Noch einmal eins der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wem das bekannt vorkommt, kann gerne hier kommentieren. Wenn nicht, auch gut, folgt am Abend die „Auflösung“.
Felix Philipp Ingold
Kaum Sympathie Für jenen Fisch Mit dem die Fut Verwandtschaft übt. Der Slip schon feucht Wie schwarz vom Blut Nicht einmal taugt Der Hunger trügt. Sein Monogramm im Falz Von bloßer Hand Beweis Er kann's. Und er war da Wer daran rührt Bekommt die Schrift Auf Stein diktiert.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 23
Kai Agthe
Wolfgang Koeppen ein Gemälde Caspar David Friedrichs betrachtend Die Erinnerung Eldena verbindet des Malers fehlende Figuren. Alter Mann, endlich heimkehrend in das Gemälde, in dem er seit langem schon erwartet wurde. Versunken in einer spröden Landschaft, die Pommern heißt und fern nun liegt. Ein Blick zurück in beider Kindheit, auf das baltische Meer, wo der Butt gerufen wurde, als das Wünschen noch half.
Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 33
Kornelia Koepsell
(Geboren 1955 in Gießen)
HER MIT DEM GELBFIEBER Ich liebe schmächtige Archivare, ich liebe kachektische Mönche, ich liebe die Gelbfieberkranken. Ja, da staunt ihr, ihr Wächter des Gebäudeschutts! Ich meine, daß ich mich so freiweg erkläre. Ich, die auf der Kommandobrücke nichts zu sagen hat. Mir ist eben das Stammeln der Hinfälligen lieber als der Modegesang lallender Hüpfer. Ich sage: Her mit dem Gelbfieber auf Kosten der Werkleitung.
Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 329
Ich bleibe noch einmal bei der wunderbaren Sammlung luxbooks.americana (ohne die wir etliche Autorinnen und Autoren gar nicht auf Deutsch hätten und die auch Jahre nach der Geschäftsaufgabe des Verlags nicht nach Gebühr gewürdigt und vermisst wird).
Kevin Prufer
(geboren am 22. Oktober 1969 in Cleveland, Ohio)
History They put a bottle in my neck and threw me from the bridge into the river where I floated on my back then sank. I slept for weeks beneath a log, then woke to the light flittering through cold water. Chilled over, thick in the tongue and sweet⎯ I could not speak, so watched instead the bits of silt that fell like dead embers over my eyes.
Geschichte Man stieß mir eine Flasche in den Nacken und warf mich von der Brücke in den Fluss, wo ich eine Weile auf dem Rücken trieb, dann unterging. Ich schlief für Wochen unter einem Holzstamm, dann weckte mich glitzerndes Licht durchs kalte Wasser. Ausgekühlt, die Zunge schwer und süß⎯ ich konnte nicht sprechen, so sah ich stattdessen dem Schlick zu, der wie erloschene Glut auf meine Augen fiel.
Aus: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Susanna Mewe und Norbert Lange. Wiesbaden: luxbooks, 2011 (luxbooks.americana), S. 104f
Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Als ich anfing, Gedichte zu lesen, hätte wohl jeder Leser zeitgenössischer Lyrik den Ton und vielleicht das Gedicht erkannt. Und heute? Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Der Saum Weiter als die Pracht Mit all den Augen . .. Seen. Sie sterben vor Süße hinüber In Eisgang. Die greinen Unterm Südfuß. Wie solche darben Halbwert im Staub Ihr ewig. Thesen Ausgesetzt Vor lauter Herzen Auf dem wortlosen Weg Zu deiner Nächsten.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 41
Erich Ruschkewitz wurde am 16. Juli 1904 in Bütow in Hinterpommern geboren. Am 7. Dezember 1941 wird er mit 26 anderen Danziger Juden deportiert. Der Transport kam zwei Tage später im Lager Riga-Jungfernhof an, dort. verliert sich seine Spur.
Vom Beischlag, der einen anderen Buchstaben hat gewollt
Sehr frei nach Friedrich Rückert
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Dieses Gedicht, in dem die sonderbare Geschichte von einem Beischlag in der Frauengasse geschildert wird, der partout einen anderen Buchstaben hat gewollt, kann aus angeblichen Gründen der Sittlichkeit nicht veröffentlicht werden. Der Staatsanwalt würde prompt berufliches Interesse an ihm nehmen, wird dem Autor von nächststehender Seite versichert.
Und da besagtem Autor weder besonders viel daran liegt, daß die erste Auflage seines ersten Buches vom Schicksal des Einstampfens ereilt wird, noch überhaupt mit dem Staatsanwalt zu kollidieren, muß wohl oder übel jeder Versuch, in den Besitz des Gedichtes zu gelangen, zwecklos bleiben.
Auch Honorarangebote in beliebiger Höhe können – so schwer, wie es fällt – nicht erfolgreich in Versuchung führen!
Aus: Versensporn 27. Erich Ruschkewitz. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 12
Ich weiß nicht, von wem das heutige Gedicht ist. Gefunden habe ich es in der Ausgabe 6 der Zeitschrift (oder des Zines) Pareidolia. Jahreszahl oder Verlagsort gibt es ebensowenig wie Herausgebernamen. Es gibt nur eine Webadresse, https://sternstundendeskapitalismus.de/, dort wird im Impressum Tim Reuscher, Hamburg, genannt (der auch im Heft vertreten ist). Die Zeitschrift stammt aus der Sammlung des Greifswalder Schriftstellers Jürgen Landt. (Landt lebte nach seiner Ausbürgerung aus der DDR in Hamburg). Das Heft ist sicherlich neueren Datums.
Über die Publikation heißt es:
Pareidolia ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts. Die Rechte der einzelnen Inhalte bleiben bei ihren Urhebern, die werden aber nicht allzu böse sein wenn ihr irgendetwas kopiert.
Als Beiträger dieser Ausgabe werden genannt Anna Dmoch, Boris Guschlbauer, Martin Armbruster, Frau Mayer, Jürgen Landt, Pierre D. Lune, Christian Chladny, Saxon de Coce, Clemens Schittko, Panzer Davis, Stefan Kalbers, Gehirnschnecke, Abigail Richter, Benny Dmoch, Tim Reuscher.
Das Gedicht, das ich daraus ausgewählt habe, ist unterzeichnet mit „Die Gehirnschnecke“. Vielleicht weiß jemand mehr? Hier das Gedicht.
Kaputte Lyrik
Ich schreibe kaputte Lyrik.
Ich schreibe kaputte Lyrik und eine defekte Anapher reißt auch nichts mehr,
denn Funktion wird vereinnahmt, benutzt, beschmutzt.
Profitexter haben mir die Jamben zerschlagen.
Ich kann nicht mehr lallen, schreien, schweigen,
denn auch damit wird Joghurt verkauft.
Die Deutsche Einheit™ zerquetschte den Endreim.
Die Dinge nehmen uns die Sprache, die Gedanken werden gefriergetrocknet,
der ewig scheinende zynische Unsinn reproduziert sich in die Unendlichkeit,
ich stehe ohnmächtig da und trockne aus.
Ich schlage mit dem Kopf auf die Tastatur und dfercc
Die Liebe wird zur Waffe gegen den Einsamen.
Ich schreibe kaputte Lyrik, denn ich will die Welt zerschlagen.
Die Gehirnschnecke

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd
@www.weltlyrik.de
dem trotz zum trotz trotzdem (von der realität des realisierbaren) es ist viel passiert seitdem wir uns das letzte mal trafen nicht dass wir nur älter geworden sind oder desillusionierter oder weiser nein irgendwas hat sich da grundsätzlich geändert ein unbestimmtes gefühl das sich bei all den erfolgen kaum mehr in worten ausdrücken lässt aber wem sag ich das du erlebst ja diese ganze entwicklung genau so wie ich wenn auch von einer etwas anderen seite was soll ich da sagen? so viele freunde - so viele! so viele verkaufte bücher - so viele! so viele geförderte lesungen - so viele! so viele projekte im literaturbetrieb - so viele! so viele preisträger - so viele! so viele festivals - so viele! so viele gedichte - so viele! so viele leser - so viele! so viele fans - so viele! so viele follower - so viele! so viele flüchtlinge - so viele! so viele tote tiere - so viele! so viele tornados - so viele! so viele versprechen - so viele! so viele versuche - so viele! so viele gewinne - so viele! so viele empörte - so viele! so viele engagierte - so viele! so viele suizide - so viele! so viele gerettete - so viele! so viele neustarter - so viele! so viele beschützer - so viele! so viele impulsgeber - so viele! so viele gebildete - so viele! so viele studierte - so viele! so viele debatten - so viele! so viele beteiligte - so viele! so viele unbeteiligte - so viele! so viele experimente - so viele! so viele kunstwerke - so viele! so viele neue kunstwerke - so viele! so viele neue bücher - so viele! so viele neue preisträger - so viele! so viele neue politiker - so viele! so viele neue freunde - so viele! so viele neue follower - so viele! so viele neue ideen - so viele! so viele neue optionen - so viele! so viele neue funktionen - so viele! so viele neue begegnungen - so viele! so viele neue tote - so viele! so viele neue verwundete - so viele! so viele neue abkommen - so viele! so viele neue medikamente - so viele! so viele neue babys - so viele! so viele neue betroffene - so viele! so viele neue trends - so viele! so viele neue vorreiter - so viele! so viele neue gutachten - so viele! so viele neue systeme - so viele! so viele neue städte - so viele! so viele neue flussufer - so viele! so viele neue strände - so viele! so viele neue menschen - so viele! so viele neue strahlen - so viele! so viele neue viren - so viele! so viele neue entdecker - so viele! so viele neue moderatoren - so viele! so viele neue talkshowformate - so viele! so viele neue debatten über neue formate - so viele! so viele neue bücher von neuen preisträgern - so viele! so viele neue impulse von neuen empörten - so viele! aber wem sag ich das du erlebst ja diese ganze entwicklung genau so wie ich wenn auch als unbeteiligte dennoch betroffene unbekannte konstante in der weite des alls...
10.7.2023
Die kleine Ingoldserie geht in eine Pause (in den Kommentaren gestern und vorgestern habe ich die Vorlagen der Umdichtungen nachgereicht). Heute etwas Neueres.
Christoph Wenzel
vater, mutter, wald, DAS LANDSCHAFTSREPERTOIRE, die ebene, der fluss, ein wasserschloss, die siedlung, kreisstraße, siedlung, bach, der garten, die unzerschnittenen räume, parzellen, das obst an den bäumen, das ehebett, das kinder-, jugend-, gästezimmer, nach der eiszeit BAUEN WIR DAS LANDSCHAFTSBILD NEU ZUSAMMEN: mutter, das bett, das jugendzimmer, die siedlung, kreisstraße, der bach, die siedlung, vater, das bett, der wald, die balkone, die zer- schnittenen räume, die dreifachturnhalle, alle tischtücher, bettlaken, nachmittage, feiertage, schuldfragen, die blühenden bäume, die zweige
Aus: Christoph Wenzel, landläufiges lexikon. Wien: Edition Korrespondenzen, 2022, S. 59
Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Wer Hoffen sagt ist Menschen fern wie Bildern Wer erst was blüht aus Minenfeldern meidet Noch geht er abends Licht 'ne Lästerung bekleidet Und immer sanft den Gang der Huren: wildern. Oft scheint die Innenseite Welt zu klein verschlossen Dem dessen Sinn zu zweifeln auch der bloßen So prächtigen Natur erheitert seine Frage Und gerne steht er durch die untern Tage.
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 88
Eine kleine Serie aus dem Buch „Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen“ von Felix Philipp Ingold. Bei manchen ist die Vorlage leicht zu erraten oder -spüren, bei anderen vielleicht schwerer. Das heutige Gedicht gehört zu den leichteren. Vielleicht findet jemand die „Vorlage“, wenn nicht, werde ich sie gegen Abend nachliefern.
Felix Philipp Ingold
Schwache Gedanken Kommt daher das Wanken Von Worten getragen? Länger zu fragen Verzögert das Ende Verhindert den Sinn. Feisten Gestalten Zum Gruß an sich halten (Schlimmer: sich beugen). Statt auszusteigen Hebt ihr die Hände Lebt weiter so hin ...
Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 48
Friedrich Wilhelm Wagner
(* 16. August 1892 in Hennweiler, Hunsrück; † 22. Juni 1931 in Schönberg, Schwarzwald)
In einer deutschen Stadt Hier haben die Frauen müde Münder Und einen bescheidenen Blick. Sie meinen: Dienen ist viel gesünder Als ein großes Geschick. Und die Männer haben dicke Bäuche Und reden von Politik. Und schwärmen für die alten Bräuche Und suchen verbotenes Glück. Und Kinder haben große Augen Und verzweifeln an der Welt – Sie sollen alle mal was taugen Für König und Geld.
Aus: Poesiealbum 374. Friedrich Wilhelm Wagner. Auswahl von Wilfried Ihrig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 9
Hermann Plagge
(11. Juni 1888 Weener / Ostfriesland – 16. September 1918 bei Mainz)
Heimgang im Regen Die Dunkelheit hockt, eine graue Wachtel, Auf den Gerüsten eines Riesenbaus. Die Bahn stößt mich unter den Bäumen aus Und surrt – und wird fern klein wie eine Schachtel. Der Asphalt schimmert regenschwarz, wie Eis, Darin man Wassertümpel eingeschlagen. Gestalten stelzen fort in hohen Kragen. Ein Auto spritzt brutal durch das Geschmeiß. Ich bin so plötzlich aus der Stadt entrückt. Der böse Regen pladdert auf den Park. Kieswege werden weich und weiß wie Quark. Bänke stehn leer und schroff zurechtgerückt. Ferne schrein Autos hilflos und verirrt. Ein Teich im Park glänzt tintig und verdickt. Die goldenen Fische sind im Schlamm erstickt ... Ein Denkmal steht am Ufer weiß und friert.
Aus: Versensporn 53. Hermann Plagge. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 6.
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