Von Jean Paul und Richard Wagner sind Zitate überliefert*, die sich besonders für den hautnahen Gebrauch eignen: “Die Tat ist die Zunge des Herzens” (Jean Paul) oder auch “Es gibt ein Glück, das ohne Reu!” (Richard Wagner). / Der neue Wiesentbote
*) Naja, es sind auch Bücher überliefert, aber wer kann schon ein ganzes Buch als Tattoo bezahlen? Wär aber ne neuartige Leseerfahrung. „Ich bin grad im 27. Kapitel, nicht bewegen“.
Eine fast schicksalhafte Dramaturgie will es, dass zeitgleich ein zweiter chinesischer Autor in unser Blickfeld gerückt ist: Liao Yiwu wird am Sonntag in der Paulskirche mit dem hohen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt und ist so ziemlich das genaue Gegenteil vom diesjährigen Nobelpreisträger. Berühmt wurde er mit seinem Langgedicht „Massaker“, das er wenige Stunden nach der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 schrieb.
Verse mit katastrophalen Folgen für den Dichter: Er wird wegen „konterrevolutionärer Propaganda und Aufwiegelung“ zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt; er wird gefoltert und misshandelt. Zwei Selbstmordversuche unternimmt er. Später wird er sagen, dass man nicht als Mensch überleben konnte, allenfalls als Schwein oder als Hund. Und dann habe man sich eben dazu entschlossen, „kein Mensch mehr zu sein“. In diesen Tagen erscheint von Yiwu – er lebt inzwischen in Deutschland – das Buch „Die Kugel und das Opium“, Interviews mit Augenzeugen des Massakers von damals.
Und dagegen nun sein Landsmann Mo Yan, den die augurenhaften britischen Buchmacher immerhin auf Platz zwei aller Kandidaten handelten, der aber in Deutschland mit bisher kleinen Auflagen keine breite Leserschaft finden konnte. Das wird sich bald ändern, wie sein Verleger Lucien Leistess vom Züricher Unionsverlag aus eigener Erfahrung mit dem ägyptischen Nobelpreisträger Nagib Mahfuz weiß: „In drei Jahren habe ich von ihm 300 Exemplare verkauft. Und nach dem Nobelpreis 30 000 in drei Minuten.“ / Lothar Schröder, Rheinische Post
Sam Hunt (66) ist Dichter. Er ist sogar so etwas wie Neuseelands inoffizieller Nationaldichter. Kein anderer Poet erreicht mit seinen Gedichten eine derartige Popularität in dem südpazifischen Inselstaat. Das liegt vor allem an diesen Dingen: In Hunts Zeilen schwingt immer die Sehnsucht mit, die ein Neuseeländer im ständigen Angesicht der Natur verspürt. Es ist die Poesie des vagabundierenden Provinzneuseeländers, der ständig „on the road“ ist. Auf der Suche nach dem Meer, nach der Einsamkeit, nach der Liebe oder nach sich selbst. Hunts Gedichte, die eher Songs gleichen als üblichen Gedichten, sind eng verwoben mit der neuseeländischen Landschaft und Seele. „A man can only find himself when lost. Such country, this, where all men are lonely: plateau, hawk and rivermist.“
Dass manche Kritiker sein Dichtwerk als „zu pathetisch“ oder „kitschig“ beschreiben, passt ins Hunt’sche Gefühlsprogramm. Zudem: Hunts schweißtreibende Auftritte sind legendär. Er zelebriert seine Gedichte, vor allem in den kleinen Pubs, die sich überall im Land finden. Wie ein schamanenhafter Bluessänger, der die Seele der Poesie mit seiner whiskyrauen Stimme gekonnt hervorkitzelt. „Tell the story, tell it true – charm it crazy“, ist sein Motto. (…)
Hunt ist ein Troubadour, ein Hippie, und vor allem ein Anarchist, der heute anerkannt ist, der sich aber in den puritanisch-konservativen Zeiten der neuseeländischen 1960er- und Siebzigerjahre an der Gesellschaft und an der akademischen Poesie abrieb, die ihn erst in den vergangenen Jahren in ihren Kanon aufgenommen hat. / Ingo Petz, Der Standard
Worte wirken. Das wissen die Poesie- und Bibliotherapeuten. Sie kennen die Kraft des geschriebenen und gesprochenen Wortes und haben sie zu ihrem Beruf gemacht. Die Mitglieder der 1984 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie (DGPB) arbeiten in den verschiedensten Berufsfeldern: in öffentlichen Einrichtungen, Selbsthilfegruppen, Kliniken und Praxen, in der Seelsorge und vor allem in Schreib- und Literaturwerkstätten. / Dorothee Harbers, Westfälische Nachrichten
Von Christiane Kiesow (Greifswald)
Bin ich der treueste Leser Klavkis oder nur der verbissenste? Weder das eine noch das andere
ist schmeichelhaft. Aller Wahrscheinlichkeit nach entspreche ich nicht seinem Idealbild:
zu dick für Literatur, gern mein Innerstes mit seinen Texten auslüftend, in das die Motten gekommen sind, geradezu pathetisch parasitär. Und doch – ich kenne keinen, der ihn so ernst nahm, dass er sich auf die Suche nach dem Wolkenhändler gemacht hätte. Meine Reise dauerte zwei Jahre an. (Und letztlich ist das Reiseziel ein Ort, der bequem per Fuß zu erreichen ist.) Was ich fand, waren eine Handvoll Menschen und eine alarmierend lange Autorenliste.
Das ist übrigens auch einer der Vorteile Klavkis: liest Du ihn, liest Du viele.
Man braucht Czechowski nicht zu kennen oder Arnfrid Astel, um sie zitieren zu können.
Ein netter Nebeneffekt. Mittlerweile habe ich mich etwas müde gelesen. Und obwohl er sich immer dagegen gewehrt hat,
wird auch Klavki Opfer seiner Schriftkritik. Denn die Erzeugnisse stehen wie lebendig da, wenn du sie aber etwas fragst, schweigen sie sehr vornehm. So wurde es höchste Zeit, dass die alten Dateiordner gelüftet wurden und sich seine Freunde sammelten, ein paar Ersatzzungen und Lügenlippen, um sein Erbe anzutreten. Es gilt zu bedenken:
sein 40. Geburtstag ist nur ein Anlass,
es hätte auch ein anderer sein können.
Mein Dank gilt ganz besonders Jörg Meyer (ögyr), Nils Aulike und Kathrin Wortmann, dass sie es uns möglich machten:
schwungkunst.de/klavki/klavki_fundus/klavki_hommage_121004/
Die Übersetzung der Prosagedichte von Aloysius Bertrand, die 2011 bei Reinecke & Voß erschien, wurde von der Zeitschrift La Giroflée, die von der „Association pour la mémoire d‘ Aloysius Bertrand“ herausgegeben wird, in ihrer Nummer 4 vermeldet:
Nous avons le plaisir d’apprendre qu’une nouvelle traduction de Gaspard de la Nuit en allemand, suivie d’une substantielle postface de Jürgen Buchmann, est parue en 2011 aux éditions Reinecke & Voss à Leipzig.
Dieses in der Tat substantielle Nachwort über Bertrands Poetologie wurde in der soeben erschienenen Nummer 5 in französischer Übersetzung nachgedruckt.
Die Veranstaltung Le Printemps des Poètes (Frühling der Poeten), die jedes Jahr im März in Frankreich zahlreiche Besucher anzieht, soll 40% ihrer staatlichen Zuschüsse verlieren, nämlich 60.000 €, berichtet Le Monde.
Ein Leser kommentiert: „Die Privatausstellung am Quai d’Orsay zum Vergnügen unseres großmächtigen Außenministers, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, kostet laut Canard Enchaine 80 000 €.“
Im November veröffentlicht die schwedische Rock-Band Mando Diao ihr erstes Album seit 2009. Doch wer den klassischen Sound der Jungs erwartet, der wird überrascht sein. Mando Diao haben sich für ein Album auf schwedisch entschieden, das noch dazu auf berühmten schwedischen Gedichten basiert.
(…)
Die Idee für „Infruset“ kam Gustaf, als er Gedichte des Poeten Gustaf Fröding vertonen musste – die ganze Band war von der Poesie des Dichters fasziniert. Zusammen mit dem Produzenten Björn Olsson nahmen die Jungs ein Album mit den gefühlvollsten Balladen Schwedens auf. / WAZ
Warum überhaupt eine Elegie? „[W]as wollen wir von Elegien, außer sie näher / kennenlernen, ihren Kajal umkurven, voller Empathie“, fragt (ohne Fragezeichen) das lyrische Wir, das an wenigen Stellen von einem lyrischen Ich abgelöst wird, das aber ungreifbar bleibt: „Ich, weißt du wer das ist?“
Es scheint Cotten zunächst einmal darum zu gehen, die Tauglichkeit der Form zu prüfen. Rilke, Brecht haben im vergangenen Jahrhundert Elegien geschrieben, vielleicht lässt sich mit der alten Tante ja was anfangen. Cotten wählt einen guten Ansatz, um dem klassischen Modell Leben einzuhauchen: Sie nähert sich ihm ohne Scheu, respektlos, ein bisschen rotzig, sie befragt es, und sie befragt uns, die wir es lesen: „Glaubt ihr, was ich da sage? Kann man euch jeden / letzten Scheiß in diesem angedeuteten Metrum einidrucken?“ (Wobei das österreichische „eini“ für „hinein“ und „drucken“ für „drücken“ steht, der Ausdruck also als „reindrücken“ zu lesen ist.) Einige Verse darunter eine weitere Frage, die einen schrecklichen klaustrophobischen Verdacht formuliert: „Kann man etwa vielleicht nur Fragen stellen in Elegien?“ Wenn die Form so eng ist, muss sie weiter gemacht werden. „Flegeln in Elegien“ wird als Losung ausgegeben.
Ein Charakteristikum der Elegie wird am Schluss des ersten Kapitels benannt: Sie sei „[b]estechend in ihrer Geschwätzigkeit, die sich aus einer Trauer / heraushebt.“ Das Motiv wird im dritten Kapitel aufgegriffen: „Sind wir geschwätzig? Dann lass die Geschwätzigkeit nützen! / Druckerpatrone, sei wie Ambrosia! […].“ Nun ist Das Pferd nicht gerade ein trauriges Büchlein, es hat Witz (nicht schenkelklopfend, nur unmerklich die Lippen verziehend), und es hat Grips, beiläufig, wie zum Spaß, oder wie um den Spaß nicht zu verderben. (…)
Hingegen spricht aus manchen Versen der Geist der Revolte. So überlegt das lyrische Wir, „was […] auf die Feuermauern geschrieben gehörte.“ Die Gattungsbezeichnung „Elegie“ wird bald verworfen und durch „Kampfschrift“ ersetzt, das Wort „Revolution“ blitzt auf, „ne heiße Botschaft von Marianne“ wird imaginiert – Marianne, die Freiheitsgestalt, Personifikation der französischen Republik (die berühmteste Darstellung jene von Delacroix, „La liberté guidant le peuple“, 1830 [Die Freiheit führt das Volk an]). Auch die „Locken“ scheinen ihre aufmüpfige Bedeutung zu haben. / Meinolf Reul, lyrikkritik.de über
Ann Cotten, Das Pferd. Elegie. 20 Seiten, geheftet. Mit einer [Umschlag-]Zeichnung der Autorin. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2009. 1,00 Euro (Reihe „Schöner Lesen“, Nr. 84). Der Band ist zum Preis von 0,99 Euro auch als E-Book erhältlich.
… zugleich etwas über Füllworte
»Die Kritik der Stimmung ist die Voraussetzung aller Kritik«, sagt Linus Westheuser. Dann rollt eine Leseshow ab, die das Lyrikkollektiv G13 passend zum Erscheinen des Gruppenbuchs 40% Paradies und zur zugehörigen Städtetour inszeniert haben. Es geht nach Kiel, Köln, Karlsruhe unter anderem, vorerst aber zum Heimspiel in die Literaturwerkstatt Berlin, der Stadt und Stätte, in der sich die junge Literatur traditionsgemäß am besten wider- und gegenbefruchtet. Halbfertiges mutet hier allein durch Eventisierung arriviert an. Der Saal ist voll, die Erwartungen gemischt.
Zwölf von vierzehn Jungdichtern* sitzen wie ein gespiegeltes Publikum auf der Bühne und tragen ihre Lyrik chorisch, überlappend, gegengeschnitten vor, sodass man nicht entscheiden kann, welches Fragment welchem Urheber zuzuschreiben ist. Das Prinzip wird über die Dauer des gesamten Vortrags durchgehalten, und wenn man den einen oder anderen später nach seinem Namen fragt, sagt er: »ich bin G13.« Erst in der bei Luxbooks erschienenen Anthologie steht die Eitelkeit des einzelnen über dem Gefühl des Kollektivs und jedem Gedicht ist ein Name beigegeben. Das kann man für inkonsequent halten oder für eine erste Hilfe, wenn man sich eben doch für mehr als den angleichenden Ton einer ganzen Gruppe interessiert, sondern für die Stimme individueller, stärkerer Schreiber.
Der Ton, der auch nach Auflösung des polyphon Gesprochenen zugunsten einzelner, mehr unterscheidbarer Passagen anhält, ist ein durch Poetry-Slam-Rhythmen etablierter, der die Stimme gegen Ende jeden Verses nach oben zieht und leicht macht, oft geradezu mädchenhaft, auch bei den Herren. Bas Böttcher ist als eines der frühen Vorbilder für diesen Duktus zu nennen, auch wenn die G13er insgesamt wenig gemein haben mit ihm und man bei deutlicher akzentuierenden Sprechern an diesem Abend, etwa Can Pestanli, eher an von Schauspielern überinterpretierte Lyrik denken mag.
Einzelne Texte, seien sie nun von Tristan Marquardt, Linus Westheuser erdichtet oder bloß gesprochen, stechen aus dem klanglichen Einerlei heraus, einmal, weil Westheuser imstande ist, natürlich zu betonen, andererseits weil die entsprechenden Poeme selbst über längere Distanzen Füllfloskeln** oder allzu Kitschiges vermeiden. / Crauss, Kritische Ausgabe
*) Jungdichter, mädchenhaft… sind so Klischeewörter, mit denen sich gut fuchteln läßt. Schließlich hat sich der Rezensent wie das Publikum gut unterhalten, weiß aber im Unterschied zu diesem, was er seinem kritischen Bewußtsein oder seinem Stand schuldig ist.
**) Ich persönlich wär beim bloßen Hören eher skeptisch, wenn ich den Eindruck von Kitsch und so hätte – nicht weil ich das ausschließe, sondern weil ich meinem Wahrnehmungsvermögen beim akustischen Durchrauschen mißtraue. Beim Hören habe ich eine Stimmung, beim Lesen erarbeite ich mir vielleicht ein Urteil.
Da nehmen sie die Poesie noch ernst. Helmut Seethaler, der Wiener „Zettelpoet“, wird für seine für Nichtwiener harmlosen Aktionen, bei denen keine Fassaden beschädigt werden, von Justiz und „Wiener Linien“ verfolgt, was ihm 1000 Anzeigen, 1 Million abgerissener Zettel und jetzt sogar eine Haftstrafe einbringt. Und Briefe wie diesen, Walter heißt er:
Du hinicha stadt-verschmutzer!
Wenn ich di amoi life seh: gibts ane in dei blede fressn! Walter heiss ich. Dass das nur wasst! Du debb du! Pickst daham auf de scheiss zeddln. du unnetiga.
Warum kaufst du das Buch, wenn du schon die Pdf hast, fragt mich der Verleger. Ist doch ganz einfach. Die Pdf hab ich gelesen, das Buch stell ich ins Regal. Wenn es nämlich ein schönes ist. Zur Not kann mans mal verschenken. Vorm nächsten Umzug??
Überhaupt, was soll das Entweder-Oder in der Debatte? Daß ich seit über 15 Jahren Dateien sammle und seit einiger Zeit einen Reader benutze, heißt doch nicht, daß ich die Bibliothek aufgebe. Ich habe viele Dateien gesammelt, eine zweite Bibliothek, aber noch habe ich mehr Bücher in Regalen.
Acht Stunden fliegt man von Paris bis New York, zurück etwas weniger. Ich hatte den Reader im Handgepäck, und zwei Taschenbücher. Eine Flugbegleiterin kam und forderte eine junge Frau auf, den Reader zu schließen (in den Start- und Landephasen sind elektronische Geräte verboten). Ich zog eine alte Reclamausgabe von Walt Whitman heraus und las fröhlich weiter.
Der Tag des Präsidenten beginnt mit Arbeit, Sport und Dusche. Erst sieht er wichtige Papiere durch, dann geht er in den Kraftraum, schwimmt einen Kilometer und nimmt eine Wechseldusche. Erst danach gibt es Frühstück.
Das besteht aus Brei, einem Glas Wachteleier und Quark mit Honig. Den Quark liefere ihm „der Patriarch selbst“. / Rußland aktuell
Ein Moskauer Berufungsgericht hat am Mittwoch das Hafturteil gegen eine Sängerin der russischen Punkband Pussy Riot aufgehoben, die Gefängnisstrafe für die beiden anderen jedoch bestätigt, melden Agenturen.
Im Gegensatz zur europäischen Tradition sagen die Maori, dass die Geschichte vor ihnen und die – ungewisse – Zukunft noch hinter ihnen liege. Aus ihrer Sicht kann man die Zukunft nur mit Kenntnis der Vergangenheit meistern, gestützt nicht zuletzt auf die Kraft und das Mana der Vorfahren. Die Aufforderung seitens des Staates und seiner Institutionen, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich der Zukunft zuzuwenden, widerspricht grundlegenden Prämissen der Maori-Kultur und ist eigentlich nur aus der Geschichte der Kolonisierung verständlich: Als Maori-Häuptlinge 1840 den Vertrag von Waitangi unterschrieben, unterstellten sie sich dem internationalen Schutz der britischen Krone, was ihnen ermöglichen sollte, ihr Land weiterhin in eigener Regie zu nutzen und zu verwalten. Die englische Seite sah im gleichen Vertrag den Beginn der Kolonisierung, die zu grossem Landhunger einer wachsenden Zahl an Siedlern führte. / Ingrid Heermann, NZZ 6.10.
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