4. Anderwelt

„Und kommen wir einst in die Anderwelt / Viel Dunkles wird sonnenklar / Denn alles wartet dort auf uns / Was hier nicht möglich war“

Mit dieser Strophe endet Michael Endes Gedicht „Anderwelt“, das zugleich der Titel der neuen Ausstellung im Klosterforum ist, die am Freitag, 4. Februar, um 19 Uhr mit einer Vernissage eröffnet wird.

Die Künstlerin ist Ulrike Hauck aus Pfalzgrafenweiler, die von 1981 bis 1989 in Horb gelebt und als Lehrerin an der Realschule gearbeitet hat. Sie sieht ihre „Anderwelt“ nicht als ein Jenseits, das man erst nach dem Tod erreicht. „Das Gedicht sagt mir, dass wir uns immer wieder andere Welten schaffen sollen, in denen Dinge möglich sind, die uns heute nicht gelingen.“ / Christof Schülke, Schwarzwälder Bote

Vernissage am 4. Februar ab 19 Uhr im Kloster Horb

3. Freie Radikale

Konstantin Ames, Open Mike-Gewinner des letzten Jahres, eröffnet die Anthologie mit den Zeilen:

du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren auge nase mund

Ames bedient sich bei den unterschiedlichsten Traditionssträngen, sprachlichen Registern, sogar dem Mittelhochdeutschen und nicht zuletzt gehörig bei seiner Fantasie. Das ist Lyrik als sprachliches Spiel, mit fester und einprägsamer Stimme vorgetragen. Ein ähnlicher Ansatz offenbart sich bei Dagmara Kraus, die die Differenz von Graphie und Phonetik und wiederum deren Differenz zum Sinn ständig überdenkt. Das ist in beiden Fällen Dichtung, die immer wieder in Redundanz umzukippen droht, manchmal anstrengend sein kann, sich aber auf dem schmalen Grat zwischen spielerischer Lyrik und unsinniger Pose glänzend behauptet.

(…)

Die sicherlich besten und formal auffälligsten Texte liefert Simone Kornappel, die mit ihren schier unüberschaubaren Verweisen auf Zeitgeschehen, Kunstgeschichte oder Naturwissenschaftliches ihre Leser geradezu zwingt, ihr hinterher zu recherchieren. Dabei entsteht allerdings eine anregende poetische Verfolgungsjagd: Kornappel ist überaus bildlich und dabei dem Leser immer einen Schritt voraus – und doch nie zu weit entfernt. Hier beispielsweise ihre Auseinandersetzung mit Gunther von Hagens Körperwelten:

dann vorbei

an rippenvolieren für teerschwere flügel | zum kontrast die lunge
als asketischer flamingo | phoenix aus der bleiche


Richard Duraj ist bisher wenig in Erscheinung getreten und wird hoffentlich mit seiner einerseits fast wütenden, dann wieder lakonischen, vereinzelt pointiert-witzigen und vor allem durchdachten Lyrik demnächst häufiger zu lesen sein.

Da hat man ihn vielleicht wieder, den Titel. Und er findet bei Duraj durchaus seine Berechtigung, ebenso bei Kornappel, Ames und Kraus. Hier begegnet man Lyrik, die sich Freiheiten herausnimmt gegen das Gewohnte und Gewöhnliche. Doch lässt sich das schon als radikal bezeichnen? Radikal, so Herausgeber Christian Lux, sei Lyrik per se, da sie von jeglichem kommerziellen Druck befreit sei.

/ KRISTOFFER CORNILS, titel-Magazin

Christian Lux (Hg.): freie radikale lyrik. 13 Dichter vor ihrem ersten Buch
Wiesbaden: luxbooks 2010. 154 Seiten. 24 Euro

2. Ein Absagebrief

ist ein Absagebrief usw. Aber mancher versucht sich mehr Mühe zu geben, wie der Verleger Arthur C. Fifield, der an Miss Gertrude Stein schrieb:

FROM ARTHUR C. FIFIELD, PUBLISHER,
13, CLIFFORD’S INN, LONDON, E.C.
TELEPHONE 14430 CENTRAL.

April 19, 1912.

Dear Madam,

I am only one, only one, only one. Only one being, one at the same time. Not two, not three, only one. Only one life to live, only sixty minutes in one hour. Only one pair of eyes. Only one brain. Only one being. Being only one, having only one pair of eyes, having only one time, having only one life, I cannot read your M.S. three or four times. Not even one time. Only one look, only one look is enough. Hardly one copy would sell here. Hardly one. Hardly one.

Many thanks. I am returning the M.S. by registered post. Only one M.S. by one post.

Sincerely yours,

(Signed ‚A. C. Fifield‘)

Miss Gertrude Stein,
27 Rue de Fleurus,
Paris,
France.

Faksimile hier (Dank für den Hinweis an Simone Kornappel!)

1. Dichterin und Ordensfrau Silja Walter tot

Die Dichterin und Ordensfrau Silja Walter ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Dies teilt die Priorin des Klosters Fahr mit. …

Mit über 60 Werken hat Silja Walter eines der reichsten Oeuvres der Schweizer Literaturgeschichte vorzuweisen. / DRS

In L&Poe

Das Gedicht „Tänzerin“, das André Rudolph im Leserkommentar einfügte, steht auch in der Anthologie „Zu Unrecht vergessen“ (Hg. Paul Hühnerfeld, 1957).

In seinen nun ehemaligen DLF-Lyrikkalender hat Michael Braun mindestens 2 ihrer Gedichte eingerückt, darunter dies:

Die 1919 geborene Silja Walter, eine Schwester des Schweizer Schriftstellers Otto F. Walter (1928-1994), lebt seit 1948 als Schwester Hedwig im Benediktinerinnenkloster Fahr bei Zürich. Ihr erstes Gedichtbändchen – so erfährt man in ihren Kindheitserinnerungen „Der Wolkenbaum“ – vergrub sie im Wald unter dem Moos: „für Gott“. Vor ihrer Hinwendung zu einer dezidiert theologischen Poetik hat sie einige zauberhafte Gedichte geschrieben, in denen ein einsames weibliches Ich nach seinem Standort in der Welt sucht.

Mein kleiner weißer Hund und ich,
Wir gehen durch alle Türen.
Wir suchen dich. Wir suchen mich.
Wir weinen und wir frieren.

Der Regen kreiselt groß im See,
Wirft Ringe in die Runde.
Ich weiß nicht, wo ich geh und steh
Mit meinem kleinen Hunde.

Die Welt ist weit. Und weit bist du.
Wo enden Weg und Reise?
Ich hör dem großen Regen zu –
Mein kleiner Hund bellt leise.

Ich find dich nicht. Ich find mich nicht.
Mit dir ging ich verloren.
Mein Hund blickt trüb, und mein Gesicht
Preß ich an seine Ohren.

(Gedichte. Arche Verlag, Zürich 1950 ff.)

Die Suchbewegung des lyrischen Subjekts bleibt hier noch richtungslos. Der einzige Verbündete des Ich in diesem Gedicht, das Ende der 1940er Jahre entstanden sein mag, ist ein „kleiner weißer Hund“. In der zarten, traurigen Melodie des Gedichts schwingt eine Verlorenheit mit, die erst in späteren Texten, nach der geistlichen Bekehrung der Autorin, aufgehoben wird – in Gottvertrauen.

Radio Vatikan schreibt:

Im Kloster wich der strenge, an Volkslieder gemahnende Bau ihrer frühen Gedichte immer stärker moderneren, freieren Rhythmen. Zum Vergleich eine frühe und eine späte Strophe: „Im Walde wiegt der Seidelbast/ Sich leise her und hin./ Seitdem du mich vergessen hast,/ Vergess ich dass ich bin.“ („Der Seidelbast“, 1944, eines der meistgenannten Liebesgedichte im Internet). Dagegen später: „So geh doch/ geh/ du hast dich ja/ bei mir/ vergessen.“

(die Seite hat viel Text und Audiolinks)

127. In den Wörtern Beziehungen

Essay von Bertram Reinecke über ein Gedicht von Johanna Schwedes

Johanna Schwedes
Besuch

ein großfüßiger Dickhäuter
so schlich ich mich zum Tee
der Kiessaum am Weg aber
brannte und züngelte
mir um jeden Zeh

Meisen hielten den Garten in Schach
und seine Käferschluchten
legten dir Pfade in den Mund
chitinrot

Worte ganz Käferspelzen
krochen über den Lippenpelz uns
war nicht ganz wohl mit gerunzelten Brauen
und gelbzähnigem Lächeln
vertriebst du die Meisen
die mir um die Zehen kitzelten raunend:
ruckedigu, ruckedigu …

(Der Essay steht vollständig im Poetenladen, das Gedicht in Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm. Leipzig: Reinecke & Voß 2010)

Auszüge:

1.

Zunächst der Titel, schlicht und anspruchslos, ohne poetisches Spiel. Man kann sich vorstellen, wie die Autorin unter dem Arbeitstitel „Besuch“ versucht ihre Gedanken und Innerungen zu einer singulären Erfahrung zu ordnen. Ein Arbeitstitel eher, ein Arbeitstitel aber auch in anderer Hinsicht. Er verrichtet Arbeit, stellt Beziehung her. Kann man unter einem poetisch schillernden Titel oft nicht mehr erinnern, auf welchen Text sich die schillernde Wortgruppe bezieht, leistet dieser Titel Merkhilfe bei der Bezugnahme, so wie ein Schild auf einer Werkstattschublade: „Schrauben“. Titel, die Gattungen und Themen aufzeigen, sind aus der Mode gekommen, die Tradition kennt sie aber gut.1

Das Gedicht hat also ein Thema, will uns etwas über einen Besuch erzählen, ein Erzählgedicht. Aber es geht anders vor als üblich. Oft versuchen solche Texte eine dem Leser bekannte Situation aufzurufen (als Kind hinten im Auto, allein im Schulflur, zu zweit im Bett). Mit solchen quasi anskizzierten Mythen wird versucht, im Leser Erinnerungen wachzurufen, die er dann zum vertieften Empfinden des Gedichts in die Lektüre einbringen kann. Dies Gedicht verzichtet auf solch einen On-Knopf für die poetische Energieversorgung, sondern geht autark das Wagnis ein, im ungesicherten Raum zu sprechen. Ein ähnlicher Mut dieses Textes liegt im Verzicht auf sozusagen historische Details (Lada, die entgegenkommen, Wandzeitung, das Nachtlicht in den Rollolamellen). Im Gegensatz zu der Mehrzahl anderer Erzählgedichte bleibt er konzentriert auf die sprachliche Verarbeitung des Ereignisses.

Auf den ersten Blick scheint sich das Gedicht auf sein resonantes Vokabular verlassen zu wollen: Nimm große Worte und der Leser wird sich schon irgend etwas Tiefes dabei denken. Aber was denkt man eigentlich bei „chitinrot“, was bei „ruckedigu“? Ersteres hat gar keinen Sinn, sondern der Sinn muss erst vom Gedicht erfunden werden und existiert erst in diesem. Das zweite Wort schafft keine schillernde Aura um den Text. Vielmehr gerät der Leser tiefer hinein in das vom Gedicht Verhandelte, wenn er den Bedeutungsschichten des Wortes nachhängt. Aber langsam:

Wer nicht akzeptiert, dass gute Dichtung eben ihr Geheimnis habe, muss sich auf die Kleinteiligkeit einer Analyse einlassen. Schon die erste Zeile hat es in sich: „Ein großfüßiger Dickhäuter“, vor der Hand eine schlichte Bezeichnung, arbeitet auf vielfältige Weise am Diskurs des Gedichtes mit. Man kann sie in Einzelteilen verstehen (sensu diviso): jemand, der großfüßig (plump) und dickhäutig (unsensibel) ist. Man kann sie aber auch zusammen (sensu composito) auffassen: Ein Elefant, der sich in der nächsten Zeile als ziemlich deplatziert erweist, indem er tut, was Elefanten nicht tun (sollten? Sich zum Porzellan? begeben, das man nicht zerschlagen sollte?). Im Text herrscht eine serengetihafte Artenvielfalt, auch wird Hitze evoziert, und wie hießen die kleinen Vögel doch, die um die Elefanten herum ihr Futter picken? Ob Dickhäuter, ob Elefant, er schleicht und zwar: so. Es scheint auch anders zu gehen? „Tee“ wird getrunken, auch das setzt äußerst ökonomisch einen Marker. Denn außer in Ostfriesland sind es, in Deutschland zumindest, ganz bestimmte Leute, die nicht zum Kaffee laden.

Kein Wunder, dass die Deutung zweier Zeilen schon doppelt so viele Buchstaben braucht wie das ganze Gedicht: Das Geheimnis der Dichtung besteht, wenn es eines gibt, sicher darin, etwas, was in ermüdenden Abhandlungen niemanden interessiert, charmant und schnell in wenigen Worten zu sagen, die betroffen machen.2

1Das bekannte Beispiel von Goethe ist besonders bezeichnend für diese Tradition und ihr Verschwinden. Der „Ein Gleiches“ überschriebene Text heißt ja nur so, weil es sich wie beim Text auf der Nebenseite um ein „Wanderers Nachtlied“ handelt. Wer ihn unter der Überschrift der Ausgabe zitiert oder aufführt, erfindet neuen Text statt, wie er meint, philologische Genauigkeit walten zu lassen.

2Auf eine andere Weise ist dies doch das Zugeständnis, dass ein Gedicht „sagt, was sich anders nicht sagen lässt“. Niemand kann die Gottesperspektive einnehmen, zu entscheiden, ob die Analyse eines Gedichtes nun wirklich das Gleiche aussagt, ob und wie weit man von atmosphärischen Momenten (wie Spannung des Gedichtes /Langeweile der Analyse) absehen kann, oder ob und wie weit diese Momente nicht ebenfalls sinnkonstitutiv wirksam werden. So hat man nie ein Kriterium, endgültig widersprechen zu können, wenn jemand sich darauf versteift, dass das Gedicht aber etwas sage, was die Analyse unterschlägt.

2.

Diese Sichtweise führt uns, nachdem wir das Gedicht durchtaucht haben, zurück zu dem bereits am Beginn des Gedichtes eingenommenen Standpunkt: Eine solche Probe lässt sich mit Proben von anderswo vergleichen.

Diese These wäre allerdings zu rechtfertigen, denn Dichter wie Ulf Stolterfoht unterscheiden streng zwischen Gedichten, die in der dargestellten Weise Proben sind, und solchen, die einen singulären Sinn anstreben (und welcher, allerdings nur mehr oder weniger singuläre Sinn, dies bei diesem Gedicht sein könnte, hatte ich versucht aufzuzeigen). „Gedichte, die uns solchen vermitteln wollen … sind auf seltsame Art sprachlos. Indem sie nämlich auf die Unmittelbarkeit des zentralen Bildes, eben der Epiphanie, vertrauen, und sei sie [sic] sprachlich noch so kunstvoll geformt, haben sie die Lyrik längst in Richtung bildender Kunst verlassen“, so seine heftig angegriffene Diagnose.1

Es lässt sich allerdings zeigen, dass der vorliegende Text, wie stark er auf Sinn auch abzielen mag, die Sprache nicht in Richtung der bildenden Kunst verlässt. Bilder mögen aufblitzen, aber wer versucht, das zentrale Bild, die Epiphanie, zu identifizieren, auf dem die Evidenz des Textes beruhen könnte, wird nichts finden. Jedes Bild rutscht sofort hinüber in etwas anderes, vielleicht Allegorisches. In anderen Fällen ist die metaphorische Komponente bildlich nicht darstellbar. Das gilt für solche Wendungen, wo der veränderte Sinn unmittelbar vom Zitatcharakter der Wendung abhängt, wie bei „ruckedigu“, das gilt für solche Bilder, die die Dichterin selbst herstellt, ebenso: Sitzen sich im Gedicht zwei Menschen an einem Tisch gegenüber? Oder streichelt der eine gar dem anderen die Füße? Man kann seine Lektüre von Vorstellungen begleiten lassen, sie mögen das Gedichterlebnis vertiefen, konstitutiv für den Text sind diese Vorstellungen nicht. Noch deutlicher wird das an anderen Stellen: „Käferspelzen“ wiewohl mit ziemlicher Sicherheit eine Metapher, kann man nicht abbilden, selbst nicht mit ausgefeilter Computergrafik: Wir wissen zwar, wie Spelzen aussehen. Eine Käferspelze im Bild würde im Gegensatz zu einem Käfer im Bild für uns jedoch immer aussehen wie eben ein anderer Käfer (oder andere Käferteile).2

Auf die gleiche Art metaphorisch ohne Bild funktioniert das Wort „chitinrot“, denn welche Farbe ist überhaupt gemeint?3

Die sprachliche Arbeit dominiert hier also zumindest den durch Bilder hineingetragenen Sinn deutlich. Im Sinne Stolterfohts also ein Text, der mangels eines besseren Wortes sich in die Tradition des experimentellen Textes stellen lässt. Er ist wie gezeigt risikobereit und nicht ohne Schroffheiten.4

Fahren wir im Vergleichen unserer Sprachprobe fort, dann stellt sich heraus, dass der vorgestellte Text um einiges suggestiver und plausibel auch für einen weniger geübten Leser ist, als man das von anderen Texten der Tradition sagen kann, in die wir ihn soeben gestellt haben. (Stolterfoht nennt Kling, Bayer usw.) So legt sich ein Verdacht nahe: Wird hier nicht mit (zu) gängiger Münze bezahlt?

Johanna Schwedes nutzt Münzen, die in Umlauf sind, sie nutzt Symbole, die durch die Tradition (schon im Kinderzimmer) Bedeutung erlangt haben, kommt also von einer Utopie der Anwesenheit von Sinn her, mit dem dann nur noch gerungen werden kann oder muss, während die von Bense, Stolterfoht und Co. präferierte Rede von einem Sinn, der erst konstituiert werden muss, eine Utopie der Abwesenheit verkörpert.

1BELLA triste 17 S.189 ff.

2 Dieses Stilmittel ist Programm „mit Augen aus Zelluloid“ heißt es etwa ihrem Text „Warschauer Straße“

3 Auch hier lassen sich Gegenstücke auffinden. Auch „todesrot“ im Text „Märchen“ ist so eine seltsame Unfarbe, auch wenn sie sich hier entschlüsselt als irgendetwas Apfel- und gleichzeitig Blutrotes. Der Bau ist hier nicht ganz so konsequent, benutzt der Text doch hier (noch?) eine lautlich plausibilisierende Stütze „Todesnot“

4 Eine weitere Schroffheit wäre das „ruckedigu“, hier als Terminus der Märchensprache verwendet, wiewohl das Gurren anwesend bleiben dürfte. Wer das Wort noch als onomatopoetische Bezeichnung für den Laut der Taube kennt, wird dies als Härte empfinden. Eine solche Kinderstube, in der ein starkes Interesse für Tiere ausgeprägt wurde, gepaart mit einem falschen pädagogischen Verständnis von Kindgerechtigkeit: „Schau, ein Wauwau!“ dürfte allerdings in unserer urbanen Welt im Aussterben begriffen sein.

Einzugehen wäre ebenfalls noch auf Schwedes` Mut zu Neologismen, die allerdings niemals zu viel Ballast tragen, nie eine sinnhuberische Schwere erlangen.

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126. American Life in Poetry: Column 306

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

My grandmother Moser made wonderful cherry pies from fruit from a tree just across the road from her house, and I have loved fruit trees ever since. A cherry tree is all about giving. Here’s a poem by Nathaniel Perry, who lives in Virginia, giving us an orchard made of words.

 

Remaking a Neglected Orchard

 

It was a good idea, cutting away
the vines and ivy, trimming back
the chest-high thicket lazy years
had let grow there. Though it wasn’t for lack

 

of love for the trees, I’d like to point out.
Years love trees in a way we can’t
imagine. They just don’t use the fruit
like us; they want instead the slant

 

of sun through narrow branches, the buckshot
of rain on these old cherries. And we,
now that I think on it, want those
things too, we just always and desperately

 

want the sugar of the fruit, the best
we’ll get from this irascible land:
sweetness we can gather for years,
new stains staining the stains on our hands.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Nathaniel Perry, and reprinted from Gettysburg Review, Vol. 23, no. 1, Spring 2010, by permission of Nathaniel Perry and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

125. Complimentary April issue of Poetry distributed to book clubs and reading groups

A limited number of free copies of the April 2011 issue of Poetry magazine will be available to book clubs and reading groups that request them by February 20. Issues will ship in late March, and reading groups will receive their copies for consideration during National Poetry Month. Reading communities can discuss thought-provoking Poetry content—both commentary and poems—or simply read the issue aloud.

Requests, including only one mailing address per reading group, will be accepted online. Because of the cost of shipping and handling, each group is limited to 10 free copies. In return, the magazine will ask for a brief account of your group’s experience.

* * *

About Poetry

Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre, or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg, and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

Hier bestellen

CONTACT

POETRY FOUNDATION
444 North Michigan Avenue
Chicago, IL 60611
312.799.8016
Media Contact: Stephanie Hlywak

124. Wider Klebsylben, Milben, blinde Meinung und andere Laster

Wenigstens herrschten geordnete Verhältnisse. Meistersang ist später in Verschiß geraten. Immerhin weiß Goethe über Hans Sachs: „In Froschpfuhl all das Volk verbannt, das seinen Meister je verkannt.“

Ich zitiere aus einer Darstellung des 19. Jahrhunderts:

Der Fehler, die zu vermeiden waren und bestraft wurden, waren 32 verzeichnet. Darunter gehörten: Einmischung lateinischer Wörter in Reimzeilen; Verstöße gegen die Prosodie; blinde Worte (unrichtige Bezeichnungen); Halbworte (verstümmelte); Anhänge (wenn aus einsylbigen Wörtern zweisylbige), Klebsylben (wenn aus mehrsylbigen einsylbige gemacht wurden), Milben (des Reims wegen abgebrochene Wörter, z.B. von dem Dinge will ich singe); linde und harte Reime, wie: Knaben – Kappen, Laden – Thaten, Gott – Tod etc., hießen Laster. Undeutlich ausgedrückte Gedanken hießen blinde Meinungen, verkehrte, abergläubische, schwärmerische, unsittliche und unchristliche Ansichten falsche Meinungen. Wer nun solche Hauptfehler gegen Reinheit der Sprache, des Metrums und der Gesinnung sich zuschulden kommen ließ, hatte sich versungen und konnte von den Merkern, selbst mit Ausschließung, gestraft werden. Das höchst zu Leistende war die Erfindung eines neuen Tons.

Aus: Karl Eitner: Synchronistische Tabellen zur vergleichenden Uebersicht der Geschichte der deutschen National-Literatur: von der frühesten Zeit bis zum Jahre 1832 : für Freunde der Literatur und zum Gebrauche beim Unterricht in höhern Lehrenstalten. Joh. Urban Kern, 1856

(hier als pdf)

123. Neue „Allmende“

„Liebe, Lust und Leidenschaft“ ist das Thema der neuen Ausgabe der Literatur-Zeitschrift „Allmende“ (…)

Der Herausgeber der Zeitschrift, der Karlsruher Literatur-Professor und Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, und sein Mitarbeiter Matthias Walz verdeutlichten im engagierten Gespräch zum einen, wie schwierig es ist, eine Zeitschrift mit einer Auflage von 1000 Stück – von denen 400 an Abonnenten gehen – zu finanzieren und zu unterhalten (…) Lebendiges Zeugnis davon, wie wichtig eine solche Publikationsplattform besonders für Autoren ist, legte Christoph W. Bauer, Stipendiat im vergangenen Hausacher Leselenz, ab, der aufgrund einer Erstveröffentlichung von drei Gedichten in „Allmende“ eine Gesamtpublikation des in Hausach fertiggestellten gesamten von dem römisch-antiken Dichter Catull inspirierten Gedichtzyklus „Mein lieben, mein hassen, mein mittendrin du“ für den nächsten Herbst in Aussicht hat. Aus diesem insgesamt 37 Gedichte umfassenden, Epochen übergreifenden Zyklus trug er einige Verse vor in einer, wie Walz hervorhob, „alltagstauglichen und leichten Sprache“.

Bauer, der auch Schreibwerkstätten in Schulen anbietet und die Erfahrung gemacht hat, dass lateinische Hexameter den Schülern heute wie Rap-Gesang vorkommen, bekannte sich ausdrücklich zu einer Lyrik, in der die Form – Sonett oder Terzine, Reimschema oder Versmaß – eine wichtige Rolle spielt. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung 31.1.

122. Curie- und Miłosz-Jahr

Polen feiert in diesem Jahr zwei große Intellektuelle, Marie Curie-Skłodowska und Czesław Miłosz. Das Parlament des Landes erklärte 2011 zum Curie- und Miłosz-Jahr. Die Physikerin stellte als erste eine Theorie der Radioaktivität auf und erhielt zweimal den Nobelpreis für ihre bahnbrechenden Arbeiten, 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Miłosz ist Lyriker, im Westen aber am bekanntesten für seine Abrechnung mit dem Stalinismus, die 1953 unter dem englischen Titel „The Captive Mind“ erschien (deutsch: „Verführtes Denken“). 1980 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, 1989 kehrte er nach Krakau zurück.

/ Krakow Post http://www.krakowpost.com/article/2497

Siehe auch NZZ 25.1. , Marta Kijowska: Polen wartet auf die erste Milosz-Biografie

 

121. Der traurige Fall

1958 schrieb das Mitglied der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Literaturkritiker, Übersetzer, Herausgeber und Cheflektor Walter Boehlich, namens des Suhrkamp Verlages an Ernst Jandl: „Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns ausser Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien irgendeinen lyrischen Gehalt zu entdecken. Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber ganz gewiss nicht.“ Und acht Jahre später lehnte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld die Publikation der Gedichte Jandls mit dem Hinweis ab, Jandl sei „der traurige Fall eines Lyrikers ohne eigene Sprache“. / ORF

  • Ernst Jandl, „Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/ 1985“, Filmedition Suhrkamp
  • Friederike Mayröcker, „Requiem für Ernst Jandl“, „Mein Arbeitstirol“, Suhrkamp Verlag
  • Friederike Mayröcker, „Und ich schüttelte einen Liebling“, Insel Verlag
  • „Die Ernst Jandl Show“ – noch bis 13.2.2011 im Wien Museum Karlsplatz

120. Wenn ich Schweiz sage

Sie lesen alle selbst. Auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Schweizer Mundart, Jiddisch, Spanisch und Englisch. Die beeindruckende Gedicht-Sammlung „Wenn ich Schweiz sage…“ offenbart die ganze Vielfalt und Buntheit des Landes. Von Kurt Aebli bis Albin Zollinger lesen 87 Dichter aus ihrem Werk. …

Unter den mehr als 200 Gedichten sind auch Hans Arps „Kaspar ist tot“, Blaise Cendrars „Iles“, Walter Gross‘ „Die Mutter“, Remo Fasanis „Il fiume“, Kurt Martis „wie geit’s?“, Elisabeth Meylans „Liebesgedicht 2“, Beat Sterchis „Gring“ und Nora Gomringers „Ursprungsalphabet“. Das Titel-Gedicht „Wenn ich Schweiz sage…“ stammt von Dragica Rajcic. Sie erzählt darin von ihren Erfahrungen und von ihren Gefühlen als Ausländerin in der Schweiz. / relevant.at

„Wenn ich Schweiz sage… Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute“, Hörbuch, Steinbach Sprechende Bücher/Merian Verlag 2010, 154 Minuten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-85616-429-4.

119. Reiner Zufall

Ein Akrostichon ist ein im Text verborgenes Gedicht. Bekannt wurde ein Akrostichon Uwe Kolbes in DDR-Jahren, der nach seinem starken Debütband „Hineingeboren“ für einen Almanach ein Gedicht mit dem Titel „Kern meines Romans“ einreichte, bei dem die Anfangsbuchstaben aller Wörter einen neuen Text ergaben, in der letzten Strophe: „Euch mächtige Greise zerfetze die tägliche Revolution“. Irgendwann merkten es die Greise, aber was solls, wenige Jahre später waren sie weg vom Fenster.

Das können auch Nicht-Dichter, lese ich:

Im Oktober 2009 legte Gouverneur Arnold Schwarzenegger ein Veto gegen einen Gesetzesvorschlag (Bill 1167) des Demokraten Tom Ammiano ein. Die sieben Zeilen in Schwarzeneggers Schreiben begannen mit:

For some time now…
unnecessary bills come to me…
care are major issues…
kicks the can down the alley.
Yet another legislative year…
overwhelmingly deserve…
unnecessary to sign this measure…

Ich überlasse es Ihnen, den verborgenen Text herauszufinden. „Reiner Zufall“ war übrigens die Entschuldigung.

/ Die Presse 29.1.

118. Passagiere auf der Warteliste

Nicht nur das Bild war ungewohnt, auch der Ton. Hunderttausende Männer und Frauen erstürmen seit Ende Dezember die Straßen Tunesiens und singen das Gedicht eines 1934 mit 25 Jahren verstorbenen Dichters namens Abu Al-Qassem Al-Shabbi: »Wenn das Volk zum Leben erwacht, beugt sich sogar das Schicksal.« Es war tatsächlich eine Ironie des Schicksals, dass ein anderer tunesischer junger Mann 76 Jahre nach dem Tod des Dichters die lang ersehnte Veränderung in der arabischen Welt einleiten würde. Mohammad Al Bouzizi, ein 26-jähriger Arbeitsloser, der sich mit dem Verkauf von Obst und Gemüse durch das Leben schlug, zündete sich Ende 2010 mitten auf dem Rathausplatz in Sidi Bouzid an, nachdem die Polizei seine Gemüsekarre beschlagnahmt hatte und seine Proteste kein Gehör fanden. Das war die Initialzündung eines Aufstandes, der in der Flucht des Präsidenten Zain al Abideen Bin Ali seinen Gipfel fand und auf andere arabische Staaten überschwappte.

Schon während die Präsidentenmaschine im Luftraum über dem Mittelmeer herumirrte, bevor sie endlich im saudi-arabischen Jeddah landen durfte, verbreitete sich in den arabischen Internetforen der Witz, die Maschine soll in dieser oder jener arabischen Hauptstadt gelandet sein, um weitere Passagiere mitzunehmen. / Aktham Suliman, ND 29.1.

117. “Code of Best Practices in Fair Use for Poetry” Released

Compiled by the Poetry Foundation’s Harriet Monroe Poetry Institute in collaboration with American University’s Center for Social Media and Washington College of Law

CHICAGO — The Poetry Foundation, publisher of Poetrymagazine, is pleased to announce the publication of “Code of Best Practices in Fair Use for Poetry.” The code, which aims to better facilitate poetic innovation and distribution by both clarifying fair use and anticipating potential clearance issues, was facilitated by Katharine Coles of the Harriet Monroe Poetry Institute, Patricia Aufderheide and Peter Jaszi of American University, and Jennifer Urban of the University of California, Berkeley School of Law.

Devised specifically by and for the poetry community, this best practices code will serve as a guide to reasonable and appropriate uses of copyrighted materials in new and old media. The document instructs poets, teachers, scholars, and others about the opportunities and limitations of fair use for assistance in preventing permissions conflicts. It is available for free download at www.poetryfoundation.org/fairuse and www.centerforsocialmedia.org/fair-use.

“This document,” says project advisor Lewis Hyde, “brings wonderful clarity to the otherwise opaque world of poetry permissions. It is a useful tool that should serve poets, critics, and publishers alike.” It also brings poets and poetry into the larger ongoing discussion about intellectual property and fair use. Like scholars, musicians, and other artists, poets are concerned both about protecting ownership of their work and about their ability to build on the works of others. “Anxiety and confusion over these issues are actually inhibiting both creative and scholarly work,” says the inaugural director of the Harriet Monroe Poetry Institute, Katharine Coles. “There is actually significant consensus within the community over what constitutes fair use in a number of different situations. We hope this document will help poets, scholars, and teachers feel more confident in their exercise of fair use rights.”

Poets and writers will find the free document a useful reference when confronted with questions about how to present new work derived from “found” material, such as erasures; how websites should go about sharing poetry online; and whether or not a performance of a poet’s work is permissible. Other issues, such as epigraphs, quotations in criticism, and cases of parody or satire, are also addressed in the document.

The document joins other codes—including those directed at the documentary filmmaking community and online video creators—on the Center for Social Media’s website at American University. “It is inspiring to see such a prestigious creative community assert their fair use rights,” says CSM director Patricia Aufderheide. Legal scholar Peter Jaszi, at the Washington College of Law at American University, notes: “The path to making the most of fair use in poetry has never looked so straightforward.” Jennifer Urban, of the University of California, Berkeley School of Law, says, “Poets’ thoughtful contribution to the family of community-based best practices is beneficial to us all.”

The code provides documentation of common understanding about best practices in fair use according to the poetry community and as supported by legal analysis. Work on this document resulted from research that the Harriet Monroe Poetry Institute’s working group did on copyright and fair use for its publication Poetry and New Media: A Users’ Guide, which was released in February 2010 and is also available for free download at www.poetryfoundation.org/newmediaproject.

Katharine Coles and Lewis Hyde are available for interviews about this project. Please call 312.799.8016 to schedule a time to speak with them.