134. Russische klassische Moderne

Im eben zitierten Artikel spricht Olga Martynova über vergessene Autoren der klassischen russischen Moderne, von denen zur Zeit viele in Deutschland erstmals oder wieder gedruckt werden. Ich zitiere bloß mal, was sie über Lyriker darunter schreibt:

Die Novelle … ist Michail Kusmin (1872–1936) gewidmet, einem der wichtigsten und bis heute einflussreichen Lyriker der klassischen Moderne. Im Leningrad der zwanziger und dreissiger Jahre versammelte er jüngere Künstler um sich, die nicht der sozialistisch realistischen Ästhetik folgen wollten, darunter auch Wsewolod Petrow, den künftigen renommierten Kunsthistoriker. (…)

Und es gibt immer noch vieles, das der Entdeckung harrt. Die Dichterin Anna Radlowa (1892–1949) etwa, die wie Wsewolod Petrow nach der Revolution zum Kreis von Michail Kusmin gehörte. Sergei Prokofjew beschreibt in seinem Tagebuch, wie er Kusmin im Haus von Anna Radlowa und ihrem Mann, dem berühmten Regisseur Sergei Radlow, traf und sich angesichts der ärmlichen Kleidung des Dichters für seinen Pariser Mantel mit seidenem Futter zu schämen begann. Radlowa schrieb Ende der dreissiger Jahre «Powest über Tatarinova», das von der rätselhaftesten aller russischen Sekten, den Kastraten, erzählt. (…) Das Ehepaar Radlow gelangte im Zweiten Weltkrieg aus dem von der Wehrmacht besetzten Nordkaukasus nach Deutschland. Es kam nach dem Krieg freiwillig zurück, wurde der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt und ins Straflager geschickt, wo Radlowa 1949 starb. Ihre Werkausgabe erschien erst 1997.

Und ihr Fazit:

Noch immer steht der russische Realismus des 19. Jahrhunderts hoch im Kurs, doch lohnt es sich, den Blick zu wenden, um zu erkennen, dass in der russischen Sprache eine zweite, ganz andere, aber nicht weniger grossartige Klassik existiert.

/ NZZ 24.11.

133. Den heutigen Deutschen

Deshalb bin ich sehr vorsichtig, wenn politischer Protest durch schlechte Kunst ausgedrückt wird. Das war auch so bei der heute vergessenen und vor einigen Jahren gefeierten Lyrikerin Alina Wituchnowskaja, die wegen Drogen festgenommen wurde, was weltweite Proteste hervorrief. Das führte dazu, dass erstens ihre durch nichts interessanten Gedichte erschienen und zweitens eine nationalbolschewistische und neofaschistische Aktivistin mancherorts als Heldin gefeiert wurde. Prilepin kommentierte ihren Erfolg so: «Riskante Schlussfolgerung: Den heutigen Deutschen sind die russischen Faschisten (ästhetisch!) näher als die Antistalinisten, die man gründlich satthat.» Solche Komplimente erntet man, wenn man ohne Verstand und Kenntnis Urteile über Kultur und Politik eines fremden Landes abgibt. / Olga Martynova, NZZ

132. Versteckspiel

Inzwischen hat Jan Wagner als Stipendiat der Villa Massimo längere Zeit in Rom verbracht – und uns ein weiteres trickreiches Versteckspiel beschert. In seinem neuen Gedichtband mit dem merkwürdig schönen Titel «Die Eulenhasser in den Hallenhäusern» stellt er uns als Herausgeber drei verborgene Lyriker vor. Alter Egos allesamt. Aus den Tiefen der Imaginationskraft geborene und zugleich mit souveränem Witz konstruierte Existenzen.

In ihrer eigenen Herkunft, ihrem Lebenswerk und ihrem Scheitern so selbstsicher verankert, als hätten sie leibhaftig gelebt. Nicht nur ihre Verse, welche durch raffinierte pseudoakademische Kommentare beglaubigt werden, auch ihre mit empathischer Akribie erfundenen Biografien stehen mit Realität erheischender Ironie für das ebenso eigenständige wie eigenwillige Schaffen dieses Dreigestirns ein. Aber auch für die feine Selbstironie ihres Schöpfers, der sich durch seine Geschöpfe zuweilen selber an der Nase nimmt. / Andreas Langenbacher, NZZ

Jan Wagner: Die Eulenhasser in den Hallenhäusern. Drei Verborgene. Gedichte. Hanser Berlin, Berlin 2012. 125 S., Fr. 24.90.

131. Auch im Napa County

„Ich war dabei, als die Lyrik im Napatal aufblühte, in den 70er und 80er Jahren, und dann langsam buchstäblich zum Stillstand kam“, sagte Leonore Wilson, die Botschafterin für Lyrik und künstlerische Literatur im County.* „Kaffeehäuser wollten keine Lesungen mehr, Buchhandlungen auch nicht. Die Dichter verstreuten sich – schreibend und überwinternd im Privatraum ihrer Wohnungen. / Napa Valley Register

*) Sie ist Poet laureate ihres Bezirks im Napatal, Kalifornien. Immerhin halten sich nicht nur die Union sondern auch die Bundesstaaten und viele Städte „ihre“ Dichter. Mit einer echten Funktion für die Literatur, nicht wie unsere Stadt- und Talschreiber. Weiß aber nicht genau ob angemessen bezahlt oder ausgebeutet-ehrenamtlich.

130. Wie beim Griechen

Mit den Gedichten von Durs Grünbein ist das immer so eine Sache: Zu viel davon, und man fühlt sich wie nach einem Besuch beim Griechen um die Ecke, wo man die gemischte Grillplatte für zwei Personen verzehrt hat – allerdings allein. Schwer liegen die lyrischen Kalorienbomben im Magen, dazu kommt ein leicht papierner Nachgeschmack. Gegen das Sodbrennen hilft eigentlich nur eine lakonische Zeile von Günter Eich: »Zuviel Abendland, verdächtig.« / Christof Siemes, Die Zeit

Durs Grünbein: Koloss im Nebel
Gedichte; Suhrkamp Verlag, Berlin 2012; 226 S., 25,00 €

129. Bayerische Amazone

„Frauen waren Menschen zweiter Klasse und dahinten, im Bayerischen Wald, noch mehr, und da hat sich die Emerenz Meier mit ihrer ganz geringen Schulbildung hingesetzt und beschlossen, sie wird Dichterin. Das muss man sich mal vorstellen. Das war wahrscheinlich ein Skandal, eine Sensation, die Leute haben sie bestimmt ausgelacht. Die Eltern haben es ihr ja verboten und sie hat es trotzdem getan, ist trotzdem dabei geblieben und einfach strikt ihren Weg gegangen“, sagt Michaela Karl, Autorin des Buches „Bayerische Amazonen“. / BR

  • 16. Landshuter Literaturtage „Emerenz Meier und die Auswanderung nach Amerika“, noch bis 28. November 2012 .
  • „Emerenz Meier – Gesammelte Werke“, Herausgegeben von Hans Göttler, sind im Morsak Verlag erschienen.
  • Michaela Karl: „Bayerische Amazonen: Zwölf Frauenporträts aus zwei Jahrhunderten“ ist im Piper Verlag erschienen.

128. Ein Sonett aus 10 hoch 14

Nach Raymond Queneau : 100.000 Milliarden Gedichte

Deutsch von Ludwig Harig

Zusammengestellt am 9.11. im Seminar Experimentelle Literatur / Learning by doing

Die statistische Wahrscheinlichkeit daß jemand dieses Gedicht schon einmal gesehen hat ist verschwindend gering. Auch nicht der Autor (der ist tot) oder Übersetzer (der lebt!). Eine Weltpremiere!

 

Wenn sich der Eine um die Andere bemüht
Seitdem daß Lord Elgin die Nüstern ließ verdrecken
Die Toga die er trägt ist keineswegs splendid
Und alles kommt und zeigt dir schließlich das Verrecken

Erinnert Freunde euch an dieses Friesenried
Aus lauter Albernheit den Mann vom Land zu schrecken
Erfroren sind wir fast und nackt im Eisgebiet
Nicht jedem steht der Sinn nach dem verbalen Schrecken

Vom Ganges krächzt der Lord zum Malabarenstrand
Man salzt den Haifisch ein, man zündet Räucherbrand
Und Sokrates gilt noch im Tod als Stachelschwein

Ach Bruder ich versteh dein Quasseln manchesmal
Man transportiert den Schutt Gerümpel Piedestal
Sobald die Glocke schweigt mit ihren Bimmelein.

127. Die famosen „Lietzenlieder“

Das Selbstporträt des Dichters als Vineta-Forscher und meckerndes Blässhuhn wird in großartigen Elegien im Ton von Hölderlin und Rilke vorgetragen.

Die famosen „Lietzenlieder“ bilden im neuen Band einen Sonetten-Zyklus, in dem Berliner und Brandenburger Gewässer und ihre Vogelarten als Ort poetischer Selbstvergewisserung aufgerufen werden. In einer Elegie des Zyklus „Lust, Umgang, Sprache“, einer zwischen Pathos und Selbstironie, hohem Ton und Schnoddrigkeit changierenden Selberlebensbeschreibung, taucht der „Eisenhans“ auf, ein „wilder Mann“ aus den Märchen der Gebrüder Grimm, der seine Verfolger und Rivalen auf den Grund eines Tümpels zieht. / Michael Braun, Tagesspiegel

Uwe Kolbe:
Lietzenlieder.
Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012. 112 S., 16,99 €.

126. Jeder Tag ein Gedicht

Der deutsche Lyrikkalender 2013 · Jeder Tag ein Gedicht  – lange drauf gewartet, aber jetzt ist er ja da – und zwar in der nunmehr 9. Ausgabe mit 365 Gedichten von mehr als 300 Autoren. Shafiq Naz, der Herausgeber, garantiert, wie in jeder Ausgabe, eine reichhaltige Auswahl klassischer, moderner und zeitgenössischer Gedichte unterschiedlichster Epochen, Stilrichtungen und Stimmen: Gedichte zum Lachen, Gedichte zum Weinen, Gedichte zum Reflektieren und Diskutieren. Erstmals sind zahlreiche Gedichte mit Kommentaren zeitgenössischer Autoren versehen, was dem Kalender zusätzliche Lebendigkeit verleiht.

Der deutsche Lyrikkalender · Jeder Tag ein Gedicht · mit Gedichten von ABRAHAM A SANCTA CLARA (1644-1709) WILLI ACHTEN (1958) HANS ADLER (1880-1957) WOLF VON AICHELBURG (1912-1994) ANDREAS ALTMANN (1963) MICHAEL ARENZ (1954) MICHAEL AUGUSTIN (1953) ROSE AUSLÄNDER (1901-1988) KURT BARTSCH (1937-2010) INGEBORG BACHMANN (1926-1973) WOLFGANG BÄCHLER (1925-2007) KERSTIN BECKER (1969) FRANZ JOACHIM BEHNISCH (1920-1983) ULRICH JOHANNES BEIL (1957) HANS BENDER (1919) GOTTFRIED BENN (1886-1956) EVA-MARIA BERG (1949) ULRICH BERGMANN (1945) JÖRG BERNIG (1964) BEPPO BEYERL (1955) WOLF BIERMANN (1936) RUDOLF GEORG BINDING (1867-1938) HORST BINGEL (1933-2008) NICO BLEUTGE (1972) PAUL BOLDT (1885-1921) JOHANNES BOBROWSKI (1917-1965) MIRKO BONNÉ (1965) ELISABETH BORCHERS (1926) WOLFGANG BORCHERT (1921-1947) NICOLAS BORN (1937-1979) IRÈNE BOURQUIN (1950) BERTOLT BRECHT (1898-1956) MARKUS BREIDENICH (1972) CLEMENS BRENTANO (1778-1842) THEO BREUER (1956) ROLF DIETER BRINKMANN (1940-1975) JÜRGEN BRÔCAN (1965) BARTHOLD HEINRICH BROCKES (1680-1747) ELIZABETH BARRETT BROWNING (1806-1861) HELWIG BRUNNER (1967) WERNER BUCHER (1938) JOSEPH BUHL (1948) WILHELM BUSCH (1832-1908) CHRISTINE BUSTA (1915-1987) GEORG BYDLINSKI (1956) PAUL CELAN (1920-1970) ADELBERT VON CHAMISSO (1781-1838) MANFRED CHOBOT (1947) KARL OTTO CONRADY ( (1926) ANN COTTEN (1982) CRAUSS. (1971) KLAUS PETER DENCKER (1941) FRITZ DEPPERT (1932) STEFAN DÖRING (1954) DOMINIK DOMBROWSKI (1964) HILDE DOMIN (1909-2006) NIKOLAUS DOMINIK (1951) JUTTA DORNHEIM (1936) ULRIKE DRAESNER (1962) ALEX DREPPEC (1968) ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF (1797-1848) CLEMENS EICH (1954-1998) GÜNTER EICH (1907-1972) JOSEPH VON EICHENDORFF (1788-1857) FRIEDRICH EISENLOHR (1889-1954) CARL-CHRISTIAN ELZE (1974) PETER ENGEL (1940) HANS MAGNUS ENZENSBERGER (1929) MANFRED ENZENSPERGER (1952) ELKE ERB (1938) PETER ETTL (1954) KARL ETTLINGER (1882-1939) JOLANDA FÄH (1956) TOBIAS FALBERG (1976) BRIGITTE FALKNER (1959) GERALD FIEBIG (1973) CHRISTIAN FILIPS (1981) JULIETTA FIX (1957) PAUL FLEMING (1609-1640) THEODOR FONTANE (1819-1898) ERICH FRIED (1921-1988) WALTER HELMUT FRITZ (1929-2010) BRIGITTE FUCHS (1951) GÜNTER BRUNO FUCHS (1928-1977) CLAUDIA GABLER (1970) SILKE GALLA (1974) MARJANA GAPONENKO (1981) PETER GEHRISCH (1942) SYLVIA GEIST (1963) MARA GENSCHEL (1982) STEFAN GEORGE (1868-1933) ROBERT GERNHARDT (1937-2006) ERIC GIEBEL (1965) JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM (1719-1803) MATTHIAS GÖRITZ (1969) JOHANN WOLFGANG GOETHE (1749-1832) YVAN GOLL (1891-1950) EUGEN GOMRINGER (1925) NORA GOMRINGER (1980) DIETER M. GRÄF (1960) GÜNTER GRASS (1927) UWE GRESSMANN (1933-1969) FRANZ GRILLPARZER (1791-1872) KLAUS GROTH (1819-1899) DURS GRÜNBEIN (1962) ANDREAS GRYPHIUS (1616-1664) KAROLINE VON GÜNDERRODE (1780-1806) JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER (1695-1723) HANNS VON GUMPPENBERG (1866-1928) ALEXANDER GUMZ (1974) HANS GYSI (1953) HAFIS (1320-1389) LIVINGSTONE HAHN  * ULLA HAHN (1946) JÜRG HALTER (1980) DIETER HANS (1952) CAROLINE HARTGE (1966) HARALD HARTUNG (1932) JOHANN PETER HEBEL (1760-1826) MARTINA HEFTER (1965) MORITZ HEIMANN (1868-1925) HEINRICH HEINE (1797-1856) HANS-JÜRGEN HEISE (1930) HELMUT HEISSENBÜTTEL (1921-1996) GUY HELMINGER (1963) KERSTIN HENSEL (1961) HERMANN HESSE (1877-1962) STEFAN HEUER (1971) GEORG HEYM (1887-1912) ALFRED WALTER HEYMEL (1878-1914) FRANZ HODJAK (1944) FRIEDRICH HÖLDERLIN (1770-1843) HEINRICH HOFFMANN VON FALLERSLEBEN (1798-1874) CHRISTIAN HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU (1616-1679) HUGO VON HOFMANNSTHAL (1874-1929) ARNO HOLZ (1863-1929) PETER HUCHEL (1903-1981) MICHAEL HÜTTENBERGER (1955) NORBERT HUMMELT (1962) KLÁRA HURKOVÁ (1962) MAX HUWYLER (1931) HENDRIK JACKSON (1971) ERNST JANDL (1925-2000) ANGELIKA JANZ (1952) GERALD JATZEK (1956) MATHIAS JESCHKE (1963) ERICH JOOSS (1946)

Die zweite Hälfte dieser dankenswerterweise von Theo Breuer zusammengestellten Liste lesen Sie bei KUNO.

125. Die Nominierten des Dresdener Lyrikpreises

Aus insgesamt 1212 anonymisierten Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Tschechien wurden von einer unabhängigen Jury 9 Beiträge ausgewählt, deren Schöpfer für den Dresdner Lyrikpreis nominiert wurden. Die Wettbewerbslesung aller nominierten LyrikerInnen findet am Samstag, den 24.11.2012 11 Uhr im Literaturhaus Villa Augustin Dresden statt. Im Anschluss an die Wettbewerbslesung berät die sechsköpfige Jury über den Gewinner.

Auf deutscher Seite: Thomas Böhme, Daniela Danz, Renatus Deckert, Hartwig Mauritz, auf tschechischer: Irena Šťastná, Anna Brikciusová, Petr Čermáček, Radek Fridrich, Michal Šanda.

Die Jury: Petr Borkovec, Wanda Heinrichová, Michal Jareš, Ursula Krechel, Thomas Kunst, Richard Pietraß.

Mehr

(Ich versuch noch was über das Auswahlverfahren / Vorjury in Erfahrung zu bringen)

Aus dem Programm:

DRESDEN, PRAG, PIRNA 22. – 26. November 2012

Samstag, 24.11., 11 Uhr: Wettbewerbslesung

Samstag, 24.11., 19 Uhr: Preisverleihung

Veranstaltungsorte:

Literaturhaus Villa Augustin
Antonstrasse 1 01097 Dresden

Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren
Ječná 11 CZ – 120 00 Praha 2

Friedrich-Schiller-Gymnasium Pirna
Seminarstr. 3 01796 Pirna

124. Dichter-Gespräch

Do, 29. November 2012

Dichter-Gespräch:

Monika Rinck, Hendrik Jackson, Steffen Popp

20:00 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz
Clubraum

Lesung und Gespräch.

Moderation Ulrike Draesner.

€ 5/3

Wie entsteht ein Gedicht? Spielt dabei die Reflexion über das poetische Schreiben überhaupt eine Rolle? Wie verhalten sich die Sprache der Poetologie und das poetische Sprechen zueinander? Worum geht es beim Dichten, oder worum könnte es gehen? Über diese Fragen wird die Lyrikerin Ulrike Draesner mit drei der wichtigsten Autoren der jüngeren Lyrikszene, Monika Rinck, Hendrik Jackson und Steffen Popp, sprechen. Alle drei haben sich an einem Projekt beteiligt, das fünf Autoren gemeinschaftlich über mehrere Jahre verfolgt haben und dessen Ergebnis im Merve Verlag zu bestaunen ist: „Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs“. Kein Manifest einer zeitgenössischen Poetologie ist dabei entstanden, sondern ein ernstes, spielerisches Buch über das „Machende der Poetik“, das zudem Gedichte und Zeichnungen enthält.

123. Zeilen

„Nichts hält dich, nur die Melodie, das Lied“ – „stets wenn ich Gehen übe,/ ist die Erinnerung größer,/und nur wo wir beide gingen,/ist fester Grund“ – „Der Quell ostdeutscher Flüsse ist ein Tränenstrom“ – „Wir trinken Wasser, das aus deinen Bergen kommt,/und können deine reiche Sprache doch nicht sprechen.“ [an eine tschechische Autorin]

Die Rezensentin des DLR zitiert dies durchweg lobend aus Uwe Kolbes neuem Gedichtband (klingt das erste nicht exakt nach Eva Strittmatter?), und ich frage mich, ob sie sozusagen zielsicher banale Stellen herausfindet oder ob das Buch wirklich so schwächelt. I will see by myself.

Uwe Kolbe: Lietzenlieder. Gedichte
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
111 Seiten, 16,99 Euro

122. Poetic Justice

Im Wahlkampf hatte Mitt Romney gespottet, 47 Prozent der Amerikaner seien staatsabhängige Obama-Wähler. Jetzt ereilt ihn „poetische Gerechtigkeit“ (so die Washington Post). Die endgültigen Zahlen liegen  immer noch nicht vor, aber nach neuesten Ergebnissen aus Maryland liegt nicht Obama, sondern Romney dort: 47,5%.

121. A-SAGA

„Alarm, Alarm!“ galmt gansch Walacra: want HARALDS aanmarsch jaagt angst aan, aan al wat aâmt. HARALD was Jan van Laaland ‚t Zwaard – dacht Harald — » baant ‚t pad naar ‚t Walhalla ;‘ vandaar, dat HARALD zwalkt, strand af, strand aan; vandaar, dat HARALDS zwaard landplaag was van al wat aan ‚t strand lag. — Aadlaar van RAN, wavaak HARALDS naam.

Thans klampt HARALD ‚t strand aan van Walacra. Al wat kan, aanvaardt ‚t staal maar Ach! dag van ramp! HARALDS schaar valt aan; ‚t slagzwaard vlamt, landzaat naar landzaat valt…

Aus:

A-SAGA. E-LEGENDE. O-SPROOK.
Tweede Oplage.
AMSTERDAM, P. N. VAN KAMPEN ZOON 1879. hier

Verfasser war Jacob van Lennep (* 24. März 1802 – † 25. August 1868). Die deutsche Wikipedia rüffelt:

Sein flüssiger Stil und seine gekonnt angelegten Handlungsführungen zeugen von großem Erzähltalent, doch fehlt in seinen Texten die konsequente Ausarbeitung psychologischer Tiefenmomente.

Aber, wie zu sehen, er konnte auch anders. Der dritte Abschnitt, O-Sprook, endet so:

Ton, toorts, kroon, vonkt op Bornholms slot. OTTO schonk dronk op dronk rond; OLDGOND dost ‚t blond hoofd door roos up roos. ‚t Zonros vloog ‚t bolrond om, rond op rond. Zoon op zoon zoog OLDGOND Borst of sprong op OTTO’S schoot.

Noô komt ‚t volk tot Colholms slot: OLOF’s spook doolt rond door poort. hol. boog.

GOTHOLD, THORS tolk, zong d‘ O-sprook voor OTTO’S kroost. –

SLOT.

Google erkennt die Sprache exakt als Niederländisch und übersetzt so ins Deutsche:

„Alarm, Alarm!“ Echos Gansch Walacra: für Haralds aanmarsch jagt Angst, zu allem, was AAMT. HARALD war Jan van Laaland ‚t Sword – Gedanken Harald – »windet, um‘ t Valhalla“, also, HARALD schwankt, Strand, Strand, damit, dass Harald Schwert Landes Pest alles am Strand war . – Aadlaar der RAN, wavaak Haralds Namen.

Jetzt klammert sich Harald den Strand, um Walacra von. All das kann akzeptieren Stahl, sondern Alas! Tag der Katastrophe! Haralds Scheren-Attacken, sondern Flammenschwert, Landzaat um Landzaat fällt …

und so in traditionelles Chinesisch:

“報警,報警!”的呼應Gansch Walacra:,為Haralds aanmarsch狩獵的恐懼,所有的AAMT。 HARALD是的Jan van Laaland’噸劍 – 思想哈拉爾德 – >風的方式為“T瓦爾哈拉”,因此,HARALD搖擺不定,海灘,海灘,因此,哈拉爾劍在沙灘上的一切國家瘟疫。 – Aadlaar對RAN,wavaak Haralds的名稱。

現在緊貼哈拉爾海灘Walacra。所有這一切可以接受它鋼材,但唉!一天的災難! Haralds剪刀攻擊,火焰的劍,蘭扎特瀑布蘭扎特…

Von der O-Sprook hier nur ein Ausschnitt:

OTTO schonk dronk op dronk rond

heißt:

OTTO gave drink to drink around

(Niederländisch klingt das schöner! Und ist auch für Deutsche völlig verständlich.)

120. Demokratisches Öl

Neben seiner Naturlyrik schrieb Uhland gelegentlich auch politische Gedichte, die als Flugblätter kursierten. Und zusammen mit seinen in zahlreichen Reden rhetorisch glänzend und unerschrocken vorgetragenen politischen Interventionen brachte ihm seine Arbeit größte Anerkennung ein und ließ ihn zu einem Repräsentanten eines erträumten neuen Deutschlands werden:

„Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.“  / Christian Linder, DLF