142. „Einmal singen kostete mich 40 000 Euro, nochmal singen 80 000“

In seinen Liedern hat Hans Söllner Politiker und Polizisten beleidigt. Dafür musste er hohe Strafen zahlen. So lange, bis er es sich nicht mehr leisten konnte.

Söllner: Ich habe mich immer an einen Spruch vom Strauß gehalten: Wir sind Bayern, wir langen halt ein bissl härter hin! Das hab ich auch gemacht.

SZ: Und teuer dafür bezahlt.

Söllner: Und wie! Im Fall mit der Polizistin sollte ich 80 000 Euro zahlen.

/ SZ 19.3.

141. Unverschleiert

Hören Sie bei der BBC ein Gespräch mit der saudischen Lyrikerin Hissa Hilal, die vollverschleiert, aber mit unverschleierten Worten die Männerwelt herausfordert. Frau Hilal hat bereits Gedichte veröffentlicht und war Lyrikredakteurin der arabischen Tageszeitung al-Hayat. Ihr werden Chancen auf den 1,3-Millionen-Dollar-Lyrikpreis des Abu Dhabi-Fernsehens zugesprochen.

Vgl. L&Poe 2010 Mrz #120. Das Böse aus den Fatwas

140. „Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend“

Faktor kam 1978 von Prag nach Ost-Berlin und wurde neben Bert Papenfuß schnell zu einem Protagonisten (und Außenseiter) der Prenzlauer-Berg-Szene. Sein Alter ego Georg geistert schon lange durch Faktors verzerrt autobiographisch grundierte Bücher. Früher machte Georg sich Sorgen um seine Zukunft, und sein Autor kündigte an: „Alles, was die Gegenwart und die Vergangenheit von Georg betrifft, wird erst im nächsten Band zu finden sein. Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend.“ Das war nicht zu viel versprochen. / INSA WILKE, FR 18.3.

139. Meine Anthologie 36: Lothar Klünner, Phycomyces

PHYCOMYCES

Der Biologe: Gelänge es, eure Instinkte zu messen, wir drehten am Schlüssel zum Leben.

Der Pilz: Vergebliche Mühe. Die Quanten, die meine Reaktionen regeln, umtanzen wie Flöhe eure Mechanik. Jetzt borgt euch Geduid bei den Dichtern. Jeder Vorstoß, den sie in unbewußtes Gelände tragen, belebt wieder euern Instinkt.

Der Dichter: Ging die Sicherheit auch ans Bewußtsein verloren, was uns an Ahnung von den Instinkten verblieb, kann den Schlüssel noch immer bewegen. Nachtklare Unschärfe erst macht ein Ganzes erkennbar und Sicht souverän.

In: Lothar Klünner, Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeannne-Mammen-Gesellschaft 2000, S. 160.

138. Joachim-Ringelnatz-Preis für Wulf Kirsten

Der Lyriker Wulf Kirsten bekommt in diesem Jahr den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis. Der in Weimar lebende Künstler achte „wie Ringelnatz auch das Kleine, Unscheinbare“ heißt es in der Begründung. Zu der mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung gehört auch die Vergabe eines Nachwuchspreises. Für den benannte Wulf Kirsten den ebenfalls aus Weimar stammenden Musiker und Lyriker Christian Rosenau.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.66, Samstag, den 20. März 2010 , Seite 16

137. Traumheimat

Ronald M. Schernikau, der Sohn, war zu Beginn der achtziger Jahre eine Hoffnung der deutschen Literatur gewesen. Er vereinte Glamour und Intellekt, Zickigkeit und Menschenliebe mit Formbewusstsein.

Obendrein war er stolz auf seine ausgesprochen klaren politischen Ansichten. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen und den Schritt seiner Mutter rückgängig machen: in Leipzig, am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ studieren und am 1. September 1989 in die DDR übersiedeln. Als er 1991 an den Folgen von AIDS starb, gab es dieses Land, das seine erotisch-politisch-literarische Traumheimat gewesen war, nicht mehr. / Jens Bisky, SZ 15.3.

RONALD M. SCHERNIKAU: Irene Binz. Befragung. Herausgegeben von Thomas Keck. Mit einem Vorwort von Dietmar Dath und einem Interview zwischen Ellen Schernikau und Claudia Wangerin. Rotbuch Verlag, Berlin 2010. 224 Seiten, mit zahlr. Fotos, 16,95 Euro.

136. Hölderlinpreis für Georg Kreisler

Der eine, Friedrich Hölderlin, preist die Schwäne, die ihre Häupter, trunken von Küssen, in heilignüchternes Wasser tunken. Der andere, Georg Kreisler, feiert den Frühlingsbeginn mit dem Aufruf zum gemeinsamen Vergiften der Tauben im Park. In Bad Homburg wird der Kabarettist dieses Jahr im Zeichen des Dichters geehrt: Am 6. Juni erhält der 1922 in Wien geborene Kreisler im Bad Homburger Kurtheater für sein Lebenswerk den Friedrich-Hölderlin-Preis. / FAZ 24.3.

„Ein Kritiker hat mich bezeichnet als Kabarettisten!“ Georg Kreisler gelingt es, in eine erste Gedichtzeile zwei seiner liebsten Hassworte einzubauen. / Sebastian Fasthuber in Falter : Woche 12/2010 vom 24.3.2010 (Seite 19)

135. Brückenbauer

Der Deutsche Nationalpreis 2010 geht an den deutschen Übersetzer und Autor Karl Dedecius und den emeritierten polnischen Erzbischof Alfons Nossol. „Wir zeichnen in diesem Jahr zwei ,Brückenbauer‘ zwischen Deutschland und Polen aus“, sagte Dirk Reimers vom Vorstand der Deutschen Nationalstiftung. „Karl Dedecius hat mit seinen Übersetzungen von polnischer Literatur den Deutschen deren Kultur geöffnet – Erzbischof Nossol verkörpert mit seinem Lebenswerk die Versöhnung der beiden Länder nach dem Krieg“, begründete Reimers die Entscheidung der Stiftung. Der mit 50 000 Euro dotierte Nationalpreis wird im Juni in Hamburg verliehen.  / Süddeutsche Zeitung 25.3.

134. Meine Anthologie 35: Mikolaj Rej, Dem der liest

Dem der liest

Unsern Nachbarvölkern dies verkünd ich:
Der Pole ist kein Ganter, ist der Rede kundig!

Schwatz nicht wie andre: Was gehts mich an?
Bedenk wie bald ein Mann geknechtet werden kann!

(1562)

Do tego, co czyta

A niechai narodowie wzdy postronni znają,
iz Polacy nie gęsi, iz swój język mają!

Nie mów tak jako drudzy: – A co mnie do tego?
Bo nie w czas, gdy juz cwiczy niewola kazdego!

Original aus: Sto wierszy polskich. Hundert polnische Gedichte, ausgewählt und übertragen von Karl Dedecius. Kraków: Wydwnictwo Literackie 1989, S. 8. (Die obige deutsche Fassung von Michael Gratz)
Mikolaj Rej (1505-1569), genannt der „Vater der polnischen Literatur“, war einer der ersten Polen, die in ihrer Muttersprache schrieben. Sein Text sprach mich an, weil er auf schlichte und schlagende Weise die „ursprüngliche Geste der Mitteilung“ (Brecht) hat. Ursprünglich auch im Wortsinn einer Ur-Frühe. Der erste kann ganz selbstverständlich für und an alle* sprechen, von Volk zu Volk. Ähnlich in dem Gedicht „Moralia“ von Biernat z Lublina (1522), dessen Anfang in der Nachdichtung von Karl Dedecius so lautet:

Was Fabeln lehren, erfahre!
Damit sagt Äsop das Wahre.
Drum laß dich vom Gleichnis leiten,
Verachte nicht Einzelheiten!

Durch einfache Worte kommen
Wir nämlich näher dem Frommen.
Zum Beispiel, wie kluge Raben
Die Füchse zum Narren haben.

(A.a.O. S. 7)
* alle, soweit sie lesen – das war demnach schon am Anfang klar.

133. Messefunde (1): Slowenien

Contemporary Slovenian Poetry (1)
10 Poets born before 1960

Ljubljana: Center for Slovenian Literature
Editor-in-chief: Brane Mozetič

44 großformatige Seiten mit Gedichten von Kajetan Kovič, Veno Taufer, Svetlana Makarovič, Niko Grafenauer, Tomaž Šalamun, Milan Dekleva, Milan Jesih, Boris A. Novak, Tone Škrjanec, Brane Mozetič (jeweils 3 Seiten Gedichte auf Englisch sowie bio-bibliographische Informationen)

132. Neues von Frank Milautzcki und fixpoetry.com

Liebe Freunde und Kollegen,

begrüßen möchte ich euch mit einer Übertragung eines alten portugiesischen Gedichtes, das viel vom Expressionismus vorweg genommen hat und das hierzulande niemand kennt.

Ich finds einfach schön.

Eduardo Coimbra (gestorben 1884)

Landschaft

Im Westen ist die Sonne noch ein roter Hall
jenseits der Höhen, die dämmernd stehn und schweigen.
Zum Rascheln aus dem dichtbelaubten Dunkel zweigen
Vögel späte Melodien aus dem grünen Wall.

Im Feld ringsum verstummt der Schall
und kein andres Lied will mehr entsteigen
als das Trotten müder Mädchen und der Kicherreigen
in den Blicken nach den Burschen und ihrm Hosenstall.

Matt ziehn die Stiere kreischende Gespanne.
Im Wirtshaus schwatzen Bauern bei einer roten Kanne
Wein, der Regen fehlt, was ist zu tun?

Laut keift die Nachbarsfrau vom Stall zur Stube
und aus der Türe springt ein kleiner Bube,
barfuß im Hemd, und hascht nach einem Huhn.

Nachdichtung aus dem Portugiesischen

Frank Milautzcki 13.11.08

DIE NEUEN LESEHEFTE SIND DA!

Für die aktuelle Staffel vom März 2010 haben wir neben „Himmel / Haut – Variationen“ des noch unbekannten Robert Monat und den wundervollen Liebesgedichten in „Apfel und Szepter“ von André Schinkel, bislang unveröffentlichte Gedichte und „Brieftauben aus dem Internet“ des völlig zu Unrecht oft vergessenen Großen der deutschen Nachkriegslyrik, Hans-Jürgen Heise, zu Ehren seines diesjährigen achtzigsten Geburtstags an den Start geschickt.

Heft 16 – ANDRÉ SCHINKEL Apfel und Szepter

Heft 17 – ROBERT MONAT Himmel / Haut – Variationen

Heft 18 – HANS-JÜRGEN HEISE Brieftauben aus dem Internet

jedes Leseheft kostet – wie immer – 6,90 Euro.

Dann gibt es einiges Neues zu vermelden. Neue Rezensionen sind erschienen:

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/614.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/604.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/601.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/562.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen/522.html

Auch einen kurzen Essay gibt es:

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/interviews_essays/546.html

und zwei Fixative:

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/fixative/528.html

http://www.fixpoetry.com/feuilleton/fixative/510.html

Weiterlesen

131. randnummer geht weiter

Die Lyrik- oder Literaturzeitschrift randnummer scheint eine Erfolgsgeschichte zu sein, in Hamburg und mählich überregional.

Nächste Veranstaltung am 27.03.10, noch vor dem Erscheinen der neuen, zweiten Ausgabe im April. Auf der Homepage findet sich bereits ein Auszug aus dem aktuellen Editorial, die neue Autorenliste soll Freitag online sein.

Ort: POW-Galerie, Haubachstraße 7a, Hamburg
Datum: 27.03.2010
Beginn: 20.oo Uhr
Eintritt: frei

Es lesen: Richard Duraj, Jinn Pogy, Gerald Fiebig, Tom Schulz

Das Titel-Magazin schreibt:

Literaturheft nennt sich diese neue Zeitschrift aus Hamburg, die tatsächlich das angenehme Format jener Hefte hat, in die wir unsere ersten Schriftkringel malten. Handlich ist sie, weder ein dünnes Nichts noch ein einschüchternder Ziegel, und besonders froh stimmt natürlich auch der völlig unelitäre Preis von vier Euro. Ein echtes Angebot nicht nur für Raucher, mal das Rauschmittel zu wechseln, meint GISELA TRAHMS. …

Auf der ebenfalls sehr einladend gestalteten Website sind einige Gedichte auch zu hören – Herbert Hindringer etwa mit „gespenster“, einer sanft-melancholisch schwingenden Klangcollage. Wie ein Kontrastprogramm dazu wirkt Nicolai Kobus’ „container“, ein Fließtext, virtuos und hämmernd vorgelesen und doppelt so eindrucksvoll wie als Wortblock auf dem Papier.

Jan Skudlarek antwortet auf jenen Gang durch die Stadt, der T. S. Eliots „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ eröffnet, indem er nicht nur Zitate einstreut, sondern sie durch Wortaustausch verfremdet. In einem anderen Gedicht thematisiert Ron Winkler das nächtliche Gejaule der Rettungswagen, das jedem USA-Reisenden noch lang durch die Gehörgänge gellt und zu überwacher Schlaflosigkeit führt: „wenn wir nicht schlafen können, leuchten wir so / als wäre Dunkelheit Licht.“

130. Zwischen den Zeilen

Nummer 31 ist soeben erschienen, zum Preis von 10 Euro, mit Texten von Konstantin Ames, Michael Fiedler, Andrea Heuser, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke und Daniela Seel. Wieder eine Fund- und Pfundgrube. Hier als Appetithäppchen zwei Auszüge aus einem Essay von Bertram Reinecke:

[1.]

Auch von Lesern, deren Urteil ich schätze, wird meine Schreibweise als ambivalent wahrgenommen. Da ich mich nicht als gespaltene Dichterexistenz fühle und meiner Schreibweise in der lichten Ruhe des Arbeitsprozesses immer neu Plausiblität zuwächst, verwirrt mich das.

Auf der anderen Seite lese ich oft von hintersinnigsten Poetiken. Mir fehlt der Glaube. Durch mein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig konnte ich tagaus, tagein Dichter bei öffentlicher Lektüre beobachten. Es ging auch bei Avancierteren geradliniger zu, als ambitionierte Kritiker das mitunter beschreiben. (Zumal man unterstellen darf, dass öffentliche Lektüre intellektuell aufgeputzter daherkommt als ein privates Lesevergnügen.) Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Kritiker durch das Erfinden extravaganter Lesehaltungen der Gefahr entgehen wollen, sich bei der Interpretation eines Textes zu verrennen, den sie mit ihrem Besteck nicht gänzlich durchdringen können. (Das Verfahren dient also der Literaturvermeidung.) Weil als klug zu gelten ein hohes Gut im Kampf um mediale Aufmerksamkeit ist, scheint sich in solchem Fall regelmäßig ein geheimes Stillhalteabkommen zwischen dem Kritiker und dem ob seiner Intelligenz geschmeichelten Dichter zu ergeben. Das Erfinden von Lesestrategien, die es noch nicht gibt, kann intellektuell bereichern. Nur sehen moderne Literaturprozesse damit noch stärker wie ein Tun für Spezialisten aus, als sie es ohnehin sein mögen. Und den durch diese Verschiebung frei werdenden Raum besetzen dann triviale Diskurse (z.B. mit Dichtern in Übergröße und Authentizität). …

[2.]

Tiefer als Geniediskurs und verschlankte Schulbildung vermitteln, ist die notorische Praxis des Paraphrasierens und Neuübertragens der alten Texte in der Dichtung gegenwärtig.

Auch Montagetechniken haben bereits Vorlagen im christlichen Diskurs: Die so genannten Evangelienharmonien, welche die verschiedenen Berichte zu einer konsistenten Erzählung zusammenzustellen suchen. Vielen Chorälen liegen Sammelsurien von Bibelstellen zu Grunde, deren einzige Gemeinsamkeit oft zu sein scheint, dass diese Zitate den theologischen Vorlieben des Verfassers entsprachen. Man könnte von Pastiches auf Montagen sprechen. Insofern verwundert es, dass an Schule oder Universität Formen von Montage und Intertextualität oft immer noch wie schwierige Rand- oder Sonderformen dargestellt werden, die uns eine Moderne eingebrockt habe, die wir, ob wir sie lieben oder nicht, akzeptieren müssten.

Wenn auch die meisten Dichter nicht so naiv sind und Kritiker abwinken, wächst doch von solcher Vorbildung den Montageverfahren immer ein Misstrauen zu, und Dichter, die sich ihrer bedienen, haben sich häufiger gegen den Formalismusvorwurf zu wehren, während die, welche auf solche Elemente verzichten, im Gegenzug eher als authentisch gelten.

Man könnte sich leicht entschließen, im Gegensatz dazu z.B. das Gedicht in Alltagssprache für eine problematische Sonderform zu halten. Denn ein wie ambivalentes, fast möchte man sagen hinterhältiges Unternehmen ist das! Wenn die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist, dann redet auch das Alltagsgedicht Fremdsprache, verhehlt aber diese Tatsache systematisch. Denn ein Tisch verhält sich im Alltagsgedicht ja nicht wie ein Tisch in der Wirklichkeit: Er steht für Heimeligkeit, für eine Kneipensituation, für eine Distanz zwischen ihm und ihr oder was immer. Reale Tische stehen meist für nichts. Bei ihnen kommt es auf anderes an, ob man z.B. etwas Heißes darauf stellen kann, welche Reinigungsmittel für ihn geeignet sind usw. Ein realer Tisch bezieht sich auch nicht, wie ein Tisch im Gedicht, auf andere Tische. Nur im Kontext von Design und Innenarchitektur können reale Tische symbolische Funktionen annehmen, wie sie Tische in Gedichten haben. (Etwa durch besondere Wertanmutung für die Distinktion seines Besitzers oder den Ruf eines Lokales sprechen.) Die Verwendung der Wörter im Alltagsgedicht ähnelt also den Derivaten der Werbung, die uns eine arme künstliche Symbolwelt für Wirklichkeit vorspiegelt, während Kunstformen, die ihre Künstlichkeit ausstellen, diese Lüge nicht beinhalten.

129. Meine Anthologie 34: Otto zur Linde, Hölzerne Säule

Hölzerne Säule

Eine Säule steht von Holz,
Drauf die Stimme sitzt und zieht die Beine hoch;
Fragt in alle Winde und verbittet sich die Antwort.
Alle Welt liegt rund in Ringen
Die sich engen um die Säule
Einen langen, langen Stock mit einem kurzgedrungenen Hammer
Hält die Stimme in der Hand,
Zwischen zwei verwehten Fragen
Auf den Ringen mit zu spielen:
Bang, kling lang -; bang, kling lang -;
Diese Frage werf  ich in das Meer.
Bang, kling lang -; bang, kling lang -;
Diese fiel zu kurz und läuft ein Stück.
Bang, kling lang -; bang, kling lang -;
Rote Mäuse springen mir vom Mund.
Bang, kling lang -; bang, kling lang -;
Flüchten über sieben Ringe.
Eine schwarze Katze sitzt am Rand der Welt.
Bang, kling lang -; bing bing, bang, bing -
Alle roten Mäuse rennen ihr ins Maul.
Bang, bang, schwarze Katz,
Wirst du nimmer satt?
Da legt die Katz den Schwanz her um die ganze Welt.
Bang, kling lang -; bang, kling lang auf allen sieben Ringen,
Der achte ist der Katzenschwanz,
Den traf ich mit dem Hammer.
Bang, kling lang; miau, mio; die Welt ist voll Musik.
Was aber über Ringe läuft,
Bang, kling lang -; bing bing, bang, bing -;
Den kribbelts untern Sohlen.

1919

aus: Anthologie der Abseitigen. Hg. von Carola Giedion-Welcker, Frankfurt am Main: Luchterhand Literaturverlag 1990, S. 61.

128. Die Wunde lesbar zu machen

Vor der Folie tödlichen Schweigens musste sie neue kühne Wege gehen. Wäre sie Maler, heißt es in ihren „Briefen aus der Nacht“, würde sie „das Steinerne des Steines malen“, „das Wesen des Leidens in einem Fischauge zwischen Leben und Tod“. „Hingabe ist der neue Pinsel“, meinte sie – Hingabe, um „die Wunde lesbar zu machen“.

Dass sie das zu einer singulären Dichterin machte, zeigen nun die ersten beiden Bände einer Werkausgabe. Sie versammeln alle seit 1940 in Schweden entstandenen Gedichte und Gedichtzyklen in chronologischer Reihenfolge. Unter den von Ariane Huml und Matthias Weichelt kenntnisreich kommentierten Dichtungen sind viele bislang unpublizierte von großer Schönheit.

Hauptherausgeber aller vier Bände – Band III mit den szenischen Dichtungen und Band IV mit Prosa und Übertragungen sind in Vorbereitung – ist der aus Göteborg stammende Autor Aris Fioretos. Er ist auch Kurator der großen Wanderausstellung, die anlässlich des 40. Todestags der Dichterin gestern Abend im Jüdischen Museum Berlin eröffnet wurde. In einer begleitenden Bildbiographie schildert Fioretos Leben und Werk der Dichterin. Das Buch basiert auf umfassenden Archiv-Recherchen sowie Gesprächen mit Freunden. Zusammen mit einer Bibliographie stellt es eine vorzügliche Ergänzung zu den beiden Gedichtbänden dar. / RENATE WIGGERSHAUS, FR 25.3.

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin: bis 27. Juni, weitere Stationen bis Ende 2011 Stockholm, Zürich und Dortmund.www.nellysachs.com

Nelly Sachs: Gedichte Band 1 u. 2., hrsg. von Aris Fioretos, Ariane Huml u. Mathias Weichelt, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 344 u. 426 S., je 44 Euro.

Aris Fioretos: Flucht und Verwandlung – Eine Bildbiographie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 320 Seiten, 29,90 Euro.