19. American Life in Poetry: Column 404

[Bäume gehn immer, oder?]

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The first winter my wife and I lived in the country, I brought a wild juniper tree in from our pasture and prepared to decorate it for Christmas. As it began to warm up, it started to smell as if a coyote, in fact a number of coyotes, had stopped to mark it, and it was soon banished to the yard. Jeffrey Harrison, a poet who lives in Massachusetts, had a much better experience with nature.

Nest

It wasn’t until we got the Christmas tree
into the house and up on the stand
that our daughter discovered a small bird’s nest
tucked among its needled branches.

Amazing, that the nest had made it
all the way from Nova Scotia on a truck
mashed together with hundreds of other trees
without being dislodged or crushed.

And now it made the tree feel wilder,
a balsam fir growing in our living room,
as though at any moment a bird might flutter
through the house and return to the nest.

And yet, because we’d brought the tree indoors,
we’d turned the nest into the first ornament.
So we wound the tree with strings of lights,
draped it with strands of red beads,

and added the other ornaments, then dropped
two small brass bells into the nest, like eggs
containing music, and hung a painted goldfinch
from the branch above, as if to keep them warm.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Jeffrey Harrison, whose most recent book of poems is Incomplete Knowledge, Four Way Books, 2006. Reprinted from upstreet, No. 8, June 2012, by permission of Jeffrey Harrison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

18. Tod eines Dichters

Jan Y. Nilsson ist ein Dichter. Er schreibt Gedichte, um die Welt sichtbar zu machen. „Wörter finden, die Liebe und Hass, Freude und Leid spüren lassen, das Banale und das Unsichtbare, und ihre Präsenz anschaulich, wahrnehmbar und zwingend machen.“ Aber seine Gedichte bringen nicht genug ein. „Er war nicht reich, aber es reichte, um seinen Spinat zu buttern und Gästen ein oder zwei Gläser Wein anzubieten.“ Immerhin ist er ein anerkannter Autor und „geborener Schriftsteller,“ nach seinem Verleger Karl Petersén.

Um die Aktionäre des Verlages zufriedenzustellen, überzeugt Petersén Nilsson, einen Kriminalroman zu schreiben, der kein Thriller werden soll, sondern echte Literatur. Als er kurz davor steht, den Roman zu beenden und in dem Moment, als sich Petersén anschickt, einen für Nilsson lukrativen Vertrag mit ausländischen Verlagen zu unterzeichnen, wird Letzterer tot aufgefunden, erhängt in seinem Boot. Selbstmord oder Mord?

Kommissar Barck, der mit der Untersuchung beauftragt ist und der selbst bei Gelegenheit dichtet, ist schnell davon überzeugt, daß der Dichter ermordet wurde. Liegt es am Thema des Romans (der Anprangerung einer arroganten, skrupellosen und korrupten Finanzwelt)? / Actualitte über die französische Übersetzung von Björn Larssons Roman „Tote Dichter schreiben keine Kriminalromane“.

17. Gastürme und Rehe!

Am 27.1. erhielt der Schriftsteller Ernst Augustin in Lübeck den Preis ‚Von Autoren für Autoren‘. Seine Dankesrede konnte er aus Gesundheitsgründen nicht selbst halten. Ein Zitat:

Eine Dichterkarriere wird ja im Allgemeinen mit sieben oder acht Jahren begonnen. Nun, ich begann sie mit zwei. Mit zwei Jahren diktierte ich meinem Vater, was der König in seinem Königsauto sagte, und er schrieb es auch auf:

‚Ich habe viel Schönes gesehen, Gastürme und Rehe!‘

Reine Lyrik. – Folgenschwerer allerdings war ein Spruch, den meine Mutter prägte, wenn ich zu ihren Kaffeegesellschaften gerufen wurde. Mir wurde ein gerader Scheitel gezogen, und ich machte meinen Diener. Meine Mutter pflegte dann zu sagen:

‚Ich weiß nicht, der Junge ist gar nicht so ein bisschen frei!‘

Sie sagte es jedes Mal. In der Folge aber empfand ich danach zeitlebens jede Menschenansammlung von mehr als drei Personen als bedrohlich (…)

/ Süddeutsche Zeitung 28.1.

16. Politisches Statement

Befragt zum § 218, antwortet die gläubige Jüdin [Else Lasker-Schüler]: „Paragraph 218, wahrscheinlich der des Verbots der Abtreibung?? Ich vermute? Was noch nicht atmet, lebt nicht; die Schäden der ,Kindtragenden“ – ihre Privatsache! Aber warum werden nicht öffentlich unschädliche Mittel verkauft?

Außerdem haben nur weibliche Richter über diesen Paragraphen zu bestimmen, da bekanntlich Männer noch nie im Leben es bis zum neunten Monat gebracht haben.“ / Frauke Meyer-Gosau, Süddeutsche Zeitung 28.1.

15. Poesie und Begriff

Gesprächsreihe ‚Poesie und Begriff‘ (Organisation: Armen Avanessian, Anke Hennig und Steffen Popp)

9.2.2013

Elke Erb
Die Selbständigkeit und Eigenständigkeit des Gedichts
Ein Gespräch mit Steffen Popp

18:00 MERVE, CRELLESTRASSE 22, 10827 BERLIN

An vier verschiedenen poetischen Texten wird der Werkstattprozess von jeweils der Ursprungsnotiz bis zum fertigen Text grundsätzlich vorgeführt und auf für die Poetik der Texte maßgebliche Aspekte hin untersucht. Dabei interessiert auch die Frage, inwieweit die von der Autorin im Verlauf dieser Prozesse getroffenen Entscheidungen für die Anwesenden einsichtig sind, sie bezüglich der dargestellten Schreibsituationen als kontingent oder unausweichlich empfunden werden.

Elke Erb *1938 in Scherbach (Eifel), 1949 Übersiedlung nach Halle (DDR), lebt in Berlin. Ihr Werk umfasst Lyrik, Kurzprosa und prozessuale Texte, sowie Übersetzungen, Nachdichtungen und Herausgaben. Gedichtbände (Auswahl): Vexierbild (Aufbau 1983), Kastanienallee (ebd. 1987), Winkelzüge oder Nicht vermutete, aufschlußreiche Verhältnisse (Galrev 1991), Mensch sein, nicht (Engeler 1998), Sachverstand (ebd. 2000), Gänsesommer (ebd. 2005), Sonanz (ebd. 2008). Zuletzt erschien der Gedichtband Meins (roughbooks 2010).

14. Grundstimmung positiv

Gerhard Falkner ist für 9 Monate Stipendiat der neuen deutschen Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Die Süddeutsche berichtete:

Das türkische Kulturministerium hat darum gebeten, ein Werk von Falkner vor der Uraufführung in einer historischen Zisterne in Istanbul vorlesen lassen zu dürfen. Falkner war darüber, wie er sagt, viel weniger empört als die Leiterin des Goethe-Instituts, Claudia Hahn-Raabe, die Kuratorin des Projekts ist und zuvor auch eine der unermüdlichen Vorkämpferinnen für die Kulturakademie war. Falkner sagt: ‚Ich bin so begeistert von dieser Stadt, meine Grundstimmung ist einfach positiv.‘ Mehr erregt hat den Autor jüngst ein ‚Zensurversuch‘ der Literaturzeitschrift Text und Kritik, die eines seiner Werke nur drucken wolle, ‚wenn ich das Wort ,ficken“ herausnehme‘. Falkner schimpft auf die ‚Verbiedermeierlichung der deutschen Gesellschaft‘ und denkt gar nicht daran, sich der Forderung zu beugen.

In der Zisterne will er sein Istanbul-Gedicht lesen. ‚Ich glaube, so ein Gedicht über die Stadt hat es noch nicht gegeben‘, sagt Falkner. Geschrieben hat er diese Hymne mit dem Blick aufs Wasser. In Tarabya. / Christiane Schlötzer, Süddeutsche Zeitung 26.1.

13. Verfolgung

Am Golf wurde eine Reihe Autoren von Twitter-Einträgen, Blogs oder Internet-Gedichten verhaftet. Zwei Kuweitis wurden Anfang des Jahres zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie gegen den Herrscher getwittert haben sollen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde ein neues Internet-Gesetz beschlossen, das die Machthaber schützen soll. In Katar wurde der Dichter Mohammed ibn al-Dib al-Ajami im November zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er 2011 unter dem Eindruck des Aufstandes in Tunesien das Gedicht ‚Tunesischer Jasmin‘ online vorgetragen hatte. Die Worte ‚Im Angesicht der Unterdrückung sind wir alle Tunesier‘ nahm der Emir offenbar persönlich. Ajamis Anwalt will das Urteil in diesen Tagen anfechten. / Sonja Zekri, Süddeutsche Zeitung 26.1., S. 14.

12. Tender buttons

Tender Buttons [A Little Called Pauline]

by Gertrude Stein

A little called anything shows shudders.
Come and say what prints all day. A whole few watermelon. There is no pope.
No cut in pennies and little dressing and choose wide soles and little spats really little spices.
A little lace makes boils. This is not true.
Gracious of gracious and a stamp a blue green white bow a blue green lean, lean on the top.
If it is absurd then it is leadish and nearly set in where there is a tight head.
A peaceful life to arise her, noon and moon and moon. A letter a cold sleeve a blanket a shaving house and nearly the best and regular window.
Nearer in fairy sea, nearer and farther, show white has lime in sight, show a stitch of ten. Count, count more so that thicker and thicker is leaning.
I hope she has her cow. Bidding a wedding, widening received treading, little leading mention nothing.
Cough out cough out in the leather and really feather it is not for.
Please could, please could, jam it not plus more sit in when.

Am 3.6.1874 wurde Gertrude Stein in Allegheny, Pennsylvania geboren. Nach dem Collegebesuch ging sie nach Paris, wo sie sich in Alice B. Toklas verliebte. Alice tippte ihre Manuskripte ab,  putzte und spülte Geschirr, kochte, kaufte ein und führte den Haushalt. Zusammen führten sie einen Salon in 27 Rue de Fleurus. Junge Schriftsteller und Künstler verkehrten dort  Picasso, Matisse, Ezra Pound, Georges Braque, Guillaume Apollinaire; später Hemingway, James Joyce, T.S. Eliot, F. Scott Fitzgerald.

Der Text im Original und deutsch von Barbara Köhler in: Gertrude stein: Tender buttons. Zarte knöpft. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004, S. 38f.

 

11. Ferdinand Schmatz 60

Der niederösterreichische Dichter Ferdinand Schmatz feiert am 3. Februar seinen 60. Geburtstag. Der Lyriker ist vielfach ausgezeichneter Preisträger und aufgrund seines Stils vor allem unter Literaturkennern bekannt.*)

Der Professor an der Universität für Angewandte Kunst ist seit Juli 2012 Leiter des Bachelorstudiums „Sprachkunst“ und lebt als freier Schriftsteller in Wien. Sein bisheriges Schaffen wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Der Lyriker erhielt unter anderem den Förderpreis zum Österreichischen Staatspreis für Literatur (2001), den Anton Wildgans-Preis (2002), den Georg-Trakl-Preis für Lyrik (2004) und den H. C. Artmann-Preis (2006).

Bei der Zuerkennung des Ernst-Jandl-Preises (2009) würdigte Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) den Autor als „fixe Größe in der deutschsprachigen Literatur und Lyrik“. Mit Gedichtbänden wie „der (ge)dichte lauf“, „speise gedichte“, „das große babel,n“ und „tokyo, echo oder wir bauen den schacht zu babel, weiter“ habe Schmatz einen bedeutenden Beitrag zur modernen Dichtung geleistet.

(…) Schmatz ist auch Herausgeber des Nachlasses von Reinhard Priessnitz.

Schmatz ist auch Thema des 2012 erschienenen Buches „Dichte ich in Worten, wenn ich denke? Ferdinand Schmatz oder: Nur der ‚Avantgardist‘ kann Romantiker sein“ (Ritter Verlag) von Sebastian Kiefer. Der Berliner Literaturwissenschafter beleuchtet in seiner 600-seitigen Studie das Leben und Werken des österreichischen Autors. / ORF

*) Interessante Form der Einschränkung, die Stil mit Kennerschaft kombiniert

10. Sufismus und Surrealismus

In vielen seiner Schriften entwirft er eine Art Kulturkritik des Ostens, ausgehend von seiner Kenntnis der westlichen Moderne. Dass sie keine europäische Erfindung war, ist ein Kerngedanke einer Auswahl von Adonis’ theoretischen Schriften unter dem Titel „Wortgesang – Von der Dichtung zur Revolution“.

Das wird besonders deutlich im stärksten Text der Sammlung, „Sufismus und Surrealismus“. Darin macht der Autor verblüffende Parallelen zwischen mystischer Religiosität und künstlerischer Avantgarde aus. Beide haben nach Adonis „den gleichen Weg der Erkenntnis eingeschlagen, wenn auch unter verschiedenen Namen und mit unterschiedlichen Zielen“. Beim Surrealismus handele es sich um einen „heidnischen Sufismus, einen ohne Gott“, beim Sufismus um einen „Surrealismus auf der Basis einer Suche nach dem Absoluten“.

Das wirft auch ein Licht auf Adonis’ Überzeugung, dass die Imagination Vorrang vor dem Faktischen habe. Das Imaginäre komme schließlich dem Bedürfnis des Menschen nach einer Begegnung mit Gegebenheiten jenseits der Bücher, des Verstandes und der Wissenschaft entgegen: „In einem solchen Moment spürt der Mensch, dass sich sein Denken nicht nur in seinem Kopf abspielt, sondern in seinem ganzen Körper.“ Das bedeutet auch, dass die Sprache der Sufis als „poetische Sprache“ im Gegensatz zur religiös-dogmatischen Sprache steht, „wo die Dinge völlig eindeutig sind“. (…)

Bis zum Fall Bagdads im Jahre 1258 habe der Elan, Neues auszuprobieren, in der arabischen Kultur fortgelebt, hält der Dichter in seinem Essay „Zur Erneuerung des Islam“ fest. Mit der Herrschaft der Osmanen seien diese Werte zusehends von der Bildfläche verscwunden und richtig problematisch sei es im 19. und frühen 20. Jahrhundert geworden: „Hätten die Araber doch sich die im Westen stattfindenden Umwälzungen in Wissenschaft und Technik zu Nutzen gemacht und gleichzeitig an die in der arabischen Geschichte vorhandenen Werte der Erneuerung und Modernisierung angeknüpft!“, ruft er aus. / Volker Sielaff über den syrischen Dichter Adonis, Tagesspiegel

Adonis:
Wortgesang – Von der Dichtung zur Revolution.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 302 S., 22,99 €

9. Schwere Pralinen

Lyrik ist ja immer so eine Sache. Für mich ist Lyrik ja sowas wie Pralinen. Also: schwierig.
Und jetzt bin ich letzte Woche mehr oder weniger zufällig bei Nora Gomringer im Hamburger Literaturhaus gelandet, wo sie zusammen mit dem Wortart Ensemble auftrat. Und wenn selbstgelesene Lyrik schon schwierig ist, dann sind Dichterlesungen noch eine Nummer schwieriger – oft genug bin ich schon nach einem halben Gedicht nicht mehr bei der Sache. Meine drei Begleiter – der lustige Mann, Maximilian und Ina – sagen, es geht ihnen genauso.
Aber an diesem Abend kommt Nora Gomringer, und dann kommt das Wortart Ensemble, und wir sitzen anderthalb Stunden am Stück vorne auf der Stuhlkante und hören gebannt zu und sind hinterher erstmal sprachlos. Anders gesagt: wow. Alles.
Keine Ahnung, wie Nora Gomringers Gedichte sind, wenn man sie selbst liest. Aber wenn sie sie vorliest, dann …  / mehr

8. Poetopie

je weiter die Entwicklung der Textverarbeitung fortschreitet, desto unbeschreiblicher werden wir

Hansjürgen Bulkowski

7. Beachtenswert

Die American Library Association (ALA) stellt seit mehr als 60 Jahren eine jährliche Liste von 25 „sehr guten, sehr lesbaren und manchmal sehr bedeutenden“ Büchern aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Lyrik für erwachsene Leser zusammen.

Unter den 25 Titeln für 2013 sind zwei Gedichtbände:

Inferno

Author: Alighieri, Dante. Trans. Mary Jo Bang. Illus. Henrik Drescher. Publisher: Graywolf.

A rollicking, contemporary trip through the Underworld.

 

Stag’s Leap: Poems

Author: Olds, Sharon. Publisher: Knopf.

An arc of verses which touch the raw nerve of betrayal, lost love, forgiveness, healing and finding peace.

6. Sillerman First Book Prize for African Poets

Der 2012 neu gestiftete Sillerman First Book Prize for African Poets geht an den Kenianer Clifton Gachagua für sein Manuskript „Madman at Kilifi“. Die Preissumme beträgt 1.000 US-Dollar. Das ausgezeichnete Buch wird bei der University of Nebraska Press und bei Amalion Press in Senegal erscheinen.

Clifton Gachagua lebt in Nairobi. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften. Soeben hat er einen Roman abgeschlossen, außerdem macht er Filme. Er hat einen Bachelor in Biomedizin. Er verbrachte viel Zeit auf ostafrikanischen Highways zwischen dem See und dem Meer auf der Suche nach Liebe und nach Jeffrey Eugenides’ Obscure Object. / African Poetry Book Fund

5. Sliding game – Mutserendende

„Als afrikanischer Autor ins Deutsche übersetzt zu werden, ist aus irgendeinem Grund sehr schwierig“, sagte Habila in Frankfurt mit einem ruhigen Lächeln. Er bot keine Erklärung für dieses Rätsel. Man hatte vielmehr das Gefühl, es tue Habila für die deutschen Leser leid, dass sie eine ganze Autorengeneration aus Afrika verpasst haben, Tausende von Büchern, jenseits der postkolonialen Klassiker AchebeSoyinka und Thiong’o. „Man sollte nicht glauben, in Afrika hätte sich seit den sechziger Jahren nichts verändert.“

1980 war noch „Schwarzafrika“ Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Ende der Achtziger gründete Ilija Trojanow, damals Mitte zwanzig, einen Verlag, der sich auf afrikanische Literatur spezialisierte. „Ich war naiv und dachte, Deutschland wartet darauf, afrikanische Autoren zu lesen“, erzählte Trojanow nun in Frankfurt. „Ich war bei einem Buchhändler in Duisburg, habe mich vorgestellt: Junger Verlag, afrikanische Literatur. Der Buchhändler sagte: Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika.“ (…)

Manfred Metzner, der Verleger von Helon Habila, gibt sich jedoch optimistisch. Seit drei Jahren verlegt er in der Reihe Afrika-Wunderhorn afrikanische Schriftsteller und sagt, er schreibe mit diesen Büchern schwarze Zahlen. Habila sei natürlich ein Sonderfall, aber auch ein simbabwischer Dichter wie Chirikure Chirikure verkaufe sich nicht schlechter als debütierende deutsche Dichter. Von Bekanntheit kann man da freilich kaum sprechen. Die Auflagen für Lyrikbände liegen zwischen 300 und 500 Exemplaren.

Im Falle Chirikure Chirikure wünscht man sich definitiv höhere Auflagen. Er ist der wichtigste Satiriker Simbabwes, der sich mit dem Regime von Robert Mugabe anlegt, dabei aber Zeit findet, zeitlose Gedichte zu schreiben. Er schreibt sie in seiner Muttersprache Shona und übersetzt sie eigenhändig ins Englische, damit sie ein Publikum außerhalb Simbabwes erreichen. Und er trägt sie zu musikalischer Begleitung vor, wie nun bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt. (…)

Chirikure Chirkure liest sein Gedicht „Sliding game – Mutserendende“ vor: „Every boy in my village / Can describe with joy and pride / How you play the mutserendende game.“ Er hebt die Hände, greift nach Luft, im Gedicht erzählt er, dass man, um Mutserendende zu spielen, einen gesunden Baum fallen muss, seine Äste vom Stamm hacken und den Klotz bergan schleifen. „Like Jesus Christ on a donkey / You mount the log, holding tight / Then, woosh, you zoom down.“

„You land with a big thud / Your backsides tattered / Bleeding in hot ecstasy.“ Das ist ein Spiel, denkt man sich als Zuhörer, etwas, was simbabwische Dorfkinder so spielen. Dann trägt Chirikure Chirikure die Endstrophe vor: „So do many among us / Leading life fast and furious / Landing with tattered, bleeding souls.“

Man rauscht also bergab auf einem Baumstamm, wie Jesus Christus auf seinem Esel, und landet auf blauen Hinterbacken. „Genau so machen es viele von uns“, lautet die Endstrophe in der Übersetzung von Sylvia Geist. „Rasend schnell leben / Landen mit blauem, blutendem Ich.“ / Tim Neshitov, Süddeutsche Zeitung

Das Rutschen-Spiel – Mutserendende bei Lyrikline