Brandenburger Tor

Paolo Buzzi 

(* 15. Februar 1874, heute vor 150 Jahren, in Mailand; † 18. Februar 1956 ebenda)

Brandenburger Tor

Schlecht kopierst du die Propyläen.
Weißer war der Marmor,
heißer der Himmel von Athen!
Es schwingt in deinen fünf Mündern
nicht der Wind von Homers Gesängen.
Du bist von vor ein paar Jahren.
Es klingen in deinen dorischen Säulen
noch jüngste Meißelschläge nach.
Und die bronzene Siegesquadriga
riecht eher nach Krupp als nach Samothrake,
Doch dem Zug des modernen Imperiums
öffnest du die Wege zur Welt.
Von dir aus schaut Mars mit lüsternem Aug auf die Plätze
des Kriegs.
Der Zukunft viel, vielleicht viel, (es klagt der Gedanke)
wird das Guano der Adler düngen,
die sich von deinen Firsten zum schweren Flug erheben.
Welchen Weg suchen sie durch Nebel und Himmelblau?
Deinen Turm, o London?
Die Julisäule, o Paris?
Die Front des Kapitols, o Rom?

Deutsch von Bettina Kienlechner, 1989, aus: Urlaute dadaistischer Poesie. Der Berliner Dada-Abend am 12. April 1918, rekonstruiert von Jeanpaul Goergen mit Texten von George Grosz, Raoul Hausmann, Richard Huelsenbeck, Walter Mehring, Tristan Tzara, Libero Altomare, Paolo Buzzi, Luciano Folgore, Corrado Govoni, Aldo Palazzeschi, F.T. Marinetti und zeitgenössischen Pressestimmen. Hannover: Postskriptum, 1994. (Randfiguren der Moderne), S. 35. Das Originalgedicht aus Versi liberi, 1913.

Schleimpilze

Yusef Komunyakaa

(* 29. April 1947 in Bogalusa, Louisiana)

Schleimpilze

Sie sind hier. Zwischen Gras
-halmen, wie geteilte Zellen.
Zwischen Pflanze & Tier. Gut
Zu nichts. Bei einem Regenguss

Verklumpen Sporen. Gelbweiße
Teile eines Puzzles. Unsichtbar,
Bis sie vereint sind. Etwas, das
Übrig ist von einer Welt von früher –

Jenseits moderner Vernunft. Ur
-finger, verringert & vervielfacht
Ums Hundertfache, grundlegendste
Liebe & Bedürftigkeit formten daraus ein

Glaubenssystem. Die Farbe von Rührei.
Gut zu etwas, woran wir nie dachten,
Kriechen diese Haustiere von Aliens
Die blühenden Judasbäume hinauf.

Deutsch von Mirko Bonné, aus: spritz. Sprache im technischen Zeitalter 248, Dez. 2023, S. 437

Einige Gedichte im Original hier und hier

Manchmal stromere ich

Tom Schulz

Manchmal stromere ich durch die Gärten an Nach-
Mittagen. Wonach ich nicht suche, finde ich. Gras
weckt mich, Stielkraut. Gedächtniskratzer, wie war ich
Blume und trank? Die Schollen treiben, über dem Eis
wandern Wolken, leer geräumte, geträumte Schiffe.
Die Gärten, aufgelassen – soweit ich irre, gibt es den
Weg, mich findet wieder Hang, Wein und Senke.
Die Gärten der Städter, verlassen an Wochentagen.
Wer kommt, kommt einmal, oder zu spät für die Auto-
Biographie des Lichts. Leichte Sommerhäuser faltet
zusammen der Wind, eine Plastikmadonna hält schützend
die Hände über uns. Kurz war der Winter, vergeblich
die Fotos von der Mandelblüte. Nichts bleibt zu beneiden.
Etwas sammelt mich auf, und was ich nicht suchte, füllt
die Hände mit nachwachsendem Chlorophyll.

Aus: manuskripte 242/ Dez. 2023, S. 51

Die Einsamkeit der Frauen

Kornelia Koepsell

AUF DIE SOLDATEN WARTENDE

Es gibt Dörfer, an denen die Stille so aufschreit,
daß nichts zu hören ist, selbst das Gespräch der Frauen
am Tor beim Abschied, verstehe ich nicht.
Ich sehe ihre gefrorene Silhouette, ich sehe

das Grün der struppigen Wiese hinter dem Zaun,
sehe die schwarze Tracht und über ihnen
am Himmel einen plumpen Bomber,
wie festgepappt, eine erstarrte Kulisse.

Verständnislos blicke ich auf die Szene, zwei Frauen,
die inne halten, als fehlte der Zeiger der Uhr.
Erst später sah ich, daß sie auch Füße hatten,
echte Füße, und winzige Schuhe dazu.

Die Großmutter erkannte ich plötzlich und Mutter,
weil ich das Haus erkannte, nur darum,
aber den abwesenden Vater begriff ich nicht,
ich biß mein Auge an der weißen Gardine fest.

Aus: manuskripte. Zeitschrift für Literatur 225/2019, S. 85

Ausgabe für Papenfuß

Die Zeitschrift Abwärts!, von Bert Papenfuß ebenso mitgegründet wie die diversen Vorgängerinnen, widmet ihr aktuelles Heft dem am 26. August 2023 verstorbenen Dichter. Zahlreiche Freunde und Weggefährten haben dazu beigetragen. Dem Heft liegt eine CD bei, Muspilli Rökrökr Mashup, mit Herbst in Peking, Papenfuß und Freunden. Aus dem Heft ein Trauerlied oder Gebet von

Helko Reschitzki

Wer durch das Feuer

Wer durch das Feuer
Wer durch das Wasser
Wer durch die Dürre
Wer aus altem Hass

Wer durch Erdenrichter
Wer als Strafe Gottes
Wer aus eigenem Willen
Wer entscheidet das

Wer durch Hungersnöte
Wer durch eine Seuche
Wer in seinem Heimatdorf
Wer in der fremden Stadt

Wer durch einen Unfall
Wer reich an Jahren
Wer schon in der Wiege
Wer entscheidet das

Wer gebeugt vor Kummer
Wer mit leichtem Herzen
Wer an einem Frühlingstag
Wer in der Winternacht

Wer allein, verlassen
Wer im Kreis der Lieben
Wer in einem Hospital
Wer entscheidet das

Wer auf einem Schlachtfeld
Wer im finstren Kerker
Wer auf blanker Erde
Wer in einem Palast

Wer will noch nicht gehen
Wer freut sich auf sein Ende
Wer wird als Geist umherirren
Und wer entscheidet das

Übertragen ins Singdeutsche für die Untergangssaga Totenstarren, frei nach Leonard Cohens Who by fire und dem jüdischen Gebet Unetane Tokef.

Im Heft u.a.

  • Gedichte von Bert Papenfuß, adrian nichols, Kai Pohl, ralf s. werder, Tone Avenstroup, Peter Wawerzinek, Lars Fischer, Stefan Döring, Andreas Paul, Kristin Schulz, Thorwald Proll, Volker Braun, Clemens Schittko, Helko Reschitzki, Mik Stone, Brigitte Struzyk, René Schwettge, Egon Günther, Julia Langer, Eberhard Häfner, HEL Toussaint
  • Beiträge von Norbert „Knofo“ Kröcher, Guillaume Paoli, Bert Papenfuß, Jan Faktor, Lothar Trolle, Jürgen Schneider, Tom Riebe

Hier genauer

Besser als lasche Gedichte

Eduard Mörike 

(* 8. September 1804 in Ludwigsburg, Kurfürstentum Württemberg; † 4. Juni 1875 in Stuttgart)

Restauration
nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein,
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz,
Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

1837

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Herausgegeben von Hans Bender und Wolfgang Weyrauch. Band I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, o.J. (1982), S. 240

Hier mit dem Kommentar von Michael Braun (wobei sie leider den wichtigen Untertitel weggelassen haben).

Amy Lowell 150

Amy Lowell (* 9. Februar 1874 in Brookline, Massachusetts; † 12. Mai 1925 ebenda) war eine US-amerikanische Frauenrechtlerin und Dichterin. Sie erhielt 1926 [also postum] den Pulitzer-Preis für Lyrik. Wikipedia

Zikaden
Ufer des Lake Michigan

Zikaden raspelten in den düsteren Bäumen,
Und ich dachte, sie sind kleine weiße Skelette,
Die mit zwei Knochenfingern auf der Fidel spielen.

Wie lange ist es her, seit die Indianer hier gingen,
Mit glatten Füßen über den Sand schlichen?
Wie lange ist es her, seit die Indianer hier starben
Und ihnen der kriechende Sand Knochen vom Knochen raspelte?
Tote Indianer unterm Sand, die ihre Knochen gegen
   Wampumschnüre schlagen.
Die Wurzeln junger Bäume haben ihre Gräber aufgerissen,
Aber in den Ästen sitzen kleine weiße Skelette
Und feilen bittere Totenklagen durch die Augustnacht.

Deutsch von Jürgen Brôcan, aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Lyrik Kabinett München, 2006, S. 163

Katydids
Shore of Lake Michigan

Katydids scraped in the dim trees,
And I thought they were little white skeletons
Playing the fiddle with a pair of finger-bones.

How long is it since Indians walked here,
Stealing along the sands with smooth feet?
How long is it since Indians died here
And the creeping sands scraped them bone from bone?
Dead Indians under the sands, playing their bones against strings
   of wampum.
The roots of new, young trees have torn their graves asunder,
But in the branches sit little white skeletons
Rasping a bitter death-dirge through the August night.

Weltkind und gläubig

Alfons Paquet 

(* 26. Januar 1881 in Wiesbaden; † 8. Februar 1944, heute vor 80 Jahren, in Frankfurt am Main)

KURZE BIOGRAPHIE

In Wiesbaden bin ich geboren,
In London pfiff mir der Wind um die Ohren,
In Sibirien sah ich, was Fremde ist,
In China wurde ich Christ,
In Amerika Europäer.
So kam ich der Heimat wieder näher.
Europas Jordan ist der Rhein:
Man kann ein Weltkind und gläubig sein.

Aus: Alfons Paquet: Gesammelte Werke. Erster Band. Gedichte. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1970, S. 37.

Wenn ein Kind geboren wird

Phoebe Giannisi wurde 1964 in Athen geboren. Sie studierte Architektur an den Universitäten von Athen und Lyon und ist Professorin an der Universität von Thessalien in Volos.

Phoebe Giannisi

(Penelope IV)

Wenn ein Kind geboren wird
fließt Zärtlichkeit
wie Milch aus den Brüsten
der reine Himmel
wie seine Augen die nur undeutlich sehen
etwas großes wird geboren in etwas so kleinem
offen und geschlossen
jedes Neugeborene ist Zeus in seiner Höhle
gesäugt von Ziegen
hilflos und deswegen
mächtiger als alles
bereit
es hält in seiner Hand die Welt
ich erwache mitten in der Nacht
um ihm meine Liebe zuzuflüstern
den Kampf seine Macht für das Leben
die Socken seine Kleider
unseren eigenen unbesiegbaren Duft
seinen ruhigen Schlaf
wieder ist ein unendliches Geschenk von den
               Sternen gefallen

                (Volos, 13.5.08)

Aus: Phoebe Giannisi, Homerika. Gedichte. Übersetzt von Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, S. 72

Gehen ist besser als Stehen

Heute vor 40 Jahren starb der spanische Dichter Jorge Guillén.

LIEDCHEN ZUM AUFSTEHEN

(Dunkle Müdigkeit,
Morgen für brennende Lampen.)
Schüttle den Schlaf ab, Freund,
bist noch am Leben, auf.

Gut ist das Leben,
gut ist es, neu zu beginnen.
An Arbeit fehlt's nicht,
Augen auf, Kavalier.

Der Morgen wird heller,
der Nebel vergeht,
wach auf, Freund, wach auf,
hoch mit dir!

Iß etwas Warmes,
Mut braucht Brot.
Rüste dich schnell,
uns erwartet die Klarheit.

Zwischen Wolken die Sonne
ruft uns zum Treffen.
Gehen ist besser als Stehen.
Bist noch am Leben, auf.

Aus dem Spanischen von Hildegard Baumgardt. Aus: Jorge Guillén, Berufung zum Sein. Ausgewählte Gedichte (Spanisch-Deutsch). München: Heyne, 1979, S. 105

ALBORADILLA DEL COMPAÑERO

(Oscuro cansancio,
Alba para luz encendida.)
Sacude el sueño, compañero,
Vida aún, arriba.

Bueno es el vivir
Y bueno volver a empezar.
Trabajo no falta,
Abre los ojos, galán.

La madrugada se aclara,
La neblina se disipa.
Despierta, amigo, despierta,
¡Arriba!

Toma algo caliente,
No hay valor sin pan.
Avíate pronto,
Nos espera la claridad.

El sol entre nubes
Nos lanza su cita.
Seguir es mejor que pararse.
Vida aún, arriba.

Selma Merbaum 100

Heute vor 100 Jahren wurde in Czernowitz, der Stadt, wo Bücher und Menschen lebten, das Mädchen Selma Merbaum geboren (bekannt wurde sie unter dem Namen Meerbaum-Eisinger). Der Großvater ihrer Mutter, ihr Urgroßvater, war auch der Urgroßvater Paul Celans. Selma Merbaum verlor den Vater, Max Merbaum, im frühen Kindesalter, er starb 1926 an Tuberkulose. Seine Mutter heiratete später Leo Eisinger. Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, gehörte nach der Auflösung der Habsburger Monarchie zu Rumänien, die Hälfte der Bevölkerung waren Juden, man sprach in der Schule Rumänisch und zu Hause Deutsch. Zahlreiche deutsche Dichter und Dichterinnen gingen aus der Kulturstadt hervor: Paul Celan, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Immanuel Weissglas, Alfred Margul-Sperber, Ilana Shmueli, Klara Blum, David Goldfeld, Alfred Gong, Moses Rosenkranz und Manfred Winkler. Und Selma Merbaum.

Im mit Nazideutschland verbündeten Rumänien wurden die Juden schikaniert. Als am 26. Juni 1940 die Sowjetunion die Abtretung Bessarabiens und der nördlichen Bukowina von Rumänien erzwang, glaubten viele zumal sozialistisch orientierte Juden, dass jetzt alles besser würde. Aber tausende wurden nach Sibirien deportiert. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion rückten am 5. Juli 1941 rumänische Truppen in Czernowitz ein. Eine neue Stufe der Judenverfolgung setzte ein, von den Deutschen dirigiert. Die Juden wurden in ein Ghetto gepfercht – nie zuvor hatte es hier eins gegeben. Dann kommen die Deportationen. Selma mit Mutter und Stiefvater kommen in ein Zwangsarbeitslager in einem Steinbruch, keiner von ihnen überlebt. Selma stirbt am 16. Dezember 1942 an Typhus. 57 Gedichte überlebten ihren Tod und wurden auf abenteuerlicher Weise gerettet.

Selma Merbaum

(geboren am 5. Februar 1924 in Czernowitz im Königreich Rumänien; gestorben am 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka, damals Rumänien, heute Ukraine).

Bleistiftskizze

Ein Haarsträhn wie ein feiner Schatten in die Stirn,
darüber seidig weich die dunkle Fülle.
Der Mund ein trutz'ges Zeugnis stolzer Kühle,
betont durch leichten, schwarzen Flaum.
Das helle Braun der Augen mildert kaum.
Die Zähne scheinen stark und weiß nach vorne sich zu drängen
und ganz so störrisch wild die schwarzen Brauen.
Doch wenn die Augen in die Ferne schauen,
dann will ein Zug von Sehnsucht in den Stolz sich mengen.
Darüber wölbt die Stirne sich in leicht gewölbtem Bogen,
die feine Nase setzt sie, aufwärtsstrebend, fort.
Der schlanke Hals ist in die Harmonie mit einbezogen –
ein bißchen Braun, ein bißchen bleich – ein starker Dur-Akkord.

28.9. 1941

Aus: Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. u. eingeleitet von Jürgen Serke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1984, S. 79

Wenn Schneemänner verreisen

Dirk Uwe Hansen

Wenn Schneemänner verreisen

Wenn Schneemänner verreisen,
dann eisen sie sich nur langsam los, sie ziehen,
bevor sie fliehen, den Hut ins Gesicht, sie holen
die Kohlen aus ihrem Nabel, sie werfen zum Üben
die Rüben schon mal voraus und warten
im Garten und machen sich klein.

Aus: Dirk Uwe Hansen: Sirenen. Gedichte (Grillenfänger 24). Potsdam: Udo Degener Verlag, 2011, S. 19

Gertrude Stein, auch 150

Kaum zu glauben, dass sie derselbe Jahrgang wie Hofmannsthal ist, aber es muss wohl stimmen. Zum Fest ein Ausschnitt aus dem Erzählgedicht Winning His Way / wie man seine art gewinnt, im Original und in der deutschen Fassung von Ulf Stolterfoht, die 2005 bei Urs Engeler erschien.

Gertrude Stein

(3. Februar 1874 Allegheny West in Pittsburgh, Pennsylvania – 27. Juli 1946 Neuilly-sur-Seine bei Paris)

Aus: wie man seine art gewinnt. ein erzählgedicht über dichtung

ein erzählgedicht. über dichtung. und ruhm. drum kann. jeder wechsel. nämlich. sein. ein langes erzähl. gedicht. über dichtung. und. über ruhm. wie man seine art gewinnt. ein erzählgedicht. über dichtung. und freundschaft. und ruhm. und. eine überlegung. inwieweit. es dasselbe ist. oder. eben nicht. weder ihn. gehabt. noch. genug. davon. zu haben. unsre

damalige sicht. und es ist tatsächlich. nicht. für die. gemacht. was. tut sie. wenn sie. rübergeht. und. steht. sie wird sich. wieder. setzen. und das. sticken. fortsetzen. und. dies. ist keine erklärung. deren. vergnügen. deren ursache. deren. knäuel. ebensowenig. wie es. ein muster ist. es ist. die hoffnung. darauf. sie wären. auserwählt. für. ihren. einen. moment. es hilft. überhaupt.

nichts. zu. erzählen. daß. er seinen ball. fallen. ließ. und zurück. gegangen ist. zu einem stuhl. und. gegen den schreibtisch. knallte. und. es hat. auch keinen. unterschied gemacht. alle formen. von sich angelacht. bis. beigebracht. noch. ist es. wirklich. ein segen. das. schwarze huhn. sie ist. pflichtgemäß. verschwunden. und alles. bestens. danke. schön. dies. hat. nichts. zu tun. mit. wie

man seine art gewinnt. gerinnt. zu. eines ersten tages. abend. sie ist sich. dessen. kaum. bewußt. vermute ich. mutmaßlich. aufopfer. doch. ist es das. was man. erfreulich nennt. bitte. finde. das ding. das einen. seine art. gewinnen. läßt. deren. vergnügen. wie folgt. sie. können entscheiden. zu bleiben. bei fälligkeit. und. falls. es fällt. und. er wartet. dann. kehrt er zurück. und dort.

lauert. ein gezauder.

From: Winning His Way. A Narrative Poem of Poetry

A narrative poem. Of poetry. And fame.
Any change. Can be. That. Name.
A long narrative. Poem. Of poetry. And. Of fame.
Winning his way. A narrative poem.
Of poetry. And friendship. And fame.
And. A consideration. As to whether.
It is. Or. It is not. The same.
As not. Having. Had it. Nor. Enough. Of it.
Our having seen. And. It is not. Made. Indeed. For them.
What. Is she doing.
In going. Over there. And. Standing.
She will. Seat herself. Again. And go. On. Tapestrying.
And. This. Is no explanation.
Their. Pleasure. Their cause. Their. Ball.
Nor which. If it is. A standard.
It is. A hope. That. They can be.
Elected. As. At. Their. Present.
It is not. Of any use. To tell. It. At. All.
That he has. Dropped. His ball.
And. Has gone. Back. To a chair.
And that. Has bumped. The desk.
And. It has. Not made any. Difference.
All kinds. Of bought. And. Brought.
Nor. Indeed. Is it. A bless. The. Black chicken.
She has. Gone. As a task. And all.
Very. Well. I thank you.
This. Has. Nothing. To do.
With. Winning his way. In a cause.
Of it. Being. A first day. Of. An evening.
She can be. Scarcely. Conscious. Of. I guess.
That it is an. Offering.
But. It is. What. They may call. Pleasing.
Which accents. Theirs. At once. As. Pleasing.
Please. Find it.
The thing. That makes. Winning. His way.
Their. Pleasure. Is this. They. Can decide.
To abide. By its falling. And. If. It falls.
And. He waits. Then. He returns. And there.
Is. A hesitation.

KI-Nachtrag

KI-Assistent hält den deutschen Text für das Original und den englischen für übersetzt. Und empfiehlt – besonders im englischen Text – die Lesbarkeit zu erhöhen durch Einfügung von Leerzeilen oder Formatierung. KI eben.

Schulden

Ein schlankes Buch bei der parasitenpresse. Und eine Dichterin!

Anne Martin

SCHULDEN

ich sitze in einem lokal. ich bestelle kaffee. ich lese zeitung. ich habe schulden. man bringt mir den kaffee. ich habe schulden. ich sitze und trinke kaffee. ich lese zeitung, die ich habe wie ich schulden habe. ich lese: die bürger wollen mehr blumen und bäume. die bürger haben schulden wie ich. sie haben weniger blumen und bäume als sie wollen. sie haben weniger blumen und bäume als sie sagen, dass sie wollten. blumen und bäume können nichts dafür. die bürger haben schulden bei den bäumen. die bäume schulden uns nichts. die bürger denken nicht ans bruchholz. das bruchholz denkt nicht an den forst. die bürger denken nicht an die schulden. ich denk nicht ans geld. ich habe kein geld. ich lese in der zeitung, die ich habe, wie ich schulden habe: die arbeiter haben heut frei. ich habe frei und ich habe schulden. ich sitze und trinke kaffee. auch arbeiter haben schulden. sie haben heut frei. sie haben nicht immer geld. arbeiter haben auch schulden wenn sie einer arbeit nachgehen. gehen sie einer arbeit nach, haben sie nicht frei. dann haben sie vielleicht schulden und kein geld, aber sie haben nicht frei. sie können auch schulden haben, wenn sie keinen kaffee trinken und gar nicht genug blumen und bäume entlang ihres arbeitsweges stehen. die s-bahn kommt zu spät. wir haben schulden. ich bezahle den bescheid für fahren ohne licht. ich bezahle die mahngebühr der stadtbibliothek. ich bezahle die neue füllung für meinen verfaulten zahn. der zieht beim kaffeetrinken. ich habe schulden und kaputte zähne und arbeit ist mehr als broterwerb. ich habe schulden bei meinem vermieter. ich hab ein fahrrad ohne licht. mein vermieter hat arbeit. mein vermieter hat geld. sein geld hat geschichte. die geschichte hat arbeit mit den arbeitern und mit dem geld. die arbeit hat geschichte. geld ist geschichte, nicht immer von arbeit. die arbeit hat schulden beim volk. das volk hat schulden bei sich. das volk macht den könig. der könig macht geld. der könig macht geld durch schulden. der könig macht geschichte für das volk. das volk hat schulden. das volk hat blumen. des volk hat bäume, aber nicht genug davon. das volk hat schulden beim forst. die blumen haben keine schulden beim volk. die bäume haben keine schulden beim könig. die geschichte hat keine schulden beim könig. der könig hat schulden bei uns. wir haben schulden bei den geschichten. wir haben schulden bei denen, die die geschichte nicht nennt. das wetter hat geschichte. und ich habe geschichte, kaffee und ich habe schulden. meine schulden haben geschichte. meine geschichte hat geschichten. meine geschichte will keinen könig mehr. der könig hat schulden trotz geld. der könig hat schulden bei uns und anderen königen. könige haben geschichte und schulden und geld und wetter nach bedarf. der könig hat schulden bei uns. so hat meine geschichte einen könig, den ich nicht will. ich sitze und will mehr blumen und bäume. ich hab eine zeitung und könige wider willen. ich habe kein geld und ich will mehr blumen. der könig macht immer mehr schulden. die arbeiter bauen breitere straßen. der könig macht noch mehr schulden. die arbeiter graben den tunnel tief in den berg. nur gerade nicht. sie haben heut frei. das wetter ist schön. es macht heut geschichte in meinen geschichten. ich hab kaffee, arbeit und keinen broterwerb. die arbeiter haben heut frei. das geld macht geschichte auch jetzt. schulden machen geschichte auch morgen. das wetter macht geschichte. der könig macht geld. das wetter kann könige machen. der könig macht schulden. das wetter macht geld. das geld kennt den könig nicht nackt. das wetter kennt den könig im sommer. der bettler kennt das wetter. er kennt kein geld. der bettler hat schulden, er hat nicht frei. arbeit hat der bettler nicht. er hat geschichten. er hat keine arbeit aber er hat nicht frei. die geschichte schuldet dem bettler geschichten mit blumen und bäumen und brot. die geschichte hat schulden bei uns. und wir schulden der geschichte ein gutes ende. dem guten ende schulden wir krach. das gute ende schuldet der geschichte ein klar konturiertes bild. das wetter kennt den bettler im sommer und im winter. die schulden kennen den bettler bis unter den bart. die geschichte kennt den könig im sommer und im feld. das geld kennt den könig wenn es ihm beliebt. der könig ist glatt rasiert. ich habe arbeit, aber keinen broterwerb. ich habe kein geld, ich habe nicht frei. ich habe kaffee. ich lese zeitung. ich habe schulden. die geschichte kennt mich und den bettler nicht. mit oder ohne behaarung der scham. die geschichte kennt unsere schulden. die geschichte kennt unsere scham. die geschichte kennt mich nicht nackt im feld. meine scham schuldet mir ein gutes ende mit schönem bild. meine scham schuldet mir ein gebrüll. ich habe arbeit, aber keinen broterwerb. ich habe kein geld, ich habe nicht frei. dem guten ende schulden wir unsere zeit. dem wetter schulden wir unser geld, weil das wetter die geschichte macht und könige und arbeiter und blumen und bäume. wir schulden dem wetter ein gutes ende. wir schulden dem wetter pflanzen. die geschichte hat schulden beim wetter. wir schulden der geschichte geschrei. ich lese zeitung, die ich habe wie ich schulden habe, von terror, fußball und wetter. wir schulden der zeitung ein gutes ende. wir schulden der zeitung geschrei. die zeitung schuldet uns geschichten vom bettler. die zeitung hat schulden bei den bäumen. die bäume schulden uns nichts. wir schulden uns ein gutes ende. wir schulden dem brotwerb sinn. die bürger schulden den blumen und bäumen, die sie mehr wollen, mehr geschrei.

ich    trinke    kaffee.       ich    habe    viele    schulden.
die   arbeiter    haben      heut        frei.

Aus: Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte. Köln Leipzig Chania: parasitenpresse, 2023, S. 17-19

Hugo von Hofmannsthal 150

Zum 150. Geburtstag des Dichters hier mal ein Dauerbrenner. Auch wenn gerade der Februar angefangen hat: Vorfrühling.

Hugo von Hofmannsthal

(* 1. Februar 1874 in Wien; † 15. Juli 1929 in Rodaun bei Wien)

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.

Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Erste Reihe in drei Bänden, Band 1, Berlin 1924, S. 3-4.
Permalink:

http://www.zeno.org/nid/2000508802X

Zur Feier des Tages folgen ein paar Sentenzen über Poesie.

Sie wundern sich, daß Ihnen ein Dichter die Regeln lobt und in Wortfolgen und Maßen das Ganze der Poesie sieht. Es gibt aber schon zu viele Dilettanten, welche die Intentionen loben, und das ganze Wertlose hat Diener an allen schweren Köpfen. Auch seien Sie unbesorgt: ich werde Ihnen das Leben wiedergeben. Ich weiß, was das Leben mit der Kunst zu schaffen hat. Ich liebe das Leben, vielmehr ich liebe nichts als das Leben. Aber ich liebe nicht, daß man gemalten Menschen elfenbeinene Zähne einzusetzen wünscht und marmorne Figuren auf die Steinbänke eines Gartens setzt, als wären es Spaziergänger. Sie müssen sich abgewöhnen, zu verlangen, daß man mit roter Tinte schreibt, um glauben zu machen, man schreibe mit Blut.

Poesie und Leben

Dies, was allein das Wesen der Dichtung ausmacht, wird am meisten verkannt. Ich kenne in keinem Kunststil ein Element, das schmählicher verwahrlost wäre als das Eigenschaftswort bei den neueren deutschen sogenannten Dichtern. Es wird gedankenlos hingesetzt oder mit einer absichtlichen Grellmalerei, die alles lähmt. Die Unzulänglichkeit des rhythmischen Gefühles aber ist ärger. Es scheint beinahe niemand mehr zu wissen, daß das der Hebel aller Wirkung ist. Es hieße einen Dichter über alle Deutschen der letzten Jahrzehnte stellen, wenn man von ihm sagen könnte: Er hat die Adjektiva, die nicht totgeboren sind, und seine Rhythmen gehen nirgends gegen seinen Willen.

Ebd.

Niemals setzt die Poesie eine Sache für eine andere, denn es ist gerade die Poesie, welche fieberhaft bestrebt ist, die Sache selbst zu setzen, mit einer ganz anderen Energie als die stumpfe Alltagssprache, mit einer ganz anderen Zauberkraft als die schwächliche Terminologie der Wissenschaft. Wenn die Poesie etwas tut, so ist es das: daß sie aus jedem Gebilde der Welt und des Traumes mit durstiger Gier sein Eigenstes, sein Wesenhaftestes herausschlürft, so wie jene Irrlichter in dem Märchen, die überall das Gold herauslecken. Und sie tut es aus dem gleichen Grunde: weil sie sich von dem Mark der Dinge nährt, weil sie elend verlöschen würde, wenn sie dies nährende Gold nicht aus allen Fugen, allen Spalten in sich zöge.

Das Gespräch über Gedichte

Ich höre des öfteren, man nennt irgendwelche Bücher naturalistische und irgendwelche psychologische und andere symbolistische, und noch andere ebenso nichtssagende Namen. Ich glaube nicht, daß irgend eine dieser Bezeichnungen den leisesten Sinn hat für einen, der zu lesen versteht.

Der Dichter und diese Zeit

Nachtrag

Heute ist mein KI-Assistent mit mir zufrieden: „Overall, the content encapsulates the essence of poetry and offers a delightful literary experience. Well done!“ Was habe ich falsch gemacht?