Paukenschlag im sogenannten Dichter-Mord: Laut einer Bozner Tageszeitung soll die Kripo in Südtirol dem Mörder, der Gedichte (in japanischer Versform) am Tatort hinterließ, dicht auf den Fersen sein! Denn: Gerichtsmediziner der Uni Innsbruck haben erstmals DNA-Spuren auf der Kleidung des Opfers sichern können – sie sollen von Hautfetzen stammen. / Thomas Staisch, heute.at
Der „Islamische Revolutionsführer“ Ayatollah Seyyed Ali Khamenei betonte die wichtige Rolle der Literatur im „Islamischen Erwachen“.
Er sprach am Montag in Teheran bei einem Treffen mit iranischen und ausländischen Literaten beim „Internationalen Kongreß für die Literatur des Islam ischen Erwachens“.
Er forderte die literarischen Figuren der islamischen Länder auf, Gedichte zu schreiben, die die „Erhebung des Islamischen Erwachens“ beförderten.
An dem Treffen nahmen Gäste aus Tunesien, Ägypten, Libanon, Bahrain und mehreren anderen Ländern teil und lasen Gedichte zu Ehren des Propheten Mohammed, des „Islamischen Erwachens“ und des 33. Jahrestages der Islamischen Revolution. / Tehran Times
„Luftwege“, das erste Gedicht in Ulla Hahns jüngster Publikation „Wiederworte“, ist ein programmatischer Text: „Nach Jahrzehnten / noch einmal gelesen / Gedichte der jungen Schwester / Ant-Worten geschrieben / Widerworte Wiederworte…“ Die „junge Schwester“ ist die Autorin selbst, Ulla Hahn vor dreißig Jahren. / Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten
Ulla Hahn: „Wiederworte“, Gedichte, DVA, 180 Seiten, 17,50 Euro.
Der mit 8.000 Euro dotierte Rauriser Literaturpreis geht heuer an die bekannte und profilierte Autorin Maja Haderlap. Sie erhält den Preis für ihren Debütroman „Engel des Vergessens“, der 2011 im Verlag Wallstein in Göttingen erschien. …
Die Kärntner Slowenin Maja Haderlap wurde 1961 in Bad Eisenkappel in Kärnten geboren und gewann im Vorjahr den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text „Im Kessel“. Maja Haderlap gilt seit Langem als die bedeutendste lyrische Stimme unter den slowenischen Österreicherinnen. Seit ihrem ersten Gedichtband aus dem Jahr 1983 hat sie sich im Bundesland Kärnten als eine der bemerkenswertesten Kräfte der Gegenwartsliteratur etabliert. Sie ist zweisprachig aufgewachsen und schreibt sowohl in Slowenisch als auch in Deutsch. / salzburg.at
Noch deutlicher spürt man die vorbestimmte Blickrichtung bei Helmut Zwanger, der bisweilen in einen hymnischen Predigtton verfällt. Da „wird der Mensch wahrgenommen als das Gefundene und als der zu Findende“ (dies anlässlich der Worte „fundus und findling“ in einer Zeile bei Ulrike Draesner), da „klingt das Versprechen Gottes auf“ und „Im Akt der Dichtung geschieht das lebensschöpferische Wort“. Nun, dieser Stil ist Geschmackssache. Mir erschiene etwas mehr neugierige Nüchternheit erfreulicher und vielleicht auch der Sache dienlicher.
… Ärgerlich sind auch manche Deutungs-Schnellschüsse, bei denen man rufen möchte: Halt! Langsam! So überführt Helmut Zwanger einzelne Zeilen von Nelly Sachs umstandslos in Gleichungen:
„Die Erhellten vom Erstlingsmeer“ – das sind die Worte aus der befreienden Exodustradition.
„Die Augen-Aufschlagenden“ – das sind die hellsichtig-prophetischen Wahrheitsworte.
/ Christa Wißkirchen, fixpoetry
Gottesgedichte – Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945
Karl-Josef Kuschel, Helmut Zwanger (Hg.) 224 Seiten, geb.
ISBN 978-3-86351-006-0 € 22,– Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011
1897 gab es schon mal ein 60jähriges Thronjubiläum im British Empire. Die Welt am Sonntag berichtet:
Seit dem Januar 1877 war die Queen [Victoria] zugleich Kaiserin von Indien. Wilhelm, Sohn des preußischen Kronprinzen Friedrich, wurde wieder einmal nur durch Spott Herr seines Neides auf England, das Land seiner Mutter, Victorias Erstgeborener Vicky, und nannte die Großmutter gerne „Kaiserin von Hindustan“. …
Einem Reporter der „Daily Mail“ verschlug es die Sprache, wie das imperiale England da so fassbar vor seinen Augen vorbeizog: „Man beginnt zu verstehen wie nie zuvor, was das Empire wirklich bedeutet“, floss es ihm aus der Feder. „Wir schicken einen Boy nach hierhin, einen Boy nach dorthin, und er zähmt die Wilden und bringt ihnen bei, zu marschieren und zu schießen, und er glaubt an sie und stirbt für sie und die Queen. Einfache, dumme, uninspirierte Leute, so nennt man uns, und doch tun wir das für jeden Wilden, dem wir begegnen.“
Ein Echo dieser Worte findet sich in Rudyard Kiplings zwei Jahre später veröffentlichtem berühmtem Gedicht „The White Man’s Burden„, mit dieser Eingangsstrophe: „Weißer, trag deine Bürde, / schick deine Besten fort, / die Söhne in die Fremde / den Eingebor’nen dort / zu dienen, sie versorgen, / die wild und störrisch sind, / die neuen, finst’ren Völker, / halb Teufel noch, halb Kind.“ …
Hybris und Nemesis: Das war das Signal für Rudyard Kipling, der in der Welt als Lobsänger des Empire galt, doch der dem diamantenen Jubiläum eines der prophetischsten Gedichte der englischen Sprache widmete, dunkel in seiner Farbe. Eigentlich hatte Kipling „The White Man’s Burden“ zu diesem Anlass schreiben wollen, doch legte er das für später beiseite und veröffentlichte stattdessen in der „Times“ vom 17. Juli 1897 ein mit „Recessional“ überschriebenes Sonett, Schlussgesang gleichsam auf den diamantenen Gottesdienst des Empire.
Mit wuchtigen Worten beschwor er seine Landsleute, nicht dem Hochmut zu verfallen und im Sonnenglanz der Macht christlicher Demut zu entraten: „Gott unsrer Väter, altbekannt, / Herr unsrer überdehnten Schlachtreihen, / unter dessen furchtbarer Hand wir ausüben / Herrschaft über Palme und Kiefer – / Herr Gott der Heerscharen, bleib dennoch bei uns, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen.“ (Übersetzung Gisbert Haefs, Haffmans Verlag). Jede der folgenden Strophen endete mit diesem magischen Refrain: „lest we forget – lest we forget.“ Der Dichter ahnte den Untergang, die Strafe: „Fern gefordert schmelzen unsere Flotten; / auf Düne und Festland erlischt das Feuer: / Weh, all unsrer gestriger Pomp / ist gleich dem von Niniveh und Tyros! / Richter der Völker, verschone uns dennoch, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen!“
Obwohl Drawert, Jahrgang 1956, nicht zum Underground der DDR gehörte, findet sich in seinen frühen Gedichten viel Kritisches, freilich zumeist als Ausdruck einer inneren Emigration: „Mich beispielsweise, lieber Czechowski, / interessiert tatsächlich nur noch / das Privateigentum der Empfindung, / der Zustand des Herzens, wenn die schwarze Stunde / am Horizont steht, die Würde der Scham / und das Ende der Hochmut.“
Dass Drawert einen moralischen Raum des Sprechens reklamiert, mag manch einem überholt erscheinen. Doch Drawerts aufklärerische Haltung fragt nach der Zerstörbarkeit des Individuums und nach der möglichen Rettung des Schönen. / Tom Schulz, Tagesspiegel
Kurt Drawert: Idylle, rückwärts.
Gedichte aus drei Jahrzehnten. C.H. Beck, München 2011. 272 Seiten, 19,95 €.
Der Dichter, Übersetzer und Verleger Federico Hindermann ist am 31. Januar in Aarau gestorben. Ab 1971 leitete er für zwei Dekaden den Manesse Verlag in Zürich. … Als Übersetzer übertrug Hindermann unter anderem Werke von Emilio Cecchi, Luigi Pirandello, Anna Felder, Elio Vittorini, Albert Camus, Gérard de Nerval und Jules Supervielle. Er veröffentlichte auch eigene Gedichte in deutscher und italienischer Sprache.
Im Limmat Verlag liegt eine Sammlung mit Gedichten Federico Hindermanns vor: „Docile contro | Fügsam dagegen“, Gedichte italienisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Antonella Pilotto (144 Seiten, 21,50 Euro, ISBN 978-3-85791-563-5). / Börsenblatt
Hindermann lebte seit seiner Jugend in der deutschen Schweiz und galt als «die bedeutendste zeitgenössische italienische poetische Stimme ausserhalb der Grenzen der Italofonie», wie es der Schriftsteller Fabio Pusterla einmal ausformuliert hatte. / Klein Report
Zu wenig Gedichte? Politiker greifen ein, wenn man BILD glauben darf:
GESCHEITERTER CDU-NORD-CHEF GEHT UNTER DIE LYRIKER
Zärtliche Zeilen von Johann Wolfgang von Boetticher
Er schreibt ein Sonett nach Keats. Und? Karasek gefällts.
Aus der Sendung „Willkommen Österreich“, #168, Teil 1/3, ab min 9:
Matura-Reisen wirbt mit „Wodka rund um die Uhr“, Gegenfrage des Moderators Dirk Stermann (gebürtiger Düsseldorfer, Wahlwiener), womit Matura [Austriazismus für Abitur] denn sonst werben solle: „Komm mit uns in die Türkei; wir bilden einen geilen Lyrikzirkel […] Da kommt doch kein Schwein!“*
*) Nicht gesagt; kommt auf die Konditionen an. Ah, viele sind schon da und ich flieg auch schonmal los, Quartier machen. Aber mit der Konkurrenz! (L&Poe berichtet)
Wodka und Lyrik?
Ein Verbrecher wird erschossen, der andere regiert, schenk ma no an Wodka ei, de Welt is kompliziert.
(Georg Ringsgwandl)
nur fliegen & vögeln ist schöner Wodka Wodka matj rodnaja: sang der, Zigarettenverkäufer vom Arbat
(Manfred Jendryschik)
Vgl. auch: Richard Leising: 1 wodka stolitschnaja („Arbeitsessen“); Sarah Kirsch: Wodka trinken; Mascha Kaléko: Wie wäre es mit einem Borschtsch?; Peter Rühmkorf: Variationen auf ein Thema von Friedrich Gottlieb Klopstock; Wolf Biermann: Ballade auf den Dichter Francois Villon; Levy Newman: THE THREE CHERRY SISTERS KARAMAZOV; Clark Coolidge, The Crystal Text; Yusef Komunyakaa: You and I Are Disappearing; Judith Cordary: Inertia; Czesław Miłosz: A Confession; Adam Mickiewicz: Twardowskis Frau; als wir noch trampten soffen wir nur wodka (Volkslied); u.v.m. – wird ein lustiger Zitkel, wer kommt mit?
Geistige Gänseblümchen: Ist eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak
Das läßt sich die Lokalpresse und lassen sich ihre Leser nicht ausreden:
„Es gibt wirklich sehr wenig Gedichte.“ Und noch weniger Menschen, die sie schreiben oder lesen. / op.online
In Italien gehört Dantes Literatur zur Pflichtlektüre. Jedoch ist dies für viele italienische Jugendliche oft alles andere als ein Vergnügen, denn die alte Sprache ist nicht gerade leicht verständlich. Über drei Schuljahre müssen italienische Schüler sich die Werke von Dante zu Gemüte führen und interpretieren. / Schwäbische Post
Am 31.1. starb die Malerin und Autorin Dorothea Tanning, Witwe des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst (1891-1976), in New York im Alter von 101 Jahren. L&Poe berichtete:
Die 91jährige surrealistische Künstlerin Dorothea Tanning malt nicht mehr, lesen wir in der New York Times (24.3.02*).
Instead, she writes poetry on her new Macintosh, on which she is also learning to use the Internet. Her poems have appeared in The New Republic, The Boston Review and Poetry. Last summer, she published a memoir, „Between Lives.“
[Über den Surrealismus:] „There’s enough of greatness in there that there will always be something rewarding for someone who likes to look at beautiful things and wonderful paintings. Surrealism is a piece of history, and it has stained the consciousness of everyone.“
Hier gibt es einen Text der Autorin (Fortune Cookies, in: Boston Review Dec. 2001/Jan. 2002).
April 2001:
Ein Tip für betuchte Lyrikfreunde findet sich in der Welt am Sonntag vom 22.4.01: Eine Kölner Galerie bietet eine Aquatintaradierung von Max Ernst an, 1975 als Illustration zu dem Gedichtband „Oiseaux en péril“ (Vögel in Gefahr) seiner vierten Ehefrau Dorothea Tanning geschaffen. Preis schlappe 7800,00 DM. Dorothea Tanning, geboren 1910 in Galesburg, Ill., ist eine lebende Legende der surrealistischen Kunst. Ihr Werk umfaßt neben Malerei und Graphik auch Skulpturen, Bücher und poetische Texte.
Nachrufe: Riviera Côte d´Azur Zeitung / kunstmarkt.de
Die Bremer Kultur hat ein Problem, aber sie redet nicht darüber. Will sie es nicht wahrhaben? Oder gehört die hiesige Öffentlichkeit schon zu jener erstarrten kulturellen „Stockmasse“, die hör- und urteilsunfähig geworden ist, wie Preisträgerin Marlene Streeruwitz ihrem Auditorium am 26. Januar in der oberen Rathaushalle vorgehalten hat?
Der Bremer Literaturpreis, früher ein kulturelles Glanzlicht, droht in völlige Bedeutungslosigkeit zu versinken. Ein Kommentar von Nordwestradio-Redakteur Harro Zimmermann. / Radio Bremen
Sie hätte sich vielleicht das Glück gewünscht, ein ereignisloses Leben zu führen. Nämlich Gedichte zu schreiben, einen kleinen Ruhm zu genießen, Krakau möglichst selten zu verlassen. Doch Wisława Szymborska erhielt 1996 den Literatur-Nobelpreis, das änderte alles. Das hob sie aus ihren polnischen Dichterkollegen heraus, erhob sie auch über jene Ehrungen, die sie bereits erfahren hatte, etwa den Goethe- und den Herder-Preis.
Also ist sie nach Stockholm gefahren und hat die erwartete Dankrede gehalten. Man sagt, es sei die kürzeste seit langem gewesen. Gewiss die am wenigsten eitle. Sie sagte, der Satz „ich weiß nicht“ sei ihr lieb und teuer. Sie rühmte den Prediger Salomo und sein Klagelied über die Eitelkeit allen menschlichen Strebens. Szymborska stiftete das Preisgeld für soziale Zwecke: Sie zog sich in ihre Stille zurück und hat weiter geschrieben. Wenige, doch großartige Gedichte. / Harald Hartung, FAZ
Eines ihrer späten Gedicht beginnt so: „Eigentlich könnte jedes Gedicht / ,Augenblick‘ heißen. // Eine Phrase genügt / in Präsens, / im Perfekt und sogar im Futur; // es genügt, dass irgendetwas / von Wörtern getragenes / raschelt, aufblitzt, / vorbeifließt / oder die vermeintliche Unveränderlichkeit bewahrt, / aber mit beweglichen Schatten.“
In Versen wie diesen bestätigte sie ihren Ruf, ihre Poesie sei mit den Gedanken im Bunde. Aber dieser Ruf erfasst nur die Seite ihres Werks, in der es scheinbar durchsichtig ist: „Sag ich das Wort Zukunft, / ist seine erste Silbe bereits Vergangenheit. // Sag ich das Wort Stille, / vernichte ich sie. // Sag ich das Wort Nichts, / schaffe ich etwas, das in keinem Nichtsein Raum hat.“
Die andere Seite aber ist situativ und bildlich, statt logisch und begrifflich. Hier verdichtet sich die Paradoxie der Zeit im hochmodernen riskanten Augenblick, in der Schrecksekunde der plötzlichen Katastrophe, des Unfalls. So ist es im Gedicht über die Kindergräber („Winzige Unfolgsamkeiten, / eine davon tödlich. // Die lustige Jagd nach dem Ball auf der Fahrbahn. / Glückliches Gleiten über das brüchige Eis“).
Wegen dieser Fähigkeit, Schrecksekunden zu bewahren, verdanken wir Wislawa Szymborska bleibende Nachbilder der modernen Einheit von Augenblick und Attentat. In „Die große Zahl“ (1976) gab es das Gedicht „Der Terrorist, er schaut zu“, das Verrinnen der Minuten vor dem Zeitpunkt der Zündung einer Bombe in einer Bar. Und in „Der Augenblick“ (2002) gingen unter dem Titel „Fotografie vom 11. September“ die Menschen, die aus den Türmen sprangen und dabei fotografiert wurden, in das Gedicht ein: „Nur zwei Dinge kann ich für sie tun – / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen.“ / Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung
Mehr: Renate Schmidtgall, DLF / Marta Kijowska, NZZ / ND / DLR /
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