45. Harald Bloom

Ich dachte das hochkochende Thema zu ignorieren, aber der poetische Start eines Artikels in der Washington Post *) vom 3.3.04 verführt mich doch:

Beware the man, Greek or not, bearing the gift of Amontillado, the dark amber-brown Spanish sherry that can get a girl into trouble. The man, too. The girl will get her revenge if it takes her 20 years.

Das Thema sind Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den berühmten Yale-Literaturprofessor Harald Bloom, der vor 20 Jahren mit einer Flasche besagten „Nektars der gekränkten Dichterin“ zu einer Studentin ging, was diese jetzt der Welt mitteilte.

44. Paul Muldoon

Gespräch mit dem irischen Dichter Paul Muldoon, The Montreal Gazette 13.3.04

43. Jane Mayhall

Porträt der Dichterin Jane Mayhall, The New Yorker 22.3.04

42. Goethe-Institut Riga sucht Autoren

Gesucht werden Autorinnen und Autoren für eine Deutsch – Lettische Lyrik- und Prosaausstellung im Goethe-Institut Riga. Zum „Welttag des Buches“ am 23. April 2004 veranstaltet das Goethe-Institut Riga einen Tag der offenen Tür, in dessen Rahmen eine Literaturausstellung eröffnet werden soll. Die Ausstellung soll unveröffentlichte Arbeiten (Lyrik und Kurzprosa) junger, zeitgenössischer Autoren aus Deutschland und Lettland zeigen. Ort der Ausstellung: Foyer des Goethe-Instituts in Riga. Ausstellungsfläche: Pro Autor stehen vier DIN A4 Seiten „Ausstellungsfläche“ zur Verfügung. Interessierte schicken bitte bis spätestens 23.03.04 eine Leseprobe und ihren Lebenslauf unter dem Betreff „Welttag des Buches“ an: Madlena Mahling, info@riga.goethe.org

41. Oden an die Hoden

Murray Lachlan Young schreibt Gedichte über Toupets, Taliban und Nacktwandern – oder über den Hodensack – „a celebration of this rarely mentioned part of the male anatomy“ – welcher ihn gar über einen Writer´s Block brachte. Hier eine Besprechung im Independent, 16.3.04, hier das Gedicht (nicht immer leicht zu lesen, weil halb Schottisch – „erzählt im Stil von Robert Burns“, sagt Young).

Leseprobe:

In youth you are a factory
Producing with fluidity
Along with grunting commentary
Beneath the damp teenage duvet
A fine and fertile clinging spray
At least a dozen times a day

In manhood comes your finest hour
Well combined with female power
The ovum breached the work begin
The cells divide the angels’ sing
You’ve found your truth you’ve reached the goal
My friend you’ve helped to house a soul
In age my friend your beard turns gray

(Als deutsches, nun ja: Gegenstück ein Gedicht von Jule Vollmer auf lyrikwelt.de: Oden an die Hoden)

40. Auf kurze Distanz

Heute ist die Lyrik, da sie immer weiter in die Randständigkeit abgedrängt wird, immer mehr darauf angewiesen, auf sich aufmerksam zu machen. Damit bewegt sie sich in einem Spannungsfeld, das Brigitte Oleschinski so beschreibt: ¸¸Gedichte auf der Bühne also scheinen beides auf einmal zu wollen, eine mimetische Rückkehr zu den mündlich-musikalischen Anfängen der Poesie und zugleich ihre Weiterentwicklung in die medialisierte Unterhaltungskultur von heute.“ / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 15.3.04 (S.16) über

THOMAS BÖHM (Hg.): Auf kurze Distanz. Die Autorenlesung: O-Töne, Geschichten, Ideen, Tropen Verlag, Köln 2003, 191 Seiten, 15,80 Euro.

39. Konzentrierte Welt

Zumal unter diesem Aspekt der poetischen Konzentration kann es nicht erstaunen, dass Klaus Merz ein Gedichtzitat von Erika Burkart einem seiner Bücher voranstellt. Denn ihrer frühen Förderung hat er manches zu danken, mit ihren Gedichten hat er zu seinen gefunden, an ihrem Ton hat er den seinen geschult. «Abends sieht man ihn wandern, / als wäre Gehen ein Ruhn / im Licht, das die Schätze der Welt / unberührbar / ins Offene hält.» So heisst es im Gedicht «Fragment» von Erika Burkart – und nun stehen die Verse, welch glückliche Fügung, am Anfang von Merz‘ schönstem und erfolgreichstem Buch: «Jakob schläft» (1997). Denn dieses Buch ist das «Licht, das die Schätze der Welt / unberührbar / ins Offene hält». Sichtbarer hat Klaus Merz die Welt nie gemacht, und nie ist sie zugleich so unantastbar geblieben. / Roman Bucheli, NZZ 13.3.04, über die schmalen Bücher von Klaus Merz, der am 13.3.04 den Gottfried-Keller-Preis erhielt.

38. FAZ & Lyrik

„Schneethlehem“ heißt ein Gedicht von Hans Arp, präsentiert wird es von Ludwig Harig, FAZ 13.3.04

Zwiespältig-ausgewogen urteilt Richard Kämmerlings in der gleichen Ausgabe über Jan Wagners zweiten Lyrikband „Guerickes Sperling“ (ein Sonettenkranz über Görlitz hat ihm nicht so gefallen):

Jan Wagner
„Guerickes Sperling“. Gedichte
Berlin Verlag, Berlin 2004 ISBN 3827000912,
Gebunden 83 Seiten, 16,00 EUR

Lesenswert am 12.3.04: ein langer Artikel von Klaus Cäsar Zehrer über Friederike Kempner, die so dichtet:

Und wißt ihr, was ich denke?
O nein, ihr wißt es nicht!
Wenn ich mich ganz versenke,
dann denk ich – ein Gedicht!

Zehrer zitiert zustimmend Peter Hacks: „Die Kempner wäre nicht so komisch, wenn sie nicht so gut wäre.“
Schließlich auch am Freitag: ein Gedicht von Peter Rühmkorf, das so einsetzt: „Hochverehrte Frau, Sie tun mir leid.“ (Nicht schlecht für zwei Tage)

37. Zitierte Natur

Dieses Gefühl überfällt den Poeten auch angesichts der Natur. Selbst sie ist quasi nur noch als Zitat zu haben. So beginnt ein Naturgedicht mit: „bereits die schwüle wirkt wie ein zitat aus / einer andernorts genannten quelle.“ Hier sehen wir, was es mit den „stillen Quellen“ auf sich hat: Sie sprudeln reichlich, aber auch reichlich virtuell. Dies zu zeigen ist kein geringes Verdienst Hummelts. Das hebt seine traditionell stilisierten Gedichte über die bloße Konvention hinaus und macht sie interessant und lesenswert. / HARALD HARTUNG, FAZ 8.3.04 über

Norbert Hummelt: „Stille Quellen“. Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 2004. Sammlung Luchterhand. 108 S., br., 9,50 [Euro].

36. Silke Scheuermann

Selten genug, daß Lyrisches bei der FAZ die Schwelle zwischen Print und WWW überschreitet. Gleich nochmal! Hier ein Bericht über Silke Scheuermann (Lesung in Frankfurt, 9.3.04)

35. Elise Asher

Die Maler-Dichterin Elise Asher starb im Alter von 92 in Greenwich Village. Sie war die Ehefrau des Dichters Stanley Kunitz, ein früherer poet laureate der Vereinigten Staaten. Aus dem Nachruf der New York Times *) vom 13.3.04:

She rendered poetry — hers and others‘, including that of Mr. Kunitz — on canvas in oil or acrylics on plexiglass. Conversely, she translated objects into verse.
Mixing and layering media, her brush jotted words on canvas, joining them through color and calligraphy so that the poem lay splayed in a bouquet of color and symbol.
At times her word-illuminations made the viewer squint to decipher them.

Nachruf: Provincetown Banner /
Hier beschreibt Charles Wilbur die Ehe Kunitz/ Asher als ideale Ehe:

CW: I can think of another couple whose lives were intertwined in middle age and continued on from there. Both of them in that marriage write poetry to this day: Stanley Kunitz and Elise Asher. She, however, is primarily a painter. The remarkable thing about them is that he has always been interested in painting and she has always painted and written poetry. Each pursues his or her career but overlap with genuine interest and concern. It is a splendid marriage, wouldn’t you say?

Literary Review, Summer, 2002, by Jeffrey S. Cramer

Bei Google findet man ein paar Bilder von ihr sowie Links zu Galerien (sowie unzählige Seiten, wo sie als Frau ihres Gatten firmiert); hier ein pdf-Dokument, das auf S. 2 eins ihrer Buchobjekte zeigt: Double poem: afternoon in Summer and Robin Redbreast, livre-objet: huile, émail et encre sur plexiglas.

34. William Blake

Stanley Kunitz (vgl. 35) über William Blake, AGNI Magazine. U.a. über die Eindringlichkeit (urgency) erster Zeilen und die vielen Versionen des berühmten Gedichts „The Tyger“.

Gedicht: Touch me

/ März 2004

33. „Survival Guide to Poetry Contests“

by Mary Burlingame, Assistant Editor (und viele andere nützliche Sachen für Dichter bei: Sol Magazine). / März 2004

32. Geistige Gummibärchen 3: Kekilli und kein Ende…

mit dem Thema beim Spiegel. Jetzt heißt sie „Die Porno-Rebellin“ – so die Überschrift. Rasanter Start:

Ausgerechnet am Weltfrauentag stellte sich die Schauspielerin Sibel Kekilli erstmals nach der Enthüllung ihrer Porno-Vergangenheit der Öffentlichkeit.

Leider wurde sie nicht vom Spiegel befragt, denn
Leider sparte sich der ARD-Talker die interessantesten Fragen.
Welche auch immer das wären – wir werden es erfahren. Der Spiegelbericht jedenfalls gibt ein gutes Beispiel für die Einheit von Poesie und Information. (Wären wir beim Fernsehen, wir sprächen von Infotainment. Riskieren wir also angesichts der Poetizität des Blattes eine Worterfindung (?): Poetainment?) Im folgenden Zitat beachte man den scharfen Abschnitt zwischen dem investigativen ersten und dem mehr poetischen zweiten Teil:
In vielen Videotheken liegen nun DVDs mit Kekillis Porno-Auftritten schön griffbereit neben der Kasse.

Doch Deutschland ist großzügig und gewährt gern die zweite, beziehungsweise dritte Chance. Und es funktioniert wie bei Michel Friedman oder Jörg Immendorff – wer in der Hölle der Medien zu verbrennen droht, dem wird Gnade und Rettung zuteil durch die Medien, ebenjene Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.

(Die Medien sind immer die andern). Wie Spiegel ein solches Gespräch geführt hätte, erfahren wir dann auch (man achte auf die rasante Genitivmetapher):
Auffallend war, dass Beckmann, der mit Sibel Kekilli offenkundig ein ausführliches Vorgespräch [!?] geführt hatte, einen besonders sanften Abend verlebte und auf jene Nachfragen verzichtete, mit denen er sich sonst gern in die Weichteile der Intimität [!] seiner Gesprächspartner gräbt. So ließ er etwa die These von der Porno-„Rebellion“ ebenso unbefragt gelten wie das Motiv des jungen Mädchens, das eben Geld brauchte und nicht mehr putzen gehen oder kellnern wollte.

„Hat es denn vielleicht auch Spaß gemacht?“, hätte er zum Beispiel fragen können, oder: „Kann es sein, dass diese Rebellion auch etwas mit sexueller Lust zu tun hatte?“

Poesie und Information prägen denn auch den Schlußakkord:

Ob hier, in unserer durchsexualisierten Fernsehgesellschaft, doch noch ein kleines Tabu lauert, der Humus für Bigotterie und Verlogenheit?

Wie viele eher männliche Zuschauer, Klatschreporter und Redakteure von Boulevardblättern haben wohl gestern Abend Sibel Kekilli zum ersten Mal angezogen gesehen? Wie viele haben sich längst die DVDs besorgt, wie viele werden sie demnächst auf den Pornokanälen der Vier-Sterne-Hotels zu Gesicht bekommen? (…)

Nunja. Lust hin, Geld her: Gummibärchen jedenfalls verordnet sich jetzt – sagen wir mal sechs Monate Spiegelabstinenz. Versprochen!
**) Geistige Gummibärchen: ist eine lose Folge über die Poesie des Medienspeak.

31. Schritte nach Hinten,

die Säule am Schuhabsatz, wieder weggehen, alles vergessen, was war – es war nichts, aber was …? – Zeilen aus einem Gedicht von Hans Weßlowski, von dem der Aachener Rimbaud-Verlag schon den dritten Lyrikband herausgibt: „Aus weißen Hallen“. / Westfalenpost 12.3.04