5. Uhren zogen mich auf

Die Gedichte sind ein Durchstreifen der Lebenswege an den Bruchlinien von Sinnfragen, die immer wieder ironisch und selbstironisch reflektiert werden und sich mit lakonischen Alltagsbetrachtungen der Peripherie abwechseln, die Alltäglichkeiten eine gesteigerte Beachtung schenken und sie scheinbar in einen Kontext setzen, in dem wir uns mit viel zu großer Selbstverständlichkeit bewegen – einer Selbstverständlichkeit, die zu Nostalgisieren und Romantisieren neigt. Genau hier setzt Ulrich Koch die Schere an – und manchmal auch das Beil. Jemand sagte kürzlich, er habe Kochs neuen Band noch nicht gelesen, aber bei Koch könne man immer bedenkenlos zugreifen. So ist es, auch hier wieder. / gw, cineastentreff

Ulrich Koch: Uhren zogen mich auf (Poetenladen Verlag, Leipzig 2012)

4. Berlin liest – noch können Sie mitlesen!

Berlin liest am 04. September 2012

Mit Ihrer Lesung läuten Sie das Literaturfestival ein. Dabei befinden Sie sich in bester Gesellschaft: Neben Dagmar Reim, Intendantin des rbb, Jan Stöß, Landesvorsitzender der Berliner SPD, werden auch Elvira Bach, Norbert Kron und viele andere ihre Lieblingtexte zum Besten geben.

Liebe Freunde und Freundinnen der Literatur,

am 4. September 2012 eröffnet das 12. internationale literaturfestival berlin mit einer Rede des chinesischen Exil-Autors Liao Yiwu. eine Stunde vorher, um 17.00 Uhr, können Sie mit ihrer Lesung den Auftakt bilden zu einem Programm, das zwei Wochen lang die Vielfalt der Weltliteratur vorgestellt.

Die Teilnahme ist so einfach wie herausfordernd: Nehmen Sie sich einen Roman, ein Gedicht, einen Sachtext oder einen Essay und suchen Sie sich den Ort in Berlin, an dem dieser Text unbedingt einmal vorgelesen werden sollte. Egal ob U-Bahnhof, Park, Platz, ihre eigene Haustür, eine Sehenswürdigkeit oder ein literarischer Ort.

Um 17.00 Uhr beginnt die Lesung und dauert maximal eine Viertelstunde. Mit Ihnen lesen AutorInnen, SchauspielerInnen, BuchhändlerInnen, BibliothekarInnen, LehrerInnen und viele andere FreundInnen des Festivals an zahlreichen Orten in Berlin.

Als Dank dafür, dass Sie Ihre Stimme der Literatur leihen, sich der Herausforderung stellen, in der Öffentlichkeit zu lesen und damit den zahlreichen internationalen AutorInnen des ilb einen vielstimmigen, berlinweiten Willkommensgruß entrichten, laden wir Sie zum Festival ein und schenken Ihnen eine Tageskarte für einen Festivaltag ihrer Wahl.

Wenn Sie teilnehmen möchten, tragen Sie sich bitte in unser Onlineformular ein, mailen Sie uns an berlinliest@literaturfestival.com oder schreiben Sie uns per Post an: internationales literaturfestival berlin, Chausseestr. 5, 10115 Berlin.

Bitte nennen Sie uns, damit wir Sie in den Stadtplan mit allen Lesungen eintragen können:

  • Ihren Namen,
  • den Titel des von Ihnen ausgesuchten Werkes und der Autorin / des Autors
  • den Ort, an dem Sie lesen möchten
  • die Sprache, in welcher Sie lesen möchten

Das Projekt „Berlin liest“ steht unter der Schirmherrschaft von Dagmar Reim, der Intendantin des rbb.

Liste der Gedenkorte verstorbener Autoren

Liste der angemeldeten Teilnehmer

Karte der angemeldeten Teilnehmer

3. „Um die Lyrik steht es schlimm“

Yehuda Vizan verließ die Universität Tel Aviv kurz vorm Bachelorabschluß. „An dem Tag als sie uns Shakespeare als postkolonialen Autor nahebrachten, ging ich raus und kehrte nie zurück. Mir fehlte nur ein Semester zum B.A., aber ich will das nicht. Für mich ist diese akademische Welt eine Schande. Shakespeare ist nicht postkoloniale Literatur, so kann man das nicht lesen.“

Vizan, 27, ist Lyriker und Übersetzer und Gründer der Literaturzeitschrift Dehak. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände in Hebräisch, „Shirei Yehuda“ („Gedichte Yehudas“, Ah’shav publishing ) und „Mavo Le’estetika Kala“ („Einführung in die einfache Ästhetik“, Plonit ).

Seine Zeitschrift enthält Texte von James Joyce, Eugène Ionesco, Martin Heidegger, Immanuel Kant und Robespierre, Hebräische Gedichte von Efrat Mishori, Shalom Ratzabi, Tzipi Shatashvili, Yotam Reuveny, Harold Schimmel und Eran Hadas sowie Übersetzungen von Homer, Louis Zukofsky, Wallace Stevens, Edward Lear und Dorothy Parker.

„Um die Lyrik steht es schlimm. Die große Mehrheit der Dichter sind herzlich schlecht, und das kommt von der gleichen Sorte Ignoranz und Mangel an Nachdenken über ’nusah‘ – ein Ausdruck, den Bialik*  für einen allgemein akzeptierten literarischen und kulturellen Stil prägte – (…)

Das größte Kompliment, das ich je erhielt, war als jemand das Inhaltsverzeichnis durchsah und sagte, kein einziger Dummkopf dabei. Und wirklich, das ist mein Filter. Es mag snobistisch aussehen, elitär. Ich nenne es Konservatismus, weil ich das Wort mit einer etwas anderen Bedeutung aufladen möchte. Konservatismus ist für mich, an unerläßliche Elemente zu glauben. Zum Beispiel wenn ich sage, es gibt kein Schreiben ohne Lesen. Die meisten Dichter haben heute keine Ahnung von „nusah“, es ist ihnen fremd. Ich betone oft in Dehak, daß der poetische Kampf der Zeitschrift dem „Zach“-Stil gilt, der seit 50 Jahren regiert. Eine spracharme, musikarme Dichtung, die sich um ein jammerndes psychologisches Ich dreht. Ich und ich und ich.“

/ Maya Sela, Haaretz 31.8.

* ) Chaim Nachman Bialik (hebräisch ‏חיים נחמן ביאליק‎,  vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; * 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir in Wolhynien, heute in der Ukraine; † 4. Juli 1934 in Wien) war ein jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen. Wikipedia

2. Schreiben wie gehen

Interview mit Angelika Janz, Webmoritz:

Du hast zahlreiche Performances gemacht? Wie bist du zu diesen Ideen gekommen? Erzähl bitte etwas von deinen Aktionen.

Die erste Aktion „Schreiben wie gehen“ war damals in Essen 1978, an einem eiskalten Tag im Februar. Ich bin morgens einfach los gezogen, habe mir einen Beutel Kreide gekauft und habe die gesamte Fußgängerzone, zwei große Straßenpassagen über zwei Kreuzungen hinweg, mit eigenen Texten und Gedichten bis in die städtisch beleuchtete Nacht hinein voll geschrieben.

Die Menschen sind mir quasi in den Rücken gelaufen, viele sind stehen geblieben und haben die Texte gelesen. Manche trauten sich nicht, darüber zu laufen, aber sie mussten es doch, denn ich habe alles Begehbare vollgeschrieben, es gab kein Entrinnen, und so haben sie diese „Literatur“ mit ihren Schritten davon getragen. Die Polizei kam, weil die Aktion nicht angekündigt war, ließen mich aber weiterschreiben. Einige haben mir auch Geld hingeworfen, weil sie dachten, ich sei eine Straßenkünstlerin. Ein Journalist kam, von dem später in der Zeitung zu lesen war: „Schriftstellerin schreibt auf das Pflaster, weil sie keinen Verlag findet. Dabei hatten wir kein Wort miteinander geredet.

Eine ähnliche Aktion haben wir 2008 dann in Greifswald gemacht „Greif zur Kreide, Greifswald“, in Zusammenarbeit mit dem Literaturzentrum. Anlässlich des 75. Jahrestages der Bücherverbrennung haben wir, viele Studenten der Greifswalder Uni und ich, die Namen der „verbrannten“ Autoren auf die Straßen und Häuser geschrieben und haben dann auch an zentralen Orten der Stadt Texte von diesen Autoren vorgetragen. Hier und da gibt es noch nach so vielen Jahren immer noch Spuren der Aktion. Sie war mir sehr wichtig, weil ich damit viele Menschen „anstecken“ konnte. Viele Passanten haben selbst Kreide genommen, sich die Namensliste der verfemten Autoren geben lassen und einfach mitgeschrieben.

1. Schicksalsgemeinschaft

[Nadeschda] Mandelstams ungeschönte Darstellung lässt auch die weniger schmeichelhaften Züge der Dichterin – Jähzorn, Eifersucht, Rechthaberei und Unbarmherzigkeit im Urteil – nicht aus. Ebenso wenig wie die offensichtliche Eifersucht der Achmatowa-Ehemänner auf ihr Talent. Weitere Gedanken zielen ab auf die „Schicksalsgemeinschaft“ der Akmeisten-Dichter, zu der neben Achmatowa auch Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow gehörten, zu dem Programm, mit dem sich diese Gruppe vom Symbolismus abgrenzte, und zu den gewissermaßen oppositionellen Futuristen. Anders als der Freundeskreis um Mandelstam und Achmatowa, der sich von Angst und Scham nicht beherrschen lassen wollte, verzweifelte mancher an seinem Schicksal. Die Dichterin Marina Zwetajewa, von Achmatowa mehrfach als ihre „Doppelgängerin“ bezeichnet, brachte sich 1941 um, da ihr Mann und ihre Tochter inhaftiert worden waren. / JUDITH LEISTER, FAZ 31.8. (noch bei buecher.de)

Nadeschda Mandelstam: „Erinnerungen an Anna Achmatowa.“
Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 206 S., geb., 18,90 [Euro].

128. Deutsches Palimpsest

1. Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!
Zum Kampf sind wir geboren!!
Auf, auf zum Kampf, zum Kampf,!
zum Kampf sind wir bereit!!
|: Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen,!
Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand. :|. !

2. Es steht ein Mann, ein Mann,!
so fest wie eine Eiche!!
Er hat gewiß, gewiß,!
schon manchen Sturm erlebt!!
: Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche,!
Wie es so vielen Hitlerleuten geht. :|!

3. Wir fürchten nicht, ja nicht,!
den Donner der Kanonen!
Wir fürchten nicht, ja nicht,!
Die Noskepolizei!!
|: Drum wollen wir es nochmals wiederholen:!
Der Tod im Felde ist der schönste Tod. 😐 !

Wie die Kirche haben auch die politischen Bewegungen der Neuzeit die wirkungsvollen Lieder ihrer Gegner umgedichtet und gegen dieselben eingesetzt. Das Soldatenlied von 1870/71 wurde 1907 auf August Bebel und 1919/20 auf die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umgemünzt und 1930 auf Hitlers SA. Bestimmt waren nach 1930 ehemalige Sozialisten oder Kommunisten dabei und mancher wird in der Schule die Fassung auf Kaiser Wilhelm gesungen haben. Wie die Zeiten und Biografien überlappen sich die Worte. Wie oft geschah das im 20. Jahrhundert (und noch am Beginn des 21., wo ehemalige SED-Parteisekretäre Kirchenrat oder FDP-Pressesprecher sein können – nur daß sie keine Lieder dazu singen. Vielleicht ist das ja der Fortschritt?)

Der Text von 1919 ist übrigens nicht von Brecht, wie Wikipedia und das halbe Internet behaupten. Und auch die Melodie ist nicht von Hanns Eisler, wie hier die IG Metall weiß. Brecht schrieb damals Baal und herrlich unfromme Psalmen und „Auch in Betten in ein Weib verkächelt / Zwischen schlanke Beine hingestreckt“ pp. – aber nicht über Liebknecht und Luxemburg. Aber das ist ein typischer WWW-Selbstläufer – da es an tausend Stellen im Netz steht, läßt sich die Geschichte nie mehr zurückholen. Nur aus Wiki sollte man es doch mal nehmen.

127. Unsere Kinder fragen nicht viel

In der jahreszeitlichen Organisation des Bandes drückt sich ein gewisser Zug zum zyklischen Geschehen aus. Etwas geht verloren, anderswo wuchert etwas, unaufhaltsam sind diese Bewegungen, vorerst (um noch ein Hölderlin-Wort zu bemühen) deutungslos. Aber dort, wo sich ein argusgeäugtes Wort als Nullkoordinate einrammt, beginnt die zyklische Bewegung: „Die Kinder haben / es vor sich, das Erzählen aus der Kindheit.“ beziehungsweise: „Die Jahreszeit / stellt das Jetzt wieder her, das stapelweise / in den Schubladen liegt.“ Wo die Drehung ihr Zentrum hat, im Auge des Sturms herrscht Stille: „Unsere Eltern / sind tot. Unsere Kinder fragen nicht viel.“ / Tobias Roth, Fixpoetry

Jürgen Becker: Scheunen im Gelände. Mit Collagen von Rango Bohne, mit einem Nachwort von Michael Krüger.

 Buchgestaltung und Typographie: Friedrich Pfäfflin, Marbach.
 Lektorat: Christian Döring, Berlin. ISBN 978-3-938776-31-5, 20,00 EUR Lyrik Kabinett, München 2012

126. Christine Lavant

Als ob das keine relevante lexikalische Information wäre! Der polnische Wikieintrag über Christine Lavant:

Christine Lavant[edytuj]

Christine Lavant, właśc. Christine Habernig, z domu Thonhauser (ur. 4 lipca 1915 w Groß-Edling, zm. 7 lipca 1973 w Wolfsbergu) – austriacka artystka i pisarka.

Wybrana twórczość[edytuj]

  • 1948: Das Kind. Erzählung
  • 1948: Die Nacht an den Tag. Lyrik
  • 1949: Das Krüglein. Erzählung
  • 1949: Die unvollendete Liebe. Gedichte
  • 1952: Baruscha
  • 1956: Die Bettlerschale. Gedichte
  • 1956: Die Rosenkugel. Erzählung
  • 1959: Spindel im Mond. Gedichte
  • 1960: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1961: Wirf ab den Lehm
  • 1962: Der Pfauenschrei. Gedichte
  • 1967: Hälfte des Herzens
  • 1969: Nell. Vier Geschichten
  • 1978: Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben. Nachgelassene und verstreut veröffentlichte Gedichte – Prosa – Briefe
  • 1982: Sonnenvogel. Gedichte
  • 1984: Versuchung der Sterne. Erzählungen und Briefe
  • 1991: Und jeder Himmel schaut verschlossen zu. Fünfundzwanzig Gedichte für O.S.
  • 1995: Kreuzzertretung. Gedichte, Prosa, Briefe‘
  • 1996: Die Schöne im Mohnkleid. Erzählung
  • 1997: Herz auf dem Sprung. Die Briefe an Ingeborg Teuffenbach
  • 1998: Das Wechselbälgchen
  • 2000: Das Kind
  • 2001: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

125. Manuel Stallbaumer

Manuel Stallbaumer hat es eilig – und dies schon seit geraumer Zeit: Mit 15 Jahren besucht er die Schreibwerkstatt bei José F. A. Olivier im Stuttgarter Literaturhaus. Kurz darauf veröffentlicht er bereits seine ersten Gedichte in diversen Literaturzeitschriften. Im letzten Jahr dann war der 1990 geborene Aidlinger der jüngste Nominierte für den Berliner Literaturwettbewerb Open Mike: „Wer hier gelesen hat, dessen Namen kennt man“, sagt Stallbaumer, und er klingt selbstbewusst, wozu er ja auch allen Grund hat, immerhin wurde ein Jahr zuvor bereits sein erstes Drehbuch verfilmt. / Heiko Rehmann, Stuttgarter Zeitung

124. La Luna Luna

Margarete Biereye erzählt mehrere solcher kleinen Begebenheiten, die sich wie Puzzleteile fast zwingend zu dem Stück „La Luna Luna“ fügen und ihr immer wieder aufs Neue gezeigt haben, dass die Zeit für Lorca und das Wandertheater Ton und Kirschen endlich gekommen war. Sie spricht von der Entdeckungsreise, die diese tiefe Auseinandersetzung mit dem spanischen Dichter gewesen ist. Im März waren sie dann mit „La Luna Luna“ beim Teatro Libre de Chapinero in Kolumbien. Dort, wo Federico García Lorca noch heute ein hoch geschätzter Dichter ist. Sie haben vor 6000 Leuten gespielt. Ihre Befürchtung, dass die Leute vielleicht schon während des Stückes gehen würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Leute kamen zu den anderen Vorstellungen sogar wieder.

„La Luna Luna“ sei im Grunde weniger ein Theaterstück, sondern ein großes Gedicht. So wie die Gedichte Lorcas kleine Theaterstücke sind, sagt Margarete Biereye. Und manchmal braucht es Zeit, bis sich deren Zauber öffnet. / Dirk Becker, Potsdamer Neueste Nachrichten

123. Ein guter Tag für die Lobby

Die deutschen Zeitungsverleger sind ihrem Ziel, Information zu monopolisieren, durch das nun drohende Leistungsschutzrecht einen Schritt näher gekommen. Die Politik ist vor der Lobbymacht der Medien in die Knie gegangen. Wir verzichten heute auf unsere Presseschau, um diesen Einschnitt in der Geschichte der freien Öffentlichkeit in Deutschland ausführlich zu würdigen.

Aus Solidarität mit Google? Nein, sondern weil man den Propagandaartikeln der Presse etwas entgegensetzen muss. Nein, sondern weil Informationen im Internet per Link zirkulieren und weil nicht einzusehen ist, dass bestimmte Akteure der Informationsgesellschaft diesen Strom auf die eigenen Äcker umleiten können. Journalisten beziehen einen riesigen Teil ihrer Informationen aus dem Internet – natürlich über Google, aber auch über Blogs, den Perlentaucher oder soziale Medien: Was zahlen sie denn dafür? (…)

Der Jubel der Medien über das Leistungsschutzrecht offenbart zugleich ihren Funktionsverlust als Träger der freien Öffentlichkeit. Journalisten hatten nicht den Mut, sich gegen diesen Angriff auf die Öffentlichkeit zu wehren. Im Gegenteil: Heroen der freien Meinung wie Heribert Prantl sprachen von „journalistischem Eigentum“, das möglichst zu schützen wäre. Herolde der Liberalität wie Rainer Hank möchten an jeder Ecke, wo „geistiges Eigentum“ gefährdet ist, einen Polizisten aufstellen.

Darum ist der Titel des heutigen FAZ-Kommentars zum Leistungsschutzrecht der Gipfel des leserverarschenden Zynismus: Von einem „guten Tag für die Freiheit“ spricht Reinhard Müller da. (…)

Wir fürchten, demnächst ist die Zeit reif für einen Nachruf. Das Internet war erfunden worden von den schon genannten Programmieren und Pionieren wie Jimmy Wales. Aber es ist von allen Seiten umstellt: Es haben sich neue Konzerne an dieser öffentlichen Struktur gemästet, die nun drohen, sie zu ersticken. Sie heißen nicht nur Google, sondern auch Apple, Amazon und Facebook. Und die alten Medienkonzerne unterbrechen den freien Fluss der Informationen, der Bildung und Erbauung durch immer neue Fristverlängerungen auf Urheberrechte, durch Leistungsschutzrechte, durch Fristverlängerungen auf Leistungsschutzrechte bei Musik, durch Three-Strikes-Regelungen, durch präventive Überwachung der Bürger, die von Journalisten selbst befürwortet wird, durch Unterminierung von Open Access und alle möglichen anderen Maßnahmen.

Titel des Nachrufs: „Das Internet war eine Episode der Freiheit“.

Thierry Chervel, Anja Seeliger / Perlentaucher

122. Relevanz

Über den russischen Dichter Arseni Tarkowski gibt es Wikipediaartikel in 14 Sprachen. Deutsch ist leider nicht dabei. Wenn man den Namen beim Artikel über seinen Sohn, den Filmregisseur Andrej Tarkowski, anklickt, landet man auf einer Seite, die über die Löschung des Artikels informiert und dazu einlädt, selber eine solche Seite zu schreiben. Am besten erst mal auf einer Spielwiese, denn Wikipedia ist ein seriöses Unternehmen und nimmt nicht alle unrelevanten Informationen. Was relevant ist, entscheiden wichtige Menschen mit sehr wichtigen Gründen, nichts für unsereins.

Hier der Ersatzartikel, der über Verfahren  und Löschungsgeschichte informiert. Der 2007 gelöschte Eintrag war in der Tat sehr einsilbig, aber von ihm hätte man immerhin auf gehaltvollere Artikel in anderen Sprachen wechseln können. Und warum die 2010 gelöschte Seite „Unsinn“ war, geht aus dem Text nicht hervor. Irgendwas läuft da schief.

„Arseni Alexandrowitsch Tarkowski“

Hier kannst du einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen. Eine Anleitung für Anfänger findest du unter Wikipedia:Dein erster Artikel.

Beachte dabei:

  • Der Gegenstand muss die Wikipedia-Relevanzkriterien erfüllen. Bei Unklarheiten vor Verfassen des Artikels erteilt derWikipedia:Relevanzcheck eine unverbindliche Einschätzung durch erfahrene Benutzer.
  • Die enzyklopädische Relevanz ist im Artikel darzustellen. So werden unnötige Löschdiskussionen vermieden.
  • Der Artikel muss das Mindestniveau erfüllen und soll durch Quellen belegt sein.

Es passiert leider zu oft, dass schlechte Artikel gelöscht werden müssen.
Wenn du das Erstellen oder Bearbeiten von Artikeln erst einmal ausprobieren möchtest, nutze bitte die „Spielwiese“.

Achtung: Du erstellst eine Seite, die bereits früher gelöscht wurde.

Diese Seite wurde bereits früher gelöscht. Bitte prüfe, ob eine Neuanlage sinnvoll ist und den Richtlinien entspricht. Falls die Seite nach einer regulären Löschdiskussion gelöscht wurde, wende dich bitte an die Löschprüfung.

Logbucheinträge:

121. Arseni Tarkowski

Im Jahr 1962, in welchem der erste Film des 1932 geborenen Andrei Tarkowski („Iwans Kindheit“) auf die Leinwand kam, erschien auch der erste Lyrikband seines 55-jährigen Vaters. Bald darauf wurde er zum „alten Tarkowski“, einem Splitter der russischen Moderne, des „silbernen Zeitalters“. Er sagte es selbst: „Ich bin der Jüngste in der Familie der Menschen und der Vögel, zusammen mit ihnen allen hab ich gesungen.“ Der Jüngste, der alle großen russischen Dichter des XX. Jahrhunderts beweinen durfte. Zugleich war er der Älteste. Die letzte Stimme des nichtsowjetischen Russlands. Dafür wurde er bewundert – als ein (als das!) Bindeglied zwischen uns und der früheren Kultur. Das Wortfleisch seiner Gedichte schien nicht von der Sorte zu sein, die im Angebot war – nicht von der sowjetischen. Sie waren einfach in einer anderen Sprache geschrieben, in einem anderen Russisch. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel

120. Leistungsschutz

Netzpolitik.org berichtete am Dienstag, das geplante Leistungsschutzrecht für Presseverlage (LSR) werde am Mittwoch Thema im Bundeskabinett sein. Der Sozialdemokrat Jan Mönikes veröffentlichte Änderungen zum bisherigen Entwurf. iRights.info veröffentlicht nun die aktuelle Version im Volltext. Gegenüber den bekannten Formulierungen findet sich darin eine Erweiterung, wonach nicht nur gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen vom LSR betroffen sind, sondern auch „gewerbliche Anbieter von Diensten (…), die Inhalte entsprechend aufbereiten“. Darunter könnten News-Aggregatoren wie Virato, Rivva und Nachrichten.de fallen. Die Formulierung bietet neuen Zündstoff für die Debatte um das LSR. So gehört Nachrichten.de selbst zu einem der großen Presseverlage, dem Burda-Konzern.

Der entsprechende Passus im Originaltext:

„(4) Zulässig ist die öffentliche Zugänglichmachung von Presseerzeugnissen oder Teilen hiervon, soweit sie nicht durch gewerbliche Anbieter von Suchmaschinen oder gewerbliche Anbieter von Diensten erfolgt, die Inhalte entsprechend aufbereiten. Im Übrigen gelten die Vorschriften des Teils 1 Abschnitt 6 entsprechend.).“

iRights.info

119. Die erste Lesung

1963 fand im Wiener Café Hawelka die erste öffentliche literarische Lesung in Österreich statt: Elfriede Gerstl trug Gedichte vor, die sie unter dem Titel «Gesellschaftsspiele mit mir» gesammelt hatte. Die Jüdin, die, mit ihrer Mutter von Wohnung zu Wohnung fliehend, den Verfolgungen des Nationalsozialismus entkommen war, begründete damit eine Einrichtung des literarischen Lebens, die sich schliesslich in allen grossen Städten zu Literaturhäusern auswuchs.

Gerstls «wenig übliche Gedichte» – so der Untertitel ihrer Sammlung – würden im Literaturhaus von heute aber kaum noch Anklang finden. Zwar das erste Wort, das damals erklang, «Ophelia», und das folgende Gedicht möchten noch immer ein auf Erzählung, Moral und Verständlichkeit achtendes Publikum zufriedenstellen: «Sie hatte ihren Namen vergessen / sie ging auf lautlosen Zehen / rund um den Mondhof / ging um / um ihren Namen / Ophelia / in einem grossen Kreis.»

Der verträumte Klang des Gedichts ist anrührend, aber nicht typisch für die Poetin. Schon in anderen Texten ihrer ersten Sammlung deuten sich Ironie und Selbstironie an, wie sie dann aus allen ihren Werken, neben Gedichten Hörspiele und Romane, dem Leser entgegentreten. Bereits bei dieser ersten Lesung hatte Gerstl ihre ungewisse Position im Kreis der Zuhörer, zu denen Oswald Wieler [! Wiener] und Konrad Bayer gehörten, skeptisch charakterisiert: «und noch in weitem Umkreis standen Pessimisten / Skeptizisten / und Agnostizisten / die wärmten sich alle / an meiner Begeisterung / und rieben sich die Hände.» Wer von der Begeisterung der anderen redet, ist selbst nicht begeistert: «Etwas wie Pathos», so schreibt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über die befreundete Dichterin, «hat sich bei ihr gar nicht erst her getraut.» Pathos sei vielleicht «auf die Länge eines Kleinen Braunen» geduldet gewesen, dann aber habe es sich davongeschlichen, um «kühler, klarer Unbestechlichkeit mit feingeschliffenem Witz an den Kanten» Platz zu machen.

Die «Wiener Gruppe», in der die Veranstaltung stattfand, ging später in die «Grazer Autorenversammlung» über. Diese experimentelle Richtung der österreichischen Literatur wandte sich gegen die grosse Erzählung und den hohen Ton der traditionellen Dichtung, ebenso aber auch gegen die neusachlichen und politischen Tendenzen der Linken. / Hannelore Schlaffer, NZZ 29.8.

Elfriede Gerstl: Mittellange Minis. Werke Band 1. Hrsg. von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 206 S., Fr. 34.40. Elfriede Gerstl: wer ist denn schon zu hause bei sich. Band 19 der Reihe Profile. Hrsg. von Christa Gürtler und Martin Wedl. Zsolnay- Verlag, Wien 2012. 317 S., Fr. 29.90.