Haus am Rande der Sprache

Olaf Trunschke

Und wer sie so hört, die verwitweten Wörter, der könnte wirklich glauben, es gäbe all das noch, was doch nur durch sie, die verwitweten Wörter, eine Weile noch fortwährt, mitten in den Sätzen.

Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Hrsg. Andreas Altmann und Axel Helbig. Leipzig: Poetenladen, 2011, S. 343.

Verwandtschaft

Noch einmal eins der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wem das bekannt vorkommt, kann gerne hier kommentieren. Wenn nicht, auch gut, folgt am Abend die „Auflösung“.

Felix Philipp Ingold

Kaum Sympathie 
Für jenen Fisch
Mit dem die Fut
Verwandtschaft übt.

Der Slip schon feucht 
Wie schwarz vom Blut
Nicht einmal taugt 
Der Hunger trügt.

Sein Monogramm im Falz
Von bloßer Hand
Beweis
Er kann's.

Und er war da
Wer daran rührt
Bekommt die Schrift
Auf Stein diktiert.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 23

Kai Agthe, Wolfgang Koeppen, ein Gemälde Friedrichs betrachtend, bedichtend

Kai Agthe

Wolfgang Koeppen ein Gemälde
Caspar David Friedrichs betrachtend

Die Erinnerung Eldena verbindet des 
Malers fehlende Figuren. Alter Mann, 
endlich heimkehrend in das Gemälde, in

dem er seit langem schon erwartet wurde.
Versunken in einer spröden Landschaft, 
die Pommern heißt und fern nun liegt.

Ein Blick zurück in beider Kindheit, auf 
das baltische Meer, wo der Butt gerufen 
wurde, als das Wünschen noch half.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 33

Ja, da staunt ihr

Kornelia Koepsell

(Geboren 1955 in Gießen)

HER MIT DEM GELBFIEBER

Ich liebe schmächtige Archivare, 
ich liebe kachektische Mönche, 
ich liebe die Gelbfieberkranken.

Ja, da staunt ihr, ihr Wächter des Gebäudeschutts!
Ich meine, daß ich mich so freiweg erkläre.
Ich, die auf der Kommandobrücke nichts zu sagen hat.

Mir ist eben das Stammeln der Hinfälligen lieber 
als der Modegesang lallender Hüpfer.
Ich sage: Her mit dem Gelbfieber auf Kosten der Werkleitung.

Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 329

Geschichte

Ich bleibe noch einmal bei der wunderbaren Sammlung luxbooks.americana (ohne die wir etliche Autorinnen und Autoren gar nicht auf Deutsch hätten und die auch Jahre nach der Geschäftsaufgabe des Verlags nicht nach Gebühr gewürdigt und vermisst wird).

Kevin Prufer

(geboren am 22. Oktober 1969 in Cleveland, Ohio)

History

They put a bottle in my neck
and threw me from the bridge into the river 
where I floated on my back then sank.

I slept for weeks beneath a log, then 
woke to the light flittering through cold water.

Chilled over, thick in the tongue and sweet⎯
I could not speak, so watched instead 
the bits of silt that fell like dead embers

over my eyes.
Geschichte

Man stieß mir eine Flasche in den Nacken 
und warf mich von der Brücke in den Fluss, 
wo ich eine Weile auf dem Rücken trieb, dann unterging.

Ich schlief für Wochen unter einem Holzstamm, dann 
weckte mich glitzerndes Licht durchs kalte Wasser.

Ausgekühlt, die Zunge schwer und süß⎯
ich konnte nicht sprechen, so sah ich stattdessen 
dem Schlick zu, der wie erloschene Glut

auf meine Augen fiel.

Aus: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Susanna Mewe und Norbert Lange. Wiesbaden: luxbooks, 2011 (luxbooks.americana), S. 104f

Dort––da drüben

Anna Rabinowitz

(Geboren am 28. Mai 1933 in Brooklyn)

Dort⎯da drüben⎯neben dem Eisenzaun,
Sich festhaltend, wartend,

Jede Zelle ihres Fleisches ein klarer Kristall,
In Erwartung eines Schnitts⎯was eine andere Facette
Der Erfahrung sein könnte in dem Leben, das noch vor ihr liegt⎯oder eines Risses⎯
Ein Makel in dem, was als nächstes kommt⎯oder eines Herausschneidens, obwohl sie
Jetzt noch nichts weiß über
Ausgänge⎯

Nicht weiß sie, dass Kusinen, Tanten, Onkel, Großeltern
Im alten Land in ein paar Jahren vergast sein werden⎯und sie wird
Nie mit ihnen gesprochen, sie nie berührt oder den Knoblauch in ihrem Atem
Gerochen haben. Während sie posiert weiß sie nicht, dass das Kamerageschick
Die Zukunft negiert und die Vergangenheit freispricht, dass ihr Spielplatz
Gelb wird während Steckrüben in entlegenen Kellern verrotten und aus außergewöhnlichen
Geschehnissen Gift sickert⎯gegen die Vernunft, gegen die Geschichte⎯Häuser, Felder
Himmelschreiend vom Feuer⎯und blaue Flammenklauen fremde Prämissen ersticken.
Endlösungen sind zu Hand während offizielle Verleugnungen die Radiowellen beflittern.

Liebes Kind auf dem in Brooklyn gemachten Schnappschuss⎯für immer am Platz,
Die Arme um Deine polnische Puppe geschlungen⎯

aus dem Da, das nirgendwo ist

Du, die danach brennt hinauszugehen⎯um die Welt zu verbrühen mit Gründen für das Sein.

Aus dem Amerikanischen von Barbara Felicitas Tax. Aus: Anna Rabinowitz, Darkling. Wiesbaden: luxbooks, 2012, S. 21f

http://www.annarabinowitz.com/poems.html

Der Saum

Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Als ich anfing, Gedichte zu lesen, hätte wohl jeder Leser zeitgenössischer Lyrik den Ton und vielleicht das Gedicht erkannt. Und heute? Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.

Felix Philipp Ingold

Der Saum
Weiter als die Pracht
Mit all den Augen . .. Seen.
Sie sterben vor Süße hinüber 
In Eisgang.

Die greinen
Unterm Südfuß.
Wie solche darben 
Halbwert im Staub
Ihr ewig.

Thesen
Ausgesetzt
Vor lauter Herzen
Auf dem wortlosen Weg 
Zu deiner Nächsten.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 41

Vom Beischlag

Erich Ruschkewitz wurde am 16. Juli 1904 in Bütow in Hinterpommern geboren. Am 7. Dezember 1941 wird er mit 26 anderen Danziger Juden deportiert. Der Transport kam zwei Tage später im Lager Riga-Jungfernhof an, dort. verliert sich seine Spur.

Vom Beischlag, der einen anderen Buchstaben hat gewollt

Sehr frei nach Friedrich Rückert

.

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Dieses Gedicht, in dem die sonderbare Geschichte von einem Beischlag in der Frauengasse geschildert wird, der partout einen anderen Buchstaben hat gewollt, kann aus angeblichen Gründen der Sittlichkeit nicht veröffentlicht werden. Der Staatsanwalt würde prompt berufliches Interesse an ihm nehmen, wird dem Autor von nächststehender Seite versichert.

Und da besagtem Autor weder besonders viel daran liegt, daß die erste Auflage seines ersten Buches vom Schicksal des Einstampfens ereilt wird, noch überhaupt mit dem Staatsanwalt zu kollidieren, muß wohl oder übel jeder Versuch, in den Besitz des Gedichtes zu gelangen, zwecklos bleiben.

Auch Honorarangebote in beliebiger Höhe können – so schwer, wie es fällt – nicht erfolgreich in Versuchung führen!

Aus: Versensporn 27. Erich Ruschkewitz. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 12

Kaputte Lyrik

Ich weiß nicht, von wem das heutige Gedicht ist. Gefunden habe ich es in der Ausgabe 6 der Zeitschrift (oder des Zines) Pareidolia. Jahreszahl oder Verlagsort gibt es ebensowenig wie Herausgebernamen. Es gibt nur eine Webadresse, https://sternstundendeskapitalismus.de/, dort wird im Impressum Tim Reuscher, Hamburg, genannt (der auch im Heft vertreten ist). Die Zeitschrift stammt aus der Sammlung des Greifswalder Schriftstellers Jürgen Landt. (Landt lebte nach seiner Ausbürgerung aus der DDR in Hamburg). Das Heft ist sicherlich neueren Datums.

Über die Publikation heißt es:

Pareidolia ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts. Die Rechte der einzelnen Inhalte bleiben bei ihren Urhebern, die werden aber nicht allzu böse sein wenn ihr irgendetwas kopiert.

Als Beiträger dieser Ausgabe werden genannt Anna Dmoch, Boris Guschlbauer, Martin Armbruster, Frau Mayer, Jürgen Landt, Pierre D. Lune, Christian Chladny, Saxon de Coce, Clemens Schittko, Panzer Davis, Stefan Kalbers, Gehirnschnecke, Abigail Richter, Benny Dmoch, Tim Reuscher.

Das Gedicht, das ich daraus ausgewählt habe, ist unterzeichnet mit „Die Gehirnschnecke“. Vielleicht weiß jemand mehr? Hier das Gedicht.

Kaputte Lyrik

Ich schreibe kaputte Lyrik.

Ich schreibe kaputte Lyrik und eine defekte Anapher reißt auch nichts mehr,
denn Funktion wird vereinnahmt, benutzt, beschmutzt.

Profitexter haben mir die Jamben zerschlagen.

Ich kann nicht mehr lallen, schreien, schweigen,
denn auch damit wird Joghurt verkauft.

Die Deutsche Einheit™ zerquetschte den Endreim.

Die Dinge nehmen uns die Sprache, die Gedanken werden gefriergetrocknet,
der ewig scheinende zynische Unsinn reproduziert sich in die Unendlichkeit,
ich stehe ohnmächtig da und trockne aus.

Ich schlage mit dem Kopf auf die Tastatur und dfercc

Die Liebe wird zur Waffe gegen den Einsamen.

Ich schreibe kaputte Lyrik, denn ich will die Welt zerschlagen.

Die Gehirnschnecke

es ist viel passiert seitdem

Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd

@www.weltlyrik.de

dem trotz zum trotz trotzdem
(von der realität des realisierbaren)

es ist viel passiert seitdem wir uns
das letzte mal trafen nicht dass
wir nur älter geworden sind oder
desillusionierter oder weiser nein
irgendwas hat sich da grundsätzlich
geändert ein unbestimmtes gefühl
das sich bei all den erfolgen kaum
mehr in worten ausdrücken lässt
aber wem sag ich das du erlebst ja
diese ganze entwicklung genau so
wie ich wenn auch von einer etwas
anderen seite was soll ich da sagen?

so viele freunde - so viele!
so viele verkaufte bücher - so viele!
so viele geförderte lesungen - so viele!
so viele projekte im literaturbetrieb - so viele!
so viele preisträger - so viele!
so viele festivals - so viele!
so viele gedichte - so viele!
so viele leser - so viele!
so viele fans - so viele!
so viele follower - so viele!
so viele flüchtlinge - so viele!
so viele tote tiere - so viele!
so viele tornados - so viele!
so viele versprechen - so viele!
so viele versuche - so viele!
so viele gewinne - so viele!
so viele empörte - so viele!
so viele engagierte - so viele!
so viele suizide - so viele!
so viele gerettete - so viele!
so viele neustarter - so viele!
so viele beschützer - so viele!
so viele impulsgeber - so viele!
so viele gebildete - so viele!
so viele studierte - so viele!
so viele debatten - so viele!
so viele beteiligte - so viele!
so viele unbeteiligte - so viele!
so viele experimente - so viele!
so viele kunstwerke - so viele!
so viele neue kunstwerke - so viele!
so viele neue bücher - so viele!
so viele neue preisträger - so viele!
so viele neue politiker - so viele!
so viele neue freunde - so viele!
so viele neue follower - so viele!
so viele neue ideen - so viele!
so viele neue optionen - so viele!
so viele neue funktionen - so viele!
so viele neue begegnungen - so viele!
so viele neue tote - so viele!
so viele neue verwundete - so viele!
so viele neue abkommen - so viele!
so viele neue medikamente - so viele!
so viele neue babys - so viele!
so viele neue betroffene - so viele!
so viele neue trends - so viele!
so viele neue vorreiter - so viele!
so viele neue gutachten - so viele!
so viele neue systeme - so viele!
so viele neue städte - so viele!
so viele neue flussufer - so viele!
so viele neue strände - so viele!
so viele neue menschen - so viele!
so viele neue strahlen - so viele!
so viele neue viren - so viele!
so viele neue entdecker - so viele!
so viele neue moderatoren - so viele!
so viele neue talkshowformate - so viele!
so viele neue debatten über neue formate - so viele!
so viele neue bücher von neuen preisträgern - so viele!
so viele neue impulse von neuen empörten - so viele!

aber wem sag ich das du erlebst ja
diese ganze entwicklung genau so
wie ich wenn auch als unbeteiligte
dennoch betroffene unbekannte
konstante in der weite des alls...

10.7.2023

Landschaftsrepertoire

Die kleine Ingoldserie geht in eine Pause (in den Kommentaren gestern und vorgestern habe ich die Vorlagen der Umdichtungen nachgereicht). Heute etwas Neueres.

Christoph Wenzel

vater, mutter, wald, DAS LANDSCHAFTSREPERTOIRE, 
die ebene, der fluss, ein wasserschloss, die siedlung, 
kreisstraße, siedlung, bach, der garten, die unzerschnittenen 
räume, parzellen, das obst an den bäumen, das ehebett, 
das kinder-, jugend-, gästezimmer, nach der eiszeit
BAUEN WIR DAS LANDSCHAFTSBILD NEU ZUSAMMEN: mutter, das bett, 
das jugendzimmer, die siedlung, kreisstraße, der bach, 
die siedlung, vater, das bett, der wald, die balkone, die zer-
schnittenen räume, die dreifachturnhalle, alle tischtücher, bettlaken, 
nachmittage, feiertage, schuldfragen, die blühenden bäume, die zweige

Aus: Christoph Wenzel, landläufiges lexikon. Wien: Edition Korrespondenzen, 2022, S. 59

Wer Hoffen sagt

Weiter mit der kleinen Serie der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wer die Vorlage weiß oder rät, kann gerne Kommentare anfügen. Ansonsten werde ich sie gegen Abend nachliefern.

Felix Philipp Ingold

Wer Hoffen sagt ist Menschen fern wie Bildern
Wer erst was blüht aus Minenfeldern meidet
Noch geht er abends Licht 'ne Lästerung bekleidet 
Und immer sanft den Gang der Huren: wildern.
Oft scheint die Innenseite Welt zu klein verschlossen
Dem dessen Sinn zu zweifeln auch der bloßen 
So prächtigen Natur erheitert seine Frage 
Und gerne steht er durch die untern Tage.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 88

Gedichte aus dem Deutschen

Eine kleine Serie aus dem Buch „Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen“ von Felix Philipp Ingold. Bei manchen ist die Vorlage leicht zu erraten oder -spüren, bei anderen vielleicht schwerer. Das heutige Gedicht gehört zu den leichteren. Vielleicht findet jemand die „Vorlage“, wenn nicht, werde ich sie gegen Abend nachliefern.

Felix Philipp Ingold

Schwache Gedanken
Kommt daher das Wanken
Von Worten getragen?
Länger zu fragen
Verzögert das Ende
Verhindert den Sinn.

Feisten Gestalten
Zum Gruß an sich halten 
(Schlimmer: sich beugen).
Statt auszusteigen
Hebt ihr die Hände
Lebt weiter so hin ...

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 48

Deutsch

Friedrich Wilhelm Wagner 

(* 16. August 1892 in Hennweiler, Hunsrück; † 22. Juni 1931 in Schönberg, Schwarzwald)

In einer deutschen Stadt

Hier haben die Frauen müde Münder 
Und einen bescheidenen Blick.
Sie meinen: Dienen ist viel gesünder
Als ein großes Geschick.

Und die Männer haben dicke Bäuche
Und reden von Politik.
Und schwärmen für die alten Bräuche 
Und suchen verbotenes Glück.

Und Kinder haben große Augen 
Und verzweifeln an der Welt –
Sie sollen alle mal was taugen 
Für König und Geld.

Aus: Poesiealbum 374. Friedrich Wilhelm Wagner. Auswahl von Wilfried Ihrig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 9

Ein Denkmal steht am Ufer weiß und friert

Hermann Plagge

(11. Juni 1888 Weener / Ostfriesland – 16. September 1918 bei Mainz)

Heimgang im Regen

Die Dunkelheit hockt, eine graue Wachtel, 
Auf den Gerüsten eines Riesenbaus.
Die Bahn stößt mich unter den Bäumen aus 
Und surrt – und wird fern klein wie eine Schachtel.
Der Asphalt schimmert regenschwarz, wie Eis, 
Darin man Wassertümpel eingeschlagen.
Gestalten stelzen fort in hohen Kragen.
Ein Auto spritzt brutal durch das Geschmeiß.
Ich bin so plötzlich aus der Stadt entrückt.
Der böse Regen pladdert auf den Park.
Kieswege werden weich und weiß wie Quark.
Bänke stehn leer und schroff zurechtgerückt.
Ferne schrein Autos hilflos und verirrt.
Ein Teich im Park glänzt tintig und verdickt.
Die goldenen Fische sind im Schlamm erstickt ...
Ein Denkmal steht am Ufer weiß und friert.

Aus: Versensporn 53. Hermann Plagge. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 6.