60. Rosenpflückerin

Göttingen ehrt Lou Andreas-Salomé (1861-1937) zum 150. Geburtstag mit mehreren Veranstaltungen. Unter anderem trägt der Göttinger Kammerchor vertonte Gedichte Andreas-Salomés vor. Gibt es eine weibliche Entsprechung zum Goetheschen Teufelskerl? Immerhin stand sie Nietzsche, Freud und Rilke „nahe“.

Rilke hat wohl manche Gedichte, die er für sie schrieb, vernichtet. Die „Sieben Gedichte“ aber taufte sie „Phallische Gedichte“. Sie beginnen so:

I
Auf einmal fasst die Rosenpflückerin
die volle Knospe seines Lebensgliedes,
und an dem Schreck des Unterschiedes
schwinden die [linden] Gärten in ihr hin

 

Leben ist Dichtung, schrieb sie. Hier ihre Lebensbeschreibung.

Hier mehr über Göttingens Ehrung

59. Rückblende Juni 2001: Nicht jeder mag Berlin

Machmud Darwisch lebt noch und ist einer der letzten Dichter, die selber ein Mythos sind, einer wie Lorca, wie Majakowski, wie Neruda oder Nazim Hikmet. Agnes Miegel ist eine Nazisse:

1940 erhielt sie den »Goethepreis der Stadt Frankfurt«.

Frau Miegel bedankte sich artig, wurde Mitglied der NSDAP und schmiedete beispielsweise diese Hymne auf den »Führer«: »Neid hat er und Bruderhaß gestillt. Unsere Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten ER durchpflügt wie Ackerschollen, bis ein neuer Frühling in uns stieg.« So was darf mit dem Goethepreis von 1940 nicht abgegolten sein. Darum auch legten die Regierenden des Freistaates Bayern als Vorkämpfer deutscher Leitkultur 1959 den Literaturpreis der »Bayerischen Akademie die Schönen Künste« für die Ehrenbürgerin der niedersächsischen Gemeinde Bad Nenndorf dazu. 1948 war ihr dort diese Ehrung zuteil geworden; ihr einstiges Wohnhaus ist heute als »Agnes- Miegel-Haus« und Museum eingerichtet. / junge Welt 28.6.

Alle reden über Ingeborg Bachmann (75. Geburtstag). Nicht alle Männer mögen sie.

Thomas Kling: «Mainstreamkitsch», «Kulissenschieberei», «ein unelegantes Gewuchte von Bildern» oder «klassizistisches Herumfummeln mit Hölderlin» erkennt er in Bachmanns Lyrik und urteilt gnadenlos – Mittelmass.

Der andere, Marcel Reich- Ranicki, „behauptet heute noch steif und fest, an die Gespräche mit ihr könne er sich seltsamerweise nicht erinnern, wohl aber an ihr Aussehen. Wäre ein solcher Ausspruch denkbar von, sagen wir, Sigrid Löffler über Paul Celan?“

Nicht alle mögen Berlin. Gilt auch für seine Festivals. Jörg Magenau beklagt in der FAZ die „ungebrochen naive Aufklärungsmission und das Pathos mancher afrikanischer Autoren“ und fragt: „Hat Berlin darunter gelitten, daß die ugandische Lyrikerin Goretti Kyomehundo noch nie in der Stadt auftrat?“ Vielleicht am schlimmsten: „Für sein Literaturfestival will Berlin andere zahlen lassen“.

Ebenfalls in Berlin zeigt eine Ausstellung in der Stiftung „neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ Leben und Werk des Dichters Jakob van Hoddis. (Was hier gezeigt werde, fragt eine Besucherin im Eingang. Irgendein russsischer Dichter, sagt einer vom Personal. Der andere durchwühlt meine Tasche wie am Flughafen.). Ernest Wichner schreibt in der Süddeutschen:

Immer wieder in Sanatorien und Kliniken eingeliefert, bei Pflegefamilien in Thüringen, von 1922 an in Privatpflege bei einer Gastwirtsfamilie in Tübingen, entmündigt, in die Universitäts-Nervenklinik eingewiesen und 1933, als seine Familie nach Palästina auswandert, in die „Israelitische Heilanstalt“ in Bendorf Sayn bei Mainz verbracht, wird Jakob van Hoddis am 30. April 1942 mit hundert weiteren Patienten und den Mitarbeitern der Anstalt in den Distrikt Lublin verschleppt und bald darauf, wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor, ermordet.

„Manchmal, wenn er sich im Garten befindet, springt er plötzlich auf irgendein Tier (Ameise, Schmetterling etc.) zu und begrüßt dasselbe durch sechs- bis siebenmaliges steifes Verbeugen oder durch Abnahme des Hutes“, kann man in der Göppinger Krankenakte lesen, in der – wie in allen anderen, die das umfangreiche Ausstellungsbuch versammelt – der Dichter Jakob van Hoddis nur noch Pat. (Patient) heißt.

Wann beginnt Dresden die Hauptstadt der Poesie zu werden, fragt Tomas Gärtner:

Wenn sich die ersten Lyrikfans aus der Buchstadt Leipzig mit Schlafsack und wenig Geld in der Tasche nach Dresden aufmachen, nur um das hier zu erleben.

(Und, ist das eingetroffen?)

Es ist schon seltsam, schreibt die Main-Rheiner Allgemeine Zeitung, dass einer ein Ordnungsfanatiker sein und gleichzeitig im Chaos untergehen kann. Aber bei dem Lyriker Ernst Jandl (1925-2000) hatte das seine eigene Logik.

Das Leben wenigstens „auf kleinen Sprachinseln“ zu verarbeiten, zu ordnen: dies müsse wohl Jandls schöpferischer Impuls bei seinen mehr als 2500 Gedichten gewesen sein. Im übrigen hat Ernst Jandl sein Ordnungsproblem ganz praktisch gelöst: als die erste Wohnung mit Zetteln, Ordnern, Bücher und Notizen so vollgestopft war, dass man sich nicht mehr darin bewegen konnte, ließ er alles stehen und liegen, schloss die Tür ab und zog um. Kurz vor seinem Tode hatte er gerade die dritte Wohnung bezogen. Und so ist Ernst Jandl wohl zur Lebensaufgabe für seinen Lektor und Biografen geworden. /  15.6.01

Politisches zum Schluß:

Wie kommt es, dass jemand, der seit Jahrzehnten in  Deutschland lebt, noch immer nicht die deutsche  Staatsbürgerschaft besitzt?  SAID: Ich habe vor vier, fünf Jahren die Staatsbürgerschaft  beantragt. Die Bürokratie hat mir aber mitgeteilt, dass ich  dafür nicht genügend Geld verdiene. Natürlich hätte ich vor  Gericht ziehen können und auch Recht bekommen, weil der  Bescheid verfassungswidrig war. Aber ich fand es  lächerlich, mich wegen eines Stücks Papier zu streiten. / der iranische Lyriker und deutsche Pen-Präsident Said in der Kleinen Zeitung Online

58. Kermani liest Brinkmann

Seine Erfahrungen als Stipendiat der Römer Villa Massimo hatte Rolf Dieter Brinkmann in dem Buch «Rom, Blicke» festgehalten. 2008 war auch der Schriftsteller Navid Kermani Gast der Villa Massimo, wo er Brinkmanns Aufzeichnungen las und darin dem 1975 verstorbenen Autor noch einmal begegnete.

Am selben Tag zählt er Maleen in einer Postkarte wie ein Beamter der Reihe nach auf, was er dem jungen Vater unter die Nase gerieben hat, verschärfend am Ende: «Sagte ihm, dass der Kopf ganz schön verrottet sein müsse & Schrott.» Das schreibt der, der in Rom den Oberdeutschen gibt, «Träume von Grünkohl, Pinkelwurst, Schweinerippchen und Salzkartoffeln, vorher eine Sternchennudelsuppe, nachher ein Steinhäger», penetrante Klagen über verschmutzte Bürgersteige, unpünktliche Post, Unordnung, Negermusik, die häufigen Streiks, und sowieso schmeckt das Essen besser in heimischer Wirtsstube.

Brinkmann selbst sah ein, dass die Blätter sich nicht wie erhofft zum Roman fügten, und brach deshalb ab, obwohl sie Blitze enthalten, so unerwartet, Donner und Blitze, die Beobachtung auf dem Strassenstrich vor allem oder Silvester in Olevano. Dazwischen, manchmal über Dutzende von Seiten, Gartengeflüster und Romräsonieren, zäher als unsere Freitagsrunden, Alltagsbeobachtungen, bei denen weder der Alltag noch die Beobachtung bemerkenswert sind, Gemeinheiten, mitunter wirklich reaktionäre Behauptungen, früher in Deutschland und die deutschen Wälder, Hitler war schliesslich ein Österreicher, Amerika verdirbt die Welt; von Informationswert nur für nachfolgende Stipendiaten die Schilderung der Ateliers, des Parks, der Umgebung und des Lebens mit den anderen Künstlern, einen Hausdiener hatte die Villa, dafür fleckige Wände, Namensschmierereien, das Atelier «gross und leer, nichts für mich zum Arbeiten», eine Unmenge Ignoranz, die als Dekonstruktion des deutschen Italienbildes anfangs sympathisch und auf Dauer nicht lesenswerter ist als die Delirien der Altvorderen; was er Goethe vorwirft, «jeden kleinen Katzschiss bewundert der und bringt sich damit ins Gerede», ahmt er negativ nach, «so viel überflüssige Gedanken und Auseinandersetzungen mit diesem Land», die Sprache oft hölzern (bei Goethe ja ebenfalls ungewohnte Unbeholfenheiten), die Fotos austauschbar. / NZZ

57. Schleef-Hommage

Mit „abfahrt sangerhausen – als“ ist ein Gedicht enthalten, das Einar Schleef zugeeignet ist. Eine schöne Würdigung des Dichters und Theatermannes, der vor genau zehn Jahren in Berlin starb. Diesem Text kommt man noch näher, wenn man sich in der frühen Biografie des 1944 in Sangerhausen geborenen Einar Schleef gut auskennt.

Das lyrische Ich ist auf der Harzautobahn unterwegs und könnte die Abfahrt Sangerhausen nehmen, tut das aber nicht. Zusammen mit dem „darß gedicht“ ist die Schleef-Hommage einer der schönsten Texte in dem Band.

/ Kai Agthe, TLZ 12.2.

Lutz Seiler: im felderlatein. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin, 99 S., 14.90 Euro

56. Skeptische Zuversicht

In die Freude über den großen Teilsieg der ägyptischen Jugend kommt ein Mißton, wenn man die gequälten Gesichter von Merkel und Westerwelle sieht, die ihre Solidarität und Freude, wie man sagt, zum Ausdruck bringen. (Ihr Körper spricht anders als ihre Worte.) Mir fällt eine Gedichtzeile von Brecht ein, der Ende 1948 nach Ostberlin kommt und mit seinen Mitteln helfen will. Er schreibt ein Aufbaulied für die Freie Deutsche Jugend, doch die – in Gestalt ihres Vorsitzenden Erich Honecker – hat Einwände. „Und kein Führer führt aus dem Salat“, schrieb Brecht. Der Vorsitzende denkt, jemand könnte das auf den großen Führer der Völker beziehen, aber sagt, Hitler interessiere doch niemand mehr, das seien olle Kamellen. Und dann, fügt er hinzu, gebe es eine Führung durch die Partei. Brecht beharrt aber auf der Stelle, weil er das Motiv des Sich-selbst-Führens drin haben will.* Eine andere Stelle aber läßt er sich abkaufen. „Werden wir nun diesmal nicht beschissen“, hieß es im Entwurf, „stehn zum Handanlegen wir parat“. In der gedruckten Fassung wird daraus das poetisch schwächelnde „Und trotz Hunger, Kält und Finsternissen“.

Für die ägyptischen Jugendlichen, die ihre Köpfe hingehalten haben, ist das aber jetzt die Hauptfrage: „Werden wir nun diesmal nicht beschissen“! Ich bin skeptischer Zuversicht. (Wie immer, wenn Narren über Zukunft sprechen, fällt mir eine andere Stimme ins Wort).

*) Brecht, Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 27: Journale 2, S. 295

55. Loerkes Kunst der Selbstbehauptung

Von diesem Dichter kann man die Kunst der Selbstbehauptung lernen. Oskar Loerke (1884 – 1941), der lyrische Solitär aus Westpreußen, hat den ästhetischen wie politischen Ernstfall erlebt, als der nationalsozialistische Machtstaat nach dem Januar 1933 alle Institutionen des freien Denkens zerschlagen wollte. Seine Biografie ist ein respektgebietendes Beispiel für eine Poetik des subtilen Widerstands unter den Bedingungen der Diktatur. Die Literaturgeschichte hat Loerke zum braven Naturlyriker verkleinern wollen, der sich wie viele Autoren der „Inneren Emigration“ zu einer Ergebenheitsadresse an die Nazis hat hinreißen lassen.

Zwar kann man Loerke eine Unterwerfungsgeste anlasten, als er nach seiner Entlassung als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste im April 1933 ein „Gelöbnis treuer Gefolgschaft“ an Adolf Hitler unterzeichnete. Aber diese Unterschrift leistete er auf Druck seines Verlegers Samuel Fischer, der seinen Verlag in seiner Existenz bedroht sah und durch das Treugelöbnis an den „Herrn Reichskanzler“ sein Lebenswerk vor dem Untergang retten wollte. Das erzwungene Gelöbnis hat Loerke, der als Lektor im S. Fischer Verlag arbeitete, in der Folge schwer belastet, hat aber nie seinen Willen zum Widerstand gebrochen. Sein Gedichtband „Der Silberdistelwald“ erschien 1934, ein glänzendes Beispiel für den Versuch, ästhetische Autonomie gegen die Politik der Gleichschaltung zu behaupten. Dieser Versuch Loerkes, die künstlerische Freiheit gegen die Diktatur zu verteidigen, ist bislang kaum gewürdigt worden. Nun hat der nimmermüde Freiburger Literaturentdecker Uwe Pörksen gemeinsam mit dem Karlsruher Literaturwissenschaftler Wolfgang Menzel und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einen kühnen Versuch zur Wiederaneignung dieses großen dichterischen Werks initiiert. In einer zweibändigen Ausgabe im Wallstein Verlag haben Pörksen und Menzel „Sämtliche Gedichte“ Oskar Loerkes gesammelt und mit kundigen Anmerkungen versehen. / Michael Braun, Badische Zeitung 12.2.

Oskar Loerke. Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Uwe Pörksen und Wolfgang Menzel. Mit einem Essay von Lutz Seiler. Zwei Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 1076 Seiten, 45 Euro.

54. Rückblende Mai 2001: Poesie-Polizei!

Im Mai 2001 starb  Johannes Poethen. Viele schreiben zum 100. Geburtstag von Rose Ausländer und zum 70. von Manfred Peter Hein. (Dieses Jahr haben wir also den 80.!) Eine „Renaissance der Deutschschweizer Lyrik“ beobachtet Reto Sorg in der NZZ in der Gestalt von Christian Uetz , Raphael Urweider und Armin Senser.

Bei Urs Engeler Editor erschien im Vorjahr Hans-Jost Frey: Vier Veränderungen über Rhythmus.

Ein Pfingstwunder ereignet sich beim Bremer Lyrikfestival. Keins aber ist es, wenn der Bremer Autor Michael Augustin schreibt, „daß alle zwölf Sekunden / irgendwo auf der Welt / ein Gedicht geschrieben / aber nur alle einhundertdreißig Minuten / eines gelesen wird“. [Obwohl ich das vermutlich empirisch widerlegen könnte] Eher schon bei  Adrian Mitchell: „Lauter nackte Wörter und Leute tanzen zusammen. / Das gibt bestimmt Ärger. / Da kommt schon die Poesie-Polizei! / Einfach weitertanzen.“ Daß er schon 1965 in der Royal Albert Hall siebentausend Zuhörer begeisterte, konnte der Hörer sich auch im Bremer Schauspielhaus ausmalen.

Als Poesiepolizist gerierte sich in jenen Jahren Robert Gernhardt (wie später ein anderer als Lyrik-TÜV). Das hatte damals Konjunktur im Großfeuilleton. Christoph Schröder über Gernhardt:

Ein wenig anmaßend erscheint es zwar schon, wenn der selbst ernannte Lyrikwart Gernhardt in seiner privaten Versbau-Werkstatt ausgerechnet an einem Werk des vollendeten Stilisten Durs Grünbein herumbastelt, doch mit viel gutem Willen konnte man dabei noch einen selbstironischen Unterton heraushören.

Schärfer hier:

Robert Gernhardt spricht mit der „Weltwoche“ über die Lage der Lyrik. Statt alte oder neue Ordnungssysteme zu nutzen, produziere der „Mainstream“ ein „aufgeladenes Rauschen“. Für Anführer solchen Mainstreams erklärt er Thomas Kling sowie die diesjährige Büchnerpreisträgerin:

„Für einen komischen Autor ist es nahe liegend, die bewährten Techniken zu benutzen. Zudem: Keiner von ihnen käme mit diesem aufgeladenen Rauschen durch. Er will verstanden werden, und darauf kommt es beim Mainstream heutiger Lyrik überhaupt nicht an. Ich habe von der diesjährigen Büchnerpreisträgerin Friederike Mayröcker noch nie eine Zeile gelesen, die mich berührt, belehrt oder belustigt hätte. Aber ich kenne viele kluge Geister, die sich in   diese Texte rein- und sogar wieder rauslesen können.“ / „Weltwoche“ Nr. 21/01, 23.5.2001

Thomas Kling lebt noch, hält dagegen und macht sich stark für die poetische Avantgarde:

Er verabscheut die sichere Distanz nicht weniger als das gesponserte Experiment. Modische Posen für den risikolosen Erfolg sind ihm ebenso verhasst wie verklemmte Volksbildner. Wenn Thomas Kling vom allseits beliebten „Abqualifizieren der ästhetischen Avantgarden“ spricht, erfasst ihn, der von sich behauptet, gar kein „Avantgarde-Fetischist“ zu sein, heiliger Zorn. Denn die einst von der Gruppe 47 gesetzten literarischen Maßstäbe geisterten, so Kling in seinem Essayband „Botenstoffe“, immer noch durch Kritikerköpfe und seien dafür verantwortlich, dass die deutschsprachige Lyrik mindestens 15 Jahre auf der Stelle getreten sei.

Um dem von ihm konstatierten „Avantgarde-Bashing“ entgegenzutreten, entwickelt Kling auf mehr als 200 Seiten ein polyphones, sprach- und poesiegeschichtliches Netzwerk. Provokant und selbstbewusst schlägt er den Bogen vom Barock-Gedicht des 17. Jahrhunderts bis zur spoken poetry dieser Tage. Dabei spart er nicht mit Lob und Tadel. In teils kritisch-essayistischen, teils assoziativ-polemischen Betrachtungen und Notaten legt er seine poetischen Wurzeln frei, offenbart Affinitäten und Parallelen zu Vorbildern und Kollegen und demontiert Autoren bis zur Kenntlichkeit. / Thomas Kraft, Potsdamer Neueste Nachrichten 19.5.01

Auch Jörg Drews lebt noch und schreibt über  Helmut Heißenbüttel in der „Lyrikedition 2000“

Helmut Heißenbüttel hatte Möglichkeiten sich erobert, Bildlichkeit und die Erkenntnis der essenziellen Abstraktheit der gegenwärtigen Weltverhältnisse zu kombinieren, auch mit Zitaten anders umzugehen, fragmentiertes Zeiterleben, zersplitternde Erinnerungen und spöttisch- satirische Intentionen ohne leicht sentimentale Resttöne auszudrücken: Das so genannte „lyrische Ich“ tritt in den Hintergrund, und zugleich wird der unverwechselbare, der unterkühlte, trockene, fast vibratolose Heißenbüttel- Sound in sich gefestigt. Man braucht sich nur die „abendländisch“ beflissene, ängstliche Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Debatten damals vergegenwärtigen, um die Kühnheit ermessen zu können, mit der sich Heißenbüttel von „Chiffren“ und einem nur persönlichen Ton der Klage in wenigen Jahren wegbewegt hatte zu einer mehr als nur persönlichen Sachlichkeit, wie weit er sich vorangearbeitet hatte, beim Entdecken und Amalgamieren jener Möglichkeiten der Literatur, von denen die deutschen Autoren de facto für fast zwanzig Jahre abgeschnitten gewesen waren.

Der Neudruck von Kombinationen und Topographien wäre noch mehr zu begrüßen, wenn Hermann Kasacks Vorbemerkung präziser, nämlich mit allein möglichem Bezug auf die Kombinationen platziert wäre und wenn nicht beim Neudruck von „Lehrgedicht über Geschichte 1954“ die Schlusszeile der Originalfassung leider total weggefallen wäre; sie lautet: „nicht Rekapitulier bares“.

HELMUT HEISSENBÜTTEL: Kombinationen. Gedichte 1951/1954. – Topographien. Gedichte 1954/55. Reihe „Lyrikedition 2000“. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Verlag Buch & medi@, München 2000. 112 Seiten, 19 Mark. / JÖRG DREWS, SZ 12.5.01

Unter der Überschrift  “ 8 gegen 58. Der Georg-Büchner-Preis für Männer“ schreibt  Iris Radisch einen Kommentar zum Büchnerpreis für eine Frau – Mayröcker. Die Zahlen bezeichnen das Verhältnis weiblicher zu männlicher Preisträger. Ein schöner Satz: „Nicht selten tun die Frauen, wovon die Männer nur reden: die Welt auf den Kopf stellen.“

Auf  Münsters 12. Lyrikertreffen  trägt Urs Allemann seine Oden vor.

Dabei bediente sich Allemann Wortmonstren wie „schambergborstenstriegelnd“ oder Zeilen wie „glossokyprisch grr Gaumenglück“. Dieser Exzess des Amorphen innerhalb strenger Form macht wohl den Reiz für diejenigen aus, die einen Zugang zu diesen schwierigen Gebilden finden.

… Neben Herta Müllers famosen Bild-Schnipsel-Collagen-Gedichten blieb vor allem Dirk van Bastelaere aus Belgien in Erinnerung. Die wüsten Fabeln vom Heiligen Herzen des 40-jährigen kreisen im Abrechnungsgestus um den flandrischen Katholizismus, steigern sich dabei in Spiralen eines biblischen Aufzählungsfurors hinein und lassen ihre Zentrifugalkräfte auf den Leser wirken.

Als Höhepunkt des Treffens wurde Hugo Claus der „Münsteraner Preis für Europäische Poesie“ verliehen. Die mit 30 000 Mark dotierte Auszeichnung ist traditionell auch ein Übersetzerpreis. Maria Csollány und Waltraut Hüsmert erhielten ihn zusammen mit dem 1929 geborenen Belgier für den hervorragenden Auswahlband Gedichte. „Meine Verse vögeln nicht klassisch,“ heißt es zu Beginn des Bands.

Und von Alexander Nitzberg ein gutes Gedicht:

Chinesischer Teeladen

Regale. Bretter.
Blätter. Legale
Arten, sich zu berauschen.
Tu belauschen die alten
Chinesen.
Willst du ? du wirst
genesen.

53. Einsatzkommando Hölderlin

Über den Umgang der (bürgerlichen) Gesellschaft mit der Kultur spottete Goethe in den frühen Weimarer Jahren: „So verstecken sie zum Exempel / einen Schweinestall hinter einem Tempel“. Wobei ein Großteil seiner Erfahrungen aus Frankfurt stammte. Dort verfährt man noch heute so. Eine dortige „Zeitung für Deutschland“ kündigt auf der Titelseite an: „Hölderlin und die Griechen“. Die Überschrift verweist nicht aufs Feuilleton, sondern auf den Finanzteil. Auf Seite 21, „Finanzmärkte und Geldanlage“, steht die große Überschrift: „Hölderlins Einsatz für ein schuldenfreies Griechenland“. Da staunt der Fachmann wie der Laie!

Der Artikel beginnt aktuell:

Die wirtschaftliche Situation Griechenlands ist düster. Eine Rendite von rund 10 Prozent für fünfjährige Staatsanleihen stellen im Euroraum einen Rekord dar. Für das Jahr 2013 wird die Schuldenlast des Mittelmeerlandes auf 158 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Mittlerweile mehren sich die Zweifel, ob das Land überhaupt in der Lage sein wird, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Hinter den Kulissen sollen die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank an einem Plan zur Umschuldung Griechenlands arbeiten.

Dann gehts in die Geschichte:

In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war Griechenlands Position auf den internationalen Finanzmärkten nicht besser als heute. Schon während der Freiheitskriege gegen das Osmanische Reich (1821-1829) hatte die provisorische Regierung zwei Anleihen über die Londoner Bankhäuser Loughman, O’Brien, Ellice and Company (1824) und Jacob and Samson Ricardo (1825) ausgegeben. Die Griechen hatten damals sogar die Wahl zwischen verschiedenen Angeboten: Auch das schweizerische Bankhaus Odier & Cie wäre zu dem Geschäft bereit gewesen. Nun war die Gewinnspanne zwar verlockend hoch und das Risikobewusstsein der Bankiers im 19. Jahrhundert notorisch gering, aber trotzdem bleibt dieser Vorgang erklärungsbedürftig. Warum waren Finanziers bereit, in die Anleihen eines Staates zu investieren, von dem noch nicht einmal absehbar war, ob er sich würde etablieren können?

Nun, der Leser erräts, kommt die Kultur ins Spiel. Jedenfalls langsam (nicht zu viel, Kapital ist scheu, wo habe ich das gelesen?):

Eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung der Kredite spielten die Philhellenenkomitees, die seit Beginn des griechischen Freiheitskampfes im Jahr 1821 überall in Europa und auch in den Vereinigten Staaten wie Pilze aus dem Boden schossen: in London und Paris, in Zürich und Wien, in Berlin und München und selbst in vielen kleineren deutschen Städten. Die Freunde Griechenlands schlossen sich zusammen, um die Hellenen in jeder nur erdenklichen Weise in ihrem Kampf zu unterstützen: Sie informierten Presse und Öffentlichkeit über den Heldenmut der Partisanen gegenüber ihrem osmanischen Gegner, machten Druck auf die Politiker ihrer Regierungen, sammelten beträchtliche Mengen an Spenden, organisierten Schiffe, Nahrungsmittel und Waffen und entsandten Freiwillige.

Jetzt aber Namen:

Klangvolle Namen zierten die Mitgliederlisten: die Dichter Lord Byron, Victor Hugo und Friedrich Hölderlin, die Professoren Friedrich Thiersch und Wilhelm von Humboldt, ja selbst der erste Tory, der britische Außenminister George Canning, zählten dazu.

Ja, selbst George Canning. Aber Hölderlin? Griechenlandbegeistert in der Tat – aber 1821? Da war er ferne, nicht mehr dabei. Irr, genauer gesagt. (Vgl. hier, letzte Strophe!).

Hölderlin lebte in seinem Tübinger Turm als behördlich anerkannter Geisteskranker. Wilhelm Waiblinger schreibt am 3.7. 1822 in sein Tagebuch, brühwarm nach einem Besuch beim kranken Dichter:

Nun murmelte er wieder, ich bin eben im Begriff, katholisch zu werden, Eure königliche Majestät. Wurm fragte, ob er sich an den griechischen Angelegenheiten erfreue – Hölderlin umfaßte einst die Welt der Griechen mit dem trunkensten Enthusiasmus – Er machte Komplimente und sagte unter einem Strohm von unverständlichen Worten: Eure königliche Majestät, das darf, das kann ich nicht beantworten.

Eine schöne Vorstellung: der geisteskranke Dichter überredet Kapital und Bundesregierung, sich für die Entschuldung Griechenlands einzusetzen. Drunter machen sies nicht. Ein bißchen Kultur muß halt dabei sein.

Die Zeitung des Bildungsbürgertums – na, lassen wir das. Hölderlin hat es ohnehin vorausgesehen. So kam ich nach Deutschland*… Handwerker sah ich, aber keine Menschen. Bankiers, aber keine Menschen. Journalisten, aber keine Menschen.

(Geistige Gummibärchen ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak)

*) So kam ich unter der Linden / unter die Deutschen / unters Rad

52. 12. NAHBELL-Preis 2011: Hadayatullah Hübsch

Als erster NICHT-MEHR-LEBENDER dichter erhält Hadayatullah Hübsch den 12.nahbellpreis 2011 „für lebenslängliche unbestechlichkeit und zeitgeistresistenz“, auf den er sich bereits seit letztem sommer gefreut hatte, als wir uns letztmals sahen, während seiner berliner lesetour…

Mitte der 90er erlangte der 68er-Veteran der UNDERGROUND-LITERATUR-SZENE Hadayatullah Hübsch dank der „Social-Beat“-Bewegung ein sensationelles Comeback und war seitdem immer wieder quer durch die Republik unterwegs auf Lesetour. Im Rahmen seiner wilden Lesung am 5.8.2009 in der legendären Spilunke „Zum Goldenen Hahn“ am Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg rezitierte (brüllte und gestikulierte) das Urgestein der Lyrik-Performance seine markanten rhythmischen Gedichte, darunter auch die beiden berühmten „THE BEAT GOES ON“ und „JENSEITS DER GRENZE“, die vom G&GN-Institut in gewollt trashiger Qualität aufgezeichnet wurden – für die musikalische Live-Untermalung sorgte der nicht weniger berüchtigte MATT GRAU (Gitarre), der schon oft mit Hübsch im Duett auftrat… / Hier mit Fotos

 

51. Poesie der ägyptischen Revolution

Die ägyptische Revolution spricht in Versen. Die Massen auf dem Tahrirplatz in Kairo skandieren Reimpaare:

„Yâ Mubârak! Yâ Mubârak! Is-Sa‘ûdiyya fi-ntizârak!,“ („Mubarak, O Mabarak, Saudi Arabien wartet!“)

„Shurtat Masr, yâ shurtat Masr, intû ba’aytû kilâb al-’asr“ („Ägyptens Polizei, Ägyptens Polizei, Ihr seid nur noch Palasthunde“)

„Idrab idrab yâ Habîb, mahma tadrab mish hansîb!“ (Schlag uns, schlag uns, O Habib [al-Adly, bisheriger Innenminister], schlag soviel du willst—wir gehen hier nicht weg!)

(Das letztere spielt an auf ein ägyptisches Sprichwort: „Darb al-habib zayy akl al-zabib“ – Die Faust der Geliebten ist süß wie Rosinen).

Diese Gedichte, schreibt Elliott Colla, sind kein Ornament des Aufstands, sondern sein Soundtrack und Teil der Handlung selber.

50. Slam-Meister

Julian Heun, erfolgreicher Poetry-Slammer, gilt als großes Talent im Umgang mit der deutschen Sprache. Der 21-Jährige Dichter sprach in Falkensee mit Christopher Lesko über die junge Szene des Poetry–Slam und Reiz und Risiken der “Wundertüte Medien“. Der Konsum mancher Comedy-Formate im TV, so Heun, sei nur unter großen körperlichen und ästhetischen Schmerzen zu ertragen. Ein Praktikum bei der Bild allerdings empfiehlt Heun durchaus: trotz des “Witwendrückens“.

Sie waren deutscher Meister, Vizemeister und Vierter der Weltmeisterschaften im Poetry-Slam. Sie sind Dichter und Autor, schreiben Lyrik und publizieren. Sie gelten als eines der jungen und großen Talente im Umgang mit Sprache. Können Sie mir in drei bis sechszehn* Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt? / Meedia

*) schreibt man das so? Die neue Rechtschreibung ist so dämlich, der trau ich das zu.

49. Die besten Bücher (außer Lyrik) des Frühjahrs 2011

Eine Ausnahme gibt es aber doch. Unter den 15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse hat es ein Gedichtbuch auf dem Schleichweg über „Übersetzung“ auf die Liste gebracht. Ich weiß nicht, ob er Chancen hat gegen die Erzähl- und Sachbücher – meine Sympathie hat er: Ralph Dutli mit seiner zweisprachigen Ausgabe der Fatrasien. (Es gibt auch ein Online-Voting, aber leider nur für die Kategorie Belletristik). Hier die Meldung:

Kategorie Belletristik:

– Anna Katharina Fröhlich: „Kream Korner“ (Berlin Verlag)
– Arno Geiger: „Der alte König in seinem Exil“ (Carl Hanser Verlag)
– Wolfgang Herrndorf: „Tschick“ (Rowohlt Berlin Verlag)
– Clemens J. Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (Suhrkamp Verlag)
– Peter Stamm: „Seerücken“ (S. Fischer Verlag)

Kategorie Sachbuch/Essayistik:

– Patrick Bahners: „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift“ (C.H. Beck)
– Andrea Böhm: „Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo“ (Random House; Pantheon Verlag)
– Karen Duve: „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ (Galiani Verlag Berlin)
– Marie Luise Knott: „Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt“ (Matthes & Seitz Berlin)
– Henning Ritter: „Notizhefte“ (Berlin Verlag)

Kategorie Übersetzung:

– Barbara Conrad: „Krieg und Frieden“, aus dem Russischen neu übersetzt und kommentiert, von Lew Tolstoi (Carl Hanser Verlag)
– Ralph Dutli: „Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters“, aus dem Altfranzösischen, Autor anonym (Wallstein Verlag)
– Maralde Meyer-Minnemann: „Mein Name ist Legion“, aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Verlag)
– Terézia Mora: „Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane)“ aus dem Ungarischen, von Péter Esterházy (Berlin Verlag)
– Dagmar Ploetz: „Unter dieser furchterregenden Sonne“, aus dem argentinischen Spanisch, von Carlos Busqued (Antje Kunstmann Verlag)

Preisverleihung zur Leipziger Buchmesse und Hörproben im Internet

Die öffentliche Preisverleihung findet am Donnerstag, den 17. März 2011, 16.00 Uhr auf der Leipziger Buchmesse in der Glashalle statt. Einen akustischen Eindruck vermittelt das Internetportal www.literaturport.de. Alle nominierten Titel werden hier mit einer Hörprobe vorgestellt.

Radiosender im Gespräch mit den Belletristik-Favoriten

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR Figaro), der Bayrische Rundfunk (BR2), der Südwestrundfunk (SWR2) sowie Deutschlandradio Kultur stellen die Nominierten der Kategorie Belletristik in öffentlichen Veranstaltungen vor, die im Radio übertragen werden. Am 13. Februar ab 16.00 Uhr ist Clemens J. Setz zu Gast im Lese-Café des Hörfunksenders MDR Figaro. Zwei Wochen später, am 27. Februar, begrüßt Moderator Michael Hametner den Autor Peter Stamm. Der MDR sendet live aus der Leipziger Moritzbastei (Universitätsstraße 9), die Veranstaltung ist öffentlich.

Im Literaturhaus München (Salvatorplatz 1) stellen sich am 2. März die Nominierten der Kategorie Belletristik vor. Es moderieren Gerwig Epkes (SWR2) und Cornelia Zetzsche (BR2). Die Veranstaltung beginnt 19.30 Uhr.

Am 3. März finden sich die Nominierten der Kategorie Sachbuch/Essayistik in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin ein. Moderiert von Renè Aguigah überträgt Deutschlandradio Kultur die Veranstaltung am 6. März in der Sendung „Werkstatt“.

Zum Preis der Leipziger Buchmesse

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird 2011 zum siebten Mal verliehen. Die Auszeichnung ehrt herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen. Dotiert ist er mit insgesamt 45.000 Euro. Der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig unterstützen den Preis der Leipziger Buchmesse. Partner ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB), Medienpartner sind die Wochenzeitschrift DIE ZEIT und das Magazin buchjournal.

Vorsitzende der Jury ist die Publizistin Verena Auffermann. Sie arbeitet zusammen mit Johanna Adorján (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung), Dr. Martin Ebel (Tages-Anzeiger, Zürich), Dr. Eberhard Falcke (freier Literaturkritiker), Dr. Ingeborg Harms (freie Literaturkritikerin) und Dr. Adam Soboczynski (ZEIT).

Online-Voting für Literaturbegeisterte

Bücherfreunde sind aufgerufen, ihren Lieblingsautor der Kategorie Belletristik zu wählen. Dafür steht auf der Webseite zum Preis der Leipziger Buchmesse (www.preis-der-leipziger-buchmesse.de) das Online-Voting bereit. Zwischen dem 10. Februar und 7. März haben Besucher der Website (sowie die Besucher der Partner-Websites börsenblatt, Frankfurter Rundschau, Leipziger Internet Zeitung (L-IZ.de) und Literaturport die Möglichkeit, für ihren Preis-Favoriten abzustimmen. Unter allen Teilnehmern wird ein Besucher ausgelost, der ein Paket mit allen nominierten Büchern der Kategorie Belletristik sowie Eintrittskarten zur Preisverleihung bekommt.

48. Interpretation

Bei fixpoetry interpretiert Andreas Hutt das Gedicht „Werden wir durchsichtig sein füreinander?“ von Martina Hefter. (Bei Facebook dazu um ein Bild)

47. Rückblende April 2001: Bartträger

Der letzte Dreck kam im April aus Österreich:

Alltag in Österreich: „Kronenzeitung“ feiert Hitler.

Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: „Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.“ Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den „Endreim“ nennen könnte. Der lautet nämlich: „Taxi Orange, der zweite Teil!“

Dieses „Gedicht“ erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der „Kronenzeitung“, verfaßt von ihrem berüchtigten „Hausdichter“ namens „Wolf Martin“. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von „Taxi Orange“, der österreichischen Version von „Big Brother“? Jene Kritiker der „Krone“, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01

Aber es gibt auch ein anderes Österreich. Franz Josef Czernin stellte Christine Lavant in der Reihe Dichter erklären Dichtung vor. Der „Rimbaud-Preis“ für junge Literaten ging an Christian Filips – Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder.

Gott dem Ohnmächtigen ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». schreibt Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.

Ein neuer Wiener Verlag bringt Dichtung aus ganz Mitteleuropa auf den Markt: Franz Hammerbachers „Edition Korrespondenzen“. Im Programm u.a. Ilse Aichinger und Kurt Drawert, die slowakische Lyrikerin Mila Haugová, der Österreicher Franz Weinzettl und der Tscheche Petr Borkovec.

Aus Frankreich dies:

Arthur Rimbaud, Dichter des Symbolismus, Schöpfer der „Erleuchtungen“ und des „Aufenthalts in der Hölle“, Freund und zeitweise Lebensgefährte Paul Verlaines, Abenteurer, ging 1880 nach Zypern. In Limasol beaufsichtigte er Arbeiter, welche die Sommerresidenz für den britischen Gouverneur bauten. Doch der Verdienst war ihm zu gering. Also suchte er anderswo Arbeit, etwa in der (heute saudischen) Hafenstadt Dschidda. Vergeblich. Schließlich tauchte Rimbaud, fieberkrank und „wie Strandgut auf den glühenden Wüstensand geworfen“, auf dem „kahlen und sengenden Felsen von Aden auf“, wie Enid Starkie in seiner Rimbaud-Biografie schreibt. / Heiko Flottau, Süddeutsche 21.4.01

Einen Kriminalroman aus lauter Gedichten hat die australische Lyrikerin Dorothy Porter mit „Die Affenmaske“ geschrieben, und der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff führt einen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger“, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. (Vielleicht ist er auch nur neidisch? fragt ein – machtloser – Bartträger).

 

46. Hundertjahrfeier für Elizabeth Bishop

Die Lyrikerin und Kritikerin Linda Gregerson sagt über Elizabeth Bishop: „Sie ist ein Nationalgut!“

Zu ihrer Hundertjahrfeier finden Veranstaltungen in New York, Boston und Chikago statt. In der kanadischen Provinz Nova Scotia (wo sie als Kind lebte) ist gleich ein ganzes Festjahr geplant.

Farrar, Straus and Giroux bringt drei Bände heraus: „Poems“ (368 pp., $16); „Prose“ (528 pp., $20) und „Elizabeth Bishop and the New Yorker: Complete Correspondence“ (496 pp., $35).

Heute ist sie sogar ein Filmstar. MIllionen sahen den Film  „In Her Shoes“ von 2005, in dem Cameron Diaz einem Sterbenden ihr berühmtes Gedicht „One Art“ vorlas  – „The art of losing isn’t hard to master“ (Verlieren, diese Kunst ist schnell gelernt) – und es mit ihm diskutierte. In Brasilien entsteht gar ein biographischer Film über sie , „A Arte De Perder“ – The Art of Losing.

Bishop, die das Gedichteschreiben „einen unnatürlichen Akt“ nannte, war eine Perfektionistin, die Gedichte jahrelang zurückhielt und zeitlebens nur etwa 80 veröffentlichte. Doch für viele Leser sind sie unvergänglich.

Mit Gedichten wie „The Fish“ oder „The Armadillo“ (Das Gürteltier) wurde sie zu einer der größten Verfasserinnen beschreibender Poesie in englischer Sprache. / JOHN TIMPANE, The Philadelphia Inquirer