintritt des Jahres 1754 in Berlin, in Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Morgenpost 4.1.04 – Mit diesem Beitrag endet die Serie – „vorerst“.

Private Anzeigen

sind eine neue Kunstform – eine mit mehr Witz und komplexeren Anspielungstechniken als die meisten modernen Gedichte, meint Catherine Keenan im Sydney Morning Herald vom 3.1.04

Beispiel aus der New York Review of Books: „Before I turn 67 – next March – I would like to have lots of sex with a man I like. If you want to talk first, Trollope works for me.“ Die Dame hatte enormen Erfolg – und wirkte stilbildend.

Renovierte Moderne

Fast vierzig Jahre sind seit dem Erscheinen von Höllerers Geschichte der Poetik in Fragmenten vergangen; sie war – wie übrigens auch Enzensbergers unlängst neu aufgelegtes «Museum der modernen Poesie» – stark renovationsbedürftig. Norbert Miller und Harald Hartung haben das Werk nun neu herausgebracht und im Umfang nahezu verdoppelt. Da und dort setzten sie neue Akzente – Wilde, Cocteau und Bataille etwa wurden weggelassen, dafür weitete sich das Blickfeld ostwärts (Zwetajewa, Mandelstam) und in den angelsächsischen Raum (Shelley, Keats, Yeats, Frost, Stevens). … Indessen reicht nun die Anthologie bis ganz an die unmittelbare Gegenwart heran. Gerhard Falkner (geb. 1951), Thomas Kling (geb. 1957) und Durs Grünbein (geb. 1962) sind die jüngsten der neu aufgenommenen Autoren. / Roman Bucheli, NZZ 3.1.04

Walter Höllerer: Theorie der modernen Lyrik. Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung. Carl-Hanser-Verlag, München 2003. 2 Bände, 993 S., Fr. 91.-.

Revolutionsfeier

Anlässlich des Revolutionsfeiertags am 7. November 1938 erhielten die Gefangenen des Wladiwostoker Besserungs- und Arbeitslagers die Erlaubnis, auf einem Fetzen Packpapier einen Gruß nach Hause zu schreiben. „Bin außerordentlich erschöpft. Abgemagert, fast nicht wiederzuerkennen. Aber Kleider zu schicken, Essen und Geld – weiß nicht, ob es Sinn hat. Versucht es trotzdem. Ich friere sehr ohne Kleider“, schrieb Ossip Mandelstam an seinen Bruder nach Moskau. Zwei Wochen später starb der Schriftsteller, der einer Legende zufolge seinen Mithäftlingen am Lagerfeuer Petrarca-Sonette rezitiert haben soll, ausgezehrt und in geistiger Verwirrung. Er wurde in einem Massengrab verscharrt.

„Die arme Poesie weicht vor der Vielzahl der auf sie gerichteten Revolvermündungen strikter Forderungen. Wie muss Poesie sein? Vielleicht muss sie überhaupt nicht, vielleicht ist sie niemandem etwas schuldig.“ Seine radikale Absage an jede Vereinnahmung der Literatur hat Ossip Mandelstam mit dem Leben bezahlt.

Ralph Dutli: „Mandelstam. Meine Zeit, mein Tier. Eine Biographie“. Ammann Verlag, Zürich 2003. 640 Seiten, 28,90 €

/ Marion Luhe, taz vom 2.1.2004, Seite 12
(vgl. im Archiv, Lyrikzeitung 7, 10, 12/ 2003)

Vor 90 Jahren

Porträt des Jahres 1914 in Gedichttiteln

Autor Vorname Titel Titel
Ady Endre appel aux veilleurs] L´Europe des Poètes. anthologie multilingue
Aiken Conrad [Potter] discordants Poet´s Corner
Aiken Conrad [Potter] bread and music Poet´s Corner
Akins Zoë i am the wind Poet´s Corner
Akins Zoë the wanderer Poet´s Corner
Becher Johannes R. der idiot Das große deutsche Gedichtbuch
Benemann Maria # Epochen der deutschen Lyrik .10 (13) Bände
Benemann Maria herr nun ist’s zeit.eEs stehen katastrophen gedichtepool.de
Bröger Karl bekenntnis Das große deutsche Gedichtbuch
Dehmel Richard deutschlands fahnenlied Das große deutsche Gedichtbuch
Ehrenstein Albert leid Das große deutsche Gedichtbuch
George Stefan wer je die flamme umschritt Das große deutsche Gedichtbuch
George Stefan auf neue tafeln schreibt der neue stand Das große deutsche Gedichtbuch
George Stefan aus purpurgluten sprach des himmels zorn: Lyrik interpretieren. Eine Einführung
Hartmann Walther Georg mein bruder feind! Der jüngste Tag
Hoddis Jakob van morgens Das große deutsche Gedichtbuch
Klemm Wilhelm schlacht an der marne 1914 – 1916. Eine Anthologie (Die Aktions-Lyrik 1)
Klemm Wilhelm schlacht an der marne L´Europe des Poètes. anthologie multilingue
Kufeld David das lied vom küster deis Heimatbuch der Deutschen aus Rußland 1982 – 1984
Leip Hans lili marleen Das große deutsche Gedichtbuch
Lersch Heinrich soldatenabschied Das große deutsche Gedichtbuch
Lichtenstein Alfred die schlacht bei saarburg 1914 – 1916. Eine Anthologie (Die Aktions-Lyrik 1)
Löns Hermann rote husaren Aus der Heimat. Alte und neue Lieder nach Wort und Weise
Machado Antonio (M. y Ruiz) espana, en paz L´Europe des Poètes. anthologie multilingue
Majakowski Wladimir la guerre est déclarée L´Europe des Poètes. anthologie multilingue
Mandelstam Ossip europe L´Europe des Poètes. anthologie multilingue
Rilke Rainer Maria ausgesetzt auf den bergen des herzens Das große deutsche Gedichtbuch
Rilke Rainer Maria es winkt zu fühlung fast aus allen dingen Das große deutsche Gedichtbuch
Schröder Rudolf Alexander heilig vaterland Kernlieder für die Volksschule. Kernlieder der NSDAP
Stadler Ernst der spruch Das große deutsche Gedichtbuch
Vagts Alfred winterschlacht 1914 – 1916. Eine Anthologie (Die Aktions-Lyrik 1)
Zwetajewa Marina die freundin] Poems Datenbank poems.fp5

Tom de Toys & Herold Himmelfahrt

Ab Januar 2004 sind zwei brandneue Gedichtzyklen (NZ+HAG) der beiden Herren in der G&GN-Edition „doPPelsondAdruck“ erhältlich – Online-Vertrieb: http://www.linkesbuch.de/index46084.htm

Signierte Exemplare direkt bei: poemie@GGN.de (incl. BONUSTRACK: „SILVESTA“, das programmatische
Gedicht vom 31.12.96 aus dem vergriffenen Band „für immer wach“)

Lese- bzw. Mutprobe hier.

The Continent´s Outcasts´ unique poetry

Der Independent berichtet in seiner ersten Ausgabe 2004 über eine serbische Roma-Schule:

Falteringly at first, Marija begins to recite the poem. The unfamiliar words come in staccato bursts and tell the story of a cold winter. „There’s no wheat in the house any more./ No heating wood at all./ We lie here in the dark.“
Marija is nine years old and is only now learning her own language, Roma, the native tongue of Europe’s Gypsies, the continent’s most-deprived ethnic group. For her and thousands of children like her in the Vojvodina area of northern Serbia, the poem is not a dark fairy tale but a daily reality.
… Mr Ivanov did not choose to start the children on poetry by accident. „The way Roma make poems is beautiful and unique,“ he says. The local Roma grammar with four dipthongs and a 47-letter alphabet was so unique that it drew linguists from Paris to study its roots.
Marija who now speaks her mother-tongue at home does not falter when asked what it means to be Roma. „It means you are good, decent and happy,“ she says. „Roma people are good and they are hard-working.“ Her teacher says he and his colleagues are not miracle workers but they are committed to change.
„We are pioneers in that we don’t expect help and we don’t expect miracles,“ he adds. „We do expect things to get better. More education equals less poverty and less crime.“

Dylanesque 1:

Warum Martin Walser Bob Dylan nicht mag

Spät entdeckt – aber es ändert vieles. Nämlich ich gehörte zu denen, die den Tod eines Kritikers nicht für antisemitisch hielten, halten. Aber nun:

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Werk Bob Dylans und dessen Rezeption in der bundesdeutschen Medienöffentlichkeit. Dabei ist mir aufgefallen, daß die Auseinandersetzung mit Dylan nicht selten antisemitisch aufgeladen ist. (…) Das erinnert mich auch an die Bemerkung eines westdeutschen Autors, der zurückgezogen in seinem Bodensee-Refugium lebt, von wo er sich gelegentlich mit Kommentaren zum Zeitgeist meldet. Er, der seine Worte besonders behutsam, nach meinem Geschmack behäbig zu setzen pflegt, fragte mich, von meinen Beobachtungen und Betrachtungen zu Dylans achtsiebzigerer (sic) Tour offenbar gelangweilt, plötzlich nicht ohne einen aggressiven Unterton, was eigentlich an diesem „herumzigeunernden Israeliten“ Besonderes wäre. (…)
Ich war verblüfft, und ich war verunsichert. Sollte das ein Witz sein? War es ein Zitat? Wieso diese Emphase? (…) Nein, es sollte kein Witz sein, und es war auch kein Zitat. Es war Walsers ureigene Sprachschöpfung. Was sie an diesem „herumzigeunernden Israeliten“ finde, habe er auch schon seine von Bob Dylan begeisterte Tochter … gefragt. Als ich ihm schließlich vorhielt, er sei Antisemit, wobei noch immer ein Fragezeichen in meiner Vorhaltung anklang, antwortete Walser lachend und selbstgefällig, das habe ihm auch Habermas schon vorgeworfen. / Güner Amendt, Jüdische Allgemeine 25.5. 2001

/ 31.12.03

7.7.54

Das Land ist immer noch unheimlich. Neulich, als ich mit jungen Leuten aus der Dramaturgie nach Buckow fuhr, saß ich abends im Pavillion, während sie in ihren Zimmern arbeiteten oder sich unterhielten. Vor zehn Jahren, fiel mir plötzlich ein, hätten alle drei, was immer sie von mir gelesen hätten, mich, wäre ich unter sie gefallen, schnurstracks der Gestapo übergeben… / Bertolt Brecht, Journale 2, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 27, S. 350

Anmerkung S. 582: In der Dramaturgie arbeiteten zu dieser Zeit u.a. Peter Palitzsch, Manfred Wekwerth, Isot Kilian, Hans Bunge, Käthe Rülicke, Benno Besson, Klaus Küchenmeister, Wera Skupin.
[In fünfzig Jahren wieder vorlegen. 7.7.04]

/ 31.12.03

Dylanesque 2: Dylan Thomas´ last poem

They wrote in the English language, but they thought and expressed themselves in idioms insidiously, hauntingly Welsh.

So it was with Thomas, whose Carmarthenshire forebears could hardly have been more utterly Welsh, and most recognisably perhaps in his very last poem of all, the „Prologue“ to his Collected Poems of 1952. This contains many Dylanesque trademarks – dancing hoofs, sing-song owls, haystacked farms and such – but there is also something incantatory to it, something arcane that seems to spring, at least to an ardent like me, from the very matter of Cymru.

It is written in a weirdly complex rhyme pattern, so obscure that most readers will never notice a pattern at all, and halfway through there is a sudden chill passage of prophecy. The poet is talking about distant cities, „cities of nine Days‘ night“, and almost exactly 50 years before the tragedy of 9/11 he tells us that their

. . . towers will catch
In the religious wind
Like stalks of dry, tall straw . . .
Thus might have spake Merlin, himself a Carmarthenshire man, they say.

/ 31.12.03

Gipfeltreffen in Beirut

The presence in Beirut of Syrian poet Adonis (Ali Ahmed Said) and Mahmoud Darwish, poet laureate of the Palestinian resistance, enlivened the city’s cultural scene in late November and December. The former disparaged the newly rebuilt city in the course of a lecture he gave as part of the Askhal Alwan Festival, while the latter professed his abiding love for the city even as it has witnessed such transformation. Darwish’s last collection of poems, La Ta’tazer Amma Fa’alt (Don’t Apologise for What You Did), a Dar Riyad Al- Rais publication, was launched only weeks afterwards, again while Adonis was there. Both members of the board of the UNESCO Kitab fi Jarida (Newspaper Book) project, to be relaunched shortly following an extended hiatus, the poets were there to attend the project’s conference. / Jahresrückblick der Kairoer Zeitung al-Ahram. (Hier ein weiterer Rückblick, besonders auf bedeutende arabische Intellektuelle, die 2003 gestorben sind).

Und hier al-Ahrams Rückblick auf neue Gedichtbände 2003:

The best known vernacular [volkstümlicher] poet of all, Abdel-Rahman El-Abnoudi, published his new collection, Baghdad, with Dar Atlas, while Hassan Teleb, among the best known taf’ila poets working today, published a new book of „narrative poems“, Mawaqif Abu Ali wa Rasa’iluh (Chronicles and Letters of Abu Ali), with the Supreme Council for Culture. Ahmed El- Shahawi’s controversial Al-Wasaya fi Ishq Al-Nisaa (Commandments on the Love of Women), on the other hand, appeared under the rubric of the Egyptian-Lebanese Publishers. With three collections of poems — Osama Al-Dainasouri’s Ain Sariha wa Ain Mundahisha (A Desultory Eye and a Surprised Eye) and Abdel-Moniem Ramadan’s Al-Nashid (The Anthem) as well as vernacular poet Bahaa Jahin’s Koufeya Souf lil-Shita (A Woolen Scarf for Winter) — Miret had a part to play in poetry too.

/ 31.12.03

Deutsch schreiben in Israel

Die Anforderung, mehrmals im Leben sich einer neuen Sprache, dem Leben in einer neuen, ungewohnten Umgebung anpassen zu müssen, erklärt die Multikulturalität der Autoren und das häufige Phänomen der Zwei- und Mehrsprachigkeit. Vor allem schreibende Frauen sind es, die ihre Texte mehrsprachig verfassen. Eine von ihnen, die in Stettin geborene Lyrikerin Lilit Pavell, kam 1933 als Zionistin nach Palästina. Bemerkenswert ist, dass sie zunächst begann, Lyrik in englischer Sprache zu schreiben und erst später, seit 1970 auf deutsch.

Ausgelöst wurde ihr Schreiben in deutscher Sprache durch eine Reise nach Deutschland: Ausgesetzt der Erinnerung an Vergangenes schrieb sie hier ihr erstes deutschsprachiges Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „Vergessene Kindheit“. Das Schreiben versteht Lilit Pavell als Akt des Widerstandes gegen „Vergänglichkeit“ und „Vergeblichkeit“. / Armin A. WALLAS s. A.: „Das Gestern liegt in Scherben“. Eine Visite bei Israels deutschsprachigen Autoren. In: David. Jüdische Kulturzeitschrift

/ Dezember 2003