22. Alexander Gumz und Katharina Schultens

Es scheinen gute Zeiten für Lyrik zu sein. Zumindest kann man allenthalben von einer blühenden jungen Szene lesen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmete der „Boombranche“ kürzlich einen großen Artikel, in dem von der Lebendigkeit und Vielseitigkeit der zeitgenössischen lyrischen Stimmen geschwärmt wurde, ohne dabei die ökonomische Belanglosigkeit des Genres im Literaturbetrieb außer Acht zu lassen. Auch im Börsenblatt wurde begeistert von der „Sturm- und Drang-Phase“ der deutschsprachigen Dichtung berichtet, wie Michael Braun und Hans Thill die momentane Aufbruchsstimmung in ihrer Anthologie Lied aus reinem Nichts treffend benannt haben. …

Zu ihnen gehört der 1974 in Berlin geborene Alexander Gumz, ein Autor, der seit Jahren in verschiedensten Zusammenhängen mitmischt, ob als Veranstalter oder Herausgeber, auch immer wieder mit eigenen Texten in Anthologien vertreten war, aber erst in diesem Frühjahr seinen ersten eigenständigen Gedichtband veröffentlicht hat. ausrücken mit modellen ist in Daniela Seels kookbooks  Verlag erschienen und enthält 60 in sieben Kapitel unterteilte Gedichte. …

Oft gelangt er mit einer Strophe an jenen Punkt, fängt jene Sekunde ein, in der sich Aktualität verwandelt ins Nicht-mehr-Fassbare, wo eine Kehrseite des Wahrnehmbaren aufscheint und Zeitlosigkeit entstehen kann: „in blendender bewegung eingefroren: ein loop der eigenen erfolge, der spiegelbilder, die wir nicht gewesen sind.“ Die einzelnen Strophen bestehen meist nur aus zwei Zeilen, und jede einzelne trägt den Kern des ganzen Gedichts oft schon in sich. In jedem in seiner Nüchternheit oft geheimnisvoll wirkenden Bilder ist das Gesamte aufgehoben, und das kommt einem nie wie ein forcierter Akt der Zersplitterung vor, sondern mehr wie eine natürliche Konzentration auf das Wesen des Gedichts. „unsere sorgen sind bekloppte interieurs“, heißt es in Kühle Entwicklungen, und viel genauer lässt sich die Befindlichkeit der heute 30- bis 40-Jährigen kaum fassen. …

Wie sich das anfühlt, in eine Zukunft hineinzuwachsen, die aus verlorenen Sehnsüchten besteht, und in einer Gegenwart zu leben, in der man Wünsche erst einmal formulieren können müsste, davon weiß auch Katharina Schultens zu erzählen. Die 1980 geborene Lyrikerin legt mit gierstabil bereits ihren zweiten Gedichtband vor – nach Aufbrüche (2004) ein radikaler Neuanfang. Schon der Titel deutet auf eines der fundamentalen Motive hin: Gierstabilität bezeichnet den Umstand, in dem sich ein Fahrzeug ohne weitere Einflussnahme geradeaus bewegt, zumindest tendenziell. / Ulrich Rüdenauer, Die Zeit

21. Dichtertänzer

Wer ist Lightsey Darst? Sie arbeitet als Tanzkritikerin, ist „faculty member“ am MCAD and North Hennepin Community College, Gastgeberin eines Schreibsalons und sie gewann den Minnesota Book Award in Poetry für ihren Band Find the Girl (erschienen bei Coffee House Press).

Im Gespräch mit COURTNEY ALGEO, sagt sie über Lyrik und Tanz:

Die Kombination ist häufiger als man denkt. Ich kenne viele Dichter-Tänzer. Ich glaube, Louise Glück sagte, wenn sie nicht Dichterin geworden wäre, wollte sie Tänzerin oder Malerin oder so etwas sein. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber wenn du das Verlangen hast, etwas zu produzieren, hältst du Ausschau nach dem passenden Medium. Und ich glaube, Tanz und Lyrik ziehen ähnliche Persönlichkeiten an. Ich selber bin mit Sicherheit besser als Dichterin denn als Tänzerin. Als Dichterin fühle ich mich mehr als Künstler.*

*) Und hierin hat die FAZ recht, die gegenderten Formen im Deutschen verkleinern den Gegenstand eher als sie ihn würdigen. Im Englischen gehts um artist, dancer, poet gleich welchen Geschlechts, bei uns immer um Dichter/Innen. M.G.

20. American Life in Poetry: Column 328

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

How I love poems in which there is evidence of a poet paying close attention to the world about him. Here Angelo Giambra, who lives in Florida, has been keeping an eye on the bees.

The Water Carriers

On hot days we would see them
leaving the hive in swarms. June and I
would watch them weave their way
through the sugarberry trees toward the pond
where they would stop to take a drink,
then buzz their way back, plump and full of water,
to drop it on the backs of the fanning bees.
If you listened you could hear them, their tiny wings
beating in unison as they cooled down the hive.
My brother caught one once, its bulbous body
bursting with water, beating itself against
the smooth glass wall of the canning jar.
He lit a match, dropped it in, but nothing
happened. The match went out and the bee
swam through the mix of sulfur and smoke
until my brother let it out. It flew straight
back to the hive. Later, we skinny-dipped
in the pond, the three of us, the August sun
melting the world around us as if it were
wax. In the cool of the evening, we walked
home, pond water still dripping from our skin,
glistening and twinkling like starlight.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Angelo Giambra, whose most recent book of poetry is Oranges and Eggs, Finishing Line Press, 2010. Poem reprinted from the South Dakota Review, Vol. 47, no. 4, Winter 2009, by permission of Angelo Giambra and publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

19. Berauscht

Mit seinen sehr treffenden – nebenbei nicht mit pragmatischem Rat geizenden – Studien der Selbsterfahrung von Haschisch und Opium publizierte Charles Baudelaire 1860 unter dem visionären Titel den Band «Die künstlichen Paradiese». … Das Prosagedicht «Enivrez-vous» gibt hier das Motto an. Just dies in «Le Spleen de Paris» erschienene und in seinem Aufforderungscharakter unübersetzbare Poem durchzieht als musikalisches Leitmotiv die liebevolle Inszenierung von Teilen des «Haschisch»-Textes, welche Kai Grehn für den Bremer Rundfunk eingerichtet hat. / NZZ 1.7.

18. Meine Anthologie: Abenteuer der deutschen Grammatik

Yoko Tawada

Die zweite Person Ich

Als ich dich noch siezte,
sagte ich ich und meinte damit
mich.
Seit gestern duze ich dich,
weiß aber noch nicht,
wie ich mich umbenennen soll.

Aus: Yoko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010, S. 8.

(Gestern abend wollte ich zu einer Lesung von Yoko Tawada im Greifswalder Koeppenhaus gehen. Es war aber so voll, daß kein einziger Sitzplatz übrig war und selbst im Treppenhaus vor der Tür etwa 8 Leute standen. Ich blieb eine Weile stehen und versuchte zuzuhören, es war aber kaum zu verstehen. Also sah ich den Büchertisch durch und pickte ein Buch heraus, das ich noch nicht besaß, setzte mich ins Café und las es. Als ich fertig war, ging ich nach oben, die Lesung lief noch, noch immer standen ein paar Leute vor der Tür und hörten zu, aber in der letzten Reihe des Saales war ein Stuhl frei. Ich setzte mich und hörte den Rest der Lesung / Diskussion. Lauschender Leser und redender Schreiber,  sagt Hubert Winkels. Umständehalber waren für mich die Rollen getrennt vereint am Stück, es war nicht schlecht. Ich ließ mir das Buch anschließend signieren und bat die Autorin darum, mir das Gedicht S. 41 vorzulesen, das deutsche Sätze und Wortteile mit japanischen Wortwurzeln in chinesischer Schrift kombiniert. So bekam ich zum Schluß noch eine Privatlesung. So schlimm ist das mit der Festivalkultur nicht, wie der vielleicht übersättigte Autor meint.

17. Preise des Systems BRUETERICH

Endlich sind die Lyrikpreise des Systems für 2011 vergeben: der WOLFGANG für moderne 5Zeiler auf elektronischem Papier geht an Norbert Lange (Berlin), den WOLFSKEHL für hörbare 5Zeiler im mp.3-Format erhält KLANGKNECHT (Stuttgart).

Den beiden Gewinnern herzlichen Glückwunsch und ein dreifaches: Lyrik ahoi!

16. Benedikt Dyrlich erhält Cišinski-Preis

Der sorbische Autor und Publizist Benedikt Dyrlich erhält den Cišinski-Preis 2011. Das hat das Kuratorium der Stiftung für das sorbische Volk in Bautzen entschieden. Wie eine Sprecherin der Stiftung am Dienstag mitteilte, wird Dyrlich für seine Bemühungen geehrt, sorbische Lyrik aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt zu machen. Dabei habe er sich nicht nur Verdienste in und außerhalb der Lausitz, sondern vor allem im slawischen Ausland erworben. Der Preis wird am 15. Oktober bei einem Festakt in Panschwitz-Kuckau verliehen. / MDR

15. »Ich Wolkenstein« wurde auch in Rostock gesungen

Vom 8. Juli bis zum 27. November 2011 wird auf Schloss Tirol in Bozen die große Sonderausstellung »Ich Wolkenstein« des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte über den wohl berühmtesten Südtiroler Dichter und Minnesänger Oswald von Wolkenstein (1376-1445) gezeigt, der als der herausragende Lyriker zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe gilt. Zu den Leihgaben aus ganz Europa gehört auch das »Rostocker Liederbuch«, die wichtigste niederdeutsche Liedersammlung aus dem 15. Jahrhundert. / scientia

Einspielungen der Rostocker Fassung des Tageliedes finden sich unter: www.rostocker-liederbuch.de/Diskografie.html

14. Verbessern statt erretten

Husumer Nachrichten (Gunnar Dommasch): Als 16-Jähriger siedelten Sie aus Hamburg in die DDR über – nach Gadebusch, um genau zu sein. Der Vorsatz, die Welt zu verbessern, erstarb dort. 1976 schließlich die Ausbürgerung „wegen grober Vernachlässigung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Sie hat das damals sehr verletzt. Wie gehen Sie heute damit um?

Wolf Biermann: In Ihrer Frage lauert ein Irrtum. Der Vorsatz, die Welt zu verbessern, ist in mir nie erstorben. Es starb aber die totalitäre Tollheit, die Menschheit zu erretten. Verbessern will auch ich die Welt, solange ich lebe, aber nicht mehr im utopistischen Sinne einer kommunistischen „Endlösung“ der sozialen Frage. Diese Einsicht kostete mich 30 Lebensjahre.

13. Etymologie

Seit etwas über 30 Jahren ist der Kalauer niedriger Ordnung Mode, und die kommt unter dem Namen „neue Philosophie“ als Turbothinking von klebrigen Telephilosophen aus Frankreich herübergeschwappt. So überbietet André Glucksmann Heideggers Marotten mit der titanischen Absicht, diesen zu kritisieren, indem er ihn kopiert. Er stürzt dabei ins Bodenlose.

Paul Celans Gedicht „Todtnauberg“ verarbeitet Eindrücke seines Besuchs bei Heidegger in dessen Schwarzwälder Domizil namens Todtnauberg. Glucksmann liest triviales Schulbuchwissen etymologisierend in den Text hinein. Demnach soll der Schwarzwälder Flurname Todtnauberg im Gedicht „die Naziorganisation [von Fritz Todt, die Red.] , die so zahlreiche Arbeitslager verwaltete“, heraufbeschwören, wie er seinem Buch „Das Gute und das Böse“ schreibt. Allerdings hat der Standort von Heideggers Hütte mit der Karriere des pfälzischen Straßenbaumeisters und Westwallarchitekten Fritz Todt und seiner Organisation etwa so viel zu tun wie die Rose mit dem Gerösteten und der Hasenrücken mit dem Sozialdemokraten Wilhelm Hasenclever (1837-1889). Eine Panne? Mitnichten. Von Goethes Vers „Über allen Gipfeln ist Ruh“ versteht Glucksmann nichts außer dem Wort „über“. Und daraus schließt er messerscharf auf „Deutschland, Deutschland über alles“. / Rudolph Walther, taz Wahrheit

12. Fußgängerbrücke bei Nacht

Am Mittwoch wird in Frankfurt Mathias Monrad Moellers „Über die Fußgängerbrücke bei Nacht“ nach einem Text von Bertram Reinecke von der Mezzosopranistin Nohad Becker uraufgeführt

Mittwoch 6. Juli 20.00 Uhr im Großen Saal der HfMDK Frankfurt (Main) Eschersheimer Landstraße (U 123 Grüneburgweg)

11. Jim Morrison als Poet

Edward Sanders gilt als Begründer der Investigativen Poesie. Auf Einladung der Schule für Dichtung verfasste er das Gedicht „The Final Times Of Jim Morrison“. Im KURIER-Interview erklärt er, warum er darin in Betracht zieht, dass ein Dealer am Tod seines Weggefährten schuld ist, und was Jim Morrison als Poet ausgezeichnet hat.

Wie beurteilen Sie die Gedichte von Morrison?
Da gibt es einige wirklich gute. Das Problem bei ihm ist, dass er sehr unsicher in Bezug auf seine Poesie war. Er wollte unbedingt ein Poet sein, aber er hat seine Gedichte immer wieder umgeschrieben, alles in ein Notizbuch hinein. Deshalb kann man sich nie sicher sein, was von den Hunderten seiner „Werke“, die im Nachhinein aufgetaucht sind, Skizzen oder fertige Gedichte waren.

10. American Life in Poetry: Column 328

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

I don’t often mention literary forms, but of this lovely poem by Cecilia Woloch I want to suggest that the form, a villanelle, which uses a pattern of repetition, adds to the enchantment I feel in reading it. It has a kind of layering, like memory itself. Woloch lives and teaches in southern California.

 

My Mother’s Pillow

 

My mother sleeps with the Bible open on her pillow;
she reads herself to sleep and wakens startled.
She listens for her heart: each breath is shallow.

 

For years her hands were quick with thread and needle.
She used to sew all night when we were little;
now she sleeps with the Bible on her pillow

 

and believes that Jesus understands her sorrow:
her children grown, their father frail and brittle;
she stitches in her heart, her breathing shallow.

 

Once she even slept fast, rushed tomorrow,
mornings full of sunlight, sons and daughters.
Now she sleeps alone with the Bible on her pillow

 

and wakes alone and feels the house is hollow,
though my father in his blue room stirs and mutters;
she listens to him breathe: each breath is shallow.

 

I flutter down the darkened hallway, shadow
between their dreams, my mother and my father,
asleep in rooms I pass, my breathing shallow.
I leave the Bible open on her pillow.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Cecilia Woloch, whose most recent book of poetry is Narcissus, Tupelo Press, 2008. Reprinted from Late, by Cecilia Woloch, published by BOA Editions, Rochester, NY, 2003, by permission of Cecilia Woloch. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

9. Vietnamesische Lyrik

Vietnamesische Lyrik des 20. Jahrhunderts präsentiert das Haus der Vietnamesischen Kultur in Frankreich, darunter Gedichte von To Huu, Che Lan Vien, Han Mac Tu sowie aus dem Band “Dictionnaire de l’amour“ von Xuan Dieu. / vietnamplus

8. Dialekt

Die alemannischen Gedichte, so Hauser, seien durchweg in antiken Versmaßen gehalten, da sich Hebel als geistiger Nachfahre der großen Dichter des antiken Griechenlands empfunden habe – übrigens schrieben auch diese in ihrem Dialekt. / Badische Zeitung