74. Pulitzer für Stag’s Leap

The winning book is Stag’s Leap, a collection of poems about the breakup of her marriage more than a decade ago.

“This is something I thought would never happen in my life,” Olds said in a telephone interview after the prize was announced. She recalled that when she began publishing poetry collections 33 years ago, “a lot of people despised my work, and they let me know it. All I wanted then was what all poets want: to write our poems and see what happens, or doesn’t.”

The Pulitzer citation called Stag’s Leap “a book of unflinching poems on the author’s divorce that examine love, sorrow and the limits of self-knowledge.”

The Pulitzer Prize board selected Stag’s Leap from among three finalists chosen by a panel of poets. Earlier this year the book also won the T.S. Eliot Prize, awarded annually for the best poetry collection published in the United Kingdom and Ireland. That prize came with a cash award of 15,000 pounds, about $22,500. The Pulitzer honorarium is $10,000. / Mike Pride, Concord Monitor

Gedichte auf Deutsch in:

Sehen heißt ändern
Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts
Mary Barnard, Louise Bogan, Amy Clampitt, Rita Dove, Elaine Equi, Kathleen Fraser, Alice Fulton, Isabella Gardner, Louise Glück, Jorie Graham, Barbara Guest, Ellen Hinsey, Carolyn Kizer, Denise Levertov, Amy Lowell, Marianne Moore, Hilda Morley, Marilyn Nelson, Lorine Niedecker, Sharon Olds, Alicia Suskin Ostriker, Linda Pastan, Adrienne Rich, Muriel Rukeyser, Kay Ryan, Ruth Stone, May Swenson, Marilyn L. Taylor, Mona van Duyn, Miriam Vermilya
Eine zweisprachige Anthologie, zweisprachig englisch/deutsch
Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan.
354 Seiten, Broschur. Hier

Das Schnüffelbuch
Hrsg. Brüggemann, Rolf
(Gebundene Ausgabe, 277 Seiten)
Reclam, Ditzingen, Januar 1995 Hier

L&Poe-Nachrichten, darunter ein Gedicht in meiner Anthologie hier

(hier eine richtig banausische)

73. Land der toten Dichter

Zur Wahrnehmung deutschsprachiger Lyrik im Ausland

Vor genau 200 Jahren veröffentlichte die französische Autorin Madame de Staël ihr Buch De l’Allemagne, in dem sie die Auffassung vertrat, bei den Deutschen handele es sich um ein „Volk der Dichter und Denker“. Mittlerweile ist diese Formel zum Allgemeinplatz geworden – nur mit der Wahrnehmung der Deutschen als „Dichter“ ist es im Ausland nicht mehr weit her.
Zwar werden durchaus noch deutschsprachige Lyriker in andere Sprachen übertragen: Die Gedichte von Paul Celan etwa sind in über dreißig Sprachen übersetzt, es gibt Gesamtausgaben auf Englisch und Chinesisch, demnächst erscheint eine zehnbändige Ausgabe auf Ukrainisch. Und das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse wurde in über sechzig Sprachen übertragen und ist damit, wie die Leiterin der Abteilung Rechte & Lizenzen beim Suhrkamp Verlag Petra Hardt formuliert, „weltweit das erfolgreichste deutsche Gedicht“. Aber zeitgenössische Lyriker haben es eher schwer.

Unter den noch lebenden Dichterinnen und Dichtern, die bei Suhrkamp erscheinen, liegen nur von fünf fremdsprachige Monographien vor, der letzte große Erfolg eines deutschsprachigen Dichters im Ausland liegt Jahrzehnte zurück: „Das war“, so Hardt, „in den Siebzigerjahren Hans Magnus Enzensberger mit seiner politischen Lyrik“. Beim Hanser-Verlag ist die Situation ähnlich: „Wenn ich im Jahr zwei Verträge für Gedichtbände etwa von Oskar Pastior oder Herta Müller machen kann, dann freue ich mich“, erzählt Friederike Barakat von der Auslandsrechte-Abteilung. „Im Prinzip ist jeder Lizenzverkaufsvertrag für einen Gedichtband, der dann auch erscheint, ein Erfolg.“

Warum aber ist die jüngere Lyrikszene in der ausländischen Verlagslandschaft so wenig präsent? „Die Situation könnte damit zu tun haben, dass deutsche Literaturvermittlung immer sehr marktorientiert betrieben wird“, vermutet die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel vom auf Lyrik spezialisierten Verlag kookbooks. „Und Lyrik funktioniert eben nirgendwo über den Markt − man muss andere Kanäle haben: Festivals, Dichter, die aus anderen Sprachen übersetzen, und so weiter.“ Die Literaturwerkstatt lädt daher jeden Sommer internationale und deutschsprachige Dichterinnen und Dichter nach Berlin ein, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe VERSschmuggel Gedichte über die Sprachgrenze zu bringen und den Kontakt zwischen Lyrikern aus unterschiedlichsten Kulturräumen zu vertiefen.

An deutschen Kulturinstitutionen im Ausland hingegen wird die Vermittlung von Gegenwartslyrik nur überaus zögerlich oder gar nicht betrieben. Das German Book Office in New York, das deutschsprachige Bücher an nordamerikanische Verlagshäuser vermittelt, hat sich, so Leiterin Riky Stock, „in den letzten Jahren auf Romane, Kinder- und Jugendbuch und Sachbuch konzentriert und nicht aktiv Lyrik angeboten.“ Auch am Goethe-Institut spielt Lyrik kaum eine Rolle: „Wir kaufen so gut wie keine Gedichtbände“, so Edna McCown, Library Project Manager an der New Yorker Dependance: „Lyrik wird einfach kaum ausgeliehen.“

Die in Berlin und New York lebende Schriftstellerin Uljana Wolf bestätigt, dass ihre Verbindungen zu ausländischen Verlagen noch nie über das German Book Office oder das Goethe-Institut zustande gekommen sei, sondern stets über eigene Kontakte: „Die Paarung von Übersetzerin und Lyrikerin muss eben genau passen, damit ein tolles Buch entsteht“. Dessen ungeachtet wäre eine gezielte Förderung deutscher Lyrik im Ausland aus ihrer Sicht durchaus wünschenswert. „Es würde für den Anfang schon reichen, wenn die gegebenen Institutionen ihre strukturelle Blindheit gegenüber der Lyrik aufgeben würden. Das Goethe-Institut in New York zum Beispiel macht keine Veranstaltungen mit Lyrikern, wenn keine gedruckten und verkaufbaren Übersetzungen vorliegen − wie aber sollen die zustande kommen, wenn keine Vermittlung durch Lesungen geschieht?“

Dass es auch anders geht, zeigt etwa der Nederlands Fonds voor de Letteren. Das niederländische Literaturfonds gibt regelmäßig kleine kostenlose Heftchen mit Probeübersetzungen aus dem Werk eines Dichters oder einer Dichterin heraus, die Appetit auf mehr machen sollen: „Da habe ich eine ganze Reihe davon im Regal stehen“, so kookbooks-Verlegerin Daniela Seel. Darüber hinaus findet sie, dass es Orte geben sollte, „wo man sich informieren kann, was gerade passiert in der Lyrikszene des jeweiligen Landes beziehungsweise der jeweiligen Sprache.“ Bisher existieren solche Orte vor allem in der virtuellen Welt – zum Beispiel in Form der Webseite lyrikline.org. „Auch international ist das eine der umfassendsten frei zugänglichen Online-Datenbanken für Gegenwartsdichtung in Übersetzung“, so Seel. „Sie weiter auszubauen, wäre ein großer Gewinn.“

Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen finden Sie unter www.poesiezentrum.de

Literaturwerkstatt Berlin

72. „Literatur“

Im vergangenen Jahr gab es gar keinen Preis in der Kategorie Literatur, dieses Jahr ist er hochpolitisch: Adam Johnsons Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ erhält den Pulitzer-Preis.

schreibt die Süddeutsche. Keinen Preis in Literatur? War da nicht was? Richtig: in der Kategorie „Fiction“ wurde kein Preis vergeben. Aber in Lyrik (Life on Mars by Tracy K. Smith) und Drama (Water by the Spoonful by Quiara Alegría Hudes).

In anderen Ländern hat man eben einen anderen Literaturbegriff als im „Land der Dichter und Denker“. Bei uns heißt Literatur = Roman. Literaturpreis = Romanpreis. Bücherpreis = Romanpreis. (Nur der BüchNerpreis geht noch manchmal an über 70jährige Lyriker als Würdigung ihres Gesamtwerks. Denn die vielen kleinen Gedichtbände, die eh kein normaler Mensch liest, kann man ja nicht mitrechnen.)

Hier die Pulitzer-Siegerlisten.

71. Nicht verstörend

Für den Dichter Alfred Kolleritsch hat das Fragment nichts Verstörendes. Kein Trümmerhaufen und keine verlorene Welt verdüstern den Horizont. Vielmehr wird für Kolleritsch erst so – im «Geheimnis der Zerklüftung», in der «zersprungenen Welt» – Ding an Ding erfahrbar, und die Erscheinungen «ringen nach Namen».

Wer die Sprache so wage, notiert Alfred Kolleritsch einmal, «dass sie sich im Gedicht verkriecht, / bringt ein Stück Welt zurück». Und er bringt nicht nur die Welt zurück, sondern rettet auch noch das Schweigen, jenes Unsagbare, das Kolleritsch immer wichtig ist. Nach einer langen Krankheit kehrt der Doyen der österreichischen Literatur nun in das «Gebirge des Möglichen» zurück, das für ihn die Welt ist. / Nico Bleutge, NZZ 16.4.

Alfred Kolleritsch: Es gibt den ungeheuren «Anderen». Gedichte. Literaturverlag Droschl, Graz 2013. 80 S., Fr. 27.90.

70. Pulitzerpreise

Am Montag wurden in New York die Gewinner der diesjährigen Pulitzerpreise bekanntgegeben. Hier die komplette Liste der Preisträger in Literatur, Journalistik und Künsten. Sieger in der Kategorie Lyrik:

POETRY:

“Stag’s Leap,” by Sharon Olds (Alfred A. Knopf)

Finalists:

“Collected Poems,” by the late Jack Gilbert (Alfred A. Knopf); “The Abundance of Nothing,” by Bruce Weigl (TriQuarterly Books/Northwestern).

Der Pulitzerpreis ist nicht der höchstdotierte US-amerikanische Literaturpreis, gilt aber als der angesehenste. Es ist  kein reiner Literaturpreis – er wird in zahlreichen Kategorien verliehen, derzeit in (Liste aus Wikipedia)

69. Unbestimmtheit

Das Mögliche erweist sich in Köhlmeiers Lyrik – die sich, nebenbei bemerkt, einer höchst individuellen Gattungspoetik bedient – als eine Exegese des Wirklichen. Die «Unbestimmtheit» («Indeterminacy»), der John Cage 1959 eine Lesung gewidmet hatte, ist auch das Kennzeichen einer Reihe von Gedichten des «Liebhabers». Mutmassungen treten an die Stelle von Klartext und Apodiktik. / Hansjörg Graf, NZZ 9.4.

Michael Köhlmeier: Der Liebhaber bald nach dem Frühstück. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett. Verlag Carl Hanser, München 2012. 96 S., Fr. 21.90.

68. Was ist ein Manuskript wert?

Der Verkauf der bemerkenswerten Lyriksammlung des Dichters und Gelehrten Roy Davids in London letzte Woche zeigte uns, wie die Sammler seltene Lyrikmanuskripte einschätzen. Davids Sammlung aus mehr als 40 Jahren enthielt Manuskripte von Keats, Auden, Eliot, Hopkins, Burns, Dickinson und sogar Winston Churchill. Das Auktionshaus sprach von der „besten Lyriksammlung, die je versteigert wurde“.

Ein Entwurf von Keats‘ bekanntem Gedicht „I stood tiptoe on a little hill“ brachte £181,250 (etwa $280,000), mehr als das Vierfache des Schätzwerts. Ein Auszug:

I stood tip-toe upon a little hill,
The air was cooling, and so very still,
That the sweet buds which with a modest pride
Pull droopingly, in slanting curve aside,
Their scantly leaved, and finely tapering stems,
Had not yet lost those starry diadems
Caught from the early sobbing of the morn.

„Our Modern Watchwords“, ein seltenes Gedicht von Winston Churchill, war die größte Enttäuschung der Auktion, es blieb unverkauft. Churchills am Vorabend einer Seeschlacht verfaßtes Gedicht ist ganz Königin und Vaterland und — auch wenn er gewiß kein Keats ist –überhaupt nicht peinlich. Hier ein Auszug:

The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.

Ein Manuskript von W.H. Audens Gedicht „Stop All the Clocks“, berühmt durch den Film Four Weddings and a Funeral, brachte £23,750 ($36,500) und ein handschriftlich korrigiertes Typoscript von T.S. Eliots „Journey of the Magi“ £44,450 ($68,000). / John Lundberg

67. Schattenliebe

Zu den Feinheiten  von Novalis‘ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: „Uns barg der Wald vor Sonnenschein“. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines „Buchs der Lieder“ einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.

Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.

Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)

Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine „Blumen des Bösen“ noch ungeschrieben.)

Heine repliziert:

Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «

An Gutzkow, 23.8. 1838.

Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine „Neuen Gedichte“ auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der „Neuen Gedichte“ von 1844 enthält das Gedicht „Schattenküsse, Schattenliebe“ zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der „Schattenliebe“ wird „wunderbar“, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. „Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!“.

Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:

Seraphine

IX.

Schattenküsse, Schattenliebe

Schattenleben, wandelbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)

Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.

66. Wie mir geschah

Novalis hat es faustdick ich sag mal hinter den Ohren.

esfaerbtesichAus:
Novalis Schriften, Band 2
Hrsg. Friedrich von Schlegel
In der Buchhandlung der Realschule, 1802

Download

65. Flint heart of his Frau

Aus gegebenem Anlaß veröffentlicht die Times Literary Supplement aus ihrem Archiv einige Gedichte von Peter Reading (1946–2011), den „erfindungsreichsten Dichter Nachkriegsenglands“. In den 80er Jahren habe er u.a. einen strengen Kommentar zu „diesem Großen Land“ während der Thatcherjahre geliefert.

Hier eins davon (auch mit deutschen Motiven):

Background Music

Beetrooty colonels explain to the Lounge Bar how, in the ‘Last Show’
they had a marvellous time, and how we need a new war

if we are going to get this Great Country back on its feet, sir
(also all beards should be shaved: also the Dole should be stopped).

Life still goes on and It isn’t the end of the world (the child-soothing
platitudes weaken now Cruise proves them potentially false).

Lieder’s no art against these sorry times (anguished Paramour likens
mountainy crags and a crow to the flint heart of his Frau).

(1984)

Beetrooty: Adjektiv von beetroot, Rote Beete. Beispiel:

„She’s coming out,“ screamed the smallest boy, with the whitest face, the most beetrooty nose, the thinnest blouse, and the most precocious intellect ever seen or heard of.

Charles Dickens, All the Year Round‎

The Dole: die Wohlfahrt, die Sozialhilfe

64. Benn-Funde

Im Jahrhundertsommer 1904 verliebt sich der jungen Gottfried Benn in die Tochter eines Lederfabrikanten, schreibt ihr einen heißen Brief und ein heißes Gedicht. Beide Funde kommen nun unter den Hammer. In der FAZ sind sie zu lesen.

Das Gedicht fängt so an:

Meines heißen, wilden Herzens
Sünd’ u. Sehnsucht wollt’ ich nun
Dir in Deine Hände geben:
Nimm es hin u. laß es ruhn.

63. American Life in Poetry: Column 416

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This kite-flying poem caught me right up and sent me flying as soon as Robert Gibb described those dimestore kites furled tighter than umbrellas, a perfect image. Gibb lives in Pennsylvania.

Kites

Come March we’d find them
In the five-and-dimes,
Furled tighter than umbrellas
About their slats, the air

In an undertow above us
Like weather on the maps.
We’d play out lines
Of kite string, tugging against

The bucking sideways flights.
Readied for assembly,
I’d arc the tensed keel of balsa
Into place against the crosspiece,

Feeling the paper snap
Tautly as a sheet, then lift
The almost weightless body
Up to where it hauled me

Trolling into the winds—
Knotted bows like vertebrae
Flashing among fields
Of light. Why ruin it

By recalling the aftermaths?
Kites gone down in tatters,
Kites fraying like flotsam
From the tops of the trees.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Robert Gibb from his most recent book of poems, Sheet Music, Autumn House Press, 2012. Poem reprinted by permission of Robert Gibb and Autumn House Press. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

62. Heldengeschichte

Spoken-Word-Heldin Nora Gomringer, Tochter des großen Eugen Gomringer („seine kehl in fyrsten„), geht dahin, wo es wehtut. In ihrem collagenartig gestalteten Gedichtband „Monster Poems“ gibt es ein Wiedersehen mit King Kong, Alfred Hitchcocks „Psycho“ und der „50 Foot Woman“. / Jan Drees, jetzt.de

Ist vielleicht jugendgemäß, also wer weiterlesen mag, Klick!

61. Unbestimmtes Verstehen

„Für Liebhaber einfacher Lösungen” ist ein solcher Text nichts. Glücklicherweise scheint er es nicht aufs Verstandenwerden anzulegen. Merkwürdigerweise versetzt er gerade, weil man gezwungen wird, das Kausalitätsprinzip zu verlassen und die Sprünge von den stummen Vögeln zum Regal zum Kitsch hinzunehmen und sich zwischen Ernst und Ironie zu verlaufen, gerade deswegen also versetzt dieser Text, nennen wir ihn Gedicht, plötzlich eine Saite unbestimmten Verstehens in Schwingung. Die „Honigprotokolle” gleichen dadurch einer Partitur ohne Noten. Wir Lesenden sind die Instrumente. Nach uns die Deutung. Willkommen also in Rincks Oktaeder! Der Eintritt ist frei, der Austritt hat seinen Preis, denn für eine Weile wird man danach auf dem Kopf gehen müssen und mit den nackten Füßen im Himmel zappeln. Andererseits muss zugegeben werden, dass Monika Rinck uns keineswegs „eisige Abstraktionsschauder” über den Rücken schickt. Sie dichtet konkret und nah an Situationen und Reflexionen, die jeder kennen kann. Oder ist es nicht eine „Himmelshärte”, eine Strafe der Götter, dass man sich jeden Morgen aufs Neue dem Schlaf aus den Armen winden muss? / Insa Wilke, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Monikas Rinck. Hier

60. I’m Charles

For National Poetry Month, Speakeasy has chosen to examine the poem “I’m Charles,” by Charles Simic, author of the collection “New and Selected Poems, 1962-2012.”

“It was written over several years, the original idea being something about being hung by the tongue from the scaffold of language. Then, of course, it got more complicated with God joining the fray,” Simic wrote in an email message. / Barbara Chai, Speakeasy