Die Aura des Rätselhaften, Exorbitanten und Kosmischen, die ihre berühmten Poeme „Det/Das“, „Alphabet“ und den grandiose Sonettenkranz „Das Schmetterlingstal“ umgeben sollte, begann sich hier zu entwickeln: im zweiten Gedichtband „Gras“ aus dem Jahr 1963. Die erstmalige, kongeniale Übertragung des Buchs ins Deutsche durch Hanns Grössel schließt eine empfindliche Lücke, weil „Gras“ einen Wendepunkt im Schaffen der Dichterin markiert. Die Gedichtfolge dokumentiert den Schreibprozess, der die Autorin von knappen Minimalgedichten wie „Liebe“ oder „Sommerkurzes Leben“ zu beweglichen epischen Strukturen führte, wie sie in „Begegnung“ zum ersten Mal auftauchen. Ohne diese Entwicklung wären die späteren Groß- und Systemgedichte nicht denkbar. Alles beginnt mit detailversessenen Naturbeobachtungen, die im Aufsteigen und Verschwinden der Dinge bereits universelle Bewegungen erkennen lassen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Gras. Von Inger Christensen. A. d. Dän. v. Hanns Grössel. Kleinheinrich, Münster. 128 S., 25 Euro.
Ein Mann wie ein Baum. Groß, mehr noch kräftig als dick. Eine tiefe, auch laute Stimme. Das genaue Gegenbild dessen, was sich der empfindsame Zeitgenosse unter einem Dichter vorstellt. Dementsprechend hat er angefangen. „Maniac“ hieß eines seiner ersten Bücher, seinerzeit im März-Verlag von Jörg Schröder erschienen. Dieser Verleger attestierte ihm auch eine Nähe zu Bukowski, ohne jede Anleihe; und eine Härte, die R.D. Brinkmann übertreffe.
Die neuen „ausgewählten Gedichte“, viele zu Recht „Balladen“ genannt, spiegeln ein Lebenswerk, knappe fünfzig Jahre. Dazu: eine Entwicklung. Auf den hektischen Aktionismus seines Alter Ego, des jungen „Dillinger“, folgte immer deutlicher erkennbar eine geduldige, manchmal sogar beschauliche Betrachtung. / Martin Lüdke, FR 2.7.
Horst Peisker: Dillingers Blues. Die Balladen. Ausgewählte Gedichte. Verlag G. H. Hofmann, Gemünden am Main 2010, 175 Seiten, 14,80 Euro.
Seine Pianistenkarriere hat Alfred Brendel (79) im Jahr 2008 aufgegeben, als lesender Dichter macht er weiter. Am Sonntag ist der Ausnahmekünstler im Schloss Ulrichshusen (Müritzkreis) zu erleben, wo er bei den Festspielen Mecklenburg- Vorpommern eigene Gedichte liest. / Ostsee-Zeitung
Man wird das Buch aber auch deswegen mit großem Gewinn lesen, weil sich ‚über das Leben dieses einfachen Liedchens‘, in dem der Ohrenzeuge John Steinbeck den einzigen Beitrag Nazi-Deutschlands zur Kultur der zivilisierten Welt erkennen wollte, eine verdammt ‚gute Geschichte‘ erzählen lässt, wie die Autorin eingangs bemerkt.
Diese Geschichte beginnt mit dem Hamburger Dichter Hans Leip, der die Zeilen dieses Liedes, in denen er, angeblich, die Sehnsuchts-Bilder zweier damaliger Freundinnen (‚Lili‘ und ‚Marleen‘) miteinander verschmolz, schon in einer Berliner Regennacht des Jahres 1915 verfasst haben will, bevor sie dann 1937 von Norbert Schultze, einem recht schmierigen Mitläufer der Nazis, vertont und von der bis dahin nicht so recht erfolgreichen Sängerin Lale Andersen in ihr Programm aufgenommen und schließlich, passenderweise, kurz vor Kriegsausbruch auf Platte aufgenommen wurden. / MANFRED SCHWARZ, SZ 24.6.
ROSA SALA ROSE: Lili Marleen. Die Geschichte eines Liedes von der Liebe und vom Tod. Aus dem Spanischen von Andreas Löhrer. Mit 21 Schwarzweiß-Abbildungen und einer Audio-CD. Dtv, München 2010. 239 S., 20,50 Euro.
W.S. Merwin, einer der produktivsten und gefeiertsten Dichter des Landes, wird der 17. Poet Laureate der Vereinigten Staaten. Das Amt wurde 1985 geschaffen und wird von der Library of Congress vergeben, um dichterische Verdienste zu würdigen. Die Amtszeit beträgt üblicherweise ein bis zwei Jahre. / Philip Kennicott, Washington Post 1.7.
Texte sind visuelle und akustische Gebilde, die sich zerlegen und neu zusammenfügen lassen. Ein Meister der konkreten Poesie ist Franz Mon. Sein umfassendes Werk präsentiert das Haus Konstruktiv in Zürich.
… Bereits diese Frühwerke verweisen auf Mons später wiederkehrendes zentrales Thema: die Reduktion der Zeichen auf Ideogramme, die wie im Chinesischen für einen bestimmten Begriff stehen.
Ab 1960 entwickelt Mon Collagen, für die er Zeitungen, Illustrierte und Plakate, später auch Stoffreste, Holz und eigene Texte zerlegt, zerreisst oder in einer Wäscheschleuder zerquetscht, um sie wieder zusammenzusetzen. Auch seine neusten, mit dem Computer konzipierten Wortbilder sind in dieser sehr lohnenden Ausstellung zu sehen. Sie wird ergänzt mit zwei Hörspielen und dokumentiert so Mons kreative, grenzensprengende Radikalität, welche der sprachlich objektivierten Wirklichkeit misstraut und den Erfahrungshorizont erweitert. / Dorothee Vögeli, NZZ 1.7.
Zürich, Haus Konstruktiv, bis 1. August.
In L&Poe
Es entsteht der Eindruck eines Zugleich und Nicht, von Simultanität und Leere, „Frenetischer Stille“. Da ist viel lyrische Diffusion (vielleicht ja und vielleicht nein und wahrscheinlich beides), aber in einer Machart, dass die ausbleibende Befriedigung nach den Kosten (Kollateralschäden) der Befriedigung fragt. Das heißt: keine unmittelbar angenehme, aber gute Lektüre. / Tobias Roth, Die Berliner Literaturkritik, 21.06.10
WINKLER; RON: Frenetische Stille. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2010. 92 Seiten, 18 €.
Jim Morrison ist, wieder mal, der wilde Schamane des Rock ’n’ Roll, und „you can’t burn out if you’re not on fire” (man kann nicht ausbrennen, wenn man nicht entflammt ist). Das sind so einige der Weisheiten, mit denen die Erzählstimme von Johnny Depp durch den Film führt. Vom Vorleseskript und den mitgelieferten deutschen Untertiteln zu Tom DeCillos „The Doors – When You’re Strange“ sollte man also besser keine großartigen neuen Erkenntnisse erwarten. Wenn es hier Erleuchtungen gibt, dann stecken sie anderswo: im zeitgenössischen, bisher weitgehend unbekannten Originalmaterial, aus dem diese Rock-Doku montiert ist, in den Konzertmitschnitten, in den nach wie vor gewaltigen Songs von Morrison und jener Band, die ihren Namen einem Gedicht von William Blake (und dessen Popularisierung durch Aldous Huxley) verdankte. „Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene den Menschen alles, wie es ist: unendlich“. Ladies and Gentlemen – The Doors! / Badische Zeitung
„The Doors – When You’re Strange“ (Regie: Tom DeCillo)
Jim Morrison in L&Poe
(die älteren Artikel im Archiv)
LONDON EC1: The Poetry of Bees
7pm, Thursday 1st July, 2010
Venue: Gresham College, Barnard’s Inn Hall, Holborn, London EC1
Tickets: Free
Bees have long been recognised as some of the most remarkable creatures on the planet, whose flight, navigation, communication and social organisation provide us with challenges to our anthropocentric views. Especially for this year’s City of Lond Festival, Poet in the City has commissioned five of the UK’s leading poets to write original poems about bees. At this amazing event the poets will be reading their work in public for the first time. With David Harsent, Jo Shapcott, Fiona Sampson, Matthew Welton, Luke Heeley.
Mit Monika Rinck erhält seit langem wieder einmal eine Lyrikerin den Georg-K.-Glaser-Preis. …
Ihr Lyrik-Zyklus trägt den schrägen Titel „Honigprotokolle“ … und beginnt so:
„Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle, in Bernstein und Amber: /
Fürstlich (oder fürchterlich?) paart sich im Dickicht das Wiesel /
mit der Zylinderkopfdichtung, Schläuche, Keilriemen, zuckige Teile. /
Wie flink ist das Wiesel, wie schwer der sehr gebremste Unfallwagen /“ …
2004 nannte Monika Rinck ihren Debüt-Band fast programmatisch „Verzückte Distanzen“. Und damit ist klar: Sie beschäftigt sich damit, dass einen das, was man im Alltag erlebt, oft mehr mitnimmt, als man eingestehen will, und dass ein Erlebnis, und sei es noch so klein, die Welt und das Denken gründlich durcheinanderwirbeln kann. Ihr jüngstes Buch heißt denn auch: „Helle Verwirrung“.
Monika Rinck benutzt alles – Philosophie und Szenesprache, Religion und Popmusik. Was die Moderne hervorbringt, wird von ihr gemixt und neu kombiniert. So entstehen Assoziationsflächen, die den Kopf zum Denken anregen. Drei Gedichtbände hat sie bisher im schönen Verlag „Kookbooks“ untergebracht, jedes ist nach Meinung der Kritiker eine Steigerung. „Wie schön, dass wir eine so überzeugende Preisträgerin haben“, meinte die Jurorin Meike Fessmann, als sie ihr Votum abgab.
/ Alexander Wasner, SWR
Ostberlin in den 1980er Jahren: Im Bezirk Prenzlauer Berg trifft sich die alternative Künstlerszene der Hauptstadt der DDR. Literaten, Musiker, Theaterleute und Bildende Künstler finden sich in subkulturellen Nischen zusammen und suchen nach neuen, experimentellen Ausdrucksformen. Zu den dichtenden Protagonisten der jüngeren Generation zählt neben Johannes Jansen, Bert Papenfuß und Sascha Anderson auch Leonhard Lorek.
1958 im polnischen Zabrze geboren, machte sich Lorek in jenen Tagen (zudem als Mitherausgeber der Untergrund-Zeitschrift „schaden“ sowie als Texter und Musiker von Bands wie „teurer denn je, fett, la deutsche vita“ oder „Deu“t) einen Namen. Ihre Songs nahmen die Bands auf Kassetten auf. Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist Lorek 52. Aktuelle Stücke seiner Avantgarde-Popband Mendelsson laufen auf MySpace. Literarische Texte von ihm sind erstmals in einem eigenen Band erschienen: „Daneben liegen“ heißt die Sammlung aus Gedichten und Prosatexten, die der Berliner Verbrecher Verlag im Herbst 2009 veröffentlichte. …
Im Text „Wirtschaft, Tod und zehn Gedichte“, der den Band eröffnet, bekennt Lorek, dass Gedichte für ihn in etwa so zu wirken hätten wie Calgon: Kalk lösend und Verkrustungen aufhebend. Ein Anspruch, der nicht leicht einzulösen ist. Wer sich auf seine Lyrik einlässt, den erwarten vielschichtige Impulse, sich mit Grundfragen der Existenz auseinander zu setzen. / Lutz Steinbrück, Berliner Literaturkritik 28.06.10
LOREK, LEONHARD: Daneben liegen. Verbrecher Verlag, Berlin 2009. 144 S., 19 €.
Aus dem undurchdringlichen Hell-Dunkel der Poesie treten ein paar Linien von eindeutigem, kräftigem Umriß hervor:
brüderliche Existenz im Kreise der Schöpfung;
der Versuch, uns aufzurichten gegen den lastenden Himmel;
der Streit seit je zwischen Leidenschaften und Unschuld;
Abscheu vor der Norm an des Menschen Statt, ihren Machenschaften, ihrer öffentlichen Gewalt;
Trauer über die Not und das Gelächter der Vielen;
Freude auch an der schmerzhaften Wahrheit;
heftige Spiele im Dienste der Schönheit;
wachsender Durst nach Umwälzungen, Verwandlung …
Diese Linien fürs Eigentliche zu nehmen – welch befruchtender Irrtum! Sie sind uns ein Halt. Und doch bloß die Schleppe der Poesie, die unverschleißliche. Nicht ihr aufblitzendes Décolleté.
Keiner, auch nicht der Schatten der Wolkenkinder, berührte jemals ihr Meeres-Auge, ihren Schweige-Mund.
Aus: Lothar Klünner, Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeannne-Mammen-Gesellschaft 2000, S. 94.
Matthias Zarbock
„Wiedervereinigung der Texte II:
Nietzsche und Bukowski“
Wir Künstler! – Wenn wir ein Weib lieben, so haben wir leicht einen Haß auf dickarschige Schwestern,
und alle diese kleinarschigen Leute in Shorts, gerne denken wir überhaupt daran vorbei, aber wenn
einmal unsere Seele diese Dinge streift, so zuckt sie ungeduldig und blickt verächtlich nach der Natur
hin.
Da macht man die Ohren zu gegen alle Physiologie und dekretiert für sich insgeheim: „Ich sehe ihre
BEINE! BIS OBEN HIN!“ All das Nylon, die Reizwäsche, Strapse, der ganze Scheiß…“
„Der Mensch unter der Haut“ ist allen Liebenden ein Greuel und Ungedanke, eine Gottes- und
Liebeslästerung. Moses rülpste. Mein Gott, was die Männer alles lernen mußten. Dann ein Meer von
Samen unter ihrem Kinn: aber weil ihm niemand diesen Dienst erweisen konnte, so verhehlte er sich die
Natur und Mechanik, so gut er konnte, und lebte im Traume.
Die meisten von uns waren vor irgend etwas davongelaufen – Wir Künstler! vor Frauen, Rechnungen,
Babys oder anderen Schwierigkeiten, die einem über den Kopf gewachsen waren – wir Nachtwandler des
Tages!
Nietzsche, 1882 und Bukowski, 1972.
Aus:
aktaion . Literatur und Kunst im Net (Matthias Zarbock) [Link von 2000, funktioniert nicht mehr]
Vgl. hier
Frühling
Müdes schräges Licht
schickt die Sonne durch die Luft,
warm ist es und kühl.
Mädchen tragen dünnen Stoff,
mit Nippeln steif vor Kälte.
Ich glaube Lyrik ist etwas, das man der Alltagssprache abtrotzen muss. Etwas, gegen das die Sprache steht, das sie stört und zerstört, was gleichzeitig aber etwas sehr Menschliches ist. Es erinnert daran, dass es lohnenswert ist, zu schweigen, still zu beobachten, wie sich die Distanz oder Nähe zwischen Namen, Worten und Dingen im Einzelnen gestaltet, die Wärme und Kühle zwischen den Dingen und der Sprache zu verstehen.
/ Der Filmregisseur Semih Kaplanoğlu, Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2010, im Gespräch mit Weltexpreß
Titel: Bal – Honig
Land/ Jahr: Türkei 2010
Genre: Drama
Kinostart: 9. September 2010
Regie: SemihKaplanoğlu
Drehbuch: SemihKaplanoğlu, Orcun Köksal
Kamera: Baris Özbicer
Darsteller: Boras Altas, Erdal Besikcioglu, Tülin Özen, Alev Ucarer, Ayse Altay
Filmlänge: 108 Minuten
Verleih: Piffl Medien
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