35. Deutsche Schrift für Deutsche

Studenten sind sprachmächtig und gedankenvoll oder jedenfalls arbeiten sie daran. 1933 gingen sie den Professoren voran und verlangten ein Ende des undeutschen Geistes, Auszüge:

3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.

4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist.

5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.

6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.

7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen.

Wir fordern deshalb von der Zensur:

Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch, sind sie als Uebersetzung zu kennzeichnen.
Schärfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift.
Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung.
Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.
Flugblatt der Deutschen Studentenschaft, 1933. Quelle: Wikisource

 

Ich probiers mal in meiner noch unvollkommenen Schriftkenntnis mit einer Zeile des Juden Heine. Transkribiert aus dem Jüdischen:

 

Ich weiß nicht was soll es bedeuten

 

יך באיס ניכט באס זול עס באדאיטנ

34. Kritik

Wir kennen die Klage zur Genüge. Sie ist so berechtigt wie freilich auch müssig: Seit nach der Jahrtausendwende der Werbemarkt für Tageszeitungen richtiggehend zusammengebrochen ist, sind auch ein paar schöne Illusionen geschwunden. Mochte man bis dahin glauben, eine Zeitung werde nach dem Geschmack der Redaktion und dem Interesse der Leserinnen und Leser gemacht, so bleibt seither nur Ernüchterung: Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt. Das betrifft zunächst weniger die Inhalte als die Umfänge. Aber mit gekürzten Umfängen fallen auch viele Inhalte dahin. Nicht zuletzt die Literaturkritik bekam dies zu spüren. Sowohl die überregionale wie vor allem die regionale Presse strichen über die vergangenen Jahre das Volumen der Literaturkritik massiv zusammen (nachdem dieses notabene in den Jahren zuvor ebenso stark ausgebaut worden war). (…)

Rezensenten sind Diener verschiedener Herren. Nicht immer lässt sich dabei schlüssig sagen, welchen diesen durchaus auch widersprüchlichen Interessen sie sich am ehesten verpflichtet fühlen.

Da ist zunächst und vielleicht zuvörderst die mitunter etwas narzisstische Ambition, sich als Wortführer unter den Literaturkritikern zu profilieren und zu positionieren, um, wie es Max Rychner einmal hinsichtlich seiner «Dr. Faustus»-Besprechung gesagt hatte: den Ton anzugeben, in dem über ein Buch gesprochen wird. Rezensenten sind dann immer so etwas wie hybride Wesen zwischen Schlegel und Benjamin: Mit dem einen versuchen sie, den Autor besser zu verstehen, als dieser sich selber verstanden hat; mit dem anderen gehen sie als Strategen im Literaturkampf in Stellung. / Roman Bucheli, NZZ

33. Prager Buchmesse

Die 19. Prager Buchmesse „Svět knihy“, Buchwelt 2013, findet vom 16. bis 19.5. statt. Ehrengast ist die Slowakei, Messeschwerpunkt in diesem Jahr: Die Vielfalt der Poesie / Bücher die nicht loslassen / Blogger als Schriftsteller, Schriftsteller als Blogger.

Auf der Messe wird auch ein spezieller Preis vergeben, der „Folterbank“-Preis für schlechte Übersetzungen, also solche, denen es nicht gelingt, einen Text faktisch und semantisch korrekt zu übersetzen, die die künstlerische Absicht des Originals mißachten und gegen die übersetzerische Ethik verstoßen.

2010 ließen tschechische Verlage Bücher aus 44 Sprachen übersetzen. An der Spitze steht Englisch, etwa die Hälfte, dann Deutsch (17%) und Französisch (5%)

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Deutschsprachige Literatur auf der Prager Buchmesse „Svět knihy“

32. Doreen Daume †

Vorige Woche starb die Übersetzerin Doreen Daume. Sie wurde 1957 in Dortmund geboren. Sie übersetzte seit 1999 polnische Literatur (u. a. Bruno Schulz, Czesław Miłosz, Ewa Lipska, Mariusz Grzebalski, Piotr Sommer, Andrzej Kopacki). Für ihre Übersetzungen erhielt sie 2008  den Österreichischen Staatspreis. In einem Nachruf schrieb Werner Richter:

Aber mit derselben Ausdauer lernte sie dann eben die neue Sprache, und zwar so gut, dass es nicht lange dauerte, bis sie sich unter die (durchaus schon vorhandenen) Größen der Polnischübersetzer einreihte. Es war nur eine kurze Karriere (2000-2013), aber alle Achtung: Angefangen hat sie gleich richtig weit oben, aber anscheinend reicht’s nicht, dass einer wie Czesław Miłosz den Nobelpreis für Literatur kriegt – trotzdem gab es Sachen von ihm, die nie ins Deutsche gekommen waren. So auch sein Hündchen am Wegesrand, eine Sammlung aphoristischer Essays, die Doreen (wieder)entdeckte und bei Hanser unterbrachte, wo sie dann immer neue Texte, vor allem Gedichte von Miłosz, übersetzt hat. Lyrik war überhaupt ihre Spezialität, die Hälfte ihrer Bibliographie fällt in dieses Genre. Und für poetische Sprachwucht wurde auch ihre Übersetzung der beiden Romane von Bruno Schulz gerühmt, vor allem die „vitale und intensive“ Neufassung seiner Zimtläden.
(…)
Zornig war sie in den letzten Jahren auch darüber, wie unbedankt und mies bezahlt unser Beruf doch ist. Sie hat sogar vor kurzem noch einen Fernkurs als Werbetexterin abgeschlossen, weil ihr klar war, dass man in der Branche die Tricks der Sprachkunst, die wir halt drauf haben, genug zu schätzen weiß, um auch richtig Geld dafür zu bezahlen.

31. Lyrikdebatte

A: the poetry that streams through this community is so fucking bad and uninspiring that i have to remove it from my feed, even though i love poetry, at least i thought i did, until i read the shit that you fucking idiots are sharing. sorry.

E: If you don’t like what you read, offer solutions, not profanity.

A: Solution? read a fucking book.
a book of poetry. by fucking t.s. elliott or dante or some shit
i think frost has a couple that dont suck too. or fucking whats his face, fuckin,,,, thats right POE. READ SOME FUCKING POE.

M: ooh a..i understsnd yr frustration..i dnt often enhoy some of the poetry i read..but i dnt realy post on here..i think its refreshon u sayin what u think an not censorin yrself..gd luck on the quest of findin beautiful great poetry matey…xo
i mean the poetry i read thats new..not neccesarily on here..excuse the poor typin..predictive tx is ruinin my life lol xo
I think a lack of predictive text is more a problem

A: THATS THAT SHIT IM TALKIN ABOUT! Where can I read your stuff?

M: truue story..not jus harshly critiqued..some were destroyed by poetry teachers..they did get published tho so it jus shows one mans terrible piece of writing is someone elses 5 minute literary haven

R: Suffering from omnipotence syndrome are we? Dante wouldn’t have appreciated. Beside, contemporary poetry is what people want to read and write. ..free verses mean also freedom

30. Kookbooks 10

Zum Jubiläum schreibt Christoph David Piorkowski in tip Berlin kritisch-panegyrisch (ich spendiere einem Namen ein „c“, während ich ganz unten im Zitat einen von Pedanten erwartbaren Buchstaben lasse wo er fehlt):

Nun ist man auch offiziell in Berlin, wo ohnehin alles seinen Anfang nahm, damals, Ende der 90er-Jahre, als junge Lyriker wie Uljana Wolf, Jan Böttcher, Monika Rin[c]k und eben Daniela Seel sich in Netzwerken verbanden, gemeinsam Lesungen organisierten, aneinander lernten; zu einer Zeit, als die großen Verlage die Lyrik aus ihren Programmen verbannten. „Und aus diesen Zusammenhängen heraus sind dann Manuskripte entstanden, die einfach druckreif waren“, sagt Daniela Seel. So entschied sie sich, die in vieles mal hineinstudiert und außerdem eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert hat, zur Gründung von kookbooks als infrastrukturellem Kristallisationspunkt für die sich avantgardistisch wähnende Poetenszene. Auch Andreas Töpfer, der bis heute die ansehnliche Gestaltung der meist schmalen Gedichtbände zu verantworten hat, war von Anfang an dabei.

Man verstand sich immer schon als transmediales Künstlerensemble. Bereits seit Beginn der Nullerjahre gab es musikalisch-literarische Mischformate. Daniela Seel präferiert denn auch jene Art von Lyrik, die „ein Bewusstsein für musikalische und prosodische Kompositionselemente mitbringt und nicht von einer narrativen Richtung herkommt.“ Überhaupt scheint es ihr mehr um das Wie zu gehen als um das Was. Immer wieder regt sie an, aus „gewissen Sprachstandards“ auszubrechen, konventionelle „Satzförmchen“ zu hintergehen und die allen gemeinsame Sprache zu übersteigen.

(…) Aber etwas mitteilen will man ja auf jeden Fall und fällt dann zumindest mit dem programmatischen Slogan „Poesie als Lebensform“ ins „Förmchenhafte“ zurück. ei’s drum.

Das amortisiert sich nicht 
10 Jahre kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Das Geburtstagsfest,
im Theater­discounter Berlin, Klosterstraße 44, Mitte,
Di 14.5., 19 Uhr, www.kookbooks.de

 

29. Weltbürger aus Niš

Reisefreiheit, kulturelle Vielfalt, Autonomie der Kulturszene und nicht zuletzt Rock ’n’ Roll – das schien für die heutige Generation 50+ in Titos Jugoslawien das große Versprechen der Weltzugehörigkeit zu sein. Das Lebensgefühl der damaligen Protagonisten war eine Mischung aus Zuversicht, Übermut und Rebellion. Der beste Ausdruck dieses Lebensgefühls waren sicherlich die Rockmusik und die Lyrik – insbesondere die frühe Lyrik von Zvonko Karanović. Die urbane Abwendung von jeglicher Provinzialität wurde vollzogen, programmatisch und praktisch, in der Lyrik und im Lebensstil.
Danach kam die Ernüchterung – im zerfallenden Land organisierten sich politisch und kulturell die Mehrheiten um die rückwärtsgewandten Utopien – die große Zukunft lag für sie in der ruhmreichen, ethnisch definierten Vergangenheit. Zvonko Karanović lehnte es ab, in diesem Massenchor mitzusingen, und folgte seiner eigenen Stimme. So blieb seine Lyrik im Jahrzehnt der Zerfallkriege notgedrungen marginalisiert. Er blieb ein Weltbürger aus Niš, der seine Seelenverwandtschaft mit Leuten wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg, Ralf Dieter Brinkmann oder Luis Buñuel, David Lynch oder Leonard Cohen offen zeigt.
Im Klagenfurter Drava Verlag ist eine Auswahl seiner Gedichte zweisprachig (serbisch und deutsch) erschienen: „Burn, baby, burn!“, übersetzt von Matthias Jacob und Alida Bremer. / Frank Milautzcki, Fixpoetry

28. Schierer Genuß

Seit sie 1968 mit zwei Bänden debütierte, hat Annemarie Zornack kontinuierlich Lyriksammlungen veröffentlicht – unter anderem im Claassen Verlag, in der Eremiten-Presse und bei Wallstein. Die Autorin fand rasch Anerkennung. Bei der Kritik. Beim Lesepublikum. Auch bei Größen der schreibenden Zunft wie Günter Eich oder Ernst Jünger. Karl Krolow sagte in einer Rezension: »Annemarie Zornacks grazile, graziöse, von zarten Einfällen lebende Texte sind luftig wie lyrische Wimpel … Gedichte feinster Art … Es ist eine bestimmte Lebenslust darin, die die Worte – ich möchte sagen – tänzerisch werden läßt … zärtliche lyrische Offerten, die nie zu verbalen Anstrengungen entarten … Angesichts einiger Strapazen, die sich Lyrik bei uns nennen, sind solche Gedichte schierer Genuß. Man atmet danach erheblich leichter.«
Man hat Zornacks Versen attestiert, daß sie gleichsam mit einem Kopfsprung begännen und sich umstandslos in die Welt ihrer Themen stürzen. Realität und Traum, auch Alptraum sind Aggregatzustände ein und desselben Bewußtseins, und einem Abgleiten vom Gefühl ins Gefühlige wird durch Ironie, assoziative Übersprünge und harte Schnitte entgegengewirkt. Eine Auswahl ihrer Gedichte erscheint nun im Verlag Ralf Liebe unter dem Titel „morgenmantelkapriolen“.

 / Frank Milautzcki, Fixpoetry

27. Gestorben

Der bretonische Schriftsteller Alain Jégou starb am 6.5. nach langer Krankheit im Alter von 65 Jahren. Hier ein Blog zu seinem Werk, auch mit Texten, die er über die Beat Poets und die Lyrik der Indianer schrieb.

/ Agence Brétagne Presse

26. Stötzers Lied

Jan Kuhlbrodt hat ein Requiem geschrieben, einen Gesang vom Leben danach. Grundiert durch unterschiedliche Tätigkeiten in seinem Leben, gestattet der Lyriker auch dem Stötzer viele Ausdrucksformen, Philosophisches trifft auf Humor und Schärfe. Spielerisch probiert der Lyriker die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus; das Sinnganze ist kein Ideal mehr. Als poetisches Personal treten weitere Helden auf: Marx, Lenin und Hitler neben Chemiearbeitern, Spitzeln und Theo Waigel. Utopien und Dystopien begegnen sich in Denkmälern, Bibliotheken, in politischen Systemen. Als Antiheld gibt sich dieser Stötzer zuweilen eigenbrötlerisch, er differenziert die unterschiedlichen Schattierungen der Farbe Grau und deutet die Zeichen des Verfalls inmitten blühender Landschaften. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Dieser Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit.

 Nicht wiederholbar vielleicht. Aber auch darin unterscheide / es sich nicht von andere Episoden. Wir leben im Vorübergehen.

Dieses Langgedicht erzeugt einen Sog, man möchte sich, von Kuhlbrodts Versen geführt, gerne in dieser Stadt verlaufen. Auch wenn das Zentrum seiner Wahrnehmung Leipzig ist, gestattet sich Stötzer Ausflüge ins Hinterland, etwa nach Passendorf alias Halle-Neustadt, oder an den steinigen Grund der Chemnitz alias Kameniza. Hier wird der Text herzzermörsend traurig und bewegt sich nahe am großen Verschwinden. In eben diesen Passagen bekommt dieses Langgedicht eine fluffige Weite, die den Stötzer zu einem Aufklärer werden läßt, jedoch einem, der der Aufklärung misstraut. In diesem Zusammenhang ähnelt Kuhlbrodt konzeptionell dem Ansatz von Weigonis Parlandos. In hochkonzentrierter Form machen diese Lyriker etwas, was nur die Literatur kann: Sie macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten wäre, wenn man es täte. / Matthias Hagedorn, KuNo

Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied – Gesang vom Leben danach. Versepos. llustrationen: Ivonne Dippmann 180 Seiten, Preis 13,90 Euro  ISBN: 978-3-940249-67-8 Verlagshaus J. Frank Berlin 2013

25. Debatte im Winkel

Deutschlands große Zeitungen wehren sich ja dagegen, von Google erfaßt zu werden. Mehrmals täglich erhalte ich vom Google-Nachrichtendienst Snippets, die auf Lyriknachrichten aus aller Welt in mehreren Sprachen verlinken. So heute morgen vom Trierischen Volksfreund und der Agence Bretagne Presse. Nur Süddeutsche Zeitung und FAZ/FAS sind nicht dabei. Kauft uns, wenn ihr uns wollt, sagen sie uns. Am Sonntag, dem 28.4., wäre ich zum Bahnhofskiosk gepilgert (gleich neben dem RILKE-Täggg), wenn mir Google einen beliebigen Ausschnitt aus einem längeren, ganzseitigen Artikel über junge Lyrik hätte schicken dürfen. Aber nein! So bedurfte es erst einiger Flüsterpropaganda und Besuchen in Universitäts- und Stadtbibliothek (übrigens vergeblich, beide haben die FAZ abonniert aber nicht deren Sonntagszeitung). Die sind so exclusiv, die wollen gar nicht gefunden werden. Nicht einmal die Website dieser Zeitung, wie sie sich selber gerne nennt, bietet auch nur die Überschrift an. Welche Exclusivität [bloß nicht mit „k“ schreiben jetzt!], was für ein stolzer Conservatismus! Eine Lyrikdebatte im Winkel. Endlich hab ich sie doch noch gefunden, obwohl ich nicht sollte. Hier ein paar Auszüge.

Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Die letzten zehn Jahre aber haben geleuchtet. Eine neue Generation trat in Erscheinung: in Zeitschriften, die ihr, wie die inzwischen legendäre „Bellatriste 17“, ganze Sondernummern widmeten; in neu gegründeten Verlagen wie Luxbooks, J. Frank, Urs Engelers roughbooks und dem berühmtesten, Kookbooks, der nicht nur Lyrik verlegt, sondern die „Poesie als Lebensform“ versteht. (…)

Auch in der Lyrik ist der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben – das ist ähnlich wie in der Neuen Musik. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in großer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich Dichtung bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erzähl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengebärende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitssättigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die überrascht, vor den Kopf stößt, verführt.

Nora Bossong, Jan Wagner und Marion Poschmann neigen zweifellos dem ersten der beiden Pole zu. Ihre Gedichte sind weniger in einem klassischen als einem biedermeierlichen Sinne schön: Zu sehr vertrauen sie darauf, dass Schönheit entsteht, indem man schöne Wörter aneinanderreiht. (…)

Zu den Traditionalisten gehören, trotz des exzessiv betriebenen urbanistischen Wir-Kults, auch Tom Schulz, Daniel Falb, Alexander Gumz. Ihre Verse, prosanah, emotionsscheu, lapidar, sind eine Sammlung von Oberflächenbeobachtungen, kühle parataktische Narrationen in räumlicher wie zeitlicher Unbestimmtheit („da gab es“, „oder ein anderer ort“, „einmal“, „dann“), mit großer Vorliebe für neutralisierende Plurale („foyers oder lobbys“, ,,knorrige damen“, „männer“), Passivkonstruktionen und neugefügte Komposita. Die Syntax wird nur wenig variiert, ebenso wie das Metrum. So entsteht ein dünner stakkatohafter Sound, der das lyrische Sentiment trockenlegt.

Handwerklich ist das so gut gemacht, dass sich die Wiederholung eine Zeitlang als Innovation ausgeben kann. Auf die Dauer aber wirken diese Gedichte, die zu viele nur behauptete Gewissheiten aneinanderreihen, wie dekorative Fertigkost. In ihr drückt sich, in zeitgeistigem Vokabular, ein ähnlicher Konservativismus aus wie bei den Traditionalisten, nur freudloser. (…)

Ron Winkler, der mit den Lebensformpoeten auf den ersten Blick manches gemeinsam hat – auch er huldigt dem lyrischen Wir, liebt die parataktische Syntax, ist geradezu neologismentrunken und hat eine Schwäche für Unbestimmtheiten –, hält seine Synapsen dagegen neugierig ins Offene. An bloßer mimetischer Verdopplung abgepackter Wirklichkeitsfasern ist er nicht interessiert. Und er unterliegt auch nicht dem Irrtum, Dichtung erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Er erfindet sich seine eigene, faltet die Sprache auf, hinein in einen Möglichkeitsraum, der nur noch seinem eigenen Referenzsystem gehorcht, das ihn mit seiner Unerschöpflichkeit ebenso zu überraschen vermag wie den Leser. Im zuletzt erschienenen Band, „Frenetische Stille“ (erschienen 2010 im Berlin- Verlag), hat Winkler den früheren Hang zu photoshop-bunter Tapetenpoesie zwar nicht gänzlich abgestreift, die lyrische Immanenz aber glücklich verlassen – in Richtung überschießender poetischer Welterfindung. (…)

Ähnlich lebendig wie Winkler, wenn auch von anderem Temperament, ist Steffen Popp. Ein schwermütiger Metaphysiker, ohne Scheu, seine Sensibilität zu zeigen, hier und da ein wenig pathosverliebt. Schon im ersten Band („Wie Alpen“, Kookbooks 2004) hatte er seinen ganz eigenen Ton, der, ohne Vorabgewissheit und doch auf die eigenen sanften Kräfte vertrauend, sich einer vorwärtstastenden, mäandernden Bewegung überlässt, über ihnen schwebend die Entstehung der Verse begleitet (…)

Popp ist ein Metamorphotiker, Kosmossehnsüchtiger (der zweite Band, „Kolonie Zur Sonne“, vier Jahre später im gleichen Verlag erschienen, zeigt es klar) – nur in den abschließenden anderthalb Versen erdet er sich zu oft. Als hätte er Angst, zu entschweben. (…)

Auf je eigene Weise haben Ann Cotten, Monika Rinck und Anja Utler solche lyrischen Räume geschaffen. Der von Cotten ist wild, anarchisch, überschießend, verspielt. Einer frühromantischen Ästhetik folgend, die immer das Unfertige dem Fertigen, das Fragment dem Werk, die Heterogenität der Homogenität vorgezogen hat, sind ihre Gedichte nicht Resultate, sondern Versuche.

Dass man das zunächst als unordentlich empfindet, liegt nicht daran, dass Cotten ästhetisch gescheitert sein könnte – es ist vor allem Ausdruck dafür, wie überfordert man beim Lesen ist. Das erlebt man nicht nur in Cottens erstem Band, den 2007 erschienenen „Fremdwörterbuchsonetten“ (Suhrkamp), die einer Neuerfindung der Gattung in Einzelgedicht wie Zyklus (Sonettenkranz) gleichkommen, sondern vor allem in den „Florida-Räumen“, die drei Jahre später Prosa und Lyrik kombinieren. Erst wenn man wiederholt liest, bilden sich allmählich die Wahrnehmungsstrukturen heraus, die in der scheinbaren Unordnung den hochkomplexen, alles andere als Willkür und Zufall gehorchenden Bau zu erkennen vermögen. (…)

Diese Lust findet man auch bei Monika Rinck – und in noch gesteigertem Maß. Was eine Vielzahl von Lyrikerinnen und Lyrikern im Einzelnen sucht, formal, tonal, thematisch, all das hat sie in ihren im letzten Jahr erschienenen „Honigprotokollen“ (Kookbooks) zur Synthese geführt. Verblüffend und beglückend, wie mehrstimmig ihre Gedichte sind. Nirgendwo finden sich überraschendere, gelungenere Assonanzen, Konsonanzen, Alliterationen als bei Rinck, wie auch ihre Verbneologismen auf ganz neue Pfade verführen. Jedes Wort, jeder Vers, jeder Reim, jeder Klang ist mit dem ihm Benachbarten verknüpft, öffnet einen Sprachraum, in dem alles allem begegnet: die Tradition der Zukunft, der Ernst dem Humor, die Romantik der Klassik der Moderne, die Naivität der Analyse der Reflexion dem Hohn, die Poesie der Prosa der Poesie. (…)

Anja Utler ist weder an Mimesis noch Fiktion interessiert, sie braucht keine Vergleiche, keine Metaphern, sie überlässt sich in ihrer Dichtung ganz den Klangbewegungen. Es geschieht nichts – außer in der Sprache. Der Leser aber erfährt gerade so, was Sprache ist: Speicher einer Körperlichkeit, einer Gewalt, die sich in ihrem Gebrauch offenbart – wie in „marsyas, umkreist“ oder „für daphne: geklagt“ (aus „münden – entzüngeln“, einem Band der Edition Korrespondenzen von 2004). (…)

Utlers Gedicht erzeugt, wovon es spricht. Wir müssen uns nur für seine sprachliche Bewegung öffnen, uns seinem Klang überlassen, seiner syntaktischen Struktur, der Offenheit seiner Form, der Polyvalenz und Schönheit seiner Sprache sowie den Assoziationen, die sie in uns auslöst; wir müssen ihm nur vertrauen und uns den eigenen Gefühlen anvertrauen: Freude, Verwirrung, Begeisterung, Erschauern, Furcht. Es versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzeltsein in Kult, Beschwörung, Magie. Macht aus uns, seinen Leserinnen und Lesern, exzentrischen Beobachtern, Erkunder von Relationen, Schwellenbewohner, durchlässig für neue Erfahrungen.

/ Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28.4.

24. Zu albern

Herrn Dotzauer stelle ich mir als ernsthaften Menschen vor, der zwischen seinen journalistischen Pflichten im, immerhin oder sozusagen Hochfeuilleton auch noch die Hochkultur à la Recherche du temps perdu, Tractatus logico-philosophicus oder Grundlegung zur Metaphysik der Sitten durchackert. Wie schnell entsteht da ein Widerspruch  zwischen „der Kontingenz allen Wissens und der Begrenztheit des menschlichen Daseins“, sozusagen. Listen als Ordnungsfaktor könnten helfen, aber „ach, wie oft sind auch sie zu lang, und wie sehr strapaziert auch ihre Ordnung den geistigen Haushalt“.

Zu solchen Angestrengtheiten verführt ihn eine Ausgabe der Zeitschrift Edit (Nr. 61, 128 S., 5 €, http://www.editonline.de), und  sichtlich goutiert er es nicht. Wie schnell kann sowas zu „neuen lebenszeitvernichtenden Abwägungen führen“. Tatsächlich, das steht da. Vielleicht sollte er einen weniger stressigen Beruf wählen? Wo er in Ruhe seinen Proust und Wittgenstein lesen kann und muß nicht in die Niederungen der Gegenwart abtauchen.

Aber nein, wahrscheinlich widerspräche das seiner (Rhein-Donau-Isarländer würden vielleicht sagen protestantischen) Arbeitsethik. Schließlich hat das hohe Feuilleton Verpflichtungen seiner konservativen Leserschaft gegenüber. Also meint er das alles ernst und will diese vor dem Verbrauch dieser 128 S., 5 € warnen. Dort trefft ihr so unernste Leute wie Monika Rinck oder Norbert Lange, die das Glück der Albernheit mit Kristevazitaten kaschieren. Aber der Tagesspiegelleser durchschaut das nun:

Doch so theoriegesättigt diese Prosa mit Zitaten von Foucault und Lévi-Strauss vor sich hinwuchert – es geht hier gerade nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern das Material so mürbe zu machen, bis es etwas Überraschendes preisgibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Neue, um ans Licht zu kommen, einen dunklen Korridor der Dummheit durchqueren muss.“ Und: „Womöglich bringt die poetische Sprache zur Akzentuierung ihres Aufklärungs- oder Erneuerungspotenzials immer ein gewisses Maß an Verdunkelung mit sich.“

Das ist ein Freibrief für vielerlei Unsinn – auch wo er sich wie bei Rincks Dichterkollegen Norbert Lange auf tiefe Bewunderung berufen kann. Die Proben aus seinen „Dummkopfelegien“, einer Hommage an Rilkes „Duineser Elegien“, drehen jedem Vers den lautlichen Kragen mittelhochdeutsch bis schwittershaft um. Der partielle Reiz des Verfahrens hat seinen Preis: Er zerstört Rilkes Gedanklichkeit, ohne ihr eine neue hinzuzufügen. Das Ergebnis ist nicht parodistisch, aber parasitär.

Zerstört Rilkes Gedanklichkeit, man denke! Lukács läßt auch grüßen. Nein, das können wir abschreiben. Ohnehin würde wohl kein Leser jenes sozusagen geschätzten Blattes die 5 Euro riskieren. Da verliert ihr eh nichts. Das ist nicht ernst, diese Zeitung überlassen wir den Biedermännern und Freizeitkantianern.

(Tiefe Bewunderung für Rilke, lieber Norbert, schützt auch nicht. Also dann!)

Bahnunterführung in Greifswald
Bahnunterführung in Greifswald

23. Zyprische Autorin verunglückt

Niki Marangou starb am Donnerstag, dem 7.2., bei einem Verkehrsunfall in Ägypten. Sie wurde 1948 in Limassol geboren und studierte in Deutschland Soziologie. In Zypern arbeitete sie als Dramaturgin und leitete eine Buchhandlung. Außenminister Erato Kozakou-Marcoullis nannte ihren Tod eine echte Tragödie.

1998 erhielt sie in Alexandria den Kavafispreis für Poesie,  2006 den Lyrikpreis der Athener Akademie für ihr Buch Divan.

/ Cyprus Mail

22. Lyrik auf die Straßen

Beim diesjährigen Sydney Writers’ Festival vom 18.-26. Mai werden die Müllautos zu Poesieträgern. Auf 11 Fahrzeuge werden Verse berühmter Dichter aufgesprüht, darunter W.B. Yeats, Judith Wright und Rainer Maria Rilke.

Hier die Liste der Titel:

  1. Rainer Maria Rilke (from “Archaic Torso of Apollo”) (tr: Stephen Mitchell)
  2. Gig Ryan (from “When I Consider”)
  3. Peter Porter (from “The Unicorn in Love”)
  4. Jessy Randall (“Why I had Children”)
  5. Martin Harrison (from “Walking Back from the Dam”)
  6. David Campbell (“Mothers and Daughters”)
  7. John Berryman (from “Eleven Addresses to the Lord”)
  8. W. B. Yeats (from “Vacillation”)
  9. Kevin Hart (from “Dark Bird”)
  10. Judith Wright (from “Sonnet”)
  11. Kay Ryan (“Fool’s Errands”)
  12. John Berryman (from “Op. posth. no. 13”)
  13. Laurie Duggan (from “Letter to John Forbes”)
  14. joanne burns (“revisionism”)
  15. John Berryman (from “Overseas Prayer”)
  16. Marilyn Hacker (“Villanelle for D.G.B.”)
  17. L. K. Holt (from “From Inside the MRI Scanner”)
  18. Judith Wright (from “Woman to Child”)
  19. S. K. Kelen (from “Reality Check”)

City of Sydney

Sydney Writers‘ Festival

Sydney Poetry

21. Rain Event One

Flüstere solange bis es regnet.

Aus: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989, S. 247

Verschiedene Quellen, z.B.: The Friday Night Book. London: Soncino Press, 1933

Kommentar des Herausgebers:

(1) Das hebräische Wort für Zauberei, kishuf, bedeutet wörtlich: raunend*, flüsternd

(2) „Wenn man eine Generation antrifft, über welcher sich der Himmel rost-, kupferfarben wölbt, dann liegt das daran, daß dieser Generation Flüsterer fehlen. Wie kann man das beheben? Sie sollen einen Flüsterer suchen.“ (Talmud, Ta’anit 8a)

(3) „In orientalischen Ländern gelten die Juden, aus welchem Grund auch immer, als gute Regenmacher.“ (Raphael Patai, The Hebrew Goddess)

*) vgl. raunen, ahd. rūnēn, flüstern, heimlich reden, Runenzauber aussprechen