Ode auf Thomas Chatterton

Heute vor 271 Jahren wurde Thomas Chatterton (* 20. November 1752 in Bristol; † 25. August 1770 in London) geboren. Obwohl er nicht einmal 18 Jahre alt wurde, hinterließ er ein erstaunliches Werk. Hier aus einem alten Lexikon.

Chatterton (Tchättertn) Thomas, geb. 1752 zu Bristol, Sohn eines Dorfküsters, gab als Jüngling vorgeblich alte Gedichte heraus, die er selbst gedichtet hatte; er betrog damit den Minister Horace-Walpole und verlor dessen Schutz, als er die Täuschung erfuhr. Nun ging C. zur Oppositionspresse über, verfaßte politische satirische Gedichte und hätte seine Feder gerne den Meistbietenden verkauft; dies gelang jedoch nicht, C. gerieth in die peinlichste Noth und vergiftete sich 1770 halb verhungert. Seine Gedichte zeichnen sich durch Einfachheit und Kraft aus und bei anderem Charakter und Schicksale wäre C. einer der großen engl. Dichter geworden.

Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 71-72. Permalink:http://www.zeno.org/nid/20003268071

Mehr davon im Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Chatterton,_Thomas

Im 20. Jahrhundert widmete Johannes Bobrowski dem Dichter eine sapphische Ode. Sie wirkt auf den ersten Blick vielleicht kompliziert mit den verschachtelten Satzgefügen, zahlreichen Einschüben sowie Zeilensprüngen zwischen den Versen und Strophen, aber wenn man ein bisschen übt und streng an jedem Zeilenende eine (kleinere oder größere) Pause macht, merkt man eine nachhaltige (nachhallende) rhythmische Spannung. (Wer die Form nicht gewöhnt ist, könnte zu einer kleinen Übung greifen und hintereinander die letzte Zeile aller Strophen lesen, zum Reinhören.) Mir macht das heute noch genausoviel Spaß wie beim ersten Lesen vor Jahrzehnten, seufz.

Johannes Bobrowski

ODE AUF THOMAS CHATTERTON

Mary Redcliff, rot, ein Gebirge, unter 
deinen Türmen, unter der Simse Wirrung 
und den Wänden, steilem Geschneid der Bögen, 
träufend von Schatten ...

aufwuchs hier das Kind, mit dem Wort allein wie 
mit den Händen, ratlos; ein Nächtewandler 
oft: der stand auf hangender Brüstung, schaute 
blind auf die Stadt hin,

schwer vom Monde, wo sich ein Gräber mühte 
seufzend im Gelände der Toten –, rief die 
hingesunkne Zeit mit verblichnen Namen.
Ach, sie erwachte

nie doch, da er ging, in der Freunde Stimmen 
Welt zu finden, in seiner Mädchen sanfter 
Schläfenschmiegung, da er in schmalen Stuben 
lehnte das Haupt hin.

Nie mehr nahte, da er es rief, das Alte.
Nur der Zweifel, einziges Echo, flog im 
Stiegenknarren stäubend, im Klang der Turmuhr 
eulenweich auf nur.

Hinzusprechen: daß er verging so, seine 
dämmervollen Lieder – Wir zerren immer, 
täglich ein Undenkliches her, doch was wir 
hatten der Zeit an,

immer gilt's ein Weniges, das Geringste, 
den und jenen rührend: dann einmal ist's ein 
Baum, ergrünt, ein zweigendes, tausendfaches, 
rauschendes Laubdach;

Schatten wohnt darunter –, der schattet nicht die 
schmale Spur Verzweiflung: dahingefahren, 
falber Blitz, wo kaum ein Gewölk stand, in die 
Bläue gekräuselt,

über jener Stadt, die in Ängsten hinfuhr, 
Bristol, da der Knabe gesungen, draußen 
an dem Avon, wo ihn der Wiesentau noch, 
endlos noch kannte.

Ach, die Eulenschwingen der Kindheit über 
seinen Schritten, da er in fremden Straßen, 
bei der Brücke fand unter wind'gem Dach ein 
jähes Umarmen

und den Tod; der kam wie ein Teetrunk bläßlich, 
stand am Tisch, in raschelnde Blätter legend, 
auf die Schrift den knöchernen Finger, «Rowley» 
las er, «Aella».

Das Gedicht entstand am 9.4.1955, es erschien in Bobrowskis zweitem Gedichtband, Schattenland Ströme (1962/63). Aus: Johannes Bobrowski, Die Gedichte (Gesammelte Werke Bd. I). Berlin: Union Verlag, 1987, S. 103.

Aktstudie

José Saramago 

(* 16. November 1922 in Azinhaga, Portugal; † 18. Juni 2010 in Tías auf Lanzarote)

Aktstudie

Diese Linie, die von deinen Schultern ausgeht, 
Die sich fortsetzt im Arm, dann in der Hand, 
Diese sich treffenden Zwillingskreise, 
Deren Mitte sich zu Kegeln formt, 
Welche spitz erhoben den Lippen zustreben, 
Die sich verlangend von den deinen lösten.

Diese zwei sich in der Wellenbiegung 
Der Taille verjüngenden Parabeln, 
Die kallipygischen Rundungen, die das Risiko 
Verdrehter Wirbelsäulen überlagern:
Warme Schenkel mit verlockenden Linien, 
Spirale, die sich ohne Ende dreht.

Dieses Nichts einer Kurve, die auf deinem Leib 
Einen ruhenden Bogen zeichnet, 
Dieses Dreieck aus schimmernder Dunkelheit, 
Weg und Siegel der Tür zu deinem Körper, 
Wo sich die Aktstudie, die ich erstelle, 
Nun in ein fertiges Bild verwandelt.

Deutsch von Niki Graça, aus: José Saramago, Über die Liebe und das Meer. Gedichte. Aus dem Portugiesischen von Niki Graça. Hamburg: Hoffmann & Campe, 2011, S. 29

Niemand verlässt sein Zuhause, es sei denn

Warsan Shire (Somali Warsan Shireh, arabisch ورسان شرى), somalisch-britische Autorin, geboren am 1. August 1988 in Kenia von somalischen Eltern, mit denen sie im Alter von 1 Jahr nach Großbritannien kam.

Aus: Zuhause

I

Niemand verlässt sein Zuhause, es sei denn Zuhause ist das Maul eines Haifischs. Du rennst nur Richtung Grenze, wenn du die ganze Stadt rennen siehst. Der Junge, mit dem du zur Schule gingst, der dich hinter der alten Dosenfabrik schwindelig geküsst hat, hält ein Gewehr in der Hand, das größer ist als er selbst. Du verlässt dein Zuhause nur, wenn Zuhause dich nicht bleiben lässt.

Niemand würde sein Zuhause verlassen, es sei denn Zuhause jagt dich davon. Du hast nie daran gedacht, es zu tun, als du es dennoch tust, trägst du die Hymne in deinen Atemzügen, und wartest bis zur Flughafentoilette, um den Pass zu zerreißen und hinunter zu schlucken, und jeder traurige Bissen macht dir bewusst, dass du nicht zurückkehren wirst.

Niemand setzt seine Kinder in ein Boot, es sei denn das Wasser ist sicherer als das Land. Niemand würde freiwillig Tage und Nächte im Bauch eines Lastwagens verbringen, es sei denn die zurückgelegten Meilen bedeuten mehr als nur eine Reise.

(…)

II

Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Wo ich herkomme, verschwindet. Ich bin nicht willkommen. Meine Schönheit ist hier keine Schönheit. Mein Körper brennt vor Scham, nicht dazuzugehören, mein Körper sehnt sich. Ich bin die Sünde der Erinnerung und die Abwesenheit von Erinnerung. Ich schaue die Nachrichten und mein Mund wird ein Waschbecken voll Blut. Die Warteschlangen, Formulare, Menschen hinter Schreibtischen, Telefonkarten, Einwanderungsbeamten, die Blicke auf den Straßen, die Kälte, die sich tief in meinen Knochen festsetzt, die Englischkurse am Abend, die Entfernung von zu Hause. Alhamdulillah*, all das ist besser als der Geruch einer lodernd brennenden Frau, einer Wagenladung voller Männer, die wie mein Vater aussehen – und mir die Zähne und Nägel ausreißen. All diese Männer zwischen meinen Beinen, ein Gewehr, ein Versprechen, eine Lüge, sein Name, seine Flagge, seine Sprache, sein Geschlecht in meinem Mund.

* ) Lob sei Gott

Aus dem Englischen von Mirjam Nuenning, aus: Warsan Shire: Haus Feuer Körper. Bless the Daughter Raised by a Voice in Her Head. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe Englisch-Deutsch. Aus dem Englischen von Muna AnNisa Aikins, Mirjam Nuenning und Hans Jürgen Balmes. Mit einem Nachwort von Sharon Dodua Otoo. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2022, S. 22ff

HOME

I

No one leaves home unless home is the mouth of a shark. You only run for the border when you see the whole city running as well. The boy you went to school with, who kissed you dizzy behind the old tin factory, is holding a gun bigger than his body. You only leave home when home wont let you stay.

No one would leave home unless home chased you. Its not something you ever thought about doing, so when you did, you carried the anthem under your breath, waiting until the airport toilet to tear up the passport and swallow, each moumful mouthful making it clear you would not be going back.

No one puts their children in a boat, unless the water is safer than the land. No one would choose days and nights in the stomach of a truck, unless the miles travelled meant something more than joumey.

(…)

II

I don’t know where I’m going. Where I came from is disappearing. I am unwelcome. My beauty is not beauty here. My body is burning with the shame of not belonging, my body is longing. I am the sin of memory and the absence of memory. I watch the news and my mouth becomes a sink full of blood. The lines, forms, people at the desks, calling cards, immigration officers, the looks on the Street, the cold settling deep into my bones, the English classes at night, the distance I am from home. Alhamdulillah, all of this is better than the scent of a woman completely on fire, a truckload of men who look like my father—pulling out my teeth and nails. All these men between my legs, a gun, a promise, a lie, his name, his flag, his language, his manhood in my mouth.

Die Feder kritzelt

Friedrich Nietzsche 

(* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar) 

Die Feder kritzelt: Hölle das!
Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? –
So greif ich kühn zum Tintenfaß
Und schreib mit dicken Tintenflüssen.
Wie läuft das hin, so voll, so breit!
Wie glückt mir alles, wie ich's treibe!
Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit –
Was tut's? Wer liest denn, was ich schreibe?

Aus: Friedrich Nietzsche, Gedichte. Mit einem Nachwort herausgegeben von Jost Hermand. Stuttgart: Reclam, 1964, S. 63

Unbequemer Zeuge

Grzegorz Wróblewski

HERRN CULLENS GESCHICHTE

Herr Cullen aus Texas, USA, hat einen Baum ermordet.
Er goss vier Liter starkes Gift auf eine historische Eiche in Austin,
unter der 1836 Weiße den Roten die Hand schüttelten. Paul Cullen 
wird 9 lange Jahre im Gefängnis verbringen, aber seine Arbeit ist erledigt,
er hat es hervorragend gemacht: Er hat den letzten, unbequemen Zeugen getötet!

Übersetzung aus dem Polnischen vom Autor

WYPAD PANA CULLENA

Pan Cullen ze stanu Texas w USA zamordował drzewo.
Wylał cztery litry silnej trucizny na historyczny dąb z Austin,
pod którym w 1836 roku biali podali rękę czerwonym.
Paul Cullen spędzi w więzieniu 9 długich lat, ale swoje zadanie
wykonał na medal: zabił ostatniego, niewygodnego świadka!

Grzegorz Wróblewski wurde 1962 in Danzig, Polen, geboren. Seit 1985 lebt er in Kopenhagen, Dänemark. Er ist Schriftsteller (Lyrik/Prosa/Essays/Dramen) und bildender Künstler. Er veröffentlichte viele Bücher in Polen. Seine Werke wurden in Dutzende Sprachen übersetzt. Auf Deutsch wurden seine Gedichte in den Anthologien „ZWISCHEN DEN LINIEN. Eine polnische Anthologie“ (Postskriptum Verlag, Hannover 1996) und in der Anthologie „Polnische Poesie nach der Wende – Generation ’89“ (Hamburg 2008) präsentiert. 2007 wurden die Gemälde von Grzegorz Wróblewski auf der deutschen Gemeinschaftsausstellung „NORD ART“ präsentiert.

Reisig

Sasha Petruk

Volkslied

Reisig warst du 
ich sah dich im Sand

Die Reiter der Steppen 
sprengten darob

Die Himmel der Erden 
hielten sich ob

Ein Blau war ein Blau 
war ein Blau wie der Wind

Wie Reisig mein Kind 
wir immer noch sind

Aus: Sasha Petruk, Abecedarium eines verlorenen Alphabets. Dortmund edition offenes feld, 2023, S. 65

Sasha Petruk, geboren 1967 in Brody, studierte Germanistik und Polonistik in Lwiw und Szczecin. Sie lebt heute in Berlin. Verschiedene Einzelveröffentlichungen in Zeitschriften und im Internet. Das »Abecedarium« ist ihr Debütband.

Der setzt die Maske auf. Der setzt sie ab.

Peter Härtling 

(* 13. November 1933 in Chemnitz; † 10. Juli 2017 in Rüsselsheim am Main)

ZWEI TRAUMFIGUREN

Der setzt die Maske auf. Der setzt sie ab.
Der spricht, wenn andre schweigen.
Der wohnt in alten Geigen.
Der gräbt sich selbst sein Grab.

Der flüstert sich zwei Augen hin.
Der einen Berg, den keiner zwingt.
Der streicht sich Silber an das Kinn, 
das (wenn ers schlägt) wie Zymbeln klingt.

Es könnte sein, wenn du nach ihnen fragst –
sie sind nicht da, sie werden es nicht sein:
Der eine wechselte das Sein mit Schein, 
der andre starb an Dingen, die du sagst.

Aus: Peter Härtling, Ausgewählte Gedichte 1953-1979. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1979. 6. Aufl. 1985, S. 43f

Lektion für Baby

Gertrude Stein 

(* 3. Februar 1874 in Allegheny West in Pittsburgh, Pennsylvania; † 27. Juli 1946 in Neuilly-sur-Seine bei Paris)

A Lesson For Baby

What is milk. Milk is a mouth. What is a mouth.
Sweet. What is sweet. Baby.
A lesson for baby.
What is a mixture. Good all the time 
Who is good all the time. I wonder.
A lesson for baby.
What is a melon. A little round.
Who is a little round. Baby.
Mundartliche Fassung von Ernst Jandl

soxn baby

wos is a müch. a müch is a mund. wos is a mund. 
siass. wos is siass. s baby.
soxn baby.
wos is a gmisch. imma guat 
wer 's imma guat. ka r aunung.
soxn baby.
wos is a melone. wos runz. 
wer is wos runz. s baby.

soxn: sag es dem
Fassung von Norbert Hummelt

Lektion für Knilch

Was ist Milch. Die Milch ist ein Mund. Was ist Mund.
Süß. Was ist süß. Knilch.
Lektion für Knilch.
Was für Gemüs. Allzeit gesund 
Wer ist allzeit gesund. Ich frage Milch.
Lektion für Knilch.
Was ist Melone. Bißchen rund.
Wer bißchen rund. Knilch.

Aus: Gertrude Stein, Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Hrsg. Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer. Zürich: Arche, 1993, S. 54, 55, 57.

Umfangreiche Bibliografie in Lyrikwiki

Das mit dem Darwin

Wilhelm Busch 

(* 14. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen) 

Sie stritten sich beim Wein herum, 
Was das nun wieder wäre;
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm 
Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus, 
Sie stolperten aus den Türen, 
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren.

Aus: Die komischen Deutschen. 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren. Ausgewählt von Steffen Jacobs. Frankfurt/Main: Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins, 2004, S. 759

Nichts das dir gehört

Eduard Escoffet

(Geboren 1979, katalanischer Lyriker und Performancekünstler)

der bahnhof

es gibt nichts, das dir gehört. 
es gibt weder licht noch gibt es dunkelheit. 
es gibt weder eingrenzung noch schwerkraft. 
es gibt nichts außerhalb deiner wahrnehmung. 
es gibt weder himmelszelt noch ein schlichtes plasma. 
es gibt niemand, der die richtige information hat. 
es gibt niemand, der so viele stunden zu verlieren hat. 
es gibt kein isoliertes teilchen, das so viele theorie-artikel begründen kann. 
es gibt keinen tanz, der dich überlebt.
es gibt keine verlorenen oder abhanden gekommene stunden. 
es gibt keine verfügbaren plätze.
es gibt keine zu zahlenden rechnungen, nur lästige leute.
es gibt keine bestimmten artikel für so viel wirklichkeit – dies derart
                                                  nicht-existierende ding.
es gibt keine gleiche wiederholung, es gibt keinen blick, der dem widersteht. 
es gibt kein licht und es gibt keine dunkelheit. 
es gibt nichts außerhalb deiner enttäuschung 
es gibt kein außen und kein danach.
es gibt nichts, das dich denken lässt, dass das hier nicht weitergeht.
es gibt auch keine auswege.
es gibt nicht den ausdruck auch nicht.
es gibt niemand, der bereit ist, dir zu sagen, dass das licht, falls es das
                  gibt, nicht stinkt, aber trotzdem ebenfalls verwest.
es gibt keine kehre des gedichts, die einen wechsel der landschaft ankündigt. 
es gibt nicht eine kraft, die dich anschiebt. 
es gibt nicht eine stimme, die aus dir herauskommt. 
es gibt nicht einen satz, der so sehr dein und so bestimmt ist, dass er
                                             schatten gibt und licht.
es gibt nicht viel mehr als einen rollstuhl.
es gibt niemand hier, der gemerkt hätte, dass robert watt schweine zählt am
                                                        ende dieses verses.
es gibt niemand, der bereit wäre, dir zu sagen, dass jetzt noch eine kehre kommt. 
es gibt niemand, der daran gedacht hat.
es gibt keine handlungsweise und es gibt keinen handel. 
es gibt weder haus noch wege.
es gibt nicht einmal zufall; bestenfalls, großzügig ausgelegt, atem. 
es gibt keine gewissheit darüber, was die luft spürt, wenn sie unser fleisch
                             durchdringt.
es gibt keine traurige seele, die sagen kann, ohne sich vom wirklichen zu
                             entfernen.
es gibt nichts, das dir gehört
und es gibt nichts, das den nächsten bahnhof ankündigt. 
es gibt nichts. auch keinen bahnhof. auch nicht das, was – jetzt gerade –
                             in deinem kopf schwebt.
l'estacio

no hi ha res que et pertanyi.
no hi ha llum ni hi ha foscor. 
no hi ha contenció ni gravetat.
no hi ha res fora de la teva percepció.
no hi ha ni volta celeste o un simple plasma. 
no hi ha ningú que tingui la informació correcta.
no hi ha ningú amb tantes hores per perdre.
no hi ha cap partícula segregada que pugui sostenir tants articles teòrics.
no hi ha cap dansa que et sobrevisqui.
no hi ha hores perdudes o extraviades.
no hi ha places disponibles.
no hi ha rebuts per pagar, només gent pesada.
no hi ha articles determinats per a tanta realitat — allò tan inexistent.
no hi ha cap repetició igual, no hi ha mirada que s'hi resisteixi.
no hi ha llum ni hi ha foscor.
no hi ha res fora de la teva decepció.
no hi ha cap fora ni cap després.
no hi ha res que et faci pensar que això no continuarà.
no hi ha tampoc escapatòria.
no hi ha la paraula tampoc.
no hi ha ningú disposat a dir-te que la llum, si n'hi ha, no put però tanmateix
                                           es descompon, també.
no hi ha cap revolt del poema que anunciï un canvi de paisatge.
no hi ha una força que t'empeny.
no hi ha una veu que surt de tu.
no hi ha una frase tan teva i tan ferma que fa ombra i fa llum.
no hi ha gaire més que una cadira de rodes.
no hi ha ningú, aquí, que s'hagi adonat que robert watt compta marrans 
                                           al final d'aquest vers.
no hi ha ningú disposat a dir-te que ara ve un altre revolt.
no hi ha ningú que hi hagi pensat. 
no hi ha gerència i no hi ha agència.
no hi ha casa ni camins.
no hi ha ni atzar; potser alè, a tot estirar.
no hi ha cap constància del que sent l'aire quan ens travessa la carn. 
no hi ha cap ànima trista que pugui dir sense allunyar-se del real.
no hi ha res que et pertanyi 
i no hi ha res que anunciï la pròxima estació.
no hi ha res. ni estació. ni això que sura —ara mateix— en el teu cap.

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. Aus: Park. Zeitschrift für neue Literatur. Heft 75, November 2023, S. 78-81 (aus einem Abschnitt: Gegenwartslyrik aus Katalonien).

Nicht im Gedicht!

Thomas Luthardt

(* 15. August 1950 in Potsdam)

Mitteldeutsches Lektoratsgespräch

Ein Gedicht, erfahre ich, 
Ist der Ort nicht, Samen zu verspritzen, 
Zu sprechen von harten Dingen ...
Die nimmt man(n) nicht in den Mund, 
Geschweige einen Vers!
Wir, heulen die Getroffenen, 
Waschen unsere Scham in Unschuld!
Wer dem, der hellsten Verses 
Feiert seine reine Geilheit 
Ein Gramm Papier gewährt, 
Soll das Geschlecht vertrocknen –
Das walte der Verlag

Aus: Poesiealbum 378. Thomas Luthardt. Auswahl von Axel Schock. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 15

Klagen für die Gefallenen

Jehuda Amichai 

(hebräisch יְהוּדָה עַמִּיחַי Jəhūdah ʿAmmīchaj; * 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; eigentlich Ludwig Pfeuffer, 1946 Namensänderung zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)

Sieben Klagen für die Gefallenen

4

Ich stieß auf ein altes Zoologiebuch, 
Brehm, Band II, Vögel:
In süßer Sprache eine Beschreibung vom Leben der Stare,
    Drosseln und Schwalben.
Mit Fehlern, aber mit viel Liebe, stand in alten gotischen
    Lettern:
»Unsere gefiederten Freunde« wandern von uns in wärmere
    Länder. Nest,
gesprenkeltes Ei, dünnes Federkleid, Nachtigall, 
Storch, »Boten des Frühlings«, Rotkehlchen.

Erscheinungsjahr: 1913, Deutschland, 
am Vorabend des Krieges, der Vorabend meiner Kriege war.
Mein guter Freund, der in meinen Armen starb, 
in seinem Blut, am Strand von Ashdod im Juni 1948.

O mein Freund,
Rotkehlchen.
5

Dicky wurde getroffen 
wie der Wasserturm von Jad Mordechai.
Getroffen. Ein Loch im Bauch. Alles 
kam herausgeflossen.

Aber er blieb so stehen 
in der Landschaft meines Erinnerns, 
wie der Wasserturm von Jad Mordechai.

Er fiel nicht weit von hier, 
ein bisschen nördlich von Chuleikat.

Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 53f

Wie bin ich vorgespannt

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York) 

Leid

Wie bin ich vorgespannt 
den Kohlenwagen meiner Trauer! 
Widrig wie eine Spinne 
bekriecht mich die Zeit. 
Fällt mein Haar, 
ergraut mein Haupt zum Feld, 
darüber der letzte 
Schnitter sichelt. 
Schlaf umdunkelt mein Gebein. 
Im Traum schon starb ich, 
Gras schoß aus meinem Schädel, 
aus schwarzer Erde war mein Kopf.

Aus: Versensporn 55. Albert Ehrenstein. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 8.

Der Wille zum Gedicht

Papenfußserie #7. Nach tiské (1991) erschien mit nunft ein zweites (und letztes) Buch von Bert Papenfuß beim Göttinger Steidl-Verlag. Es sind eigentlich zwei Bücher: Während auf etwa 70 Seiten Gedichte und Zeichnungen aufeinander folgen, stehen am unteren Rand in gedrängtem Layout weitere 26 römisch nummerierte Texte, die nur teilweise von Papenfuß sind. Text I zum Beispiel beginnt flott daktylisch so: „Hurtig ihr Lendiger, hurtig ihr Brüder / die ihr viel Jahre in eurem Geflieder / habt viel Gallen und manches Gefahr / emsig durchstromt bey Paßgehender Schaar.“ Es ist ein Gedicht von Wenzel Scherffer von 1657, gemischt „Teutsch“ mit „Feld- oder Rotwälsch“.

Das „eigentliche“ Buch besteht aus drei Zyklen, noxe, pathognosis und nunft. Hier ein kurzes Gedicht aus dem mittleren Zyklus.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

DER WILLE ZUM GEDICHT bricht 
sich bahn, 
              kollege kommt gleich
zu den waffen

ergossend ersah ich 
zartsächlichkeit im tümeleitaumel

sexlichkeit ist eine zier

         ich schreibe so laut ich kann 
     aber es ist dunkel
& mich labt angst

Aus: Bert Papenfuß-Gorek, NUNFT. FKK / IM. endart . novemberklub. Göttingen: Steidl, 1992, S. 29

Dem Buch liegt eine CD bei mit den 26 Neben- oder Untertexten, gesungen vom „Novemberklub (Musikalischer Arm der LAF)“.

Andre werden jeden Tag gedruckt

Theodor Kramer 

(* 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien)

Andre

Mählich wird's im kahlen Zimmer trüber, 
und in meinen Knochen nagt der Fraß; 
andre gehen draußen rasch vorüber, 
andre liegen im betauten Gras.

Wüst im Spiegel bin ich anzuschauen 
und die Winkel schneiden scharf sich ein; 
andre scherzen im Café mit Frauen, 
andre trinken ihren Stutzen Wein.

Sparsam füg ich in beschwingte Zeilen, 
was durch mich bis an mein Ende zuckt; 
andre können lang im Wort verweilen, 
andre werden jeden Tag gedruckt.

Aus: Theodor Kramer, Gesammelte Gedichte, Bd. 3. Hrsg. Erwin Chvojka. Wien: Europa Verlag, 1987, S. 518