015. Der Lyriker Ulrich Koch

Der Lyriker Ulrich Koch hat mit dem Literaturbetrieb gänzlich abgeschlossen. Seine liebenswert misanthropischen Gedichte allerdings sind eine Entdeckung.

Ulrich Koch ist der Sänger der entvölkerten Vorstadt, der menschenleeren Provinz, die ihre Würde durch sein Gedicht erhält. Nicht das coole Signifikanten-Geklapper ist seine Sache. Er schwört auf zurückhaltend Modernes. Häufig finden sich Erinnerungen an klassische lyrische Formen, rhythmische Qualitäten, sogar Reime, in seinen Gedichten. …

Mit den typischen Repräsentanten der neuen Lyrik von jetzt, die in stylishen, neu gegründeten Verlagen veröffentlichen und sich in jungen, institutsgebundenen Magazinen selbst feiern, hat er tatsächlich allenfalls das Geburtsjahr gemeinsam.  …

Ulrich Koch bewundert Heiner Müller dafür, wie er Brecht nachgesungen hat, und ist doch nur den Müllerschen Liebes- und Sterbegedichten verfallen. Er schätzt Durs Grünbeins Kurzschluss der Epochen und denkt dann doch wieder: „antike Scherben, mit Uhu verklebt“. Gerne hat er auch Huchel, Krolow und Born gelesen. Mit dem Literaturbetrieb hingegen ist er gänzlich durch. Gefragt nach den Erfolgen seiner dichterischen Karriere, spricht er von Trostpreisen und zweiten Preisen, die er bekommen habe. Im Schnitt drei öffentliche Lesungen pro Jahr sind in der Tat zu wenig, um sich heute, wo die Lesung die Literatur selbst zu ersetzen scheint, als Dichter fühlen zu dürfen. / sagt Die Zeit #34

Am 18.8. Gedicht des Tages bei Fixpoetry: Ulrich Koch, Montagmorgen

Ulrich Koch in L&Poe:

2006    Nov    #100.    Dem Sehen einen Atem
2009    Feb    #23.    Adrian Kasnitz in der „Lyrikedition 2000“

014. Ver(s)fassung

Peter Vermeersch, Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Löwen, und David Van Reybrouck sind beide Mitglieder des Brüsseler Dichterkollektivs und begeistern sich für den Zusammenhang von Politik und Linguistik. Angesichts des im Jahr 2004 gescheiterten Verfassungsprojekts haben sie ein gemeinsames Abenteuer ersonnen, das den Bürgern durch Schreiben und Lyrik „die Rückeroberung Europas“ mittels einer Neufassung des Verfassungstextes in Versen ermöglichen möchte. …

Neben Seamus Heaney, dem irischen Literaturnobelpreisträger von 1995, finden sich daher unter den Poeten auch „neue Stimmen“ wie die der 20-jährigen Bulgarin Ekaterina Karabasheva. Manche Teilnehmer sind Journalisten, andere Übersetzer, Schriftsteller, Professoren, Dramatiker oder Teilnehmer an Poetry Slams. So beispielsweise Manza, ein Brüsseler mit marokkanischer Herkunft, der den Artikel 2 geschrieben hat: „Wie das lebt, wie das brüllt, wie das tanzt, wie das singt, wie sich das engagiert, wie das strebt, wie das widerspricht, wie das lebt, wie das befiehlt, wie das befruchtet, wie das sich verklärt in jenen schlaflosen Nächten, in denen nichts verhallt und alles gelingt, sich durch blanke Offenkundigkeiten abzeichnend, starke Begierden.“  / Pierre-Anthony Canovas -, cafebabel.com

La Constitution Européenne en vers, Passa Porte 2009.

013. Gedicht

HILDE IST BESTIMMT GAR NICHT NACH BONN GEFAHREN,
Nach Koblenz, Andernach, nach Kiel,
Sie muß hiergeblieben sein, ich spüre mit dem Finger
Ihre Piercingreste in der Luft, wir heirateten zwei
Mal im Schlaf, von allen Seiten, zum Glück
Vergaß sie, ihre Jacke mitzunehmen, ich habe mir
Vorgenommen, kleiner zu werden, mit
Kleineren Kartoffeln, kleinerem Obst, Steakmedaillons und
Winzigen Getränken, ich habe meine Arme
Mit Wäscheleinen enger geschnürt, ich schlafe
Nur noch mit hochgezogenen Knien, ich lese nur
Noch die Buchzeilen genau in der Mitte, ich stelle mich
Tagsüber gekrümmt vor meinen geöffneten Kühlschrank,
Probiere, mit den Händen phasenweise
Drin zu wohnen, lege
Weinverpackungen und Melonentrümmer
Auf die Arme, Arme
Mit nichts dahinter, ich
Hebe ständig Schnecken vom Boden auf, Grashalme,
Filterpapier und die Kinder von Ameisen, ich gehe in
Die Hocke und bleibe so, ich binde mich an einem Baum
Fest und versuche jetzt, von ganz allein zu bluten, ich
Schlenkere mit den Armen, warte auf Wölfe und
Haie, die auch mal für umsonst schwimmen, bin ich
Schon kleiner geworden, Hilde, ich winke ja gar nicht, ich
Warte, ich esse, ich teile mir mit den Wespen
Den kleinsten, jemals von einem Ast gefallenen,
Aufgesprungenen Apfel, ich bin schon
Kleiner geworden, du mußt
Hiergeblieben sein.

Thomas Kunst

012. Wiedergefunden

Der Dichter Desmond O’Grady aus Limerick hat ein vor sieben Wochen auf einem Pferdemarkt verlorenes Manuskript eines neuen Bandes zurückbekommen, berichtet die Irish Times.

011. American Life in Poetry: Column 230

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It’s been sixty-odd years since I was in the elementary grades, but I clearly remember those first school days in early autumn, when summer was suddenly over and we were all perched in our little desks facing into the future. Here Ron Koertge of California gives us a glimpse of a day like that.

First Grade

Until then, every forest
had wolves in it, we thought
it would be fun to wear snowshoes
all the time, and we could talk to water.
So why is this woman with the gray
breath calling out names and pointing
to the little desks we will occupy
for the rest of our lives?

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Ron Koertge, whose most recent book of poems is Fever, Red Hen Press, 2006. Reprinted by permission of Ron Koertge. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

010. Bilderverbot

Die Zeitungen vermelden knapp, daß die  „Yale University Press“  ein Buch der Professorin  Jytte Klausen über die Mohammedkarikaturen veröffentlicht,  „The Cartoons That Shook the World“, aber dann auf den Abdruck der Karikaturen und anderer Abbilder des Propheten verzichtete. Die SZ schreibt: „Nach der Konsultation mehrerer Diplomaten und Islam-Experten entschied sich der Verlag gegen jegliche Illustrationen des Propheten in dem Buch.“ Na prima. Darum ging es ja. Blogger TradCat meint: „Wenn eine der besten Universitäten der Welt Angst davor hat, die Karikaturen in einem Buch über das Thema abzudrucken, sagt sie damit, daß Furcht vor Gewalt die Meinungsfreiheit aussticht.“

009. Spreu vom Weizen

Die Lyriktage in Frauenfeld, die in diesem Jahr heuer zum zehnten Mal durchgeführt werden (18. bis 19. September), sind kleiner und etwas weniger laut als andere etablierte Veranstaltungen der Schweizer Literaturszene. Das ist kein Nachteil und vor allem kein Qualitätskriterium. Der diesjährige Gastkurator Raoul Schrott hat als seine Gäste sechs Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen: Zsuzsanna Gahse (Schweiz), Ulrike Almut Sandig (Deutschland), Arno Camenisch (Schweiz), Michael Donhauser (Österreich), Iain Galbraith (Schottland/Deutschland) und Michael Krüger (Deutschland).
Der im weiten Wortsinn unorthodoxe Mensch, Autor und Denker Schrott hat das bewährte Konzept der Frauenfelder Lyriktage – Lesungen der Autorinnen und Autoren, Workshops und Werkstattgespräche in den Schulen und Podiumsdiskussion – übernommen, ihm aber auch etwas Neues hinzugefügt. Unter dem Titel „Spreu vom Weizen“ findet die Podiumsdiskussion mit allen Autoren statt: Welcher Weizen gedeiht wo? Mit welchem Flegel lässt sich die Spreu vom Weizen trennen? Ist die Spreu bloss wertlos? Später dann, wiederum unter der Moderation des Gastkurators, werden sich Arno Camenisch und Iain Galbraith darüber unterhalten, ob die schottische und die rätoromanische Lyrik als Lyrik einer Sprachminderheit von einem ähnlichen Fundus zehren, ob sie vom Rand her zur Mitte hin schreiben oder ob sie selbst die Mitte sind. / Südkurier

10. Frauenfelder Lyriktage: Freitag/Samstag 18./19. September, Eisenwerk Frauenfeld. Informationen gibt die Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Industriestrasse 23, 8500 Frauenfeld
Tel. 0041-52-728 8910 >info@kulturstiftung.ch //
Weitere Informationen:
www.kulturstiftung.ch

008. Dieser Tag leuchtet

Gedichte, Gedichte, Gedichte. Wer findet sich heute noch zurecht in den Regalen? Wer kann sogenannte moderne Gedichte noch deuten? Immer wird nach einer neuen Faszination gesucht, immer wird ein neues Feld bestellt mit ungepflügten Worten. Einer, der seit Jahrzehnten darüber hinweggeht, ja: nicht schreitet, ist Walter Helmut Fritz. Seine Gedichte habe ich schon verschlungen, als Eich und Bachmann und Benn und Konsorten Verse auf dem absterbenden Ast ausbrüteten. Und als die konkrekte Poesie einfiel wie ein thebanisches Heer mit linksverstärkter Phalanx und als Brinkmann und Co. die Szene aufmischten in den 70ern und 80ern. In all dieser Zeit – bis heute – hat ein Lyrikautor seinen Stammplatz in meinem Bücherregal: Walter Helmut Fritz. All diese Wortgefechte hat er überlebt und schreibt unbeirrt weiter in seinem heiter-elegischen, leise-explodierenden Stil, der eben Jahrzehnte überdauert, all das Piercing-Getue und Tatoo-Geschramme der Neuzeit überlebt hat. Einer, der ganz leise und ganz böse an die Dinge des Lebens herangeht, der wird überhört und übersehen vom Multimedia-Getue der Jetztzeit. Wer Walter Helmut Fritz liest, weiß mehr vom Leben, erfährt mehr von allen Dingen, die uns beschäftigen. Er wird reicher, Wort für Wort. Und er weiß, wie der Autor es meint: Sanft, beruhigend, beiläufig. Und dabei doch: Erschütternd. beunruhigend, direkt. Selten habe ich so gute Texte entdeckt, die – so einfach sich gebend – so nachhaltig wirkend sind. Natur, Natur. Werden und Gehen. Die Einsamkeiten der Menschen untereinander. Jedem kleinem Wink aus dem Alltagsleben gewinnt der „Zeitagent“ Fritz einen kleinen Brocken Lyrik ab und ist souverän wie selten heute einer.

Die Wolke

Wir saßen bei Schafskäse,
Oliven, Tomatensalat,
als wir die Wolke sahen,
die ihren Schatten
über einige Häuser des Dorfs legte,
dann über den Hügel,
dann ihre Fahrt
verlangsamte,
anhielt,
und in der leuchtenden Luft
Wurzeln schlug

Das Gesamtwerk beginnt mit dem Band „Achtsam sein (1956, führt über „Die Beschaffenheit solcher Tage, ( Roman, 1972) und „Zugelassen im Leben“ (Gedichte, 1999) zu „Achtsam sein – Walter Helmut Fritz – Gesamtwerk“, das im September im Verlag Hoffmann und Campe erscheint (99 Euro, drei Bände) zum 80. Geburtstag des Autors am 26. August 2009.

Peter Ettl

007. Lesung der VIER in Ueckermünde

am freitag 21.august um 19.30 uhr gibt es zur finissage der ausstellung SCHRIFT-WASSER-ZEICHEN im ueckermünder kulturspeicher die erste gemeinsame lesung einer autorInnengruppe die sich seit dem mai diesen jahres ZELLE VIER nennt und das vier als wir versteht und gemeinsam texte schreibt einmal die woche in den weiten des netzes und nun erstmalig diese texte und sich selbst dem publikum vorstellt. MICHAEL HÜTTENBERGER (ostfriesland), SILKE PETERS (stralsund) ARMIN STEIGENBERGER und CHRISTEL STEIGENBERGER (beide münchen).

Hier ein Anagramm zur Meldung

006. Dichter muss Strafe zahlen

Charles Baudelaires Gedicht „Die Juwelen“ wurde gleich nach seiner Veröffentlichung Mitte des 19. Jahrhunderts verboten und er musste wegen „Verhöhnung der öffentlichen Moral und der guten Sitten“ sogar eine Geldstrafe zahlen. Das Gedicht ist eine Hommage an sinnliche Frauen, es spielt mit Andeutungen und weist auch in die blutigen Abgründe von Erotik. / Elke Eberle, Eßlinger Zeitung 15.8.

005. Frühlingsbilder

Der Taoismus unterscheidet auch in der Natur Yin- und Yang-Elemente. So wurden weibliche Schamteile mit Hügeln, Tälern, Feuchtgebieten und Wäldern verglichen, als seien sie eine Landschaft, oder mit einer im Frühlingswind aufgeblühten Päonie. Erotikbilder heissen in Korea «Frühlingsbilder». / Hoo Nam Seelmann, NZZ 15.8.

004. Beim Jüngsten Gericht

Wenn er mit brüchigem Baß seine feierlichen Oden las, glich er einem jungen Hahn. In Feodossija trommelte er eines Tages die reichen Liberalen zusammen und verkündete ihnen: „Beim Jüngsten Gericht werdet ihr gefragt werden,  ob ihr den Dichter Mandelstam verstanden habt; ihr werdet Nein sagen müssen. Ihr werdet gefragt werden, ob ihr ihn ernährt habt – falls ihr das bejahen könnt, wird euch vieles vergeben werden.“ / Ilja Ehrenburg, aus: Menschen, Jahre, Leben

zitiert aus: Ossip Mandelstam. Poet’s Corner 8. Ausgewählt von Rainer Kirsch. Berlin: UVA 1992, S. 5 (deutsch von Fritz Mierau)

003. Ingolds Gegengabe

Wunderbar etwa ist jene Notiz über ein älteres Ehepaar, aus dessen Wohnung der Autor in regelmässigen Abständen Schreie vernimmt, die er sich nicht erklären kann. Bis sich eines Tages herausstellt, vor den Auslagen eines Bücherbasars der Heilsarmee, dass der alte Herr seiner Frau zweimal täglich aus Diderots «Das Paradox des Schauspielers» vorliest, immer wieder und stets mit Inbrunst. Der alte Herr mag das Buch einfach, und eben hat er in der Bücherkiste ein weiteres Exemplar gefunden, er hat schon viele . . .
Kleine Alltagsbeobachtungen wie diese finden sich einige. Dazwischen Gedichte, eigene und fremde, übersetzte: Gedichte von René Char, von Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und vielen anderen. Daneben kurze Berichte von den täglichen Spaziergängen in der nahen Umgebung. Oder Traumerzählungen, bizarre Geschichten, die Vertrautes und Unvertrautes in einer überraschenden Ordnung als kompakte und opake Einheit inszenieren. In anderen Texten wiederum formuliert Ingold Erinnerungen an Menschen, die ihn etwas gelehrt haben und denen er etwas verdankt. Walter Widmer etwa, dem Lehrer und ungeheuer produktiven Übersetzer und Vermittler, gilt eine freundliche Hommage. Ein anderes Mal ist die Rede von einem russischen Linguisten, der zu den wissenschaftlichen Betreuern von Ingold zählte, als dieser in den sechziger Jahren in Moskau studierte. In der Erinnerung bleibt Boris Gornung ein distanzierter Mensch, und erst viel später wird der Autor erfahren, dass sein Lehrer ein enger Vertrauter Ossip Mandelstams war und selber auch schrieb; das vorsichtig-respektvolle Gedenkblatt schliesst mit der Übersetzung eines Gedichts von Gornung. / Martin Zingg, NZZ 13.8. http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/poetische_rueckschau_1.3331604.html

Felix Philipp Ingold: Gegengabe − aus kritischen, poetischen und privaten Feldern. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 712 S., Fr. 59.–

002. Ammanns Wunderlampe

Dezember 1984 in Paris, wo ich damals lebte, Rue de la Tombe-Issoire 37, ein paar Meter über den Katakomben und am Ort, wo laut mittelalterlicher Legende der Grabhügel des erschlagenen Riesen Isoré lag. Wir hatten gerade die Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe geplant und besprochen. Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld sassen auf meinem bizarren Steinzeit-Sofa wie auf einem fliegenden Teppich. Wir glühten. Es war spät, ich schlug einen nächtlichen Spaziergang durch Paris vor. Wir sahen das Haus, wo Verlaine starb, und Baudelaires Haschisch-Klub auf der Ile Saint-Louis. Eine kleine verrückte Wallfahrt, befeuert vom gemeinsamen Projekt, das den russisch-jüdischen Dichter endlich sichtbar machen sollte, dessen zehn Bände samt meiner Mandelstam-Biografie wir tatsächlich – trotz allen materiellen Engpässen – verwirklicht sehen durften.

Zwanzig Jahre sollte es uns tragen und weiter im Text, meine eigenen Gedichte und Essays begrüsste das Verlegerpaar mit ebenso enthusiastischer, mich beglückender Freude. Das antike Wort «Enthusiasmus» meinte ein «Voll-sein-vom-Gotte», eine hellhörige Begeisterung, heilige Leidenschaft für den Gott – der Literatur. Seither ist der Ammann-Verlag für mich eine Gesandtschaft gewesen, «L’Ambassade de la Poésie», ein zartes Asyl poetischer Euphorie, dem harten Wind öder wirtschaftlicher Zwänge nobel und verbissen trotzend. In einem der ersten Ammann-Bücher fand ich eines meiner bis heute wirksamsten Lebensmedikamente, den Satz von John Cowper Powys: «Das Geheimnis des Lebens besteht darin, Gottes Verrücktheit zu teilen.» Das war es: das Licht in Ammanns Wunderlampe. / Ralph Dutli, NZZ 15.8.

001. Mandelstam-Nummer

In guten Buchhandlungen, schreibt der Nouvel Obs,  kann man sich die Nummer 962-963 der Zeitschrift „Europe“ besorgen, die dem russischen Dichter Ossip Mandelstam (1891-1938) gewidmet ist. (Nun, in Greifswald gibt es dann keine – oder hat jemand L’Europe?). Mandelstam, schreiben sie, ist nicht in erster Linie das Opfer Stalins, sondern der außergewöhnliche Dichter. Viele russische Beiträge in dem Heft, so ein wunderbarer Text von Alexander Kuschner. Pavel Nerler untersucht minutiös die Spuren der Durchreise des jungen Mandelstam in Paris. Mandelstams Humor wird zum Thema, Jeanne Claude Lanne zeigt die Nähe zu Chlebnikow und wie Mandelstam eine sehr feine Lektüre des Saum-Dichters lieferte. Er besteht darauf, daß es absurd sei, die beiden unter den Namen Futurismus und Akmeismus zu trennen. Evguéni Toddes zeigt eine andere Nähe – zu den russischen Formalisten. Glänzend die explication du texte des großen Jossif Brodsky zu dem Gedicht „Au monde souverain“ von 1931.

Hier das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung von Marc Weinstein (frz.)
http://www.fabula.org/actualites/article32261.php
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Europe
Ossip Mandelstam
87e année, n°962-963, Juin-Juillet 2009
• 18,50 €

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Ossip Mandelstam – kostenloses Supplement zur Gesamtausgabe (pdf)
http://www.ralph-dutli.de/mandelstam/Mandelstam_Supplement_Gesamtausgabe.pdf
Zu
Ossip Mandelstam
Das Gesamtwerk in zehn Bänden
Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli.
Ammann Verlag, Zürich (2004)
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TRANSLATING MANDELSTAM.
http://www.languagehat.com/archives/002618.php