Musik und Fragen zur Person
Im Gespräch mit Michael Langer
Hans Thill, Jahrgang 1954, der für seine Gedichte u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, ist nicht nur Lyriker und Übersetzer, sondern auch Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn.
Außerdem leitet er das Künstlerhaus Edenkoben sowie die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. Hans Thills Lyrikbände tragen so schöne Titel wie „Gelächter Sirenen“ oder „Kühle Religionen“. Zuletzt erschien von ihm der Band „Museum der Ungeduld“. / DLF
(…)
Manche Rezension endet hier. Diese nicht. Diese hier möchte, wo andere Kritiken ganz und gar in ihren selbstreferenziellen Leseerlebnissen herumdümpeln oder geschmäcklerisch (!) und intuitiv (– –) und seitenweise (……..) definieren, dass dieses gefiele und jenes schon längst „durch“ sei, am Rande auch noch etwas Inhalt mit. Man lese und staune.
Und nun in die Vollen. Die Sammlung ist heterogen, das mögen wir (.), die Sammlung ist brav nach Themen geordnet, das mögen wir auch, auf jeder Seite steht nur 1 Text, das mögen wir ganz besonders. Noch mal Klappentext:„Die Gedichte sind so geordnet, dass sie miteinander in Dialog treten, sich ins Wort fallen, einander thematisch oder formal umkreisen. Die Lust an der Erkenntnis hat ebenso Raum wie die Sprachlogik oder das Spielerische. Auch die poetologischen Nachbemerkungen zeigen an, wie unterschiedlich die Zugänge zum Gedicht sein können, was seine unvergleichlichen (:-/) Möglichkeiten und seine Gefährdungen (=o\) sind. Allen jedoch ist eines gemein: das Nachdenken darüber, was das denn ist, ein erkenntnisschweres oder alles riskierendes oder welthaltiges oder einfach nur ein gelungenes Gedicht.“ …
Da an dieser Stelle nur ein komisches (?!?) Gedicht geht, da vorher unverschämt gealbert worden ist, sollte hic et nunc zur Komik noch ein Satz kommen, ein Sätzchen: dass nämlich in diesem Band die Komik, auch wenn sie komisch ist, nicht allein Komik um der Komik willen ist, sprich Bespaßung zum Selbstzweck, die sich hübsch wie ein verschluckbares Schokoklein teil feinster Confiserie verkonsumieren lässt. Denn jeder weiß doch, dass wahre Komik nur an der Oberfläche lachen macht, aber im Grunde sehr ernste Bereiche berührt. Die Wurzel habe tief(er) zu sitzen. Humor hat immer auch etwas Anarchisches, Demaskierendes, in aller „harmlosen“ Schalkhaftigkeit auch etwas Vernichtendes, unter Umständen Böses (^,^); durch Komik wird auch manches Tabu zugänglich; man kann drüber reden. Man lacht. Manchmal unter Schmerzen, aber man lacht. Und, pardon, Lyrik ist nichts zum Lachen. Und gleichzeitig ist sie irrsinnig anregend, erheiternd, witzig! Wobei sie – wenn sie gut ist – niemals lächerlich ist. Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Es gibt kaum Gedichte in dieser Sammlung, bei denen man sich nicht an einer Stelle mindestens beim Schmunzeln ertappt, nicht aus Gründen der unfreiwilligen Komik, sondern aus Gründen, einer pfiffigen, gewieften, eleganten Idee aufgelaufen zu sein: da ist etwas, was einen in Bereiche entführt, oder nennen wir es: hin zu neuen Aspekten, Betrachtungswinkeln und anderen Perspektivchen, die man bisher so von selber noch nie gewonnen, oder sagen wir: erreicht hat und zu denen man sich kraft der eigenen Fantasie auch nie hinzudenken erkühnt hätte. Weil es so smart, so klasse ist – um es volksnah auszudrücken. …
Nein, ach woher, gelangweilt hat man sich nicht. Der Band ist eine Auswahl, die mit Sicherheit auch ohne Namen funktionieren würde. Gewisse Stimmen der Poeten sind eigen, artig und unartig, unverkennbar, typisch, charakteristisch, Poetinnen nicht zu vergessen. Die beiden Herausgeber präsentieren durchaus neue Dichter mit neuen und bisher unerhörten Stimmen, Dichterinnen nicht zu vergessen. Und es ist auch nicht so, dass die bereits bekannten Stimmen mit ihren bereits bekannten Anliegen sich nur noch selbst reproduzieren würden; sozusagen zum karikaturhaften (:|) Abklatsch ihrer selbst geworden, immer dasselbe Gedicht schrieben. / Armin Steigenberger, Poetenladen
[…]
Im Folgenden aber werde ich, wenn man so will, eine weibliche und komparatistische Hölderlin-Linie nachzeichnen. Der philosophische Kronzeuge und Stichwortgeber wird dabei nicht Wittgenstein, sondern Simone Weil sein. Zu entdecken in der Linie von Emily Dickinson, Simone Weil, Nelly Sachs, Ilse Aichinger und Sujata Bhatt ist ein engagiertes Schweigen, das dem literarischen Kanon nicht inhärent ist, sich ihm vielmehr zu widersetzen versucht. Wer sich aber schweigend dem Kanon zu widersetzen versucht, dem ist der eigentliche Erfolg literarischer Arbeit, das Aufnehmen in den Kanon, strenggenommen ein Scheitern. Wer etwas sagt, muss damit rechnen, dass das Gesagte vielleicht tradiert wird. Das Tradierte ist möglicherweise Teil des Kanons. Wer aber schweigt? Ziel des engagierten Schweigens ist die Nichtaufnahme in den Kanon, nicht aber unbedingt ein Vergessen des Schweigens. Im Gegenteil ist das sich widersetzende Schweigen umso mehr geeignet, in Erinnerung zu bleiben.
[…]
Engagiertes Schweigen ist demnach ein bewusstes, ausdrücklich gewolltes und herbeigeführtes Schweigen, kein Schweigen aus Verlegenheit und Nichtwissen, sondern aus einem Wissen und aus einem Engagement heraus. Unter diesem Engagement hat man sich ein fundamentales Misstrauen gegen Bestehendes, einen Widerstand gegen alles Konforme und Festgelegte vorzustellen. Aichinger führt entsprechend in ihrer Dankrede weiter aus: „Im Namen von Nelly Sachs mit der Freude konfrontiert zu werden, heißt aber zugleich, mit einer Angst konfrontiert zu werden, die sich durchsteht, mit Finsternis, die sich nicht ausweicht, mit Trauer, die allem offenbleibt.“ Aichinger legt mit ihrer Dankrede eine überaus treffende Analyse und Interpretation des Schweigens bei Sachs vor.
Doch ist in Aichingers Ausführungen zu Sachs mindestens genauso sehr sie selbst als Dichterin angesprochen. Aichinger sieht sich offenbar als eine der „Wachen an den Rändern der Welt“, als eine von Sachs’ genauen Lesern. In der Tat hatte Aichinger schon 25 Jahre vor ihrer Dortmunder Dankrede zu einem fundamentalen Misstrauen und zu Widerstand aufgerufen. „Sich selbst müssen Sie mißtrauen!“ heißt es in ihrem „Aufruf zum Mißtrauen“. Anders als beim Misstrauen gegen das Ich bei Simone Weil steht das Ich bei Aichinger nicht in Frage, weil es gilt, die Anwesenheit Gottes zu ermöglichen, sondern das Vertrauen, das Gespräch, schließlich das Leben nach dem Krieg wieder möglich zu machen. Dieses frühe Misstrauen gegen das Ich und der generelle Widerstand gegen Bestehendes finden sich in allen Texten Aichingers und führen wie bei Sachs und Weil zu einem engagierten Schweigen.
[…]
Einige Auszüge aus einem ihrer bekanntesten Gedichte, „Search for My Tongue“, verdeutlichen exemplarisch ein übersetzendes und wie schon bei Sachs körperlich existentielles Schweigen und Suchen: „Days my tongue slips away. / I can’t hold on to my tongue. / It’s slippery like the lizard’s tail / I try to grasp / but the lizard darts away. // (mari jeebh sarki jai chay) / I can’t speak. I speak nothing. / Nothing. // (kai nahi, hoo nathi boli shakti) / I search for my tongue. / (paranthu kya shodhu? Kya?) / (hoo dhoti dhoti jaoo choo) / But where should I start? Where? / I go running, running, / (nadi keenayray pohchee choo, nadi keenayray) / reach the river’s edge. / Silence.“
Dies sind nur Auszüge aus dem dreiteiligen, mehrstrophigen Langgedicht, das sowohl Passagen in Bhatts Muttersprache Gujarati als auch die Übersetzung dieser Passagen ins Englische, ihrer zweiten Sprache, enthält. Das Gespräch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, das Übersetzen der Philosophie Weils in die eigene Poetik durch Sachs etwa, dieses Übersetzen ist hier Teil und Thema ein und desselben Gedichts. Das notwendige, unhintergehbare Übersetzen führt jedoch innerhalb des Sprechens einer Person immer wieder zum Schweigen: „I speak nothing. / Nothing.“
[…]
Florian Strobl / literaturkritik.de
Dass der lyrische Blick etwas freilegen kann, was auf den üblichen Wegen der Wirklichkeitsbeobachtung verborgen bleibt, kann man derzeit an einem Projekt im Politik-Teil der „Zeit“ beobachten. Elf renommierte Lyriker hat die Redaktion gebeten, ein Jahr lang das aktuelle politische Geschehen zu verfolgen und zu bedichten.
Was man nun jede Woche lesen kann, ist keine agitatorisch-appellative Gebrauchslyrik im Retro-Look, sondern sind ebenjene verschobenen, irritierenden, manchmal lustigen Beobachtungs- und Reflexionsgeflechte, die offenbaren, was den üblichen Blick- und Datenkonstellationen entgeht. Ein produktives „Sich-aus-dem-Konzept-bringen-Lassen“ nennt der Redakteur Bernd Ulrich das. Und die Gegenwartslyrik bekommt eine Bühne jenseits ihrer üblichen Auftrittsorte.
Lassen wir uns also aus dem Konzept bringen – nicht unbedingt inhaltlich, sondern strukturell. Oder, wie es in dem soeben erschienenen Band „Helm aus Phlox“ vorgeschlagen wird, einer lustigen, irrwitzig verdrehten und in ihrer scharfsichtigen Reflektiertheit famos erhellenden Poetologie, die mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck fünf der eigenwilligsten und besten jungen Lyriker gemeinsam verfasst haben: „Lassen wir uns in den Kleingärten unseres Hirns metzeln!“ Und bitte die Dame mit der Lyrik schnell vergessen.*) / Wiebke Porombka, FAZ (vgl. auch vorige Meldung)
*) Welcher Dame? Welcher Lyrik? Vexierbild.
Im roughblog widerspricht Urs Engeler einem FAZ-Artikel, in dem es um die Marginalisierung der Lyrik geht. Einerseits boome sie geradezu:
Etablierte Namen wie Durs Grünbein, Lutz Seiler, Elke Erb oder Michael Lentz werden flankiert von jungen Dichtern wie Ann Cotten, Steffen Popp, Marion Poschmann, Daniel Falb, Jan Wagner, Uljana Wolf, Nico Bleutge oder Martina Hefter. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.
Bemerkenswert ist nicht nur die schiere Menge sehr guter, gerade junger Lyriker. Erstaunlich ist auch ihre Umtriebigkeit. Kaum eine Szene ist untereinander so gut vernetzt und so anspruchsvoll im Umgang mit der eigenen Arbeit: Die beständige Diskussion (etc. pp)
Wermutstropfen: sie erreichte kaum noch ihre Leser. Die größeren Verlage außer Suhrkamp brechen weg, was wird mit dem Berlin Verlag, und die etablierten Kleinverlage überleben nur mit Selbstausbeutung. Engeler steige gleich ganz aus, sinngemäß. Hier widerspricht er:
Es geht um die Rechnung, die hinter der Produktion von roughbooks steht. Diese Rechnung geht so: Die Druckkosten eines einzelnen Exemplars der Roughbooks entsprechen einem Viertel seines Verkaufspreises. Diese Rechnung gilt unabhänging von der Auflagenhöhe. Das bedeutet: Verkaufe ich einen Viertel der gesamten Auflage, dann sind die Druckkosten der gesamten Auflage gedeckt. Begonnen habe ich mit einer Auflage von 200 Exemplaren (ich hatte ja Vergleichszahlen aus meiner Zeit mit dem Buchhandel: 200 Expl, ist für Gedichte eine bereits anständige Auflage; bei einem Erstling, und bei dem ersten roughbook unter neuen Bedingungen ging es um einen Fast-Erstling, nämlich um Christian Filips Heiße Fusionen, bei einem Erstling, einem noch völlig unbekannten Autor also, ist der Vorverkauf im Buchhandel über Verlagsvertreter bei Null (0) Exemplaren – soviel zu den Erwartungen, mit denen ein Lyrikverleger rechnen muss). 200 Exemplare, das bedeutet, ich muss 50 verkaufen, um diese 200 Exemplare zu finanzieren. Bei den „Heißen Fusionen“ waren die 50 Exemplare nach wenigen Tagen verkauft, die gesamte Auflage nach wenigen Monaten (und ich spreche hier wirklich von 200 verkauften Exemplaren: Freiexemplare gibt es im Roughnodell nicht mehr). Das war vor einem Jahr. Ich hatte also Anlass, meine durch den bisherigen Buchhandel stark gedämpften Erwartungen wieder herauf zu schrauben. Die nächste Etappen waren 300 Exemplare, und auch die waren schnell vergriffen, so dass ich im Moment bei einer Startauflage von 400 Exemplaren bin. Und die Rechnung bleibt die gleiche: 100 Exemplare finanzieren die Gesamtauflage von 400 Exemplaren. Und sie garantiert, dass ein Roughbook den „Endverbraucher“ günstig zu stehen kommt. Und das garantiert, dass mehr Bücher gekauft werden, dass die Auflage steigt.
Es ist also völliger Unsinn, es ist üble Nachrede zu behaupten, ich arbeite an der Marginalisierung der Lyrik.
Die Deutsche Schillerstiftung wird im November 2011 den 1963 in Sachsen geborenen und in Berlin lebenden Lyriker Andreas Altmann mit der Dr. Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe auszeichnen. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Die Jury der Deutschen Schillerstiftung von 1859 hat in ihrer Entscheidungsbegründung für Andreas Altmann besonders seine in eigensinnige und magische Bilder gefassten Natur- und Landschaftsbeschreibungen hervorgehoben; seine Gedichte ermöglichen einen anderen Blick auf scheinbar Vertrautes und fordern so eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Wahrnehmung.
Von Andreas Altmann sind seit 1996 sechs Gedichtbände erschienen, er wurde unter anderem mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, dem Christine-Lavant-Lyrikpreis und dem Erwin-Strittmatter-Preis ausgezeichnet.
Die Dr. Manfred-Jahrmarkt-Stiftung wurde 1997 in der Trägerschaft der Deutschen Schillerstiftung von 1859 gegründet. Der Verleger Dr. Manfred Jahrmarkt gehört als Ehrensenator der Stiftung an.
Es ist die zweite Ehrengabe, die die Deutsche Schillerstiftung von 1859 in diesem Jahr vergibt. Im Mai wurde bereits der Schriftsteller und Übersetzer Wolfgang Schlüter in Weimar für sein literarisches Werk mit der Kester-Haeusler-Ehrengabe ausgezeichnet.
Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung für Literatur vergibt die Stiftung neben den Ehrengaben auch seit 1999 im dreijährigen Rhythmus einen weiteren Literaturpreis, symbolisiert im Schiller-Ring der Deutschen Schillerstiftung von 1859. Letzter Preisträger des Schiller-Rings war der Schriftsteller Jürgen Becker (2009).
Die Dr. Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe wird Andreas Altmann am 13. November in Weimar durch den Vorsitzenden des Kuratoriums der Deutschen Schillerstiftung, Klaus von Trotha, vergeben. Die Laudatio wird Hanne Kulessa, Sprecherin der Jury, halten. Eine Einladung zur Veranstaltung erfolgt gesondert.
„Die Freiheit kommt / und hier stehe ich / und warte darauf / sie eines Tages kennenzulernen“: So lautet die letzte Zeile des letzten Eintrags der syrischen Bloggerin Amina Abdalla. Es handelt sich um ein Gedicht, das sie am Montagnachmittag veröffentlichte.
Nur Stunden später wurde die junge Frau nach Angaben ihrer Cousine verschleppt – von drei Männern in den Zwanzigern, mitten in Damaskus. / Spiegel
Vielleicht war es so, nur wirklich wissen kann das derzeit niemand. Wenige Stunden nach Veröffentlichung eines letzten Artikels über Amina Arraf („New York Times: Offene Fragen über Amina Arraf“) ruderte zuerst die „New York Times“ ein Stück zurück und veröffentlichte in der Nacht zum Mittwoch ein Update, das die bisher scheinbar faktenorientierte Berichterstattung über Amina unter Vorbehalt stellt. Angestoßen durch die Kritik eines externen Journalisten taten die Redakteure der „New York Times“ etwas, was man eigentlich bei allen Berichten voraussetzen würde. Sie fragten: Stimmt das alles eigentlich? / Spiegel
Texte, die nur aus Zitaten anderer Texte bestehen, nennt man meist Plagiate. Viele Forscher lehnen auch die lateinische Centodichtung der Spätantike – Cento bedeutet Flickenteppich – als literarisch wertlos ab. Doch in den letzten Jahren nahm das Interesse an Centopoesie zu, und eine Dissertation der Universität Gothenburg in Schweden hat jüngst gezeigt, daß diese Gedichte innovativ sein und zu denken geben können.
Sara Ehrling untersuchte zwei Centos, die nur aus Zitaten Vergils zusammengesetzt sind, eines der berühmtesten Dichter der Römer, der u.a. die Äneide schrieb. Die beiden Texte sind Hochzeitsgedichte, eins stammt von Ausonius aus dem späten 4. Jahrhundert und das andere von Luxorius 100 Jahre später. Es zeigt sich, daß man im Cento eine Quelle für eigene Zwecke nutzen kann. / eurekalert.org
John Lemprières „Classical Dictionary“ von 1788 (Reprint 1994 nach der revidierten Ausgabe von 1850) schreibt über Ausonius Decimus Magnus:
ein Dichter, der im 4. Jahrhundert in Bordeaux in Gallien als Sohn des Julius Ausonius geboren wurde, (…) Sein Werk besteht aus Epigrammen teilweise nach griechischen Vorlagen, aus Grabinschriften (parentalia) auf Freunde und Verwandte, Idyllen, Grabschriften auf die Helden des Trojanischen Krieges, poetischen Episteln usw. Er verfaßte auch die consular fasti (Konsullisten) Roms, ein nützliches, heute verlorenes Werk. Manche vermuten, daß er zum Christentum übertrat; aber das erscheint zweifelhaft. Sein Stil ist manchmal obszön, und seine ausschweifenden Verse, die er aus neu zusammengesetzten Textstellen Vergils komponierte, stigmatisieren sein Andenken auf ewig. (…)
Hier eine Werkausgabe Lateinisch-Englisch von 1919 (Pdf, die Volltextversion sehr fehlerhaft)
Der diesjährige August Graf von Platen Literaturpreis Ansbach wird verliehen an: Fitzgerald Kusz.
Der Förderpreis zum August Graf von Platen Literaturpreis Ansbach geht an: Christian Schloyer.
Zu Begründung der Jury
/Literaturblog Bayern
Am 15. Juli 2011 ist Einsendeschluss für den 19. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Der open mike wird ausgeschrieben von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation und mit insgesamt 7.500 EUR dotiert.
Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen haben. Berücksichtigung finden kurze Prosa, ein in sich geschlossener Auszug aus einem längeren Text ODER Lyrik.
Lektoren aus renommierten Verlagen wählen die Teilnehmer aus, die am 5. und 6. November 2011 zu einer öffentlichen Lesung nach Berlin eingeladen werden. Die Autoren-Jury vergibt einen Preis für Lyrik und zwei Preise für Prosa in der Gesamthöhe von 7.500 EUR.
Kurzbeschreibung der Teilnahmebedingungen:
Der Umfang der eingereichten Texte muss in etwa einer 15-minütigen Lesezeit entsprechen. Formatvorgabe: A 4-Format, einseitig bedruckt, Schriftgröße 12, Zeilenabstand 1,5. Die Manuskripte müssen in zweifacher Ausfertigung als lose Blätter (ohne Heftung) eingesandt werden. Auf den Manuskriptseiten darf weder der Name des Absenders noch ein Zahlencode, Kennwort o. ä. erscheinen. Eine kurze Biographie mit Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse ist beizulegen. Eine Rücksendung der Manuskripte kann leider nicht erfolgen.
Genaue Teilnahmebedingungen für den 19. open mike im Internet unter www.literaturwerkstatt.org
Einsendeschluss der Texte: 15. Juli 2011 (Datum des Poststempels)
Einsendungen unter dem Kennwort „open mike“ an:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstraße 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Die auf Walserdeutsch und Italienisch schreibende Autorin Anna Maria Bacher las aus ihren Gedichten, die in einer aussterbenden Sprache von verlorenen Dingen erzählen und Spuren des Verschwundenen für die Nachwelt zu konservieren versuchen. …
Wortmusik trug auch der Sprachekstatiker Christian Uetz vor, und Juri Andruchowytsch liess seine ukrainischen und teilweise auf Deutsch vorgetragenen Gedichte musikalisch von Vera Kappeler am Klavier und Peter Conradin Zumthor am Schlagzeug begleiten. Hier gewann freilich die Musik die Oberhand; die Gedichte wirkten zumal in der Übersetzung blass. Erst als Andruchowytsch wie die Wölfe zu heulen begann, kamen Sprache und Musik zusammen.
Kam zu den Lesungen von Uetz und Andruchowytsch am späten Abend im Kreuz-Saal jeweils verhältnismässig wenig Publikum, so platzten die Säle am Sonntagmittag fast aus allen Nähten, als sich die Mundartdichter anschickten, allen Kosmopoliten die Schau zu stehlen. Zunächst traten Ernst Burren und Pedro Lenz in einen Wettstreit der Dichter. Nur wenige Kilometer trennen die Wohnorte der beiden, ihre Mundarten aber klingen, als würden Welten dazwischenliegen. …
Schliesslich fanden sich zum unbestrittenen Höhepunkt der diesjährigen Solothurner Literaturtage Raphael Urweider am Klavier sowie Achim Parterre, Beat Sterchi und noch einmal Pedro Lenz an den Mikrofonen zu einer hinreissend komischen Hommage an Ernst Eggimann, den 1936 geborenen Mitbegründer der «modern Mundart». / Roman Bucheli, NZZ 7.6.
Eine Liedertafel mit Ursula Krechel und Katia Tchemberdji
Dienstag, 7. Juni · 21:00 – 23:00
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin-Mitte
„Die Krise der Ballade ist vorbei!“, befindet die Dichterin Ursula Krechel in ihrem 2010 erschienenen Gedichtband „Jäh erhellte Dunkelheit“. Doch solcher „Überschwang währt niemals lang“. Schon wenige Seiten später taucht ein trauriger Schneider auf, der am Rande der Autobahn spazieren geht und sogleich überfahren wird. Ist die Ballade vom Schneider also ihr eigenes „Ende vom Lied“?
Katia Tchemberdji hat sich dieser Vorfälle angenommen und zu Texten von Ursula Krechel eine Chorballade für 8-stimmigen Chor a cappella komponiert, nach deren Erklingen die Krise wirklich vorbei sein könnte. Wie die Balladen klangen, bevor sie überhaupt in die Krise gerieten, das zeigt die Aufführung von Ferdinand Hillers Gesängen der Geister und der Parzen nach Texten von Goethe.
Ab 22 Uhr: Gespräch bei Käse und Wein
Kammerchor der Sing-Akademie zu Berlin
Dirigat: Annette Diening, Christian Gössel, Uwe Schamburek
(Prüfungskonzert im Rahmen der Ausbildung zum Kirchenmusiker)
Mit freundlicher Unterstützung der UdK Berlin
Mit dem Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet wurde die in Idstein und Berlin lebende Lyrikerin und Verlegerin Daniela Seel. FR berichtet knapp:
Kulturdezernentin Beate Fleige brach eine Lanze für „das Gedicht in der Epoche der Generation Google“. Seel erzähle von sich, ihrem Körper, ihrer Sprache und die Grenzen zwischen allen Dreien. Damit spreche sie auch junge Menschen an. Ihre Gedichte seien „erfrischend kurz, sehr präzise, die Worte genau gesetzt“. Mit ihrem Verlag „kookbooks“ – eine Anspielung auf das englische Wort „kook“ für „Spinner“ – schaffe sie in der deutschen Verlagslandschaft neue Räume für Lyrik.
Wie ticken chinesische Gedichte? Der Spiegel berichtete vor einiger Zeit über ein Gedicht von Mao Tse-tung, in dem der große vorsitzende Dichter über den „Revisionisten“ Nikita Chrustschow spottete (Chrustschow war der Parteichef, der in einigen vorsichtigen Riesenschritten begann, das Erbe Stalins abzutragen und dafür 1964 von dem Hardliner Breschnew abgelöst wurde.) Die Besonderheit des Gedichts für das chinesische Publikum bestand darin, daß der Diktator, der Tabubrecher nicht zimperlich behandelte, ein mächtiges Tabu brach, indem er das Wort „Furz“ verwendete. Ein ungeheurer Tabubruch! Da es von Mao war, mußten es die Zeitungen auf der ersten Seite drucken und die Volkschöre im ganzen Land singen. Aber wie erklärt man dem Volk den unerklärten Tabubruch? Wie singt man einen Furz? Die Untertanen ließen sich etwas einfallen. Mao spottete über sein devotes Volk, mutmaßen manche.
Wie dem auch sei, der Spiegel brachte ein Faksimile der Handschrift Maos, und ich bat den chinesischen Studenten Jin Ling (heute in Frankfurt/ Main) um eine Wort-für-Wort-Übersetzung. Hier seine Interlinearfassung, oben fast wörtlich, unten sinngemäß. Im Anschluß gebe ich die sinngemäße Übersetzung noch einmal im Zusammenhang.
Dem chinesischen Gedicht liegt nicht nur eine völlig andere Grammatik zugrunde, sondern auch eine andere Ästhetik und Hermeneutik als die im Westen seit Baudelaire verbreitete. Das Gedicht hat eine eindeutig von der Form abzuhebende Botschaft, hier und nicht da kann man klar benennen, was wofür steht. Der stolze am Himmel schwebende Vogel steht für, und ist, Mao und sein „Volks“-China und der häßliche Spatz (bekanntlich gab es in den späten 50er, frühen 60er Jahren in Maos China eine Kampagne, bei der die lästigen Spatzen durch ohrenbetäubenden Lärm zu Tode erschreckt wurden. Haben sie sich eigentlich davon erholt?) für den Stalins Erbe verratenden Revisionisten Chrustschow. Das Wort Gulaschkommunismus kam damals in Mode, es trifft auch die Linie des Moskauer Parteichefs. „Bei uns gibt es sogar Rindfleisch“, prahlt der Russe. „Hör auf zu furzen“, bescheidet ihn der Chinese. (Sein Volk wagt nicht zu denken, daß Rindfleisch besser schmeckt als eine Kulturrevolution, die Mao damals vorbereitete). Die Hölle ging los.
念奴娇·鸟儿问答 niàn nú jiāo: niǎo er wèn dá (niàn nú jiāo: Dialog zwischen zwei Vögeln)
Kun Peng ausbreitet Flügel, neun zehntausend Meter , schraubt Fú yáo Yáng jiǎo (Name eines Wirbelwinds)
kūn péng zhǎn chì jǐu wàn lǐ fān dòng fú yáo yáng jiǎo
鲲 鹏 展 翅, 九 万 里, 翻 动 扶 摇 羊 角。
Kun Peng(ein sagenhafter Vogel) flattert 90 tausend Meter in die Höhe, schraubt am Himmel.
Rück zu Himmel nach unten gucken, alles sind irdische Städte
bēi fù qīng tīan cháo xià kàn dōu shì rén jīan chéng gūo
背 负 青 天 朝 下 看, 都 是 人 间 城 郭。
Er schaut nach unten, liegen kleine und grosse Staedte.
Geschützfeuer verbindet Himmel, Einschuss überall, erschreckt Spatz
pào hǔo lían tīan dàn hén biàn dì xià dào péng jīan què
炮 火 连 天, 弹 痕 遍 地, 吓 倒 蓬 间 雀。
Geschützfeuer erreicht den Himmel, Einschüsse überall, der Spatz erschrickt.
Oh mein Gott, ich will fliegen
zěn men dé lǐao, ai ya wǒ yào fēi yuè
怎 么 得 了, 哎 呀 我 要 飞 跃。
„Oh mein Gott, was soll ich machen, ich will fortfliegen.“ sagt der Spatz.
Darf ich fragen du gehst wohin, der Spatz sagt es gibt Märchenland
Jìe wèn jūn qù hé fāng, què ér dá dào yǒu xiān shān qióng gé
借 问 君 去 何 方, 雀 儿 答 道: 有 仙 山 琼 阁。
„Mein Freund, wohin geht die Reise? “, „Ins Märchenland“, sagt der Spatz
Nicht siehst vorletztes Jahr Herbst, unterschreiben drei Seiten Vertrag
bú jiàn qián nián qiū yuè lǎng, dìng le sān jiā tiáo yuē
不 见 前 年 秋 月 朗, 订 了 三 家 条 约。
„Weisst du nicht? Voriges Jahr haben wir den „Drei-Seiten-Vertrag“ (Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser) unterschrieben.
Sonst Essen Kartoffeln gekocht dann plus Rindfleisch
Hái yǒu chī de, tǔ dòu shāo shú le, zài jiā niú ròu
还 有 吃 的, 土 豆 烧 熟 了, 再 加 牛 肉。
„Früher aßen wir gekochte Kartoffeln, jetzt mit Rindfleisch.“
Nicht erlaubt Furz guck mal welterschütternd
bù xū fàng pì! shì kà tiān dì fān fù
不 须 放 屁! 试 看 天 地 翻 覆
„Furz nicht, schau mal, die Hölle ist los.“
Dialog zwischen zwei Vögeln
Kun Peng flattert in 90 tausend Metern Höhe, er wirbelt am Himmel.
Er schaut nach unten, da liegen kleine und grosse Städte.
Geschützfeuer bis zum Himmel, Einschüsse überall, der Spatz erschrickt.
„Oh mein Gott, was soll ich machen, ich will fortfliegen.“ sagt der Spatz.
„Mein Freund, wohin des Wegs? “ „Ins Märchenland“, sagt der Spatz.
„Weisst du nicht, voriges Jahr haben wir den ‚Drei-Seiten-Vertrag‘ unterschrieben.
Früher aßen wir nur gekochte Kartoffeln, jetzt haben wir Rindfleisch.“
„Hör auf zu furzen, schau mal, die Hölle ist los.“

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