29. I see a horizon, lit with blood

In der ägyptischen Al-Ahram weekly vom 8.4.04 schreibt der 2003 aus dem Exil zurückgekehrte irakische Lyriker Sinan Antoon über die Lage im Irak. Ich zitiere eine Passage über dem im Exil verstorbenen Dichter Al-Jawahiri:

What Al-Jawahiri said half a century ago rings true today as if the ink has not yet dried:

I see a horizon, lit with blood

And a starless sky

A generation goes and another comes

And a fire blazes!

Al-Jawahiri, who was forced to flee Iraq in 1980 and was stripped of his Iraqi passport later, returned at last. The first Al-Jawahiri festival was inaugurated on the 26th of July 2003. It will be an annual tradition. There are also two statues of the poet and a street bearing his name.

28. Für die Seele, nicht den Körper

In einem anderen Artikel der gleichen Ausgabe der Al-Ahram wird eine Produktion des Genfer Balletts zu Umm Kultoum und Strawinsky als unangemessen „oversexed“ kritisiert:

Umm Kulthoum’s songs have always been, and still are considered by all Egyptians as food for the soul and not the body. Lyrics of Umm Kulthoum’s songs are often words of love, based on classical Arabic poetry, or on poems especially written for her songs. The great Egyptian Diva, furthermore, was extremely selective about the lyrics she finally decided to sing: her quarrels with many of her famous writers regarding a single word she wanted changed, have made history.

Zu John Neumeiers Interpretation von Strawainskys Sacre de printemps heißt es abschließend:

Neumeier’s may be a realistic vision of today’s society, but it is absolutely out of place on Cairo Opera’s main stage. More refinement would have been advisable.

/ April 2004

27. Hörfunktip für Ostern:

  • Sonnabend 23.05.04 WDR 3: „knowing is an uneducated form of doubt“. Lautpoesie und Dekonstruktivismus. Die Vokalkünstlerin Amanda Stewart.
  • Montag 10.03.04 SWR 2: Hafis, du entschlüsselst alle Geheimnisse

26. Wie der Staat die Geister mundtot macht

Hannes Stein führt das 66. Sonett zum Lob einer neuen Nachdichtung der Shakespeare-Sonette an, und hat er nicht recht? Voilà:

Bins müde auf den Tod, ich könnte schrein —
mitanzusehn, wie Tugend betteln geht
und blankes Nichts sich bläht in Narretein,
und wie Beständigkeit verraten steht
und Ehre an den falschen Mann gewandt
und Mädchenscheu missbraucht wird, roh geschändet
und wirkliche Vollkommenheit verkannt
und Kraft durch Kriecherei geschwächt verendet,
und wie der Staat die Geister mundtot macht
und Torheit Können prüft und dirigiert
und Wahrheit als Einfältigkeit verlacht –
kurz: wie das Gute dient, das Böse führt.

Bins müde, möchte gehen — doch sterben hieße,
dass in all dem mein Lieb allein ich ließe.

Hannes Steins Kommentar (nach zwei Mäkeleien):

Plessow hat den richtigen Ton getroffen, den Ton der saeva indignatio, die das Herz zerfleischt. Und wie kunstvoll sich diese wilde Empörung bei ihm fügt! „And captiue-good attending Captaine ill“, schreibt Shakespeare. Die Güte als Gefangener, die Bosheit als Vorgesetzter. „Kurz: wie das Gute dient, das Böse führt“, schreibt Shakespeares Nach-Dichter. Schöner, lapidarer kann man es nicht sagen. / Hannes Stein, Die Welt 10.4.04

Günter Plessow: Kritik der Liebe. Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint. Karl Stutz, Passau. 233 S., 18 EUR.

Hier ein paar deutsche Versionen für Vers 12:

Original:
And captiue-good attending Captaine ill

Johann Joachim Eschenburg (1787 – in Prosa!):
und die gefesselte Gutherzigkeit der herrschenden Bösartigkeit gehorchend
Karl Lachmann (1820):
Und Güt´ im Band, Schlechtheit ihr Bannherrin.
Johann Gottlieb Regis (1836):
Und wie vom Bösen Gutes wird gemeistert:
Friedrich Bodenstedt (1862):
Und wie vom Bösen Gutes wird gemeistert
Johann Ludwig Ferdinand Flathe (1863):
Und Gutes geht an´s Böse stets verloren.
Karl Simrock (1867):
Und Gutes muss in schlechtem Dienst erstarren!
Ferdinand Adolph Gelbcke (1867):
Und „Gut“ als Sträfling, „Bös“ als Kerkermeister:
Hermann von Friesen (1869):
Und Gut in Haft, dem Hauptmann Schlecht gehorchend.
Adolf Bekk (1902):
Und Gutes selbst im Sklavendienst des Bösen
Stefan George (1909):
Und sklave Gut in dienst beim herren Schlecht
Ludwig Fulda (1913):
Und Häftling Gut vom Häuptling Bös gegängelt:
Douglas Sirk (1922):
Und Alles Edle Argem arg versklavt, –
Max Josef Wolff (1924):
Und Knecht das Gute in des Bösen Fron,
Terese Robinson (1927):
Und alles Gute alles Bösen Knecht:
Karl Kraus (1932):
und Güte muß des Winks der Bosheit harren
Johannes Schlaf (1939):
In Fesseln aufwartend Gutes dem Bösen.
Stephan Hermlin (1945):
Und Sklavin Güte in Verruchter Haft:
Walter Freund (1948):
Und Häftling Gut vom Hauptmann Schlecht regiert:
Hans Hübner (1949):
Und guter Tat ein böses Ende macht.
Hans Hübner (1950):
Und Gutes muss in schlechtem Dienst erstarren!
Alfred Fields (1973):
Und Gut von Hauptmann Übel kommandiert.
Stefan Stein (1983):
Wie tätige Vernunft ohnmächtig stöhnt …
Kurt Amsel (1988):
das Gute, stets vom Schlechten dominiert
Fritz Drossel (1988):
und Käpten Bosheit kapert Unrecht Gut.
Peter Fink (1988):
und Teufel heißt der Erde Kommandant.
Günter Star (1989):
und Gutes wehrlos in des Bösen Macht.
Rolf Meise (1989):
und Meister Böse hält die Welt beim Kragen.
Erwin Chargaff (1989):
und guter Knecht von bösem Herrn gequält
Achim Amme (1992):
und Gut, an Captain Hinkebein verloren
Christa Schuenke (1994):
Und Gutes Schlechtesten die Stiefel leckt.
Wolf Biermann (1990):
Und Güte, die in Ketten unterm Stiefel schreit
Volker Braun (1994):
Und der Geführte folgt der Führung dreist
Karl Bernhard (1994):
und Gott der Herr ist Teufels bravster Sklav!
Wilhelm Adler (1995):
die Güte wird im Sklavenjoche krumm
André Albatros (1995):
und gute Menschen als der Bosheit Büttel
Ingeborg Arlt:
Und Gutes muss in schlechtem Dienst erstarren!
3 Versuche von Olaf Brühl:
Und Gutes mitgeschleift in übler Bahn:
Und Gutes, unfrei, kommandiert von Käptn Blöd:
Und Gutes, festgezurrt von Käptn Schlecht:
Tina Heldt:
Und Knecht das Gute in des Bösen Fron,
(Quelle: Das www, den Übersetzer konnte ich leider nicht herausfinden !! T.H.)

Zum Lesen:

Shakespeare Sechsundsechzig. Variationen über ein Sonett (Ulrich Erckenbrecht). Göttingen: Muriverlag 1996

Im Netz:

  • Alle 154 Sonette, gesprochen von Sir John Gielgud 19 (zum Download oder Hören!!!)
  • Send any Shakespearean Sonnet as a greeting card: Blue Mountain Art’s William Shakespeare Page. [http://www.bluemountain.com/eng/shakespeare/index.html]
  • Links zu Shakespeares Sonetten (auch zu Übersetzungen in diverse Sprachen)
  • Russische Seite über Sonett 66 in vielen Sprachen

25. Würzburger Hofbräu und die deutsche Lyrik

Die FAZ kann sich bei Robert Gernhardt für ein (eines von zweien, okay! Das andere: Picasso und Ingres) Glanzlicht des Ostersonnabend-Feuilletons bedanken. In der Frankfurter Anthologie kommentiert er das Gedicht „Hör zu“ von Gottfried Benn. Hier zwei von vier Strophen (Hier das ganze Gedicht mit dem Kommentar eines siebzehnjährigen Heidelbergers namens Peter Schmid, der wenige Monate nach dem Aufsatz verstorben ist. Seine Interpretation kann sich neben Gernhardt sehen lassen – ihre Schwächen reflektieren neben dem geringen Maß an Erfahrung die Schwächen seiner Lehrer**):

Hör zu, so wird der letzte Abend sein,
wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die „Juno“,
„Würzburger Hofbräu“ drei, und liest die Uno,
wie sie der „Spiegel“ sieht, du sitzt allein

an kleinem Tisch, an abgeschlossenem Rund
dicht an der Heizung, denn du liebst das Warme.
Um dich das Menschentum und sein Gebarme,
das Ehepaar und der verhasste Hund.

Man wünschte Schülern wie ihm Lehrer, die sich selbstverständlich von Gernhardts Kommentar anregen und irritieren lassen. (Wo? FAZ 10.4. 2004, S. 42. Leider nicht im Netz lesbar – zum Schaden also der Volksbildung [Lehrer und Feuilletonisten eingeschlossen] und der FAZ, wie mir scheint! Salute!).
Gernhardts Kommentar gibt dem Urteil Ursula Ziebarths – nicht in sämtlichen Details – Recht, die das Gedicht lobte. Benn entschied sich dagegen – es erschien postum 1960 im „Merkur“. Sein Kernargument:

Von Zeit zu Zeit muß das Gedicht entpoetisiert werden, und Gottfried Benn war zweimal dazu berufen, ihm diesen Dienst zu leisten. So, wie sein „ersoffener Bierkutscher“ am Jahrhundertbeginn das Ende von Goldschnittlyrik und Decadence-Gedichten einläutete, so räumen seine drei Gläser „Würzburger Hofbräu“ auf mit dem Gräserbewisper und dem falschen Trost der Nachkriegsdichtung.

Gernhardt hat Recht – das passiert nebenher in diesem Gedicht und nicht in etlichen der vielinterpretierten Gedichte der „Statischen“ Zeit kurz vorher, die selber manches „Seraphische“ mitschleppen.

**) greifbar in einem Detail. Schmid schreibt: „Das Gedicht weist kein eindeutiges Metrum auf. Am ehesten ist es ein Jambus.“ Dabei ist das Gedicht bis auf die um zwei Silben kürzere letzte – fünfte – Zeile der letzten Strophe, die ein hinzugefügter Kehraus ist, ein völlig regelgerechter fünfhebiger Jambus, quasi der europäische Zentralvers – einschließlich der im Jambus seit allem Anfang (den alten Griechen) erlaubten und gebotenen Abweichung der Anaklasis (Vertauschung des ersten Jambus durch einen Trochäus) in der dritten und sechsten Zeile). (Benn benutzt die Figur schon in der ersten Zeile des ersten veröffentlichten Gedichts „Gefilde der Unseligen“ von 1910. Benn und Brecht hatten das noch in der Schule gelernt.

24. 1500 Seiten Pound

Die erste vollständige Veröffentlichung der Gedichte Ezra Pounds meldet Guy Davenport im Bookforum:

The inclusion of Pound in the Library of America—the publishing house Edmund Wilson campaigned for in the New York Review of Books and that the National Endowment for the Humanities and the Ford Foundation brought into being in 1979—is as much a surprise as Simenon in the Pléiade. Although many will object, as they have over the years, that Pound’s poetry is unintelligible, hopelessly obscure, perhaps not even poetry at all, the inevitable objection will be Pound’s anti-Semitism, unrepentant Fascism, and the charge of treason in World War II for which he spent thirteen years in Washington’s St. Elizabeths Federal Hospital for the Insane. Here Pound found himself in a Kafkaesque double bind (complete with a psychiatrist named Kavka): To get out, he would have to be declared sound of mind. But if legally sane, his next venue would be a firing squad. One of the first things that happened to him in St. Elizabeths was being awarded the first Bollingen Prize for Poetry (for The Pisan Cantos). The prize was administered by the Library of Congress, and the money for this prize came from the Bollingen Foundation, which had it from aluminum tycoon Paul Mellon, son of Andrew, the secretary of the treasury from 1921 to 1932.

POEMS AND TRANSLATIONS BY EZRA POUND, EDITED BY RICHARD SIEBURTH. NEW YORK: LIBRARY OF AMERICA. 1,383 PAGES. $45.

THE PISAN CANTOS BY EZRA POUND, EDITED BY RICHARD SIEBURTH. NEW YORK: NEW DIRECTIONS. 192 PAGES. $45.

/ April 2004

23. Travels with Dali

Zum 100. Geburtstag von Salvador Dali im Independent vom 10.4.04*) der andere Reiseführer. (Gedichte von Dali in der Anthologie „Das surrealistische Gedicht“ bei Zweitausendeins)

22. Pulitzer-Preis für Poesie

Der Dichter Franz Wright (geboren 1953 in Wien, aufgewachsen in den Vereinigten Staaten) hat den Pulitzer-Preis für Poesie gewonnen. / Boston Globe 6.4.04

21. Deutsche Fußball-Lyrik

(genauer gesagt: Hertha-Lyrik): Berliner Morgenpost 10.4.04

20. Osterspaziergang

Das Internet-Literatur-Café verschenkt vertonte Gedichte als mp3-Dateien zum Download – am Ostersonnabend passend zum Fest den Osterspaziergang aus Goethes „Faust“.

Und hier, hier und hier gibts Parodien.

/ April 2004

19. Mariella Mehr

Die Schriftstellerin Mariella Mehr liest am 20.04.04 um 20 Uhr im uhudla Salon, Phorus Gasse 7, 1040 Wien aus ihren Büchern Nachrichten aus dem Exil

, Widerwelten und Im Sternbild des Wolfes. Der ORF wird ein Interview mit Dr. Michaela Lehner ausstrahlen.

Vgl. archivierte Ausgabe 12/ 2003.

18. Geistige Gummibärchen 6: Generation Reim!

Auch heute könnte die Überschrift „Worte von ´drüben´“ heißen. Merkt denn verdammt noch mal keiner zwischen Boulevard und Tante, daß der Titel-Bildungs-Typ „Deutschland sucht den Super-X“ nervt? „Was alles noch/ mutet man mir zu und soll ich aushalten“ (so ungefähr, jetzt nicht nachgeschlagen, aber verbürgt durch mein Gedächtnis) dichtete Volker Braun in ach! muß man wirklich noch sagen seligen Zeiten!? als im Zuge der DDR-Anerkennungswelle der 70er Jahre das Foto des Generals Franco das „Neue Deutschland“ zierte. Da gabs doch noch würdige Gegenstände zum Auskotzen. Nicht diesen Brei verdächtiger Konsistenz, den jedermann mampft, lustlos oder lustvoll (lecker!). Ich erspare mir Beispiele – in den letzten Tagen allein stieß es mir mehrmals auf, und es endet nie.
Oder „Generation X“. Was mußten wir in den letzten Jahren nicht alles hören. Jetzt fangen auch noch die Dichter damit man, originellerweise. Generation Reim, naja. Vielleicht soll es witzig sein; aber es nervt! Wahrscheinlich bin ich in der Minderheit, und das Kalkül geht auf. Mich ermuntert der Titel jedenfalls nicht, das Buch aufzuschlagen. Bernd Draser hat es jetzt für das Titel-Magazin gelesen (und zu seicht befunden). Wer noch ein bißchen Mampfstoff verträgt, hier Drasers Schluß-Gsella-Zitat:
Es ist nicht wahr, wie jeder sagt. / Wer jung ist, heißt nicht Greis. / Zwar klingt die Wahrheit stets gewagt, / doch nur das Alter ist betagt / und dichtet solchen Scheiß!

Thomas Gsella: Generation Reim. Zweitausendeins Verlag 2004.

208 Seiten, 12,90 € ISBN 3-86150-521-5

Hier (BLZ 7.4.04) ein Nachschlag zu Jochen Schmidts Sprach-Schimpferei, G. Gumm. 5.

Geistige Gummibärchen: ist eine lose Folge über die Poesie des Medienspeak.

17. Fußball-Dichterin

Die Fußballmannschaft Tottenham Hotspurs leistet sich einen bzw. eine poet in residence, meldet The Scotsman am 2.4.04 Die Auserwählte heißt Sarah Wardle. Zu ihren Aufgaben wird es gehören, bei den Spielen dabei zu sein, um sich Inspiration zu holen. (Ob sie ihrer Mannschaft Glück gebracht hat beim Spiel gegen Chelsea am 3.4.04, das herauszufinden reicht mein Interesse – am Fußball, nicht an ihrer Poesie! – nicht. Vielleicht weiß es einer meiner geschätzten Leser/innen? Ah ja – sie haben verloren! Aber sie haben eine Dichterin.)

16. The eclipse

Im Philadelphia Inquirer am 4.4.04 ein Gedicht des amerikanischen Dichters Richard Eberhart: The eclipse. Eberhart feiert heute seinen 100. Geburtstag.

Hier das Gedicht: The Fury of Aerial Bombardment

15. Berliner PASSIONSPOEMIE

Wer an diesem schönen Ostersamstag normalerweise NICHT in die Kirche gehen würde, der kann um 11 Uhr früh statt der Verkündigung eines von der Kanzel herabredenden Pfarrers keinem geringeren als den passionierten Neuropoelitiker Herrn De Toys vor dem Altar knieend, äh nein: AUFRECHT stehend lauschen, wie er ausgewählte spirituelle Gedichte aus seinem Gesamtwerk „LOCHISMUß LEICHTGEMACHT“ meditativ vorträgt (ausnahmsweise ohne neurokinskische Allüren!) – und nicht nur das: zusätzlich wird keine geringere als die Sängerin DODO FAYNE (am Flügel begleitet von Isaac Peckinpah) toysianische Texte zu Liedern von Eric Satie darbieten!!! Außerdem gibts Schubert, Beethoven, Schuhmann, Verdi und Händel. Und der Veranstalter selber (ein gewisser Florian) spielt weltberühmte Stücke (z.B. von Orff) in einer INTUITIVEN Weise auf der E-Gitarre nach – eine unglaubliche musikalische Innovation für Berlin… / April 2004

Ort: PASSIONSKIRCHE, Marheinekeplatz 1-2, B-Xberg
Überteuerte BVG-Anfahrt: U8 „Gneisenaustraße“

EINTRITT FREI !!!