127. Ithaka im Sinn

In seinem vielzitierten Gedicht «Ithaka» beschreibt der Diaspora-Grieche Konstantinos Kavafis das Leben als permanente Migration: «Brichst du auf gen Ithaka / wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse. Die Lästrygonen und Zyklopen fürchte nicht.» Als in den sechziger und siebziger Jahren griechische Arbeitskräfte unter den Argusaugen deutscher Amtsärzte in Athen und Thessaloniki reihenweise ihre «Prüfung» bestehen mussten, ehe sie sich endlich per Sonderzug oder Fährschiff auf die grosse Fahrt ins Jenseits ihrer bekannten Welt begeben durften («Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier / Und erwirb die schönen Waren: Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz») – da haben auch diese Migranten ihre Lebenswege in einer Art elliptischen Bewusstseins als Odyssee imaginiert, als Irrfahrt zwar, die sich aber mit ihrer heldischen Heimkehr kreislaufartig wieder schliessen sollte: «Immer aber halte Ithaka im Sinn. Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie daure viele Jahre.» / Manuel Gogos, NZZ

126. Ab in den Olymp!

„Am nächsten Tag stand diese dann mit einem Gedichtband der Brentano-Gesellschaft vor der Tür und schenkte es mir im Gegenzug“. Denn in dem über 1000-seitigen Band befand sich auch ein Gedicht der Bekannten.

Dadurch inspiriert entschloss sich NN kurzerhand, ihr einst in die Schublade gelegtes Gedicht ebenfalls der Brentano-Gesellschaft zu senden. Mit der stillen Hoffnung, dass dieses veröffentlicht würde. Was auch geschah. Im Jahrbuch 2010, das Anfang des Jahres herausgegeben wurde, ist NNs Gedicht nun eines von fast 3000 veröffentlichten Gedichten aus insgesamt 16 000 eingereichten. „Das war schon ein tolles Gefühl“, so NN.

Was dann jedoch weiter geschah, sprengt den Rahmen des Erwarteten. „Vor wenigen Wochen bekam ich ein Schreiben, dass mein Gedicht in die Auswahl der Besten des Jahres 2010 aufgenommen wurde“, so N. Im Sommer soll ein kleines, handliches Büchlein erscheinen mit 180 Gedichten. Für jedes Gedicht eine eigene Seite. Und eine davon wird reserviert sein für das von NN. Sobald das Buch erschienen ist, wird der SÜDKURIER darüber berichten.

Und ob wir das glauben. Mit der Brentano-Gesellschaft in den Dichter-Olymp (darüber berichtet die Zeitung nurzugern). Brentano rotiert im Grab August Goethes. Da muß er sich nicht mit seinen zigtausend Nachfolgern aus den dicken Frankfurter Bibliotheksbänden um einen Platz an der Sonne streiten. Das überläßt er seinem Vater.

125. Gefühlshaushalt und Stundenschlag

Es ist schon erstaunlich, dass nach einem Jahrhundert radikaler Infragestellung des individuellen Ausdrucks die Herzen einem Werk zufliegen, das nichts Neues, dies aber mit einer neuen Nuance individueller Fühlsamkeit auszudrücken scheint. Dass dies vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist, haben einige Kritiker bemerkt und in widersprüchliche Formulierungen einfließen lassen: sanft und doch wagemutig, exakt und doch verträumt, traumleicht und realitätsschwer, beruhigend und verstörend.

Ist da mehr als ein poetisch entfalteter individueller Gefühls-, Erlebnis- und Erinnerungshaushalt? Theodor W. Adorno hat 1957 in seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft eine Perspektive eröffnet, die zu Unrecht immer mehr in Vergessenheit gerät: wenn das lyrische Gedicht gelungen ist, meint er, hält es „den geschichtlichen Stundenschlag fest“. Ist er hier zu hören? …

Vielleicht haben Leserinnen und Leser eine gewisse Scheu, das emblematische Gewicht der DDR im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands anzuerkennen, wobei diese Scheu im Westen anders begründet sein mag als im Osten. Aber dass in den Äußerungen zu dem Gedichtband so selten oder nur beiläufig das Thema DDR erwähnt wird, wo doch mindestens die Hälfte der Gedichte einen direkten oder indirekten Bezug zu diesem Thema herstellen, hat vielleicht doch mit dieser Konstellation zu tun.

Ein ganzes Kapitel aus acht zehnzeiligen Gedichten in „Alle Lichter“ heißt „briefe aus eggesin“. Der Name dieses Städtchens, Garnison der NVA, gehört zu den verlorenen Namen des öffentlichen Bewusstseins. Die Gedichte geben sich als Briefe eines Soldaten an seine Frau. Da sie „für meinen Vater“ überschrieben sind, darf man sich vorstellen, dass wirkliche Briefe das Material und vielleicht auch den ironischen Stil und Gestus geliefert haben. Es sind Rollengedichte, in keine Trauer, keine Melancholie getränkt, und das läppische Garnisonsleben, selbst bei der NVA, bekommt einen Sinn als Abbild einer im Voraus verlorenen Zeit. / HANS-HERBERT RÄKEL, Süddeutsche Zeitung 26.4.

NADJA KÜCHENMEISTER: Alle Lichter. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 104 S., 16, 90 Euro.

124. 10. «Weltempfänger»-Bestenliste

An der Spitze steht aktuell ein Gedichtband:

1. Yu Jian: Akte 0 (China)

Gedichte. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Horlemann Verlag

«Die Wahrheit des chinesischen Lebens», sagt Yu Jian, «liegt im Alltag begründet.» Seine Lyrik modelliert diesen Alltag, benutzt sein Sprachmaterial, macht ihn zum Thema, verdichtet und reflektiert ihn. So entstehen ganz und gar un-traditionelle Gedichte, die politisch und poetisch sind und doch in ihrer Konzentration aufs Wesentliche mit grossen chinesischen Lyrik-Traditionen dialogisieren. Daraus erwächst neue grosse Lyrik. (Thomas Wörtche)

Die Jury: Ilija Trojanow (Vorsitz), Katharina Borchardt, Anita Djafari, Andreas Fanizadeh, Karl-Markus Gauss, Kristina Pfoser, Arno Widmann, Thomas Wörtche und Cornelia Zetzsche.

123. 1. FIXPOETRY Lyrik Nacht

28. April 2011, 20 Uhr

Theater Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin)

Beyoglu Blues mit Oya Erdogan und Gerrit Wustmann

Außerdem lesen Tanja Dückers, Carl-Christian Elze, Christian Kreis, Brigit Kreipe, Clemens Schittko und Orla Wolf

Musik: Frogbelly und Symphony (Thomas Lebioda und Liz Hanley)

Moderation: Julietta Fix

Eintritt: 8,- Euro (VVK) / 10,- Euro (AK)

Quelle: http://www.heimathafen-neukoelln.de/?q=node/535

122. Berlin-Gedicht

Die Literaturwerkstatt Berlin ruft die Berliner dazu auf, an einem großen Berlin-Gedicht mitzuschreiben. An der Stadt und an Sprache Interessierte können mitmachen, unabhängig von Alter und Herkunft. Unter der Mentorschaft von erfahrenen Dichtern können sie in einer kostenlosen Schreibwerkstatt einen Text zu dem Bezirk erarbeiten, in dem sie wohnen. Die Schreibwerkstätten finden ab Anfang Mai bis Ende Juni statt, in allen Berliner Bezirken.

Anmeldeschluss ist der 4. Mai.

Die Mentoren der Schreibwerkstätten sind die Dichter Andreas Altmann, Kerstin Hensel, Norbert Hummelt, Orsolya Kalász, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Brigitte Oleschinski, Valeri Scherstjanoi, Tom Schulz, Michael Speier, Ulf Stolterfoht und Ron Winkler.
Interessenten melden sich bitte mit Angabe des Bezirkes bei:

Dr. Matthias Kniep
Tel: +49.30.48524544
E-Mail: m.kniep@literaturwerkstatt.org
Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Im Zentrum des Gedichtes soll der jeweilige Bezirk selbst stehen, seine Geschichte und seine Eigenarten. Die fertigen Texte werden Ende Juni zu einem großen Poem verbunden,100 Zeilen pro Bezirk, zwölf gleichberechtigte Teile, die ein vielstimmiges Ganzes ergeben werden. Das daraus entstehende Berlin-Gedicht wird zur 20-Jahr-Feier der Literaturwerkstatt Berlin am 17. September 2011 in der Kulturbrauerei vorgetragen und ist zentraler Bestandteil eines Bürgerfestes der Poesie.

Alle, die daran mitgedichtet haben, werden bei dieser Gelegenheit entsprechend gewürdigt.

Das Projekt wird realisiert aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Anmeldetermin: ab sofort
Anmeldeschluss: 4. Mai
Zeitraum: Von Anfang Mai – Ende Juni
Interessenten melden sich bitte mit Angabe des Bezirkes bei: Dr. Matthias Kniep,
Tel: +49.30.48524544
E-Mail: m.kniep@literaturwerkstatt.org

Die Gruppenstärke ist begrenzt, gegebenenfalls nehmen die Dichter eine Auswahl vor.
Bitte geben Sie bei der Anmeldung Ihr Alter an. Schreiben Sie in ein, zwei Sätzen, warum Sie an dem Projekt teilnehmen wollen.

121. Unterschriftenaktion für Mexiko

Dichter, Journalisten und Schriftsteller aus Lateinamerika haben sich mit den Opfern und ihren Familien solidarisiert und zu einem Offenen Brief an den mexikanischen Präsidenten eingeladen.

Deshalb rufen Juana und Tobias Burghardt zu einer Unterschriftenaktion auf, mit der deutschsprachige Kolleg/innen ihre solidarische Stimme wahrnehmen lassen sollen. E-Mail an tobiasburghardt@gmail.com mit Angabe von:

Name, Aktivität, Organisation (Land)

Hier der Wortlaut des Briefes:

Offener Brief an Felipe Calderón Hinojosa

Herr Präsident der Vereinigten Mexikanischen Staaten,

die unterzeichnenden Dichter, Schriftsteller, Musiker, Künstler, Journalisten und Universitätsprofessoren aus verschiedenen Winkeln der Welt, verurteilen nachdrücklich die Ermordung von Juan Francisco Sicilia, dem Sohn des mexikanischen Dichters Javier Sicilia, und seinen sechs Freunden, geschehen am 28. März 2011 in der Stadt Cuernavaca, Morelos.

Wir wenden uns an Seine Exzellenz, um in aller Höflichkeit darum zu bitten, dass die Mörder ausfindig gemacht und mit dem ganzen Gewicht des Gesetzes zur Verantwortung gezogen werden.

Zudem erlauben wir uns, unsere tiefe Besorgnis angesichts der schmerzvollen Ereignisse zum Ausdruck zu bringen, bei denen die Welt zuschaut und die mit der Würde Mexikos, des mexikanischen Volkes und seiner ruhmreichen Tradition, nicht übereinstimmen. Wir begleiten die Familienangehörigen der mehr als 35.000 Menschen, die ihr Leben aufgrund der offenkundigen Lage verloren haben, und hoffen mit ihnen, dass Gerechtigkeit widerfahren wird und der Mantel der Straflosigkeit die Mörder nicht beschützen wird.

Mit freundlichen Grüßen

120. Dichter ruft zu Protest in Mexiko auf

In gut drei Dutzend mexikanischen Städten haben Tausende Menschen gegen die fortgesetzte Gewalt im Drogenkrieg protestiert. Zu den Demonstrationen unter dem Motto „Für den Frieden – Gegen die Gewalt“ hatte unter anderen der Dichter Javier Sicilia aufgerufen, dessen 24 Jahre alter Sohn Ende März von einem Drogenkartell ermordet worden war. / faz.net

Ausführlicher der Tagesspiegel, in dem es u.a. heißt:

Beobachter sehen schon den Beginn einer nationalen Bewegung, ausgerechnet mit einem Poeten an der Spitze, dessen einzige Waffe das Wort ist. Vor wenigen Tagen hat Sicilia 95 Plaketten an den Sitz des Gouverneurs seines Heimatstaates Morelos geschraubt. Darauf stehen die Namen der allein dort in diesem Jahr Ermordeten. Sicilia rief alle Mexikaner auf, es ihm gleichzutun. Die Politiker stünden vor einem – von Sicilia wohl kalkulierten – Dilemma: Entweder ihre Amtssitze würden zu riesigen Mahnmalen, oder sie nähmen die Plaketten ab und bewiesen ihre Hartherzigkeit.

119. Lesungen in Berlin und Greifswald

Neben Steffen Popp, dem Gewinner des Leonce-und-Lena-Preises 2011, sind am 28. April in der Literaturwerkstatt Berlin auch die beiden diesjährigen Wolfgang-Weyrauch-Förderpreisträger Jan Volker Röhnert und Andre Rudolph zu Gast.

Zur gleichen Zeit findet eine Lesung im Greifswalder Kruppkolleg im Rahmen der Lyriktagung zur modernen Einflußdichtung statt. Es lesen ab 20 Uhr im Kruppkolleg: Urs Allemann, Marcel Beyer, Bertram Reinecke und Monika Rinck.

Steffen Popp hält am Sonnabend in der Greifswalder Konferenz einen Vortrag um 12.15 Uhr mit dem Titel: Fragen an die Boxmaschine – “Einflussangst und Vatermord” in einer kollaborativen  Poetik zeitgenössischer LyrikerInnen

Heute in Greifswald:

18.30 Uhr — 19.00 Uhr

Begrüßung
Christian Suhm (Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald)

Einführung
Uta Degner (Salzburg) und Elisabetta Mengaldo (Greifswald)

19.00 Uhr — 20.00 Uhr

Greifswaldvariationen
Marcel Beyer (Berlin/Dresden)

20.00 Uhr
Empfang im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg

Ankündigung_Beyer

118. «Das Meer, das Meer»

«Ich lebte im Wasser» schrieb einst der französische Dichter Paul Valéry in einem seiner Gedichte über Sète. Ein Blick vom Mont St. Clair genügt, um die Bedeutung seiner Worte vollständig zu erfassen: Sète ist umringt vom Meer und dem «Étang de Thau», einem Binnenmeer, das nur durch einen schmalen Sandstreifen vom Mittelmeer getrennt ist. …

Schon der französische Chansonnier und berühmte Sohn der Stadt, Georges Brassens, besang den zwölf Kilometer langen Strand. …

Hier liegt einer der bekanntesten Friedhöfe Frankreichs neben dem Pariser Père Lachaise, der cimetière marin. Dank seines Blicks auf das unendliche Blau ist er in die Weltliteratur eingegangen. «Das Meer, das Meer, ein immer neues Schenken! O, die Belohnung nach dem langen Denken. Ein langes Hinschaun auf der Götter Ruhn!», schrieb Valèry in seinem Gedicht «Friedhof am Meer», das Rainer Maria Rilke ins Deutsche übertragen hat. / Süddeutsche

117. „Gott behütet/ die Dichter nicht“

Die suggestive Lakonie seiner Erzählungen und Gedichte kommt damit auch den Essays zugute – in keiner Zeile wird geeifert oder geschwätzt. Denn niemals verbirgt der von ostdeutscher Landschaft so fundamental geprägte Autor die Brüche – und nicht die Notwendigkeit, mitunter eben solche Brüche herbeizuführen. In seinem Gedicht „Die Tauben von Weimar“ etwa heißt es: „Hier liefen/ sie/ um die Brunnen/ und fraßen Bockwurstreste// Hier lief/ ich/ davon mit /siebzehn/ riss ab/ von den Wegen der Gemeinschaft“

Von Joseph Brodsky stammt das Diktum: „Ästhetik ist Ethik.“ Utz Rachowskis Texte beweisen das in geradezu atemberaubender Eindringlichkeit, die keinen Platz lässt für hohle Rhetorik. Wohl aber für ein Selbstbewusstsein, das man nicht allein vor 1989 auch anderen (ost)deutschen Schriftstellern gewünscht hätte: „Chinesischer Türhütergott. Schlagt an den Pfosten/ ihn ruhig.// Es ist ohnehin nur Schein.// Denn Gott behütet/ die Dichter nicht// und vor ihnen/ schützt auch// kein Gott.“ / Marko Martin, Märkische Allgemeine

Utz Rachowski: Beide Sommer. Leipziger Literaturverlag, 123 Seiten, 14,95 Euro.

116. Der Dichter und sein Schatten in Greifswald

Pommern ist von fast allem (nur nicht der Ostsee) sehr weit weg. (Das gilt in Deutschland genau wie in Polen). Diese Woche aber hat der An- und Umwohner Greifswalds einen klaren Standortvorteil. Von Mittwoch bis Sonnabend findet eine internationale Fachtagung statt zum Thema:

Der Dichter und sein Schatten
Fallstudien zur modernen Einfluss-Dichtung

Die Tagung

möchte das Phänomen der Einfluss-Lust (und nicht nur der „Einfluss-Angst“, mit der sich die wirkungsmächtige Studie von Harald Bloom auseinandergesetzt hat) unter der Perspektive ihrer Produktivität neu bewerten. Die Grundannahme ist, dass die Auseinandersetzung mit anderen DichterInnen und ihrer Sprache für die Entstehung einer eigenen Poetik konstitutiv ist.

Dies gilt insbesondere für moderne Lyrik, in der im zwanzigsten Jahrhundert Formen wie Zitation und Montage, literarische ‚ready mades‘ und andere affirmative Formen von Intertextualität (bis zum Extremfall des Plagiats) ihre literarische Blüte erleben und aus dem Schatten des Trivialen treten.

Das Verhältnis von Originalität und Epigonentum wird komplexer als bisher zu beschreiben sein. Nietzsche beklagt 1879 in Der Wanderer und sein Schatten die „Originalitätswut“ der Modernen, die im Unterschied zu den antiken Autoren eine regelrechte Angst vor der Konvention an den Tag legen würden. Doch gerade nachdem sich die modernen Autoren seit der Romantik scheinbar oder wirklich von den „Ketten“ der Tradition befreit (ein Bedürfnis jeder literarischen Avantgarde) und die vollständige Freiheit und Ungebundenheit ihrer künstlerischen Schöpfung behauptet haben, können sie sich ohne jegliche Einfluss- und Konventionsangst ‚leisten‘, auch epigonal zu sein: Wo der Zwang der Konvention nicht mehr so stark ist, kann die dezidierte Aneignung fremder Vorbilder anfangen.

Wissenschaftler wie Wolfram Groddeck (Robert Walser), Hans-Jost Frey (Franz Josef Czernin), Dieter Burdorf (Thomas Kling liest Rudolf Borchardt) und viele andere tragen ihre Beobachtungen zum Thema vor. Vor allem aber treten auch Lyriker selbst auf.

Urs Allemann, Marcel Beyer, Steffen Popp, Bertram Reinecke und Monika Rinck sind in Lesung, Gespräch und Vortrag dabei. Eine solch geballte Ladung ist nicht nur in Greifswald kaum alltäglich und lohnt den Weg ins Krupp-Kolleg allemal.

Die Termine der Lyriker:

Mittwoch 18.30 Uhr — 20.00 Uhr

Marcel Beyer: Greifswaldvariationen (Eröffnungsvortrag)

Donnerstag 17.00 Uhr — 17.45 Uhr

Gespräch über Lyrik: Monika Rinck (Berlin) und Elisabetta Mengaldo (Greifswald)

Donnerstag 20.30 Uhr — 22.00 Uhr

Lesung: Urs Allemann, Marcel Beyer,  Bertram Reinecke und Monika Rinck

Sonnabend  12.15 Uhr — 13.00 Uhr

Steffen Popp: Fragen an die Boxmaschine – “Einflussangst und Vatermord” in einer kollaborativen Poetik zeitgenössischer LyrikerInnen

Das Programm:

Flyer Dichterschatten

115. „Freier und frecher“

Zwei Antworten von Ulla Hahn:

„Mein Geliebter ist die Lyrik und verheiratet bin ich mit der Prosa. Gedichte sind einfach etwas Wunderschönes.“

„Es war für mich selbst überraschend, wie lässig meine Gedichte geworden sind. Sie sind freier und frecher. Dieser Abbau von Ängsten durch mein jahrzehntelanges Schreiben, den merkt man den Texten an. Und wenn ich heute meine früheren Verse betrachte, ist es, als würde ich die Gedichte einer jüngeren Schwester lesen: Etwas wehmütig, etwas neidisch und manchmal mit einem Kopfschütteln.“

114. Das Geheimnis knacken

Aus einem Gespräch der Berliner Zeitung mit Kathrin Schmidt:

Hat sich ihr Schreiben verändert? Vielleicht bei den Gedichten?

Gedichte konnte ich fünf Jahre lang gar nicht schreiben. Mir fehlte einfach die dritte Dimension, oder ich habe das Geheimnis nicht mehr entdeckt. Bei einer Lesung im Herbst 2007 in Greifswald war ich besonders von den Gedichten von Ron Winkler fasziniert. Aber ich hatte sie überhaupt nicht verstanden, auch semantisch nicht. Ich habe mir dann alles von ihm gekauft und versucht, sie zu knacken. Immer wieder habe ich ihn gelesen, bis ich ein Gefühl dafür hatte, wie er ein Gedicht hinkriegt. Von dem Augenblick an kamen auch meine wieder. Also bin ich Ron Winkler zu großem Dank verpflichtet.

113. Gestorben

Der chilenische Dichter Gonzalo Rojas starb im Alter von 93 Jahren in Santiago. Rojas erhielt 2003 den Cervantes-Preis. / Libération 26.4.

Bei Wikipedia

Von 1973 bis 1975 flüchtete er vor dem Pinochet-Regime in die damalige DDR, wo sein Gedicht “Domizil an der Ostsee” entstand. / Latina Press