Zum Tod des Lyrikers Remo Fasani schreibt Christoph Ferber, NZZ 28.9.:
«Mein Lieber R. Dein Brief – schön wie ein Schweigen – hat mich sehr gefreut.» So beginnt Cristina Campo, die berühmte italienische Dichterin, am 24. Oktober l953 einen Brief an Remo Fasani. Der Empfänger hat mir das Büchlein, eine Sammlung der an ihn gerichteten Briefe von Cristina Campo (Marsilio, Venedig 2010), mit dem bezeichnenden, an die «Promessi Sposi» erinnernden Titel «Un ramo già fiorito» diesen Sommer im Altersheim von Grono im Misox überreicht. Nun ist er in der Nacht auf den 27. September ebendort gestorben, heimgekehrt «ins Schweigen». «Und alles ist ausgesprochen und es bleibt / nur die Heimkehr ins Schweigen», wie es in einem der Neunzeiler aus seinem wohl besten Gedichtzyklus, den 2000 verfassten «Novenari», heisst.
Grüß Gott, Archiv!
Grüß-Gott-Archiv
Grüß Gott-Archiv
Grüß, Gott, Archiv!
Liebe Demokraten und Nichtauslacher über eigenes Unvermögen
Der folgende Text wurde überarbeitet für einen Performancesabend in Weimar und später ein Festival in Minden, zur allgemeinen Aufmunterung über SOZIALE GERECHTIGKEIT und TEILHABE NEU NACHZUDENKEN und WIE DURCHZUSETZEN?
Von Rainer Wieczorek
Stellen sie sich vor, verehrtes Publikum, eines morgens, da fährt einer zur Arbeit im Cabriolet.
Die Sonne scheint, die Frau ist schön, die Kinder gut genährt und werden vorzüglich behandelt in der Schule. Ein Gymnasium selbstverständlich.
Er freut sich auf seinen neuen Arbeitsplatz. Der erste Tag als Generaldirektor über alle Berliner Museen der Bildenden Künste und die unverschämte Gehaltsforderung wird auch gezahlt. Herrliches Berlin.
Er sieht sie schon die Nationalgalerie, in zwei Stunden ist der Empfang.
Champus mit edel belegten Schnittchen und all diese schönen Kleider, üppigst geformt, mit ihren blauen strammen Anzügen. Ahhhhch ist das schön. Na ja, die sitzen selten gut.
Und dann, schon vor dem Parkplatz, Leute, Pöbel, Dutzende, Hunderte.
Transparente.
Das Museum eingekesselt.
Megafone brüllen:
Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik
Wir Künstler streiken heute in der ganzen Stadt. Die Theater sind besetzt. Die Fernseher und Radiostationen verlesen unsere Forderungen.
Wir diskutieren mit bereitwilligen Politikern.
In allen Galerien wurden die Bilder von den Wänden gehangen, kein Mensch singt, kein Mensch tanzt, vor allen Buchläden sind Streikposten aufgestellt, alle Musik schweigt, nur Transparente werden noch gemalt, auf denen steht:
Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik
Filmriss. Einfliegende Stars und Sternchen bekommen frei und bekommen eine Stadtrundfahrt spendiert vom Streikkomitee zu allen aufregenden Orten des Streiks. Alle Videotheken haben geschlossen. Ein Mathematiker rechnete aus, das im Durchschnitt jeder Bundesbürger nach zwei Wochen seine archivierten Kulturbestände durchsichtet hat. Romansammler brauchen länger. Nur noch Wiederholung,Wiederholung, Wiederholung. Das Internet wird mit DADAviren bombardiert. Nichts geht mehr, nur noch Sport und Bilderlose Tageszeitungen ohne Feuilleton, und da steht auch nur alles über unseren:
Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik
Das Streikkomitee berät, wenn der Trust Jahrmillionen alte Gene zu seinem Eigentum erklärt und das auch noch akzeptiert wird von gewaltigen Staaten, dann können wir auch nach Ägypten fahren und die Pyramiden zuhängen, Christo hat zugesagt und auf der Folie steht:
Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik
für Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Für Freigabe der Städte und Landschaften zur Gestaltung. Der Erweiterte Kunstbegriff befreit den vernormten, eingepressten, das getriebene Rädchen Mensch. Auf das jeder wird ein Künstler. Künstler durch Eigenformung, im neuen Arbeitsbegriff als Arbeit – Spiel – und Müßiggang zusammengefasst. Lohnpartizipation an den Maschinenleistungen der Menschheit. Mensch sein: Autonom, Selbstbestimmt im eigenen Denken, im eigenen Handeln, im eigenen Sein. In dieser sich demokratisierenden Demokratie mit offenen Grenzen zur Anarchie. Keine Macht für Niemand über Jemand und Frauen sind immer mit gemeint. Kein Mensch ist prinzipiell ausgeschlossen. Und darum:
Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik
Rainer Wieczorek, Neubearbeitung am Morgen des 28.9.2011
Und die Gewerkschafter unter Euch sollten mal langsam über die Durchsetzung des Generalstreiks Nachdenken!
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Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de
Der außerbetrieb geht auch diese Woche weiter. Gleich morgen, am Mittwoch, den 28. September um 19:30 Uhr erwartet Sie die Performance-Installation Lost in Postpoetry. Der Autor und sein Text – eine Beziehung ohne Entkommen? Wie steht der Autor zum Text, und inwieweit entfernt sich dieser von seinem Urheber, verfolgt andere Richtungen oder wird verloren? Jinn Pogy hat die Autoren Norbert Lange und Mara Genschel sowie die Soundkünstlerin Elen Flügge eingeladen, sich gemeinsam in den Orbit der poetischen Relationen, Navigationen und Verluste von Text, Laut und Poesie zu begeben.
Am Donnerstag, den 29. September ab 19:00 Uhr folgt die zweite Sitzung des Autoren-im-Horrorfilm-Workshops All Work and no play von und mit Georg Leß. Mit dabei sind diesmal der Autor Jörg Albrecht sowie die Horrorfilm-Schauspielerin Anna Roth. Man kann jederzeit in den Workshop ein- und aussteigen, eine Teilnahme an allen drei Sitzungen ist nicht zwingend erforderlich.
Am Freitag, den 30. September ab 19:30 Uhr kommt es zur Begegnung von Gegenwartslyrik und Literaturwissenschaft. Oder soll man sagen: zur Konfrontation? Jedenfalls scheint es noch immer einige Berührungsängste zu geben. Dies gilt jedoch sicher nicht für die Teilnehmer/innen des Abends. Es lesen und diskutieren: Daniela Seel, Norbert Lange, Steffen Popp, Tom Schulz, Prof. Dr. Remigius Bunia (Freie Universität Berlin), Dr. Michael Gratz (Universität Greifswald), Dr. Tim Lörke (Freie Universität Berlin) und Johannes Schüller (Master-Student Freie Universität Berlin).
Wir würden uns freuen, wenn Sie dabei sind!
Mehr zu allen Veranstaltungen unter ausserbetrieb.lettretage.de und www.lettretage.de.
Letzte Nacht ist in Grono der 89-jährige Bündner Dichter und Kulturpreisträger Remo Fasani gestorben. … Fasani veröffentlichte neben Gedichten zahlreiche literaturkritische Bücher. Bekanntheit erlangte er auch als Übersetzer von deutschsprachiger Lyrik, unter anderem von Joseph von Eichendorff und Rainer Maria Rilke. / südostschweiz.ch
Gedichte, italienisch/deutsch – übersetzt von Christoph Ferber – Limmat Verlag, Zürich 2006 – 187 S., 23,- € (Leseprobe)
29.9.-3.10.
u.a. mit Michael DONHAUSER / AT / Stefan SCHMITZER / AT / Gabriel ROSENSTOCK / IR / Antoni PAWLAK / PL / Mila HAUGOVÁ / SK / Claude FAVRE / FR / Daniela SEEL / DE / Tristan MARQUARDT / SUI / Catherine BOWMAN / USA / Ana GORRÍA / ESP / Tom SCHULZ / DE /
Else Lasker-Schüler war in die Weltgeheimnisse eingeweiht. Sie wusste, „dass die Mondbewohner den Kartoffelpuffer lieben“ und wie die Pavianmutter ihr Paviänchen in den Schlaf singt. Sie hat Satan in den Himmel eingesperrt, Gott in die rauchende Hölle und dann die schönsten Gedichte der Weltliteratur verfasst. / hagalil.com
Die Abläufe eines Poesie-Marathons können ermüdend sein: Gedicht, Gedicht, Gedicht, Fragen, Applaus. Dazwischen mal ein Handyklingeln oder scheppernde Weingläser. Völlig anders dagegen die „Rottenkinckschow“, eine Frühstücks-Performance dreier eigenwilliger Lyrikerinnen, die ihren Namen im Titel versteckten. Zu Proustschen Eclairs und Goethes „grüner Sauce“ im Rauchlachs-Baguette durfte man einige Wörter der Menschenfressersprache Tupi erlernen, bis man sich bei diesem Volk selbst vorstellen konnte: „ich bin das Essen“. Wirklich opulent und lustvoll zelebriert waren die Texte von Durs Grünbein. Bestens gelaunt malte der Büchner-Preisträger, ein Wort-Professor der hiesigen Kunstakademie, seine sinnlichen Gemälde und fantastischen Elegien. Genauso virtuos las er einen Tag später Verse des verstorbenen Dichters Thomas Kling. Ein Hörgenuss für die voll besetzten Sitzreihen und die im Heine-Haus so beliebten Stufenhocker. Selbst Literatur-Hund Paco spitzte bei Grünbein seine Ohren. / CLAUS CLEMENS, Rheinische Post
Der ungarische Dichter János Csokits, der im Alter von 83 Jahren starb, wird für immer eher als Ko-Übersetzer der ungarischen Dichters János Pilinszky zusammen mit Ted Hughes bekannt sein. [schreibt der Guardian und meint Britain]. Darin ähnelt er Edward Fitzgerald, dessen Verse weithin vergessen sind, während seine kongeniale Übersetzung des Rubaiyat von Omar Khayyam im literarischen Gedächtnis lebt. [Auch der Vergleich mit Fitzgerald wirft die Frage auf, ob es im Ungarischen ebenso ist und: ob man jemanden „vergessen“ kann, den man noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat].
Csokits wurde in Budapest geboren und begann 1946 ein Jurastudium in Budapest, das er nicht beenden konnte, weil er das Land im Frühjahr 1949 nach der kommunistischen Machtübernahme verließ. Ab 1950 lebte er in Paris, später arbeitete er bei Radio Free Europe in München und bei der BBC in London. 1986 ging er nach Andorra und kehrte kurz nach der Wende von 1989 nach Ungarn zurück. / George Gomori, Guardian 22.9.
Gorki war nach der Verhaftung Nikolaj Gumiljows, (der mit 60 anderen Verdächtigen Anfang August der “konterrevolutionären Verschwörung” angeklagt worden war) nach Moskau zu Lenin geeilt. Nach der einen Version hatte Lenin sich geweigert, den Dichter – der übrigens unschuldig war – zu “begnadigen”, nach der anderen war Gorki mit der Begnadigung in der Tasche zu spät gekommen. Nikolaj Gumiljow war bereits nahe Leningrad erschossen worden – am 24. August 1921.
Er war der erste bedeutende Dichter, dem dies durch die Bolschewiki widerfuhr. Ossip Mandelstam, der ebenfalls zu dem kleinen, aber für die russische Lyrik überaus große Wirkung entfaltenden Kreis der Akmeisten zählte, wurde Jahre später durch die Stalinisten umgebracht.
Für die Ermordung Gumiljows ist aber Lenin und die von ihm sehr frühzeitig gegründete und mit allen Machtbefugnissen ausgestattete Tscheka verantwortlich.
Direkt auf Betreiben Lenins zurück geht die Ausweisung von über 160 Philosophen und Wissenschafter, die gewaltsam auf zwei Dampfer (“Philosophendampfer”) gebracht wurden. Als Begründung hatte Trotzkij später angegeben:
„Wir haben diese Leute deshalb ausgewiesen, weil es keinen Anlass gab, sie zu erschießen, doch sie zu dulden, war unmöglich.“
mit Nora Bossong, Kurt Drawert, Christian Lehnert, Ulf Stolterfoht & John Eckhardt
Moderation: Michael Braun, Cornelia Jentzsch, Martin Rector
Dienstag, 27.09.2011, 19.30 Uhr // Literaturhaus Hannover mehr
Das moderne Gedicht, hat Paul Celan einmal gesagt, sei seinem Wesen nach dialogisch, es könne eine Flaschenpost sein: „Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: Sie halten auf etwas zu.“ Aber welche Bewegungsrichtung wählt das moderne Gedicht, worauf hält es zu? Und ist es nicht eher monologisch als dialogisch? Jede neue Generation von Lyrikern hat sich vor diesen Grundsatzfragen zu bewähren, in jeder lyrischen Saison wird auch die Zeitgenossenschaft zur begehrten Ressource. Seinen Geltungsanspruch, die poetische Grammatik der Zeit zu finden, kann ein Gedicht aber nur beglaubigen, wenn es als semantisches, klangliches und syntaktisches Abenteuer daher kommt.
Unser Lyrikfest ermöglicht einen neugierigen Blick auf Sprachabenteuer: Flaschenpost mit lakonischer und ironischer, sinnlicher und wahrnehmungsscharfer, mystischer oder auch experimenteller Dichtung!
Zu dieser Zeit hatte ich mit einem ersten Erfolg, dem Förderpreis des Temeswarer Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“, Gedichte geschrieben und war noch Hilfsarbeiter in der Konservenfabrik meiner Heimatstadt Sannicolau Mare (Großsanktnikolaus). Ich wusste erst nicht, ob und wie genau ich meinem Tagebuch das unfreiwillige Treffen mit einem Securitate-Offizier anvertrauen sollte. So sind unter dem 20. November 1986 nur wenige Zeilen zu finden, die aber recht eindeutig meine Gemütslage beschreiben: „Ogottogott! Da gehen Schlächter um. Mensch, such das Weite, Mensch.“ Fliehen, aber wohin?
Drei Tage später, unter dem 23. November, findet sich ein etwas konkreterer Bericht, mit dem ich mir vielleicht Mut machen wollte: „War teils ganz gelassen. Hände in den Hosentaschen, Beine ausgestreckt. Jedenfalls überließ ich dem Genossen nichts Schriftliches, wäre auch gelacht. Er schien enttäuscht. Ich bekam eine Telefonnummer, die ich nicht benutzen werde, und interessante Vorschläge, die mich kalt lassen. Die Schaufel nimmt mir sowieso keiner aus den Händen. Ich befürchte (vorläufig) nichts Schlimmes. Ich hatte nur vor Schlägen Angst.“ Die Securitate argumentierte im Zweifel durchaus mit der Faust. …
Er versuchte es mit Zuckerbrot, was sich im Tagebuch so niederschlug: „Der Arsch erzählte mir von Beförderungen, Auslandsreisen, fragte mich, wie ich denn in Temeswar wohnen möchte.“ Am Ende gab er mir wieder seine Telefonnummer.
In diesem dreistündigen Gespräch zitierte er plötzlich aus einem meiner Gedichte, „aus poezia cu ledi, cu semne egiptene, cu pasarea aia“, also „aus dem Gedicht mit Lady, den ägyptischen Zeichen, diesem Vogel“. „Der Arme!“, hatte ich dazugeschrieben, denn er kam kaum klar mit meinem „Gedicht um Hanna“, das 1986 in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“ erschienen war, und ich fragte mich damals in meinem Tagebuch: „Wer übersetzt ihm wohl?“ / Marius Koity, Ostthüringer Zeitung 25.9.
Marius Koity ist OTZ-Redakteur in Pößneck. 1966 in Großsanktnikolaus (Rumänien) geboren, arbeitete er ab 1988 als Redakteur bei rumänien-deutschen Zeitungen. 1992 übersiedelte er nach Deutschland und lebt in Gera. Seit 1984 veröffentlicht er Gedichte in Anthologien und Zeitschriften (u. a. „Palmbaum“, Jena), für die er in den 1980er Jahren zwei Preise erhielt. Gelegentlich arbeitet er auch als Rumänisch-Übersetzer.
Auszug aus dem Gegenstrophe-Essay von Bertram Reinecke bei Poetenladen
(Vgl. L&Poe Sep #44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts)
Auch mit politischen Themenfeldern lässt sich … der Bildspeicher des Lesers leicht anzapfen: Voß zitiert in seinem „Volkslied“ den Lindenbaum, das Horst-Wessel-Lied, Tribünengesänge. Ein weiter Bogen durch zwei Systeme, die deutsche Natur usw. Sicherlich löst das schon irgendwas im Leser aus. Fragt man sich aber, ob das Gedicht irgend etwas bedeutet (denn ich entnehme es schließlich Alles außer Tiernahrung, Neue politische Gedichte), dann nicht mehr, als dass die deutsche Liedtradition irgendwie mit den Katastrophen des Jahrhunderts verstrickt ist. Das ist viel Aufwand für einen Allgemeinplatz, dem der deutsche Dichter selbstmißtrauisch beipflichtet, ob wohl man ja ebenso beliebig herausarbeiten könnte, wo diese Tradition noch Schlimmeres verhindert hat. Da ein solcher Fremdbezug von Bildern aus dem Gedächtnis des Lesers, ein Nabelschnureffekt also um so besser funktioniert, je weniger das Gedicht selbst nährt und je mehr es die Bilderinnerungen des Lesers strömen lässt, könnte man einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachge- sondern eher Sprachverbrauch. Gerade in einer zusehends medial vermittelten Welt wird man jedoch auf dies Mittel kaum verzichten wollen. Allerdings scheint mir ein sparsamer Einsatz angebracht. Auch Norbert Lange nennt zu seinem Text „Schuhgrößen“ (Jahrbuch der Lyrik, poet nr. 9) die Referenz „Kann Spuren des Horst Wessel Liedes enthalten“ und vertieft damit seinen Text. Diese Vertiefung besteht aber nicht nur darin, dass die Ebene von Grenzverletzung und Okkupation, die beide Kontexte verbindet, vage in den Text tritt, sondern zunächst dadurch, dass seine Schilderung von Fetischismus, die als Schilderung sauberer und süßlicher daherkommt als die Realität, das Unselbstverständliche des Vorgangs wieder ins Bild rückt, insofern sozusagen stinkende Knobelbecher über der Szenerie hängen. „Becher und Göring mit dem Fahrrad im Darß suchen“ (Jahrbuch, Alles außer Tiernahrung, An Deutschland gedacht, Ostseegedichte) von Gräf verleiht mit Zeissgläsern (mediale Referenz), Stukas und Schwarzhemd einem Naturgedicht „unter dem Wucher/ der Farne“ Unruhe. Die aufgerufene politische Dimension tritt dahinter zurück.
Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt. Gerne wird es gefordert, viel seltener gedruckt. Vermint ist das Feld zunächst durch Inbegriffe des politischen Gedichts, die heute zumeist abgelehnt werden und schon fast gänzlich verschwunden sind. Der Band Stimmwechsel polemisiert beiläufig gegen „Agitprop oder Gutgemeintes“, ohne genauer zu sagen, was dies sei. Warngedicht, Zeigefingergedicht, relevanter Realismus usw. wären Topoi, mit denen das politische Gedicht ebenfalls verbunden wird. Auch wenn man diese Topoi dann und wann auf negative Beispiele besonders in An Deutschland gedacht anwenden mag, ist damit noch nicht klar, ob man mit solch vagen Abgrenzungen nicht vielleicht zu viel oder zu wenig ausgrenzt. […] Verstehen wir als Agitpropgedicht im engeren Sinne zunächst den kurzen fasslichen Text, der mit einem sprachlich-inhaltlichen Dreh den Zuhörer überraschen und zum Nachdenken und schließlich Handeln zwingen soll, wie wir das oft von Erich Fried kennen. Es gibt diese Texte noch, aber sie haben sich gewandelt: „Die Menschenwürde ist unantastbar/ ›richtig‹, erwiderte der Polizist/ mit unseren Knüppeln/ tasten wir auch nicht“ hätte man vielleicht vor 30 Jahren den zentralen Gedanken der ersten Strophe von Weigonis „Totentanz und Tortenwurf“ (An Deutschland gedacht) formuliert. Der Dichter bettet solche Pointen allerdings in einen surreal anarchischen Dance Macabre, der konkrete Momente von Lebensform und Geschichte in den Text hineinschlingt.
Eine andere Form des Agitpropgedichts versteckt den Zeigefinger, indem der behandelte Missstand aus der Öffentlichkeit in die private Vereinzelung verlegt wird. In Engelhards „Der Vater löscht das Lampenkind“ (Jahrbuch) bezieht sich das zentrale Bild der Überschrift auf das Ende des Leuchtens eines Kindergesichts, nach einer angedeuteten sexualisierten Interaktion zwischen Vater und Tochter. Dieser Text folgt leicht verrätselt dem Mechanismus des Agitpropgedichtes.
Mit Inbegriffen des politischen Gedichts, die auf bekannte Muster zurückgreifen, kommt man also nicht weit, will man herausfinden, welche Perspektiven es bietet. Man muss eine Stufe tiefer ansetzen. Da fällt auf, dass die Verfechter des politischen Gedichts diesem oft wie selbstverständlich hohe Zugänglichkeit abfordern, wahrscheinlich aus der Intuition, dass Wirksamkeit Allgemeinverständlichkeit einschlösse. Ja, oft hat man das Gefühl, dass die Forderung nach dem politischen Gedicht nur ein Trojanisches Pferd sein soll, endlich das „verständliche“ Gedicht wieder einzuführen. In solcher Haltung liegen zwei Missverständnisse verborgen:
Man fordert nicht irgend ein politisches Engagement sondern das gute Neue: Wolf Martins Machwerke („Kronen Zeitung“) fordert man nicht. Entweder ist dies gute Neue gar nicht neu sondern bereits Konsens oder man fordert politische Gedichte, die auch politische Gegner auf den Plan rufen. Da ist es zynisch, vom Dichter zu erwarten, er solle die Kartoffeln aus dem Feuer holen und ihm gleichzeitig noch die Camouflage zu verbieten. Zweitens ist es ein Irrtum zu glauben, dass schwierige Gedichte nicht wirkmächtig werden könnten. Der Interpretationsstreit um Celans „Eden“ hat eine ganze Richtung hermeneutisch menschheitlicher Interpretierkunst, die bei gesellschaftlichem Konfliktpotential nicht hinsah, auf dass man ihren Balken im Auge (auch: Brett vorm Kopf) nicht sähe, nachhaltig beschädigt. Mehr Wirkung kann sich ein Einzelgedicht kaum wünschen.
Es ist also zunächst einmal kein Wunder, dass der Herausgeber von Alles außer Tiernahrung sich gegen das allzu direkte, allzu zugängliche politische Gedicht wehrt und unter anderem dessen Kassiberfunktion betont. Auf der anderen Seite gibt es dann immer das Problem, dass ein Kassiber, der mich nicht erreichen soll, mich auch oft nicht erreicht. Er setzt deshalb die Maßstäbe, was es heißt, etwas Politisches zu äußern, nicht allzu hoch an.
Andererseits gibt es bei ihm einen Reflex gegen alles „angesäuert Moralische“, Utopische. Das klingt denn doch etwas nach: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Immer wenn ein Gemeinplatz jahrelang und ungefragt wiederholt wird, wie der vom Ende der Utopien nun seit über zwanzig Jahren, legt sich der Verdacht nahe, er sei in sich selbst ideologisch. Das grundsätzliche Problem: Wer eine wenig bekannte Position vertritt, muss sie zunächst erstens vereinfacht darstellen, zweitens argumentieren. Jede konsistente Argumentationskette lässt sich als Ideologie diskreditieren, jede vereinfachte Darstellung als zu einfach zurückweisen. Für den Status quo hingegen, den jeder in gewisser Breite kennt, muss niemand argumentieren, da reicht Anspielen. Das wirklich Neue wird im Gedicht noch einmal sprachlos, wenn ihm mit zu viel antiideologischem Misstrauen begegnet wird, da das regelgemäße Argument ohnehin seine Stärke nicht ist.
Ein politisches Gedicht in Alles außer Tiernahrung reduziert sich damit auf ein normales Gedicht, das politisch beladene Wörter enthält. (Fast) jedes einzelne Gedicht mag bedenkenswert sein, über die Strecke klingt zu viel Feuilleton durch. Stärker wird der Band paradoxer Weise z.B. da, wo er dem Budenzauber mit Politbegriffen entgegentritt: „Die Flucht aus zweiter Hand wird ausgegessen … Moralisch sauber nur mit Kriegsverlauf.“ (Kunst); „es sind dieselben moewen, deren vorväter/ als mitlaeufer unter den nazis dienten “ (Lafleur). Stärker wird der Band auch da, wo ein politisches Thema ergriffen wird, ohne auf politische Ereignisse anspielen zu müssen. Norbert Langes Suchbilderzyklus stellt eine absurde Meditation auf die durch TV vermittelten Sprachmöglichkeiten auf deutschen Durchschnittsterrassen dar4, die vorführt, an welchen Kleinigkeiten deren sprachlicher Weltzugriff bereits zum Scheitern verurteilt ist.
Wer dem politischen Gedicht abfordert, mir zu sagen, worüber ich nachdenken soll, ohne mir zu sagen, was ich denken soll, kann ebenso gut ein Kindheitsgedicht mit Nabelschnur als konservatives Politgedicht ablehnen, weil es deutsche Innerlichkeit befördert. Dann ist das Feld wieder offen. Mit anderen Worten: Ich weiß, dass es interessante politische Gegenwartsgedichte gibt. Es wird nur keinen Konsens darüber geben, welche dies sind. Denn entweder bewegen sie sich am einen Ende der Kunstskala, struppig und ruppig, einen auch mal mit schiefen Meinungen überfahrend, wie Clemens Schittko, oder es sind versteckte, manchmal schrullige Kassiber, bei denen die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz offen bleiben muss. Was dazwischen ist, neigt schnell dazu auszusehen, als wollte jemand seine gepflegten Kunstmittel auf dem Rücken eines Missstands durch die Landschaft führen. Dazu kann man jedes Gedicht einer politischen Lektüre unterziehen. (Für einen Anthologisten ist damit das politische Gedicht keine ergiebige Aufgabe.)
Michael Braun, Kathrin Dittmer, Martin Rector (Hg.)
Gegenstrophe
Blätter zur Lyrik 3
Wehrhahn Verlag 2011
120 Seiten, Hardcover
Preis: 12,80 €
Man findet eine Lyrik von Gottesliebe und von Gottes Liebe nicht nur bei Johannes Klimakos, sondern auch beim heiligen Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153), der ein wahres Liebesleben der bräutlichen Menschenseele mit dem Bräutigam Christus besang («O Liebe, unaufhaltsam, heftig, flammend, ungestüm . . .»). Zudem war Bernhard Ordensgründer, Kirchenpolitiker und Prediger für den Zweiten Kreuzzug, Letzteres flammend und heftig – es sind im Museum Rietberg eben auch ein paar mystische Irritationen auszuhalten. / Christoph Schneider, Tages-Anzeiger
Meine Lyrik ist nicht religiös in dem Sinne, dass sie verkündigen will, aber sie schöpft aus dem religiös-biblischen Sprachschatz. In einigen Gedichten setze ich mich mit biblischen Texten auseinander, andere beschäftigen sich ganz grundlegend und reflektierend mit der Sprache. Auch meine Begegnungen mit alten und sterbenden Menschen fließen immer wieder in die Gedichte ein. / Thomas Weiß, Badische Zeitung
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