Der slowenische Lyriker Dane Zajc gilt als einer der wichtigsten zeitgenoessischen Dichter seiner Heimat. Zusammen mit dem Musiker und Rezitator Janez Skof praesentiert er an diesem Abend Poesie und Musik. Die ersten Gedichte Zajcs erschienen 1948, heute sind seine Verse jedem slowenischen Schulkind bekannt. „Hinter den Uebergaengen“ ist eine deutsche Werkauswahl der bilderreichen und ausdrucksstarken Lyrik des Autors. / April 2004
Literarisches Colloquium Berlin, Beginn 20 Uhr, 5. April
http://www.lcb.de
Noch mal zu Murray (–> 1):
Ein Jahrhundertbuch. Nur wird es kaum einer lesen. Weil Les Murray zwei Nachteile hat: Er ist Australier (da rettet ihn auch nicht, dass er einer der dienstältesten Autoren auf der alljährlichen Liste derer ist, die garantiert den Nobelpreis bekommen). Und er ist Lyriker. „Fredy Neptune“ ist zwar gut 520 Seiten dick, aber eben ein Gedicht. / elk, Berliner Morgenpost 3.4.04
Ferner: Ulrich Greiner, Die Zeit 15/2004 / Joachim Sartorius, Die Welt 3.4. / FAZ 31.3./ FAZ 30.3.*) / Frank Schäfer, taz 25.3. / Jan Wagner, FR 24.3.
A new biography, “Baudelaire in Chains,“ insists that intoxication, far from being the wellspring of the poet’s spirit, was “the root of all his problems.“ And that’s a lot of problems, observes the author, Frank Hilton, including Baudelaire’s “inability to manage his financial affairs, his unsatisfactory relationships, his bad health, his guignon“ — the demonic misfortune he believed plagued him — and, most important, his “chronic difficulty in getting down to any prolonged creative work.“ All of this Hilton attributes to Baudelaire’s opium addiction, which, he argues, other biographers have underestimated. Instead, they have blamed syphilis (a diagnosis that Hilton doubts) and other illnesses for his physical sufferings, the heartlessness of his intimates and the stupidity of the public for the rest. / Laura Miller, NYT*) 4.4.04
Interview mit dem ukrainischen Lyriker und Romancier Juri Andruchowytsch, mdr.de. (mit Biographie und Leseprobe) / 4.4.04
a) Poesie
Nobelpreisträger Nagib Mahfus gab der ägyptischen Al-Ahram weekly Nr. 681 Auskunft über seine literarischen Wurzeln, Auszug:
As for poetry, I kept a large notebook of handwritten Arabic poetry that I copied out myself. There you find lines by Al- Mutanabbi, Al-Buhturi, Abu Nawwas, to which I’ve regularly returned. Every year I read the whole notebook at least once, and they were among my most enjoyable reading material. I also studied ancient Egypt — its history, legends and literature — another, perhaps far-fetched aspect of heritage that I nonetheless employed in four of my novels. I should mention that I also read the modern heritage, poets like Shawqi, Hafez Ibrahim and Mutran, as well as English, French, German and Russian literature — all of which had a part to play in my development as a writer.
Über Abu Nawwas (Nuwas), der in Bagdad am Hof Harun al-Raschids lebte, schrieb der tunesische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb in Lettre 2001:
Er war der Dichter, der in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein besang, der im Islam verboten ist, und in seinen Amouren die homosexuelle Liebe. Das führt zur vielleicht lebendigsten Dichtung, die man heute lesen kann, in einer so lebendigen Sprache, als sei sie gestern geschrieben worden.
b) Fatwa
Daß so ein Bekenntnis in Ägypten nicht ganz ungefährlich ist, zeigt ein Artikel des gleichen Blattes vom November (Nr. 664). Danach wurde ein Lyrikband von Ahmed El-Shahawi von der Al-Azhar-Akademie für Islamische Studien verurteilt, weil es die Religion mißbrauche und unmoralisch sei. Es wurde gefordert, die verbliebenen Exemplare schnellstens einzusammeln, bevor sie die Öffentlichkeit erreichten. Die Akademie widersprach damit dem „Lesekomitee“ des Kulturministeriums.
Among the academy’s reasons for censoring the book is „the author calling on women to love without reservation, and his use of verses of the Glorious Qur’an and the Prophet’s sayings where they should not be used“. The academy also took issue with the fact that „the book directs woman to dissolve in love… and to hand over her body and her soul without shame… and to be naked with her lover.“ The academy makes no allowances for the common Sufi conventions on which the author draws, which tend to employ the physical as a metaphor for the spiritual and speak of carnal love as a version of divine love.
In response to Al-Azhar’s verdict, El-Shahawi, a self-professed believer who enjoins the support of a vast number of writers, critics and non- sectarians, declared that he would republish the book dozens of times within Egypt, not allowing Al-Azhar’s „fatwa to terrorise“ him. Such measures, he insisted, have no connection with religion and merely reflect the censors‘ reductive and simplistic perspectives. The Prophet himself, El-Shahawi said, often spoke of the magic and wisdom of poetry. If not for the purely Muslim heritage that inspired it, the author said, Al- Wasaya would never even have existed.
Hier drei Gedichte von Abu Nuwas deutsch / hier seine Biographie deutsch / hier spanisch und polnisch / hier ausführlich englisch / hier erotische Gedichte französisch
Abu Nuwas ist auch in Raoul Schrotts „Erfindung der Poesie“ enthalten. Episoden aus seinem Leben erzählen die Geschichten aus 1001 Nacht.
Blasphemie: s.a. –> 2/04
Angelika Overath feiert Prosagedichte des in Prag geborenen, in Hamburg lebenden, aus dem Persischen übersetzenden und deutsch dichtenden Farhad Showghi:
Die semantische Struktur ist geschlossen wie das Druckbild, kleine Blöcke rechts, während die linke Seite leer bleibt. Das Buch besteht zu gut zwei Dritteln nur aus dem Weiss der Seiten. Diese scheue Restsprache handelt in extremer Sublimation von Alltagserfahrungen («Kürzlich ging ich als Arzt eine alte Frau besuchen») und grenzt an die Meditation, an die Epiphanie von Fülle wie Schweigen («Unser Bericht ist jetzt der Kastanienbaum»).
Wie bei aller hermetischen Poesie, die etwas wagt, liegt auch hier die notwendige Gefahr in der Unverständlichkeit. Das ist der Preis des ersten Mals. Doch wenn sie sich momenthaft öffnen, feiern diese erstaunlichen Texte ihre kühle Schönheit «lichterloh». / NZZ 3.4.04
Farhad Showghi: Ende des Stadtplans. Urs Engeler Editor, Basel 2003. 93 S., Fr. 25.-.
In derselben Ausgabe der NZZ bespricht Hans Christian Kosler
Helmut Krausser: Strom. Gedichte. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2003. 107 S., Fr. 30.10
Außerdem: Undine Gruenter: La Contrescarpe. Variation auf ein Gedicht von Paul Celan. Aber wie immer leider ohne Verseinteilung! Früher hatten sie da manchmal die pdf-Version. Hier der Anfang in Originalgestalt:
La Contrescarpe
Variation auf ein Gedicht von Paul Celan
ich kam nicht
vom Anhalter Bahnhof
und es war Herbst
in Paris
an der Gare du Nord
vorbei der 14. Juli
Knallfrösche und Massen
Auflauf
es roch nach verbranntem Laub
und nicht nach den Gasöfen
den Garküchen
der Historie
/ 3.4.04
Deutschlands erfolgreichster Dichter heißt Lothar Habler. Gesamtauflage: 5 Millionen (Kein Aprilscherz). Er dichtet z.B. Sprüche auf Glückwunschkarten, so etwa: „Kometen im Verborgenen blühen/ man sieht sie erst, wenn sie verglühen“/ Bericht von Willi Winkler, mit Proben in SZ*) 3.4.04, Wochenendbeilage (nach kostenloser Anmeldung im 7-Tage-Archiv zugänglich)
Michael Schulte behauptet, die Kempner sei einzigartig, weil sie so ¸¸gekonnt schlecht“ dichten gekonnt hätte. Würden bloß ¸¸schlechte“ Gedichte über hundert Jahre lang gemocht werden? / SZ*) 27.3.04
MICHAEL SCHULTE: Poesie ist Leben. Friederike Kempner. Feature mit Judy Winter, Peter Fricke und Dieter Mann. Produktion: MDR. Musik: Offenbach, Popper, Kummer. Musikalische Leitung: Uwe Hilprecht. Celli: Andreas Kipp und Rouven Schirmer. Regie: Jürgen Dluzniewski. Audiobuch Verlag, Freiburg i. Br. 2004. 1 CD, 61 min., 17,90 Euro.
Das Vöglein erwacht,
Im Traume es dacht
An Röseleins Pracht,
die Katze hält Wacht.
Kein Wunder, dass sich sein neuer, bei Suhrkamp erschienener Lyrikband diesen anatomischen Namen als Titel leiht. Das Lebensgefühl einer ganzen Generation Next jagt der Münchner Mittdreißiger durch den Amplifier seiner atemlosen Sprache. Da pissen Flugzeuge ihr Benzin auf die Schweißränder der Vorstadt, der Baum vorm Fenster nimmt Aspirin, ein DJ presst Zitronensaft auf seine Platten, zündet sich an und die Katze kaut Fliegenherzen. / Die Presse, Wien, 2.4.04
„Solarplexus“ heißt Albert Ostermaiers neuer Lyrikband. Im Kasino Schwarzenbergplatz lasen Burgschauspieler und der Autor.
Die Dichtkunst sei «Fitness fürs Gemüt», lesen wir bei Andreas Thalmayr . Ein ganzes Buch voller Turnübungen für lyrische Seelen oder solche, die es noch werden wollen, hat er geschrieben. «Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser» heisst es und sieht aus wie eine Notapotheke in Fibelform. Da dürfen sich die Gemüter wie in einer ordentlichen Fitnessstunde zunächst erhitzen und sich mit dem Autor über die Deutschstunde ärgern, die einem die Freude an Wörtern austreibe und «die Lust an der Freiheit, mit ihnen zu zaubern», und über ätzende Theorien mokieren, die niemand verstehe. Die anschliessenden Lockerungsübungen dienen dazu, die dichterischen Fasern zu entkrampfen und neu aufzubauen. / NZZ 31.3.04 (wer´s noch nicht weiß, erfährt auch, welcher „Kein-Geringerer“ sich hinter dem Pseudonym „verbirgt“).
Andreas Thalmayr: Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser. Hanser-Verlag, München 2004. 119 S., Fr. 23.70.
Die iranische Schriftstellerin Fereshteh Sari schreibt in der Berliner Zeitung vom 1.4.04 zum 25. Jahrestag der Islamischen Republik:
In einem schwebenden Sarg / werde ich alt / Manchmal kommen die Sperlinge / und bauen ihr Nest / auf dem Sarg.“ So beginnt ein Gedicht von mir, das ich vor fünfzehn Jahren verfasst habe. Als ich noch jung war. Dieser Tage kommt es mir immer wieder in den Sinn.
Ausgehend von einem historischen Fall aus dem Jahr 1932 kommentiert die ägyptische Zeitung Al Ahram Weekly Nr. 681 die Notwendigkeit der Gedankenfreiheit. Damals hatte die Regierung den Schriftsteller Taha Hussein aus einem akademischen Amt entlassen, weil er – als blasphemisch empfundene – vorislamische Poesie veröffentlicht hatte.
In 1932, commenting on the establishment of the Fouad I University — now Cairo University — eminent Egyptian physicist Dr Ali Musharafa wrote, „The university is not a place from which to graduate technicians but a place to bring life to scientific spirit and scientific research.“ It was just such a vision that forced the first president of the university, Ahmed Lutfi El-Sayed, to resign his post on 9 March the same year, in protest at government intervention in university affairs through ordering the transfer of Taha Hussein, doyen of modern Arabic literature and then dean of the Faculty of Arts, as punishment for publishing Al- Shi’r Al-Jahiliy (Pre-Islamic Poetry) which the religious establishment deemed blasphemous.
Goethe – den viele Moslems in Deutschland längst zum frommen Moslem erklärt haben – begeisterte sich für die Sammlung der Moallakat, sieben Oden aus dem 6. Jahrhundert n.Ch. (von denen Raoul Schrott einige in seine Sammlung „Die Erfindung der Poesie“ aufgenommen hat).
/ April 2004
Der Versroman «Fredy Neptune» ist ein wahrhaft modernes Epos, eine pikareske Irrfahrt durch ein wahnsinniges Jahrhundert, von Krieg zu Krieg, dazwischen Armut, Gewalt, Vorurteile, die Scheinwelt von Film und Zirkus. Fredy Boettcher, unbeheimatet auf zwei Kontinenten und in zwei Sprachen, stellt sich als ein ferner Verwandter von J. C. Wezels «Belphegor» und dem Filmhelden «Forrest Gump» vor. Mit diesem Epos hat Les Murray die Weltliteratur ohne Zweifel um ein gewichtiges und nobelpreiswürdiges Werk bereichert. / Jürgen Brôcan, NZZ 23.3.04
Les Murray: Fredy Neptune. Aus dem australischen Englisch von Thomas Eichhorn. Ammann-Verlag, Zürich 2004. 520 S., Fr. 54.90.
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