101. Zwietracht Lyrik

Kulturstaatsminister Bernd Neumann übernimmt die Schirmherrschaft über das multikulturelle Bremer Poesie-Projekt „Zwiesprache Lyrik“. Einige Bremer AutorInnen sind empört und werfen ihm wiederholte Zensurfreudigkeit vor:

… und nicht nur wegen jener historischen Erich-Fried-Kontroverse. Damals, am 3. November 1977 war das, hatte Neumann bekannt, die Gedichte des jüdischen Emigranten „lieber verbrannt“ zu sehen. Allerdings, er hatte sich später dafür entschuldigt. Und, was schwerer wiegt: Der spätere Büchner-Preisträger hatte das angenommen. „Das ist vergeben, nicht vergessen“, so Watson, der mit Fried persönlich befreundet war. / taz Nord

Kommentar von Benno Schirrmeister

100. Roma-Melodie

Bis auf wenige Ausnahmen übernimmt Paul Hoorn den Gesangspart – egal, ob in Spanisch, Rumänisch oder Romanes. Oder er singt das Hölderlin-Gedicht von der Hälfte des Lebens, verpackt in eine Roma-Melodie. / Hersfelder Zeitung

99. Siegerbeitrag

Lokalnachrichten aus Hagen:

NN  hat den Wettbewerb der „Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte“ gewonnen.

Mit ihrem Gedicht „XYZ“ überzeugte sie die Jury dieses nach eigenen Angaben größten deutschsprachigen Gedichtwettbewerbs. Ihr Siegerbeitrag wurde unter anderem mit einer professionellen Vertonung und einer Veröffentlichung in der Anthologie „Ausgewählte Werke XIII“ prämiert.

(Genauer gesagt hat sie einen der 96 Priese des „4.-100. Preises“ gewonnen. Die müssen ne Menge Komponisten haben.)

NB: Auf den Listen steht immer mal der ein oder andere bekannte Name.

98. Keimzeit

Keimzeit waren die ostdeutsche Antwort auf Element of Crime, ehe Sven Regener überhaupt auf den Gedanken gekommen war, eine Zeile auf Deutsch zu singen. Die Konzerte der Kapellen-Kommune auf Dauertournee über die Dörfer dauerten nicht selten vier Stunden. / Naumburger Tageblatt

97. Rumbalotte Continua

Eine Mischung aus Anarchismus-Wundergläubigkeit, Ostblock-Sozialromantik, Kapitalismus-Haudegen und vulgärem Männervokabular könnte in Hochpotenz ziemlich nerven. Der Lyriker, Rockmusiker, Kneipenbetreiber, Redakteur und noch als Dramatiker zu entdeckende Bert Papenfuß erzeugt mit dieser Giftmischung solche Sprachlust und -bissigkeit, dass alle Widerstände runtergespült werden. Nörgler sind seit dem ersten schmalen Band der nun abgeschlossenen siebenteiligen Rumbalotte-Continua-Serie entwaffnet. Leitspruch: „(…) oder ich irre unsäglich vorwärts“. …

Papenfuß wettert nicht nur gekonnt, er entwirft auch – eine Seltenheit – literarische Alternativen. Denn das obige Lamento ist nur Einleitung eines grundvergnüglichen Textes (im siebten Band), der eine Vision zur direktdemokratischen Befreiung der Mark Brandenburg und Gründung eines anarchischen „Unstaats“ entwickelt. Im wirklichen Leben hat Papenfuß, jahrelang Programmplaner im legendären Kaffee Burger, nun zudem als letzten Rückzugsraum in dem Berliner Biotop Jungverrentnerter eine eigene „Schankwirtschaft“ samt „Bordbuchhandlung“ und angeschlossener Bibliothek aufgemacht. Sie liegt in der Metzer Straße, also mitten im Latte-Macchiato-Distrikt, und heißt wie seine raue Poesie Rumbalotte Continua – ein lautpoetisches Geschmeide, das auf einen blöden Witz (zu googeln unter „Rumbalotte“) und den Namen der ehemaligen italienischen Linksgruppierung „Lotta Continua“ zu verweisen scheint. / Astrid Kaminski, Freitag 02

Rumbalotte Continua, Band 1,3,5,7 Bert Papenfuß Verlag Peter Engstler 2004-2010. Band 2,4,6 Verlag Karin Kramer 2005-2009. Je Band 40-50 S.,broschiert. Zwischen 8 und 11 €

(Und noch ein Zitat aus seiner Stasiakte, auch aus dem informativen Beitrag: „Papenfuß macht beim Sprechen grammatikalische Fehler. Auf ihm gestellte Fragen antwortet er nie logisch. Er sprach praktisch wie seine Gedichte geschrieben sind.“)

 

96. Vermessung (aber bitte nicht zählen)

So wohnt man lesend jener lyrischen Vermessung der Welt bei, die Jan Wagner seit seinem ersten Gedichtband Probebohrung im Himmel aus dem Jahr 2001 beharrlich und mit unverkennbarem Ton vorantreibt: so leichtfüßig wie handwerklich präzise und mit sicherem Gespür für kleine, wirkungsvolle Verschiebungen wird vermeintlich Vertrautes flink ins Unheimliche gewendet, wird stets die Kleinschreibung gepflegt, wodurch alle Worte gleich behandelt und zuweilen mehrdeutig werden. Assoziationsräume werden eröffnet, Kontexte aufgerufen. In „der brennende hain“ über einen Waldbrand im Abschnitt „Süden“ heißt es „nach einer weile/krähte ein hahn. ein hahn. ein hahn“ und man darf hier natürlich auch an Petrus’ Verrat („Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben!“) denken.

In Australien erweist sich Wagner zudem einmal mehr als versierter Spieler auf der Klaviatur des lyrischen Formenkanons. Der Griff zu tradierten Gedichtbauplänen erfolgt mal streng nach Ordnungsschema, etwa wenn sich unter der Überschrift „von den ölbäumen“ 15 Haiku aneinander reihen, mal spielerisch in freier Variation die Baupläne unterlaufend.

Häufig sind unreine Reime, in denen der Bezug zwischen zwei Worten klanglich hergestellt und zugleich aufgebrochen wird. Dadurch gerinnen die Formen nicht zur Pose, wirken tatsächlich als jene „Korsette, in denen man paradoxerweise freier atmen kann“, als die Wagner sie mehrfach charakterisiert hat. Und niemand braucht hier mit der kleinen Versschule gewappnet Silben und Zeilen zu zählen*. Denn dass die Gedichtkörper ein Rückgrat haben, das die Worte stützt und trägt, dass hier jemand an der Sprache präzise gefeilt und poliert, seine Anordnungen genau geprüft hat, wird man ohnehin zur Kenntnis nehmen. / Beate Tröger, Freitag 03

Australien Jan Wagner Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2010, 102 Seiten, 18 €

*) Mit Verlaub, „niemand braucht hier zu zählen“? Der Dichter doch mindestens schon. Die Haikus sind korrekte 17silber, nach westlichem Muster zu 5/7/5 angeordnet. Auch gibt es auffallend viele Verse mit 11 oder bei betontem Ende 10 Silben: fünfhebige Jamben. Manchmal mit völlig korrekter Anaklasis (hoffentlich stehts in der kleinen Versschule). Außerdem enthält der Band, wenn ich jetzt keinen übersehe, neben vielem anderen Abgezählten 3 sapphische Oden: abendlied, lago di como / am aalfang / hiddensee im dezember. Und ob er da gezählt hat. Leser und Kritiker könnten das auch, statt zu labern. Eine „künftige Literaturwissenschaft“, die „statt Raisonnement Analysen versucht“, erhoffte Rainer Kirsch 1976. Ist wohl noch nicht so weit.

Zu den „gezählten Versen“ bzw. Silben sehe man auch zum Beispiel die Huchelpreisträgerin Marion Poschmann, da lassen sich noch Entdeckungen machen.

Das Zitat von Rainer Kirsch aus seinem Buch „Ordnung im Spiegel. Essays Notizen Gespräche“. Leipzig 1985 S. 267

95. Für übermorgen

Einen Matthisson für Musikliebhaber, dessen Lieder von Beethoven und Schubert vertont worden sind. Und einen Dichter für die Freunde einer artistisch-artifiziellen Lyrik: den poetischen Kältekünstler, den Schöpfer phantastisch-halluzinierender Szenerien, die erstmals Traum, Rausch und Artistik ineinander verschränken. Ein Dichter, der das eigene Kunstwollen als Zweck absolut setzt – und in seinen besten Versen auf Platen und Meyer, auf Trakl, George und Benn verweist. / Ebd., s. #94

94. Von vorgestern

Wörlitz im Jahr 1828. Der Schriftsteller Friedrich von Matthisson, aus königlichen Diensten von Stuttgart aus nach Anhalt-Dessau zurückgekehrt, beugt sich über sein Tagebuch. Der Hofbedienstete im Ruhestand lässt den Tag Revue passieren, der ihm eine Fahrt über Land bescherte. Und eine bemerkenswerte Begegnung. Denn: „In Gnadau, wo angehalten wurde, bat eine Lehrerin der hiesigen Töchterschule um einen Platz in meinem Wagen, den sie auch erhielt. Als sie meinen Namen erfuhr, frug sie: ob ich etwa ein Verwandter vom verstorbenen Dichter Matthisson sei? – Diese Frage habe ich schon öfters hören müssen.“

Der einst von Byron und Bürger, von Schiller und Wieland gepriesene Erfolgsdichter muss begreifen: Kein Mann von gestern ist er mehr, sondern von vorgestern. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung

93. Pastior-Stück

Der siebenbürgische Lyriker Frieder Schuller las am Freitag, den 21. Januar 2011, 19 Uhr, aus seinem Theaterstück „Ossis Stein oder wer werfe das erste Buch“ in der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

92. Kein Mangel an Sprachüberraschungen

Das 21. Jahrhundert eröffnet nicht mit einem programmatischen Jahrzehnt der Lyrik. So etwas gab es auch nur einmal: Das Jahrzehnt des Expressionismus von 1910 bis 1920*). Aber was historisch gilt, muss im Einzelnen nicht zutreffen. Eine Anthologie des Kritikers Michael Braun und des Lyrikers Hans Thill verblüfft nicht nur mit einem exzentrischen Titel: „Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“. Sie ist auch eine weiterführende Verlockung. Diese Auswahl beispielhafter Gedichte widerspricht inhaltlich den „Thesen zur Poesie“ von Michael Lentz, die der zeitgenössischen Lyrik einen Mangel an „Sprachüberraschungen“ und „verqueren Inhalten“ anlasteten. Nun gut, man muss nicht gleich an Stefan Georges „Kraft der Ausdruckserneuerung“ denken.

Es stimmt, Momente der Spracherneuerung und ein abrufbares Potential für Provokation treten seltener in den Vordergrund. Auch gibt es keine literarischen Stimmführer mehr, eher stehen Namen für Repertoire. Die Sattelplätze der Dichterschulen liegen verwaist. Und Erwartungen an einen Kanon müssen grundsätzlich enttäuscht werden. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung

Michael Braun / Hans Thill (Herausgeber): Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 246 Seiten, 26,80 Euro.

*) Na, von 2010-2020 wissen wir noch nicht so viel.

 

91. „Hacks ist wieder da“

Hacks ist wieder da. Oder war er vielleicht nie weg? Immerhin findet man ja seine Gedichte bis heute in den Lesebüchern, immerhin ist sein Theaterstück „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ aus dem Jahre 1976 eines der meistgespielten deutschen Dramen überhaupt, und immerhin war Hacks in den frühen Jahren der DDR der führende Vertreter einer „sozialistischen Klassik“. Eben deshalb, weil er in seinen Schriften den Kommunismus auch in der Kunst forderte und feierte, und weil ihm schon der Übergang von Ulbricht zu Honecker als Anfang vom Ende der wahren DDR erschienen war, geriet Hacks im Osten aufs Abstellgleis, und im Westen ebenso. …

Auch wer Hacks‘ politischen Ideen fernsteht, kommt nicht umhin, die literarische Kapazität dieses Mannes anzuerkennen, der Enzensberger für ein Leichtgewicht hielt und sich lieber an Heine maß. Wer aber Hacks‘ politischen Ideen nahesteht – und auch für sie gibt es heute neue Interessenten –, der hat an Hacks‘ Einsatz für die sozialistische Klassik das doppelte Vergnügen: ein ästhetisches und ein polemisches. Nun ist bei Suhrkamp auf 1300 Seiten das gesamte kritisch-essayistische Werk von Peter Hacks wiederaufgelegt worden; der Band trägt den Titel „Die Maßgaben der Kunst“, was für Hacks genau dasselbe meint wie das Wort „Ästhetik“. Nicht nur das, er habe, meint Hacks in seiner gewohnt unbescheidenen Art, damit die erste treffende deutsche Übersetzung des Wortes „Ästhetik“ überhaupt gefunden. …

Den literarischen Zeitgenossen in der DDR begegnete Hacks mit wenigen Ausnahmen (Sarah Kirsch etwa) mit Hohn, die Kollegen im Westen wurden regelrecht beschimpft, so beispielsweise Enzensberger 1990 als „greise Fünf-Mark-Hure des Imperialismus“. Schon 1976 hatte sich Hacks mit seiner Stellungnahme zugunsten der Ausbürgerung von Wolf Biermann ins Abseits begeben. Spätestens von dieser Stunde an befand sich Hacks‘ literarische und menschliche Reputation in freiem Fall. Und Hacks hasste zurück. Die späten Schriften zeigen einen zunehmenden Groll gegen alle Welt, eine Misanthropie und einen schneidenden Ton der Verachtung, der unterschiedslos jeden treffen kann, der nicht Hacks heißt. / Christoph Bartmann, Die Presse 22.1.

 

90. Marianne Rein

Marianne Rein hätte vielleicht ein große Schriftstellerin werden können. Schon in jungen Jahren schrieb sie Lyrik und Prosa, die sich zu ihren Lebzeiten aber nicht durchsetzen konnten, denn Marianne Rein war Jüdin. 1911 geboren, lebte sie mit ihrer Mutter seit 1917 in Würzburg, wo sie etwa um 1936 zu schreiben begann. Aus Anlass ihres 100. Geburtstags ist im Würzburger Ergon Verlag ein Buch mit Gedichten, Prosatexten und Briefauszügen erschienen. / Main Post

Beim Marianne-Rein-Abend im Theater (Würzburg) wird das Buch mit CD am 27. Januar zum Sonderpreis von 19 Euro erhältlich sein, danach kostet es im Buchhandel 25 Euro.

Das Buch: Rosa Grimm (Hrsg.), Kai C. Moritz (Red.), Marianne Dora Rein – Das Werk, Ergon Verlag, Würzburg 2011, 184 Seiten, mehrere SW-Abbildungen, 25 Euro, ISBN 978-3-89913-829-0

 

89. Sibylla-Schwarz-Handschrift aufgetaucht

Wie die Ostsee-Zeitung mitteilt, ist eine Handschrift, die einzige erhaltene Originalhandschrift, der Greifswalder Barockdichterin gefunden und bestimmt worden:

Das Leben der Poetin liest man (allzu verkürzt) aus ihren Gedichten. Diese wiederum sind ebenfalls nur indirekt zugänglich, nämlich aus der Hand des schwäbischen Theologen Samuel Gerlach (1609-1683). Er besaß die Handschriften, aus denen er zwölf Jahre nach dem Tod seiner „Schülerin“ in Danzig die Gedichtausgabe zusammenstellte. Über den Verbleib dieser Handschriften ist bis heute nichts bekannt.

Aber Gerlach besaß noch ein weiteres handschriftliches Zeugnis, einen Eintrag der Dichterin in seinem Stammbuch. Auf der Suche nach einer Anstellung war der ehemalige Feldprediger 1636 nach Greifswald gekommen, wo er mehrere Monate für Sibylla Schwarz eine Art Mentor wurde. Später führte ihn sein Weg nach Danzig und 1652 zurück in seine schwäbische Heimat. Und dort liegt das Stammbuch noch heute.

Dank der großzügigen Unterstützung des jetzigen Besitzers, Johannes Autenrieth aus Kernen im Remstal, sowie mit kollegialer Hilfe ist es gelungen, den Stammbucheintrag von Sibylla Schwarz zu identifizieren. Das Ergebnis ist aus mehr als einem Grunde bemerkenswert — ja für die Fachwelt sensationell. Was könnte die junge Dichterin in ein Stammbuch geschrieben haben, in dem sich nur Männer, und diese überwiegend in lateinischer Sprache, verewigt haben?

Immerhin ist es der siebenundsechzigste Eintrag, davor stehen Namen wie Bartholdus Krakevitz aus Greifswald, die Stettiner Daniel Cramerius und Jacobus Fabricius, Nicolaus Hunnius aus Lübeck — bedeutende, allseits bekannte Namen in der gelehrten Welt um 1630. Sicher möchte die damals fünfzehnjährige Poetin ihre Gelehrsamkeit, in dieser Zeit gleichbedeutend mit dichterischem Können, ebenso zeigen. Also wäre zu erwarten, dass sie dichtet, dass sie, die den Reformator der deutschen Poesie, Martin Opitz, poetisch preist, deutsche Verse schreibt.

Weit gefehlt! Sibylla Schwarz schreibt einen holländischen Vers auf das Stammbuchblatt! Damit überholt sie Martin Opitz selbst. Denn dieser hatte den entscheidenden Anstoß für sein „nationales kulturpolitisches Konzept“, in deutscher Sprache zu dichten, aus Holland erhalten. Und sie verwendet den neuen Ton, den Martin Opitz, ebenfalls auf die holländischen Dichter verweisend, für die deutsche Dichtung forderte. …

Nicht nur die Tatsache, sich mit einem holländischen statt deutschem oder gar lateinischen Vers als zur dichterischen Avantgarde gehörend zu „outen“, überrascht. Auch das, wovon der gereimte Zweizeiler spricht: „Man sollte sich zuerst um seine Seele Gedanken machen, und dann erst um den schwachen Leib; und ohne diese zwei ist Geld nur eine Bürde.“ Leib und Seele — davon sprechen viele, aber von Geld, und dann in dieser Reihung?

Was sagt das über die zeitgenössische Kultur aus, wenn Schwarz diese Verse aus einer eher didaktischen Dichtung wählt? Deren Verfasser „Vater“ (Jacob) Cats (1577-1660) gehörte zu den beliebtesten holländischen Gegenwarts- Dichtern, sein Werk „Houwelick“ (Hochzeit) fand sich neben der Bibel in jedem bürgerlichen Haushalt. Verwundert es, dass damit Schwarz in der Cats-Rezeption vor den „Großen“ wie Harsdörffer und Titz steht?

/ Monika Schneikart, OZ 21.1.

Die Autorin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie im Institut für Deutsche Philologie.

88. Georg Hoprich

Vor allen Dingen erweitert das Dichterschicksal Georg Hoprichs die doch recht einseitige Sicht auf die rumäniendeutsche Literatur, die leider meist nur mit den Namen des einstigen Vorzeigeehepaars der rumäniendeutschen Literatur, Herta Müller und Richard Wagner, sowie mit der deutschsprachigen Aktionsgruppe Banat erwähnt wird. Georg Hoprich wurde dank der mutigen Herausgebertätigkeit von Stefan Sienerth – 1983 erschien im Kriterion Verlag Bukarest dessen einziger Gedichtband mit dem schlichten Titel „Gedichte“ – schon in der alten Heimat wiederentdeckt. Hoprich war von allem Anfang an zeitgenössisch, wie seine vielleicht unbefangenste autobiographische rumäniendeutsche Kindheitsschilderung schlechthin im Gedicht „Erinnerung“ I zeigt: „Aus blauen Augen sah ich Kind,/ Wie durch Regen und Sonne und Staub und Wind/ Die Zeit trottete./ – Der erste Winter, der mir bekannt,/ War rauh./ Der Vater schlief am Rand,/ Ich in der Mitte, die Mutter an der Wand,/ das Bett war eng./ – Der Sommer brachte zu uns Soldaten,/ Sie kamen in Autos – russische Soldaten./ Mein Vater hinkte zu ihnen und reichte jedem die Hand./ Meine Mutter gab ihnen Wasser, ich erhielt ein rotes Band/ Und verlor die Furcht vor Mitja./ – Ein lichter Frühling wehte dann,/ Es kaufte mein Vater, der hinkende Mann/ Sich einen Holzfuß. Dann und wann/ War in der Suppe auch Fleisch“ (1959).

Hier gelingt es Georg Hoprich, die Geborgenheit des intakten Familienlebens in einem siebenbürgisch-sächsischen Dorf gerade auch in gesellschaftlichen Umbrüchen zu thematisieren. Die Geborgenheit einer Dorfgemeinschaft, die nicht nur durch die protestantische Arbeitsmoral, sondern auch durch den lutherischen Familiensinn geprägte siebenbürgisch-sächsische Gemeinde zusammenhielt, fasst Hoprich in die Verse, die seinem Heimatdorf Thalheim/Daia bei Hermannstadt als Symbol des siebenbürgisch-sächsischen Dorfes ein Denkmal setzen. / Ingmar Brantsch, Siebenbürgische Zeitung

87. Tyrannendämmerung

Bei der algerischen oder französisch-algerischen Tribune ein Artikel von Mohamed Bouhamidi mit der Überschrift „Die Tunesier erfinden ihre Geschichte neu“, der mit einem nicht genannten Dichter beginnt und endet:

Das Volk findet seinen Dichter wieder. Seinem Dichter, der uns lehrte, daß, „wenn das Volk eines Tages das Leben verlangt / Sich das Schicksal nur fügen / Die Nacht sich nur zerstreuen / Und die Fessel sich nur lösen kann“, hat das Volk Recht gegeben. Er hatte den Weg bereitet, indem er die Ketten der poetischen Tradition zerbrach und das Volk zusammen mit einigen Vorläufern zur Poesie einlud und kommende Revolten ankündigte. Prophetische Poesie der Tyrannendämmerung.

(Der Dichter ist offenbar so allbekannt, daß man seinen Namen gar nicht nennen muß? Falls ihn jemand kennt: Hinweise sind immer willkommen.)