blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}
Was ist eine Anthologie? Duden sagt:
An|tho|lo|gie, die; -, -n [griech. anthología, eigtl. = Blütenlese, zu: ánthos = Blume u. légein = sammeln, lesen]: Sammlung von ausgewählten literarischen Texten (Gedichten od. Prosa)
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
Wobei die Form der Sammlung offen bleibt. Ist ein Stapel Gedicht- und Prosabände, wie er auf meinem Tisch liegt, eine Anthologie? Ist meine Bibliothek eine Anthologie? Eher nicht; sie enthält viele. (Übrigens auch Anthologien mit Dramen, Essays und anderen Textarten). Seit DER Anthologie meint das Wort wohl ein (1) Buch, in dem Texte verschiedener Autoren gesammelt sind. Das gilt analog auch für mehrbändige Anthologien. Das seit 1967 mit einer Unterbrechung nach 1990 erscheinende „Poesiealbum“*, früher monatlich, heute alle zwei Monate Gedichte eines Autors sammelnd, ist eher eine Heftreihe. Bibliographisch ist jedes Heft ein Buch – für viele Autoren war das Poesiealbum die Erstpublikation, ich nenne Wulf Kirsten, Kurt Bartsch, Thomas Brasch, Richard Pietraß und Kerstin Hensel , ja sogar für die 1966 gestorbene Inge Müller war das Heft von 1976 die erste selbständige Gedichtpublikation. Man könnte das Heft wegen der regelmäßigen Publikation vielleicht eine Zeitschrift nennen – die ersten Jahre wurde es per Postkiosk angeboten. Es ist aber keine Anthologie, wie hier gesagt wird:
Eine Lyrikanthologie namens „Poesiealbum“, die von 1967 bis 1990 in der DDR erschienen ist und eine große kulturpolitische Leistung der Herausgeber/innen ist, stellt Hartmut Lindner in seinem Beitrag vor.
Ich hätte mir diese Anmerkung verkniffen, wenn es der einzige blooper in dem Buch oder Magazin wäre. Es heißt „Lernen aus der Geschichte. LaG-Magazin“, herausgegeben von der „Stiftung Aufarbeitung“ (auch ein schöner Titel, sozusagen Aufarbeitung pur?).
Schon der nächste Teilsatz birgt den nächsten Ausfall:
die von 1967 bis 1990 in der DDR erschienen ist
ja, und seit 2007 in der Bundesrepublik Deutschland, also nun im siebten Jahr. Mehr als 30 Hefte erschienen zweifellos nicht in der DDR. Das muß vielleicht nicht jeder wissen. Auch nicht jeder, der einen Aufsatz über „Poesiealbum“ schreibt? (Aufarbeitung des Poesiealbums? Nur zu; die beste Aufarbeitung von Büchern scheint mir immer noch: Lesen!)
Hartmut Lindner ist „Studienrat a. D. für die Fächer Politische Weltkunde, Geschichte und Deutsch“. Hier eine kommentierte Auswahl der wichtigsten „blooper“.
Weshalb die Lektoren Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer für ihre ab 1967 im Verlag Neues Leben herausgegebene Lyrikanthologie den leicht missverständlichen, aber harmlosen Namen „Poesiealbum“ wählten, ist nicht mehr aufzuklären.
Klaus-Dieter Sommer war Lektor und wird in einigen Heften für die Auswahl genannt, ob er das Heft mit Bernd Jentzsch herausgegeben hat, scheint zweiffelhaft. Beide jedenfalls hätten die Heftreihe kaum eine Anthologie genannt. Und was heißt „leicht mißverständlich, aber harmlos“? Das ist reiner Blödsinn. Tatsächlich ist es Bernd Jentzsch und seinen Nachfolgern gelungen, das Wort „Poesiealbum“ zumindest für die DDR und ihre Überlebenden zu überschreiben. Bin weder harmlos weder Miß! Jeder, der ein Heft in die Hand nahm, wußte das. (Und was heißt nicht mehr aufzuklären? Bernd Jentzsch lebt noch. Der Artikel gibt keinerlei Hinweis, daß der Gründer und langjährige Herausgeber oder seine Nachfolger befragt wurden. Aufarbeitung ohne Zeitzeugen, aus dem Handgelenk eines pensionierten Studienrates?!)
Neben Brecht, Heinrich Heine und Theodor Storm, deren lyrische Qualität unbestritten ist, erscheinen die Debütanten Wulf Kirsten und Helfried Schreiter.
Ich bin nicht sicher, ob die „lyrische Qualität“ Heines oder Brechts von keinem bestritten wurde oder wird. Und ob Wulf Kirstens Gedichte „lyrische Qualität“ haben, hängt kaum vom offensichtlich begrenzten Urteil des Aufarbeiters ab – nicht einmal vom Urteil eines Fachmanns oder einer Fachfrau. Der Aufarbeiter häuft Leerformeln.
Betrachtet man diese ersten 10 Hefte, dann wird deutlich, dass die zeitgenössische (4 Hefte), antifaschistische (2) und die klassische deutschsprachige Dichtung (2) den Schwerpunkt der Reihe bildete, aber auch der sowjetischen Literatur (2) viel Raum gegeben werden sollte.
Mathematisch (und auch literarisch oder kulturpolitisch) höchst anfechtbar. Die 10 ersten Hefte von 275 bis zum Ende der DDR erschienenen können kaum als belastbare Probe gelten. Bei dieser überschaubaren Zahl und hervorragender Dokumentierung könnte sich ein Aufarbeiter schon etwas mehr Mühe machen. Ich borge aus einem anderen Kommentar eine etwas andere Auswahlliste:
Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian
Was sagt diese über die die Konzeption der Reihe? Bitte aufarbeiten. Ach so, hier kommt es?
Das Spektrum erweiterte sich in den folgenden Jahren, indem mit Erich Fried (1969) ein westdeutscher Autor und mit Federico Garcia Lorca ein spanischer präsentiert wurden.
Zu kurz, setzen! Auf Lorca z.B. folgten bis 1990, wenn ich keinen übersehe, 13 weitere spanischsprachige Autoren aus mehreren Ländern. Und Erich Fried ist kein westdeutscher, sondern ein österreichischer Autor, der einen österreichischen und einen britischen Paß besaß, in Baden-Baden starb und in London begraben liegt.
Alan Ginsburg, 1978
der Mann heißt Allen! Ginsberg!
Der französischen Lyrik wurden die Hefte für Rene Char, 1973; Arthur Rimbaud, 1980; Paul Eluard,1981; Iwan Goll 1982, Boris Vian, 1987; und Charles Baudelaire 1988 gewidmet, Autoren gegen die es viele Vorbehalte gab.
Schön gesagt. Nur: Vorbehalte gab es nicht nur beim Zentralrat der FDJ. Das Urteil gegen Baudelaires „Blumen des Bösen“ wurde erst in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgehoben, pikanterweise auf Antrag der französischen KP. Und man lese von den Vorbehalten des Freiburger Professors Hugo Friedrich, der in seinem wirkungsmächtigen Buch „Die Struktur der modernen Lyrik“ zu Protokoll gibt, daß auch er lieber Goethe liest. Auch gegen Boris Vian oder Allen Ginsberg gab es viele Vorbehalte nicht nur in Literaturkritiker-, sondern auch in Justizkreisen. Und wenn man darüber plaudert, kann man sich trotzdem informieren. Bei Bernd Jentzsch oder Richard Pietraß kann man Genaueres über „Vorbehalte“ erfahren. Man müßte sie lesen; und mit ihnen sprechen; wenn man / was? aufarbeiten will.
Und nebenbei: Ivan oder Yvan Goll ist kein französischer Autor, sondern auch** ein deutscher Expressionist. Wenn auch mit französischem Paß. Und René Char schreibt sich mit aigu, ebenso Paul Éluard.
Was da im Verlag der FDJ „Neues Leben“ so altbacken und unverdächtig als Poesiealbum tituliert wird, erweist sich also beim näheren Hinsehen als eine brisante Mischung, die durch die Einbettung in systemkonforme Texte nicht wirklich entschärft werden konnte. Es ist literarischer Sprengstoff, der hier angehäuft wurde.
So altbacken und unverdächtig? Er liebt halt seinen Einfall. Ich hoffe, die Arbeit wurde anständig honoriert.
Nach der Wende gab es verschiedene Versuche, das „Poesiealbum“ wieder aufleben zu lassen, die aber nicht die Resonanz gefunden haben, die einst das „Poesiealbum“ in der DDR hatte.
Wie schon gesagt, seit sieben Jahren erscheint es wieder, wenn auch in Auflage (früher um 10.000) und Bedeutung nicht dem historischen Poesiealbum in den Farben der DDR vergleichbar. Falsche Zeitform, Herr Studienrat.
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*) Anders das in Leipzig (verwirrenderweise im gleichen Originallayout von 1967) erscheinende „Poesiealbum neu“, bei dem jedes einzelne Heft eine Anthologie ist.
**) siehe Kommentare
Hier kann man die Aufarbeitung nachlesen.
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