Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise
22. und 23.03.2013 in der Centralstation Darmstadt
Bewerbungsschluss ist der 15. September 2012
Wie in jedem zweiten Jahr, schreibt die Stadt Darmstadt für das Jahr 2013 den Leonce-und-Lena-Preis in Höhe von 8.000,00 EUR und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise in Höhe von insgesamt 8.000,00 EUR für deutschsprachige Lyrik aus. 2013 findet der Literarische März zum 18. Mal statt.
Teilnahmeberechtigung und Bewerbungsmodalitäten
Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1977 geboren sind.
Es können bis zu 12 Gedichte eingereicht werden.
Die eingereichten Gedichte dürfen zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht in Buchform in einem Verlag erschienen sein.
Die Rechte an den Texten liegen ausschließlich bei den Verfassern.
Es bleibt den Bewerbern überlassen, ob sie auf den einzelnen Gedichten ihren Namen vermerken.
Das Lektorat entscheidet unter Ausschluss des Rechtsweges darüber, welche Autorinnen und Autoren zum Wettbewerb eingeladen werden. Die ausgewählten Autorinnen und Autoren erhalten bis Ende 2012 eine Einladung.
Lektorat
Fritz Deppert, Christian Döring, Hanne F. Juritz
Jury
Sibylle Cramer, Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Jan Koneffke, Joachim Sartorius
BENN KOMMT
(100 Jahre „Morgue“)
Von Axel Kutsch
Seht, da kommt
Herr Benn geschritten
durch die dunkle Nacht.
Kleine Aster, junge Ratten
hat er mitgebracht.
Ach, Herr Benn,
wir folgen gerne
dir an dunklen Ort.
Treiben da zu deinen Füßen
kleinen Rasensport.
In einer inszenierten, mehrstimmigen Literatur-Performance stellen Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior und Ellen Widmaier am Donnerstag, 24. Mai 2012, neue Gedichte auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg vor. Sie präsentieren damit die ersten vier Hefte der neuen Reihe „roterfadenlyrik“ Edition Haus Nottbeck. Musik: Ilona Haberkamp (Saxophon).
Poetikvorlesung: 29. Mai I 12. Juni I 19. Juni 2012
Ort und Zeit: 18.00 – 20.00 Uhr Theologische Fakultät der Humboldtuniversität
Erdgeschoß, Vorlesungsraum, Burgstrasse 26. Berlin-Mitte.
Die Poetikvorlesung ist für Studierende und literarisch interessierte Bürgerinnen und Bürger. Eintritt frei.
Im Sommersemester 2012 veranstaltet die Berliner Künstlerinitiative „kunstplanbau e.V.“ gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Feldtkeller (Theologische Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin) und dem Religionsgelehrten Shri Sarvabhavana Prabhu das interreligiöse Seminar „Zu den Quellen, ein interreligiöses Sprechen Hören und Singen, Veden, Thora, Bibel, Koran“ im Rahmen des interdisziplinären Master-Studiengangs „Religion und Kultur“ an der Berliner Humboldt Universität.
Parallel dazu findet eine Reihe von Poetikvorlesungen statt, die einen prominenten Schriftsteller dazu einlädt, das literarische Potential der Religionsschriften und die religiöse Kraft der Literatur hörbar zu machen und dabei ein interessiertes Publikum aller Altersgruppen sowohl theoretisch als auch poetisch in ihr literarisches Schaffen einzuführen.
Die diesjährige Poetikvorlesung hält der Heidelberger Lyriker und Übersetzer Hans Thill, der sich in drei Vorlesungen mit dem Verhältnis von Dichtung und religiösen Texten in seinem eigenen lyrischen Schaffen beschäftigen wird: „Nicht als Geschichte einer Bekehrung, sondern als Prozess von Annäherung und Distanzierung eines Nicht-Gläubigen oder Fast-Nicht-Gläubigen“. Erzählt werden Begegnungen mit religiösen und poetischen sowie religiös-poetischen Bekundungen, Manifesten und Geständnissen, mit dem Ziel, die Sprach- und Bildwelt des Religiösen und des Poetischen zu vergleichen. Dabei geht es nicht um eine Weltanschauung oder ein Theoriegebäude, sondern um eine Auseinandersetzung mit plötzlich aufscheinenden Fragmenten poetischer, irrationaler, ekstatischer Natur.
Hans Thill studierte Sprachen sowie Geschichte, Germanistik und Jura in Heidelberg. Er ist Lyriker, Übersetzer und Mitbegründer des Verlags „Das Wunderhorn“, der 2012 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Für sein Buch „Kühle Religionen“ wurde Thill 2004 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. 2010 erschien sein Gedichtband „Museum der Ungeduld“ und „Lied aus dem reinen Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“. Er beteiligt sich mit zahlreichen Beiträgen an Fachzeitschriften, am Lyrikjahrbuch und an Hörspielbearbeitungen. Im September 2010 wurde Hans Thill künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Edenkoben. Seit 2000 leitet er die jährliche Übersetzer-Werkstatt „Poesie der Nachbarn“ und ist Herausgeber der Reihe „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“, in der Gedichte aus Russland, England, der Ukraine, der Schweiz, Slowenien, Kroatien und aus Schweden zusammengestellt werden. Thill hat zahlreiche Bücher aus dem Französischen übersetzt (u. a. Fénélon, Apollinaire, Soupault, Queneau, Meddeb, Jean Giono, Assia Djebar).Mit Joachim Sartorius und Ernest Wichner gibt er die „Reihe P. Bibliothek der Modernen Poesie aus aller Welt“ heraus.
Termine der Poetikvorlesung:
Am 07. Juli 2012 nimmt Hans Thill auch an einem Blockseminar teil, das im Rahmen der Seminarreihe „Zu den Quellen – ein interreligiöses hören, sprechen, singen“ stattfindet – dann mit dem Thema „beamte des himmels. unfertige angelologie nach agamben“.
Blockseminar: 07. Juli 2012 / 10.00 – 14.00 Uhr
ein interreligiöses sprechen hören und singen mit Hans Thill, Shri Sarvabhavana, Prof. Dr. Andreas Feldtkeller, Rambukwelle Devananda, Prof. Dr. Günther Bader, Prof. Melaine MacDonald und Cellist Wolfgang Sellner, Eurythmieperformance, Musik Wang Jue.
in der Galerie Peter Herrmann: Potsdamerstrasse 98 A,
Berlin-Schöneberg
Informationen zum Seminar „Zu den Quellen – ein interreligiöses hören, sprechen, singen“ an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin:
Das Seminar „zu den Quellen“ leiten der indische Religionsgelehrte Shri Sarvabhavana Prabhu gemeinsam mit dem Religionswissenschaftler Professor Dr. Andreas Feldtkeller. Die großen religiösen Gesänge, die ihrerseits literarische Meisterwerke sind, treten mit ihren unterschiedlichen Klängen im Sinne einer „vergleichenden Religionswissenschaft der Klänge“ in ein fruchtbares Gegenüber: Die Kraft der Poesie als klang- und welt-schöpfende Urklänge des Menschlichen geben zu Hören und zu Denken. Die Poetiklesung ist für Studenten, Gasthörer und interessierte Öffentlichkeit.
Projektleitung: Friederike Schinagl und Hannes Langbein, kunstplanbau e.V.
kunstplan bau fraenkelufer 38 10999 berlin, germany
+ 49(0) 30. 6154221 + 49(0) 174. 6044063
kunstplanbau@web.de
Theologische Fakultät
Master Religion und Kultur
Prof.Dr. Andreas Feldtkeller
Das Online-Magazin Iablis – Jahrbuch für europäische Prozesse – ediert in diesem Jahr Beiträge zum Thema „Scham“. Wie in jedem Jahr, finden sich vielfältige Bezüge zur Lyrik. So z.B. in den Korrespondenzen zwischen Text und Bild von Gerburg Garmann: http://www.iablis.de/iablis_t/2012/garmann12.html. Oder in einem Essay von Ralf Willms, der die Dichtung Celans zum Ausgangspunkt nimmt, um von da aus eine Diagnose der gegenwärtigen politischen Situation vorzunehmen: http://www.iablis.de/iablis_t/2012/willms12.html. Iablis wird im Lauf des Jahres mit weiteren Beiträgen aufgefüllt werden.
Mehr als 15 Romane hat sie veröffentlicht, hat über 600 Kurzgeschichten, Theaterstücke, Essays, Lyrik, Hörspiele und Fernsehdrehbücher geschrieben – und „noch Stoff für viele Jahre“, wie sie sagt. Am Montag wird die in Darmstadt lebende Schriftstellerin Gabriele Wohmann 80 Jahre alt. Ihren Freunden hat sie statt einer Einladung geschrieben: „Wer mich liebt, bleibt zu Hause.“
Vor dem Geburtstag platzt ihr der Kragen. Gabriele Wohmann fordert für sich den Georg-Büchner-Preis. „Ich kriege ihn nicht mehr, vielleicht posthum“, sagte sie dem Hessischen Rundfunk und in der für sie typischen Melange aus Selbstbewusstsein und Wunsch nach Anerkennung: „Es werben immer alle nur für ihre Bestseller“, für sie dagegen sei nie genug Werbung gemacht worden. / Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung
Berlin bot in kurzer Zeit einen sehr fruchtbaren Humus für neue Lyrik.
Franz Werfel veröffentlichte Ende 1911 im Charlottenburger Verlag Juncker seinen ersten Gedichtband „Der Weltfreund“.
Herwarth Walden gab hier seit 1910 die Zeitschrift „Der Sturm“ heraus, die Zeitschrift der künstlerischen Avantgarde, 1912 gründete er die gleichnamige Galerie. Für ihn dichtete man und schrieb Manifeste.
Der maschinengeile Futuristen-Häuptling, der reiche Italiener Filippo Tommaso Marinetti, fuhr im Cabriolet durch Berlin und verteilte massenhaft seine Manifeste, blieb hier aber trotz seines Aktionismus ziemlich isoliert. In Frankreich hatte er es immerhin auf die Titelseite des „Figaro“ geschafft!
Und Ernst Rowohlt und Heinrich Bachmair gaben in ihren gerade gegründeten Verlagen den neuen Dichtern ein Forum.
Der Jura-Student Georg Heym veröffentlichte im April 1911 seinen ersten, viel beachteten Gedichtband. / Rainer Schmitz, DLF
Nein, seine beinahe ohnmächtige Wut galt vielmehr der gescheiterten ersten Ausgabe seiner Gesammelten Werke im Züricher Ammann-Verlag. Als die Verantwortlichen Ende der 1980er Jahre beschlossen, diese Edition wieder einzustellen – zwischen 1983 und 1987 waren gerade einmal zwei Bände erschienen (4) – blieben damit vor allem auch Sahls „sämtliche Gedichte“ auf der Strecke, die den Auftakt, den Band 1, dieser Ausgabe hatten bilden sollen und deren Erscheinen unter dem Titel Der Mann im Stein bereits angekündigt war.
Auf diesem Hintergrund nehmen sich die jetzt erschienenen, von Sahls Stiefsohn Nils Kern und dem Lektor des Luchterhand-Verlags, Klaus Siblewski, herausgegebenen Gedichte wie das postume Einlösen eines Versprechens aus, denn „mit dieser Ausgabe“ werde, wie Verlag und Herausgeber gleichermaßen stolz verkünden, „endlich“ Sahls „lyrisches Werk als Ganzes zugänglich gemacht“ (5). Ob Hans Sahl freilich vorbehaltlos glücklich mit dieser Sammlung geworden wäre, darf bezweifelt werden, denn weder enthält dieser Band auch nur annähernd vollständig seine hinterlassenen Gedichte, noch ist die Sammlung – was die gelegentliche Rede von einer bloßen „Lese-Ausgabe“ (S. 307) nahelegen könnte – ein repräsentativer Querschnitt durch Sahls dichterisches Schaffen.
In den editorischen Bemerkungen zur Ausgabe heißt es, die Herausgeber hätten es als eines ihrer Hauptanliegen betrachtet, das Publikum einerseits mit den zahllosen Inedita unter Sahls Gedichten bekannt zu machen und andererseits jene lyrischen Werke wieder hervorzukramen, die zwar „als einzelne“ bereits „veröffentlicht“, jedoch „zum großen Teil“ längst „wieder“ der „Vergessenheit“ anheimgefallen seien (S. 307). Da in diesem Zusammenhang zugleich das Wort von der „Vollständigkeit“ bemüht wird, fragt man sich, warum gleich eine Vielzahl der publizierten Gedichte Sahls in dieser Sammlung fehlt. Beispielsweise jene, die er zwischen 1942 und 1988 im New Yorker „Aufbau“ (Worte für eine Ausstellung (6), Verse, Die Bäume, Vietnamesisches Wiegenlied, Hölderlins Turm, Paul Falkenberg), im Berliner „Tagesspiegel“ (Haus im Walde) und im Zürcher „Tages-Anzeiger“ (Zürich 1937) veröffentlichte; aber auch solche, die sich in unterschiedlichen Publikationen seiner Werke gewissermaßen ,versteckenʽ, etwa in seinem Briefwechsel mit George Grosz (Horch, der Boss geht durch das Haus, Zwei Widmungen für George Grosz) (7). Auch der Nachlaß birgt weit mehr als die hier versammelten „unveröffentlichte[n] Gedichte“ (S. 239-296), bei denen es sich, nebenbei bemerkt, beileibe nicht immer um bislang unpublizierte Werke handelt (8). An die Deutschen, Nekrolog, Die Ballade vom Lake Iroquios, Für W. R., Silone, Die Neutralen, Mariechen, Ein Herr aus Danzig: das sind nur einige wenige, wahllos herausgegriffene Titel, die man in diesem Band vergebens sucht. …
Nicht von ungefähr heißt es gleich zum Auftakt dieser frühesten seiner Gedichtanthologien, in der Widmung An den Leser: „Das meiste, was hier steht ist Material, / […] // Es ist so flüchtig, wie wir selbst es wurden, / […] // Wer heute lebt, fragt nicht, was morgen ist.“ (S. 203) Und diese Auffassung durchzieht Sahls lyrisches Werk wie ein roter Faden: „Ein Mann, den manche für weise / hielten, erklärte, nach Auschwitz / wäre kein Gedicht mehr möglich. / Der weise Mann scheint / keine hohe Meinung / von Gedichten gehabt zu haben – / als wären es Seelentröster / für empfindsame Buchhalter / oder bemalte Butzenscheiben, / durch die man die Welt sieht. / Wir glauben, daß Gedichte / überhaupt erst jetzt wieder möglich / geworden sind, insofern nämlich als / nur im Gedicht sich sagen läßt, / was sonst / jeder Beschreibung spottet.“ (S. 11) …
Was bleibt? Es bleibt der Dichter Hans Sahl, der zwar nicht in dem Sinne zu den Großen der Dichtkunst zu rechnen ist, daß man seinen Namen in einem Atemzug mit denen eines Gottfried Benn, Bertolt Brecht oder einer Else Lasker-Schüler nennen würde, der aber nichtsdestotrotz einige sehr schöne, ja sogar großartige lyrische Werke hinterlassen hat, wie etwa dieses:
„Ich weiß, daß ich bald sterben werde,
zu lange schon war ich auf dieser Welt zu Gast,
auf diesem Flecken, diesem Stückchen Erde,
das du, mein Gott, wenn es dich gibt, mir gabst.
Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte?
Nur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt.
Ein Mensch, der weiß, daß er nun sterben werde
und müde ist und sagt: Ich hab es satt.
Fast schon so alt wie dieses, mein Jahrhundert
der Flammenmeere, Mörder, Folterungen,
der Volksverderber und der Volksverächter,
geliebt, gehaßt, gefürchtet und bewundert.
So nehmt, o Brüder, eine Hand voll Erde
und gebt sie mir zum Abschied auf den Weg.
Ich weiß, daß ich bald sterben werde.
Ein Gast nimmt leise seinen Hut und geht.“ (S. 237)
Allein schon um solcher Verse willen hätte er eine liebevoller edierte Ausgabe seiner Gedichte verdient. / Momme Brodersen, Fixpoetry
HANS SAHL
Die Gedichte
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 336 Seiten,11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-630-87288-9
€ 19,95 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,50* (* empf. VK-Preis)
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Wasser ist ein liquides Element, das gefrieren kann. Seine Elementarverwandtschaft mit der Poesie macht diese zum «Sprechenden Wasser», im buchstäblichsten Sinn «unfasslich» und doch geronnen zu Ketten von Signifikanten, die zurückkehren «zu den Dingen, / die sie bedeuteten»: so der grosse japanische Dichter Tanikawa Shuntaro, dessen Gedichtsammlung «Picknick auf der Erdkugel» vor etlichen Jahren in die «Japanische Bibliothek» des Insel-Verlags in der Übersetzung des Zürcher Japanologen Eduard Klopfenstein aufgenommen worden ist. Jetzt hat sich Tanikawa, geboren 1931 in Tokio, mit dem fast fünfzig Jahre jüngeren Schweizer Dichter Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, zu einem in Wechselrede strukturierten Gedicht zusammengefunden, das sich formal, mit einigen Lizenzen, am «Renshi», einer modernen Form des «Renga», des altjapanischen Kettengedichts, orientiert. / Ludger Lütkehaus, NZZ 19.5.
Jürg Halter / Tanikawa Shuntaro: Sprechendes Wasser. Ein Kettengedicht. Übersetzt von Niimoto Fuminari und Eduard Klopfenstein. Secession-Verlag, Zürich 2012. Fr. 41.90. Am Montag, 21. Mai, treten beide Autoren um 20 Uhr im Literaturhaus Zürich auf.
Die erotische Ekstase als existentielles Bedürfnis wie Hunger und Durst – eine solche Wahrnehmung gibt den Gedichten die richtige Geschwindigkeit, es geht hitzig zu, kompromisslos, unersättlich. Das Kapitel Schwenk der Sanduhr enthält zehn Gedichte, jedem Gedicht ist ein Zitat von Anne Sexton vorangestellt, schließlich verkörperte sie poetische Direktheit und erotisches Freibeutertum als Person in sich. Und von diesem Spirit, diesem Tempo lebt auch die Poesie Kerstin Beckers mit ihren kleinen Aufforderungsimperativen: Liebe das Flackern der Leiber ich sehs / meine Augen sind Wärmekameras dummer / verstockter Kerl was gibt es da noch / zu bewachen / komm / lass mich rein. / Hellmuth Opitz, Edition Das Labor
Kerstin Becker, Fasernackte Verse, Gedichte, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.
Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50’er / 60’er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. / Kerstin Becker über Anne Sexton, fixpoetry
Anne Sexton. Verwandlungen. Hrsg. u. Vorw. v. Elisabeth Bronfen. Aus d. Amerikan. v. Silvia Morawetz. S.Fischer, Frankfurt am Main 1995
Bereits für ihren zweiten Gedichtband, „Colloquium mit vier Häuten“ (1967) wurde sie mit dem renommierten Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Und auch die nachfolgenden Bücher erhielten wohlwollende Kritiken. Trotzdem ist Helga M. Novak, „eine der wahren Dichterinnen unserer Zeit“, wie der Kritiker Rolf Michaelis in einer Rezension ihres Bandes „Silvatica“ (1997) notierte, eine literarische Außenseiterin geblieben. Um mit Wolf Biermann zu reden: „Diese Dichterin ist schlimmer als nur verkannt, sie blieb einfach unbemerkt.“
Daran wird der Droste-Preis der Stadt Meersburg, den die 1935 in Berlin-Köpenick geborene Novak am Sonntag im Spiegelsaal des Meersburger Schlosses erhält, wenig ändern. Aber er setzt ein Zeichen. …
… Lyrik ist keine Option für die Masse. Das erklärt vielleicht die geringe Popularität der Dichterin, die in den 1970er- und 1980er-Jahren mit sprachlich eindrucksvollen und teils sehr persönlichen Liebes- und Naturgedichten etliche Bände füllte. Eine Auswahl ihres poetischen Oeuvres hat Michael Lentz unter dem Titel „wo ich jetzt bin“ 2005 bei Schöffling herausgebracht. Darin bricht der Schriftstellerkollege eine Lanze für die große Unbekannte: „Ihre Lyrik, besonders die späte, ist von einzigartiger suggestiver Kraft und bizarrer Schönheit“, heißt es im Nachwort. Vor zwei Jahren erschienen Novaks „Liebesgedichte“. …
Den Droste-Förderpreis, der ebenfalls am Sonntag überreicht wird, erhält die 1979 im sächsischen Grohenhaim geborene und in Berlin lebende Ulrike Almut Sandig. / Siegmund Kopitzki, Südkurier
Aber dann bekommen die beliebten Lyrismen rund um den Bodensee einen lyrischen Kanthaken verpasst: „Der See ist nicht sehr hilfreich bei Depressionen – Lieber Tabletten!“ / Ernst Köhler schreibt im Südkurier über den neuen Gedichtband des Konstanzer Lyrikers Peter Salomon.
Gerhard Jaschke, Autor (vieler Gedicht- und anderer Bücher wie Wortfest, Stubenreinund Blauer Schocker), Herausgeber (der Literaturzeitschrift Freibord, deren 155. Ausgabe im Frühling 2012 erschien), Verleger (der Edition Freibord mit Büchern von Peter Altenberg, Pierre Garnier, Ilse Kilic, Gerhard Rühm, Fritz Widhalm u.v.a.), hat in Wien im selben Haus wie einst Robert Musil gewohnt, wie ich beim Lesen in Abwesend anwesend – anwesend abwesend ∙ Noch mehr Weltbude erfahre, wo auch eine vielseitige Auseinandersetzung mit dem Insult stattfindet, der Jaschkes umtriebige Existenz 2008 schlagartig reorganisiert:schluß mit lustig? Weit gefehlt: auf in den nächsten wahnsinn! / Theo Breuer, Edition Das Labor
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