Heute ein Gedicht ohne Verfassernamen. Wer ihn als erster weiß oder errät, erhält ein Exemplar von Band 2 der Werkausgabe Sibylla Schwarz (Hardcoverausgabe) oder nach Wunsch ein anderes Buch.
DERMATHOPHILUS PENETRANS O daß in die modernden Rosen die Sonnencorona sich setzt und last not least in die bloßen Fußhäute das Schleimmakel ätzt. Wo Netzen der Endologen Chitin im Fluge entfiel, kommt unter die Nägel geflogen: der Wundschmerzen bitterstes Ziel. Die grauen Hortensien zerfallen, die toxische Asche wird fad, der Mythen prismatisches Lallen wird zum Kristall-Silikat. Die Käfer sind trauernde Scharen, und Duft wird zur Einsamkeit, die Falter siedeln in Haaren - - der Sandfloh im tödlichen Leid.
Nachtrag 11:02 Uhr:
Die ersten beiden Antworten sind da. Über dem Gedichttitel steht der Name, ich muss überlegen: die schönsten Verse der Menschen / na finden Sie schon einen Reim / das sind die Gottfried Bennschen / Hirn, lernäischer Schleim. Richtig, Benn, Gottfried. Von dem sind viele schöne Verse, aber nicht die auf den Reim auf Menschen (der ist von Peter Rühmkorf) oder auf den Sandfloh Dermatophilus Penetrans. Das ist von Rolf Schneider, aus dem Band: Rolf Schneider, Aus zweiter Hand. Literarische Parodien. (Ost-)Berlin: Aufbau, 1958, S. 12. Der erste Kommentator wird gebeten, mich wegen des Preises zu kontaktieren: gratzhgw@gmail.com.
Hier mehr über das Buch https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Aus_zweiter_Hand
Papenfußserie #3
Ist das Buch wirklich von 1990? In meinem Exemplar steht es:
SoJa. Mit Zeichnungen von Wolfram Adalbert Scheffler. Berlin: Druckhaus Galrev Neunzehnhundertneunzig.
Es sind auch frühe Gedichte, aber das Impressum sagt: © 1990 Druckhaus Galrev. 1. Auflage 2000. Ich vermute, das ist nicht das Jahr 2000, sondern die (für einen Gedichtband stolze) Auflagenhöhe. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich das Buch Anfang der 90er kannte.
GALREV (Verlag von rückwärts gelesen) war der 1990 gegründete Verlag direkt aus der (Ostberliner) Szene der späten 70er und 80er Jahre heraus, mit Sascha Anderson und Bert Papenfuß als Protagonisten. Die sogleich herausplatzenden Enthüllungen über die Stasimitarbeit von Sascha Anderson gaben dem (west)deutschen Literaturbetrieb die willkommene Gelegenheit, den Verlag zu ignorieren. Kritiker, die sagten: „Bücher bei Galrev bespreche ich nicht.“ – und auch Wort hielten. Autorenkollegen, die den Verlag nicht kannten oder einfach ignorierten und die dann, als sie das mit Andersen hörten, eine bequeme Ausrede hatten. (Ich höre es noch aus den Nachwortworten eines (West-)Kollegen heraus, der sagt: ein paar Bücher erschienen bei Steidl, die anderen bei Verlagen, die keiner kannte. – Genauer gesagt, 3 erschienen bei Steidl, die übrigen gut 3 Dutzend bei Aufbau, Luchterhand, Galrev, Janus Press, Basis-Druck, refugium, Telegraph, Peter Engstler, Urs Engeler, Karin Kramer, Distillery, Hatje Cantz, Brueterich, Quiqueg, wo noch? Kennt doch keiner, weg damit. Leute, wir gehen noch an unserer Ignoranz zugrunde! Jedenfalls Galrev: Egal wie viele gute Bücher dort erschienen, nicht nur von der Ostszene – sie fielen ins Wasser. „Prenzlauer-Berg-Connection“, das waren die 80er, damals war das für die im Westen interessant – jetzt fort damit! (Was nicht heißt, dass sie dafür aufmerksamer auf die Westszenen achteten.)
liegen worte
wenn ihr ruhe wollt
brach
sitzen worte
wenn ihr daran wollt
bereit
stehen worte
wenn ihr gedicht wollt
dikk da
gehen worte
wenn ihr weiter wollt
noch weiter
laufen worte
wenn ihr dorthin wollt
wort -
flugs um bestimmten
forkommnissen zuforzukommen
for ort beim wort
dass kommunismus
kommen muss
(Upps, das garstige vermeintliche Thema trägt auch dazu bei.)
Aus: Bert Papenfuß-Gorek: SoJa. Mit dreizehn Zeichnungen von Wolfram Adalbert Scheffler. Berlin: Druckhaus Galrev Neunzehnhundertneunzig, S. 9.

Heute vor acht Jahren starb Rainer Kirsch. Hier ein Gedicht, das er im November 1976 schrieb, nachdem die DDR den Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert hatte. Natürlich wurde es in der DDR nicht gedruckt. Mit einem Stempel der Universität Greifswald konnte ich sein im Westen gedrucktes Buch „Auszog das Fürchten zu lernen“ in der Deutschen Bücherei in Leipzig lesen und schrieb mir – da es vor 1990 keinen einzigen Copyshop gab in Leipzig! – die fehlenden Texte von Hand ab.
Notwendige Nachbemerkung: Tatsächlich brauchte man einen Stempel einer Institution, die den wissenschaftlichen Verwendungszweck bescheinigte, um im Westen gedruckte Bücher zu lesen. Und Papier und Stifte, um sie zu „kopieren“.

Zeitung Der geifert seit zehn Jahren Gift und Speie Schreibt eine Zeitung giftend geifernd speiend So ist das Recht. Ich schreibe Zeilen, um Trost auszuteilen, weil das Recht so ist Und der Mensch Trost braucht, wenn ihm sonst zu schwer ist Was ist; das Recht, beschrieben, tröstet Selbst in den schlimmsten Fällen. Wen? Die Leser. Was tröstet mich? Ich lese Spaniens Chronik Und hör Ernst Busch. Wie graue Wölfe schoben Sich die Wolken, brüllt er. Sänger des Menschen Tröster (Die letzte Silbe ist wenn geht zu dehnen) November 1976
Aus: Rainer Kirsch, Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa Gedichte Komödie. Reinbek: Rowohlt, 1978, S. 257
Ernst Busch übrigens, großartiger Sänger und parteitreuer Kommunist, veröffentlichte in der Zeitung wunschgemäß ein kurzes Statement gegen Biermann, das mit den Worten endete, den Sänger anredend: „Und du bist der Klassenfeind“. Selbstverständlich kannte Kirsch das, es stand in der Zeitung und war ja Teil von Gift und Speie. Dialektik des Trosts.
Diane Wakoski
(* 3. August 1937 in Whittier, Kalifornien)
Uneasy Rider
Falling in love with a mustache
is like saying
you can fall in love with
the way a man polishes his shoes
which,
of course,
is one of the things that turns on
my tuned-up engine
those trim buckled boots
(I feel like an advertisement
for men's fashions
when I think of your ankles)
Yeats was hung up with a girl's beautiful face
and I find myself
a bad moralist,
a failing aesthetician,
a sad poet,
wanting to touch your arms and feel the muscles
that make a man's body have so much substance,
that makes a woman
lean and yearn in that direction
that makes her melt/ she is a rainy day
in your presence
the pool of wax under a burning candle
the foam from a waterfall
You are more beautiful than any Harley-Davidson
She is the rain,
waits in it for you,
finds blood spotting her legs
from the long ride.
Mies im Sattel
Sich in einen Schnauzbart zu verlieben
ist wie wenn man sagt
man kann sich verlieben in die
Art, wie ein Mann seine Schuhe putzt,
was
selbstredend
zu den Sachen gehört, die meine
aufgemotzte Maschine anmachen
so glatte Schnallen-Boots
(Ich fühle mich wie eine Reklame
für Herrenmode
wenn ich an deine Knöchel denke)
Yeats verfing sich im Antlitz holder Maid
und ich finde mich selbst
eine schlechte Moralistin,
Ästhetin, die scheitert,
eine traurige Lyrikerin,
die deine Arme anfassen will und Muskeln fühlen,
die einen Manneskörper über derart Substanz verfügen lassen,
dass eine Frau
sich lehnen und sehnen lässt
dahin, wo sie schmilzt/ sie ist ein Regentag
in deiner Gegenwart
Wachspfütze unterm entflammten Licht
der Schaum eines Wasserfalls
Du bist anmutiger als jede Harley-Davidson
Sie ist der Regen,
wartet darin auf dich,
findet Blut, das ihre Beine sprenkelt
von dem langen Ritt.
Deutsch von Jonis Hartmann, aus: Mütze #36 / Mai 2023, S. 1844f
Marie Luise Kaschnitz
(* 31. Januar 1901 in Karlsruhe; † 10. Oktober 1974 in Rom)
Hochsommer Im Erntemonde, wenn die Halme bleichen Verstummt der Vögel Sang. Die Erde ruht. Es wächst die grüne Decke auf den Teichen, Erstickt die Flut. Der Brunnenschale Wasser geht zur Neige, Der Efeu streckt die kleine Totenhand Im Garten schlingen Ranken sich und Zweige Zu finstrer Wand. Die roten Beeren schimmern aus dem Laube Es tritt der Fremde in den Garten ein Zerpreßt die leuchtende Johannistraube Wie Blut und Wein. Es dämmert in der Schluchten matter Wärme Auf faulem Teich ein Regenbogenglanz, Bei Schilf und Lattich heben Fliegenschwärme Sich hoch im Tanz. Die Zeit ist kurz. Die Liebenden umgreifen Sich jäh in wilden Ängsten, dumpf und blind. Nah ist der Herbst. Die Frucht will reifen, reifen, Es ruht der Wind.
Aus: Sommergedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Stuttgart: Reclam, 2009, S. 47
Franz Hackel
(* 8.7.1887 Dresden, † 1.6.1962 Görlitz)
Jahreszeiten in Buchenwald Kein Vogel singt Im toten Wald. Der Nebel lastet, In uns rieselt Kälte. Die Nacht ist blind, Der Tag ist grau. Wo wär ein Kind, Wo eine Frau? In den traurigen Buchen, Des Winds sarkastischer Pfiff...
Aus dem Französischen rückübersetzt von Annette Seemann.
Saisons à Buchenwald Nul oiseau ne chante Dans la forêt morte. Le brouillard file, Le froid en nous ruisselle. La nuit est aveugle, Le jour est gris. Où donc un enfant. Où donc une femme? Dans les hêtres funèbres. Les sarcasmes du vent...
Aus: Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald. Französisch-Deutsche Ausgabe. Herausgeber der französischen Originalausgabe André Verdet. Herausgeber der zweisprachigen Ausgabe Wulf Kirsten und Annette Seemann. Kommentiert und mit einem Nachwort von Wulf Kirsten. Aus dem Französischen übersetzt von Annette Seemann. Göttingen: Wallstein, 2013, S.86f
Heinrich Nowak
(* 26. Jänner 1890 in Wien; † 1955 in Zürich)
Kino
Halbheller Raum, von Menschen angefüllt.
Der Perolintau senkt sich auf die Scharen
Von Kindern, Burschen, Frauen und Liebespaaren,
Die warten bis das Dunkel sie umhüllt.
Ein weißer Fleck verschlingt vier Musikanten,
Die vorne ihre Instrumente stimmen,
Und jetzt mit einem Marsch ins Lachen rannten.
(Ein Geigenton will bis zur Decke klimmen)
Plötzlich verschlingt die Dunkelheit die Wände;
Die weiße Leinwand vorne glänzt und scheint.
Die Pärchen finden leise ihre Hände –.
Ein großes Drama: Asta Nielsen weint
In tragischer Gebärde – später Lachen:
Max Linder geht grotesk durch tolle Sachen.
Aus: Heinrich Nowak: Die Sonnenseuche. Das gesamte Werk (1912-1920). Wien, Berlin: Medusa, 1984, S. 16.
Ein Langzeitprojekt. Aus jedem Buch von Bert Papenfuß, das sich in meiner Bibliothek befindet, ein Gedicht. In chronologischer Reihenfolge des Erscheinungsjahrs (die Chronologien der Entstehung der Gedichte und des Eingehens in meine Bibliothek weichen stark davon ab. Das früheste Buch in meiner Sammlung, harm. arkdichtung 77, Westberlin: KULTuhr Verlag 1985 (siehe L&Poe vom 27. August), konnte ich erst in den 90er Jahren kaufen.)
Das erste Buch, das in der DDR offiziell erscheinen durfte, nachdem (nach wenigen verstreuten Veröffentlichungen) ein Buch im Aufbau-Verlag geplant und gestorben worden war, erschien im gleichen Verlag unter dem bezeichnenden Reihentitel „Außer der Reihe“. Der Verlag teilte damals mit, dass die Autoren dieser Bücher nicht für die Veröffentlichung weiterer Bücher vorgesehen seien. Es ist natürlich eine Diskriminierung, aber die von Gerhard Wolf herausgegebene Reihe ermöglichte trotz und unter dieser Einschränkung die Veröffentlichung einer Autorengeneration in der (wusste sie das schon?) untergehenden DDR. Kurz vor und nach der sogenannten Wende in der DDR erschienen zwischen 1988 und 1990 Bücher von Autoren wie Stefan Döring, Gabriele Kachold, Reinhard Jirgl, Jan Faktor oder eben Bert Papenfuß gewissermaßen im Käfig, aber doch im Aufbau-Verlag, der der kulturpolitisch führende Verlag der DDR war.
Das Gedicht ist titellos und steht im Abschnitt wortflug.
die sich nichts fer-gaelen lassenden iren schotten bretonten ausdruekklich walis der wirrus diesmal nicht endgueltig bekaempft werde, wuerden sie sich er-kelten : die eih-ahr-ehj militanzte den endsieg dazu dass die armeen menschen basken sich dem meuterland ab-spanien hauns die korsen den frank&frei-reichen drauf den bombaskischen handschlag des linksuntersten fluegels der eta : fuer neue irre laender
Aus: Bert Papenfuß-Gorek: dreizehntAnz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 102
Ulrich von Hutten
(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg bei Schlüchtern; † 29. August 1523, heute vor 500 Jahren, auf der Ufenau im Zürichsee)
Aus Johann Gottfried Herders Denkmal Ulrichs von Hutten (1793):
Seit Hutten bey diesem Freunde war, schrieb er fürs Volk, hie und da auch in Volksreimen.
Wenn sie uns Knüttelverse dünken, so waren sies damals nicht: sie waren Verse, die das Volk
lesen und behalten sollte; daher besetzte er hie und da auch andre seiner Werke mit solchen Reimen.
Die Wahrheit ist von neu gebohren, Betrug hat seinen Schein verlohren, Deß sag Gott jeder Lob und Ehr Und acht nicht förder Lügen mehr. Ja, sag’ ich, Wahrheit war verdrückt, Ist wieder nun hervorgerückt, Deß sollt man billig genießen lon, Die dazu haben Arbeit gethon. Die faulen Pfaffen lobens nit – – Ach fromme Deutschen haltet Rath, Da’s nun so weit gegangen hat, Daß nicht geh wieder hinter sich. Mit Treue hab’s gefördert ich, Und begehr deß anders keinen Genieß. Denn – wo mir g’schäh deßhalb Verdrieß – Daß man mit Hülf mich nicht verläst, So will ich auch geloben, daß Von Wahrheit ich will nimmer lahn, Das soll mir bieten ab kein Mann. Auch schafft, zu stillen mich, kein Wehr, Kein Bann, kein’ Acht, wie fest und sehr Man mich damit zu schrecken meint. Wiewohl mein’ fromme Mutter weint, Da ich die Sach hatt g’fangen an, Gott woll sie trösten! Es muß gahn, Und sollt es brechen auch fürm End, Wills Gott, so mags nicht werden gwendt. Drum will ich brauchen Füß und Händ’. Ich habs gewagt!
Ich weiß, fängt er in der Beklagung der Freystäte Deutscher Nation an:
Ich weiß, ich werd noch Lands verjagt, Um daß ich solchs nicht schweigen kann, Und nehm des Dings allein mich an. Doch ist es wahr; und ist nicht recht, Daß man woll machen krumm zu schlecht. –
Heute vor 20 Jahren starb der Dichter Peter Hacks (* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow).
TAGTRAUM Ich möchte gern ein Holperstein In einer Pflasterstraße sein. Ich stell mir vor, ich läge dort Jahrhunderte am selben Ort, Und einer von den Kunsteunuchen Aus Medien und Kritik Käm beispielsweise Hacks besuchen Und bräch sich das Genick.
Aus: Peter Hacks, Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 235
Gestern starb in Berlin der Dichter Bert Papenfuß. Ferdammt Noch Mal Du Warst Doch Noch Gar Nicht Dran Mensch!
Zum traurigen Anlass ein Gedicht aus seinem ersten Buch harm. arkdichtung 77 (KULTuhr Verlag 1985).
Erleben Wirklich Erleben Als Erleben Wirklich Erleben Meinte Weil Blosses Erleben Mehr Bedeutete Als Nur Erleben Als Man Sich So Zwischen Himmel & Erde Traeumen Liess Als Die Tueren Offen Standen Als Man Fom Nachhausegehen Sprach Doch Nicht Wusste Wohin Als Man Keinen Schritt Ruekkwaertz Ging Wohin Denn Auch Es Erlebte Als Nach & For Erleben & Nach Mehr Licht Schrie Es Erlebte Als Nach & For Erleben & For Dem Licht Sich Wand Die Rosen Ferrosteten Damals Man Stand Abseits Im Diesseits Als Die Zeit Zerpulwert Wurde Im Kirchgarten Unten Am Fluss Komm Mich Bexuchen Wie Gruen Du Auch Seist Find Meinen Stein Dann Reden Wir Drueber Wir Werden Dieser & Jenem Nachtrauern
In der Ausgabe 48 der Zeitschrift Abwärts! Zweite Stufe der Vorarbeit rufen Henryk Gericke, Andreas Hegewald und Kristin Schulz dem am 16. Mai verstorbenen Lyriker Andreas Koziol nach. Dazu dieses Gedicht von Koziol.
Nachschrift Herbste haben aufgehört zu malen Nackte Ufer. Blätter auf dem Dach Nebelwände. Echos von Signalen Augenlose Träume liegen wach Wolken wie die Asche großer Tiere Sterne fallen lautlos in den Müll Schweigen ist ein Spiel das ich verliere Heimweg ein romantisches Fossil Baumskelette. Schwarze Hieroglyphen Monde narbenglühenden Gesichts Baugelände wo einst Tote schliefen Herzerbarmen. Warnung vor dem Nichts
Andreas Koziol, aus: Gedichte, Das Zündblättchen 92, Heft 2, Edition Dreizeichen Meißen, 2019.
Jan Skácel
(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)
DOBROVSKÝS TOD * Er glaubte er würde im Wald eine Pflanze finden die alle Kranken heilen die Toten zum Leben erwecken könnte Er selbst glich jenem Gewächs ließ die tschechische Sprache aus dem Reich der Toten auferstehn Damals im Winter als er bei uns in Brünn im Sterben lag erblühten rings um die Stadt die Maiglöckchen bevor der erste Schnee fiel Was bleibt über ihn sonst noch zu berichten Er hatte blaue Augen trug blaues Schuhwerk Mantel einen blauen Schal Ein Gelehrter war er und ein schöner Mann Und mußte doch so einsam sein als er in jenem einzigen ganz großen Augenblick alles zu wissen bekam und alles Wissen für immer verlor
*) Josef Dobrovský (1753- 1829), Literatur- und Sprachhistoriker, verfaßte u. a. eine »Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur« (1792; 1818).
Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel: Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Aus dem Tschechischen von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Auf.), S. 21
Jannis Ritsos
(Γιάννης Ρίτσος Yiannis Ritsos, * 1. Mai 1909 in Monemvasia; † 11. November 1990 in Athen)
Sie sprechen, lachen, schrein,
streiten sich.
Entrollte Fahnen.
Explodierende Kisten.
Du
löstest dein Haar,
deponiertest im Schubfach
deine Uhr,
legtest dich hin.
Das Bett wuchs
bis zu zwei Drittel der Welt.
Nach dem Beischlaf
nahmst du wieder deine Uhr,
schautest darauf.
Nichts war mit der Zeit.
Kleine Gesten,
unbedeutende,
internationale,
und die Nelken
und dein Blut.
Kalamos, 17.10.81
Deutsch von Asteris Kutulas, aus: Jannis Ritsos: Halbkreis. Erotika. Griechisch-Deutsch. (Griechische und deutsche Erstveröffentlichung). Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1989

Theobald Hock (oder Hoeck)
(* 23. August 1573, heute vor 450 Jahren, in Limbach bei Homburg; † nach 1624)
Theobald Hock war ein Diplomat und ein Pionier der neueren deutschen Dichtung. Er wollte sie – vor Opitz – durch sein Beispiel reformieren. Ein kräftigerer Dichter war er auch. Dafür spricht dieses, sein wohl bekanntestes Gedicht.
Von Art der Deutschen Poeterey DIe Deutschen haben ein bsonder art und weise / Daß sie der fremden Völcker sprach mit fleisse / Lernen und wöllen erfahrn / Kein müh nicht sparn / In jhren Jahren. Wie solches den ist an ihm selbs hoch zloben / | ihm: sich Drauß man ihr geschickligkeit gar wol kan proben / Wenn sie nur auch ihr eygene Sprachen / Nit vnwerth machen / Durch solche sachen. Denn ander Nationen also bscheide / Ihr Sprach vor andern loben und preisen weidte / Manch Reimen drin dichten / So künstlich schlichten / Vnd zsammen richten. Wir wundern vns daß die Poeten gschriben / So künstlich Vers vnnd Meisterstück getrieben / Daß doch nicht ist solch Wunder / Weil sie gschrieben bsunder / Ihr Sprach jetzunder. Den sein Ovidius vnd Maro Glerte / | M.: Vergil. G.: Gelehrte Nit gwesen Reimer also hoch geehrte / | Reimer: Dichter Die sie in der Mutter Zungen / Lateinisch gsungen / Daß jhnen glungen. Warumb sollen wir den vnser Teutsche sprachen / In gwisse Form und Gsatz nit auch mögen machen / Und deutsches Carmen schreiben / Die Kunst zutreiben / Bey Mann vnd Weiben. So doch die Deutsche Sprach vil schwerer eben / Als ander all / auch vil mehr müh thut geben / Drin man muß obseruiren / Die Silben recht führen / Den Reim zu zieren. | R.: Vers Man muß die Pedes gleich so wol scandiren / Den Dactilum vnd auch Spondeum rieren / | r.: rühren Sonst wo das nicht würd gehalten / Da sein dReim gespalten / Krumb und voll falten. Vnd das noch schwerer ist so sollen die Reime / Zu letzt grad zsammen gehn vnd gleine / | die Verse sollen hinten reimen Das in Lateiner Zungen / Nit würdt erzwungen / Nicht dicht noch gsungen. | d.: gedichtet Drumb ist es vil ein schwerer Kunst recht dichten / Die Deutsche Reim alls eben Lateinisch schlichten / Wir mögen new Reym erdencken / Vnd auch dran hencken / d.h.: danach trachten Die Reim zu lencken. Niembt sich auch billich ein Poeten nennet / | N.: Niemand Wer dGriechisch und Lateinisch Sprach nicht kennet / Noch dSingkunst recht thut richen / | ri.: beherrschen Vil Wort von Griechen / Ins Deutsch her kriechen. Noch dürffen sich vil Teutsche Poeten rühmen / Sich also schreiben die besser zügen am Riemen / Schmiden ein so hinckets Carmen / | h.: hinkendes Ohn Füß vnnd Armen / Das zuerbarmen. Wenn sie nur reimen zsammen die letzte Silben / Gott geb wie die Wörter sich vberstilben / Das jrret nicht ihre zotten / | z.: Gewirr Ein Handt voll Notten / | Noten Ist bald versotten. O wenn sie sollen darfür an dHacken greiffen / Vnd hacken Holtz / wenn es nit khride zu Pfeiffen / | k.: geriete Khridts doch zu Poltzen selber / | P.: Taktstock Sie trügen doch gelber / | g.: heller, besser Für Lorber Felber. | statt Lorbeer Weidenkränze
Aus: Schönes Blumenfeld. Ausgewählte Gedichte, hrsg. Bernd Philippi und Gerhard Tänzer. Frühneuhochdeutscher Text mit einer Version in moderner Schreibweise. Saarbrücken: Conte Verlag 2007, S. 42ff
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