Am 22. Februar 2014 findet das Finale zum Lyrikpreis München 2013 um 19 Uhr (bis ca. 22:30 Uhr, mit zwei kleinen Pausen) im Vortragsraum der Bibliothek des Gasteig (Rosenheimer Str. 5, 1. Stock) statt.
Als Kandidaten lesen:
Die Juroren des Finales:
Eintritt: 6,- (erm. 5,-)
Außerhalb des Wettbewerbs lesen am 21. Februar um 19:30 Uhr im Münchner Literaturbüro, Milchstr. 4, die Lyriker _innen (jeweils ca. 20 Minuten):
Der Eintritt ist frei.
Sonntag, 23.2.2014, 11:00 Uhr, Bibliothek
Poesie-Matinee
mit Carl-Christian Elze (Leipzig), Wolfram Malte Fues (Basel), Àxel Sanjosé (München) und Florian Voß (Berlin)
Die Lyriker unter den Juroren des Finales zum Lyrikpreis München lesen aus ihren Werken.
Flyer (pdf)
Eintritt: Euro 7.- / 5.-
Veranstalter: Signaturen – Forum für autonome Poesie (Kristian Kühn – Ulrich Schäfer-Newiger)
Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München
Hendel fällt, wie bereits in ihrem brisanten Porträt des DDR-Schriftstellers und ehemaligen Stasi-Mitarbeiters Paul Gratzik ( «Vaterlandsverräter» , 2011), kein Urteil. Andersons einstige Freunde und Kollegen kommen zu Wort. Anderson selbst laviert bis heute schwindelerregend, wenn es um die Folgen seines Tuns für die Opfer geht. Sein einstiger Freund Roland Jahn, heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, rückt dies unmissverständlich zurecht, weil man nie wissen konnte, was der Machtapparat aus noch so nebensächlichen Informationen konstruierte, um Menschen ins Unrecht zu setzen und zu verhaften.
Vieles, was Anderson hier in Verrätselungen packt im Abwägen von «Selbst- und Fremdbild», gefällt einem nicht. Einmal erwähnt Annekatrin Hendel im Film gegenüber Anderson, dass die Stasi-Unterlagen belegen, wie auf ihn Druck ausgeübt wurde. Anderson geht darauf nicht ein, er sagt: «Es gibt nichts zu entschuldigen.» / Claudia Schwartz, NZZ
Im Rahmen der Schweizer Literaturpreise , die am Abend des 20. Februars in der Nationalbibliothek zu Bern verliehen wurden – an Urs Allemann, David Bosc, Roland Buti, Rose-Marie Pagnard, Matteo Terzaghi, Urs Widmer, Vera Schindler-Wunderlich –, ehrte Bundesrat Alain Berset ausserdem zwei Autoren und einen Übersetzer mit Sonderauszeichnungen von je 40 000 Franken. Je ein Grand Prix Literatur 2014 geht an Philippe Jaccottet, den 1925 in Moudon geborenen Dichter, Essayisten und Übersetzer, dessen Gesamtwerk just zur Preisverleihung als Band der prestigeträchtigen Bibliothèque de la Pléiade erschienen ist; sowie an Paul Nizon, den 1929 in Bern geborenen Schriftsteller, der 1963 mit «Canto» literarisch debütierte. Den Spezialpreis Übersetzung 2014 erhält der 1954 in Sachseln (OW) geborene Christoph Ferber; er hat, nach mehreren anderen Gedichtbänden, kürzlich eine Neuübersetzung von Eugenio Montales Lyrik vorgelegt. / NZZ
Philip Larkin touched on the irreducible iconic nature of a handwritten poem in describing a literary manuscript’s “magical value”—“This is the paper he wrote on, these are the words as he wrote them, emerging for the first time in this particular miraculous combination.” The poem as a holy object.
Diese Einleitung führt zu Bildern von Handschriften.
Zuß und Ames suchen Streit und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“
(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)
Teil VI – Die Kommunikation der Literatur: In jedem achten Menschen steckt ein Kind, das will spielen.
Auf einem Spielplatz in Zwischen sitzen Zuß, mittlerweile wieder einfacher Wimpernknecht, und Ames (Ames) auf den jeweiligen Enden einer Wippe. Sie warten darauf, dass Christian Morgenstern erscheint. Natürlich wird über München geredet, das kost’ ja nix, und bevor sie es in Zwischen mit schönem Unfug treiben, ist das doch eine gute Sache. Christians sind den beiden sowieso bekannt, da gibt’s ja echt so einige.
A Hab Angst, als hätte ich kalt. Wenn der Morgenstern jetzt echt kommt. Der beißt mich vielleicht ins Ohr oder ins Kinn. Wenn das nu’ ein Zombie ist. Das kann ich grade ganz schlecht ab. – Ey! Nich’ so doll, bin doch keine 29 mehr! Lass mich runter, sonst …
ZdW Ja, vielleicht sind Sie eh’ gleich ein Zombie! Tod durch Idol!
A Pass auf, hinter Dir (zeigt mit dem Finger)
ZdW …
A Der älteste Trick der Welt. (ZdW zetert FSK-18-mäßig) Frage: Warum hat Flapsigkeit einen dermaßen schlechten Ruf. Taucht ein Kalauer auf, verwandeln sich die meisten Kulturmenschen im öffentlichen Raum in Flagellanten.
Als ich am 13. November in München in den Nachtzug nach Berlin stieg, hatte ich mir schon den Kopf zergrübelt, wieso in der Geburtsstadt von Christian Morgenstern ein Publikum Poesie lauscht, das offenbar erwartete, mit dem Weltgeist persönliche Bekanntschaft zu schließen … Da war von mangelnden metaphysischen Qualitäten meiner Gedichte die Rede; ernsthaft! (wippt wieder)
ZdW Hm. War der Vorwurf der Flapsigkeit an Ihre Gedichte gerichtet war, oder an Sie selbst, an ihre Person bzw. an Ihre Attitüde?
A Kann eigentlich nur letzteres gewesen sein, oder? Wenn man davon ausgeht, dass Gedichte keine Manieren, geschliffene Verhaltensweisen und keinen Dresscode haben können. Wären wir also wieder beim guten altmodischen Biographismus angelangt. Ein bisschen Psychologie aus der Suppenküche des Alltagsgrauens, etwas „Menschenkenntnis“ beim Betrachten eines Individuums und der vorurteilsfreien Einschätzung, hier müsse es sich um einen Saupreiß’ handeln; …
ZdW Läuft das jetzt auf ein Publikumsbeschimpfung und Abrechnung hinaus?
A Quatsch. Die Veranstalter des Lyrikpreises München sind übrigens hoch zu loben. Die halten Literaturpolitiker draußen, also Leute mit Parteibuch, die von Sachkenntnis kaum je berührt worden sind. Das Preisgeld ist zwar nicht üppig; die Juroren sind, anderes als die Vorjuroren, nicht immer hochkarätig, – und dies nicht nur mit Blick auf die Lesung am 13. November 2013. In den Runden vorher wurden auch Maren Kames und Dagrun Hintze mit hanebüchenen Kommentaren vonseiten einzelner Jurorinnen und Juroren bedacht. Wer in München diffamiert wird, erhält andernorts einen Jury- und einen Publikumspreis: Wie von einigen Jurorinnen und Juroren über Poesie befunden wurde, empfinde ich als erschütternd altbacken! – aber …
ZdW Vielleicht ist der Gewinn beim open mike ja auch ein echter Hinderungsgrund, um beim Münchner Bewerb auch nur in die Endrunde zu kommen? Man muss den Hals ganz einfach auch mal voll kriegen! Wettbewerbe sind doch nur was für kleinbürgerliche Streber. Nur die Auszeichnung, die jemand ohne Streberei zuerkannt wurde, ist irgendwas wert!
A Das ist mir zu unsportlich gedacht. Viele glotzen doch nur deswegen scheel auf Wettbewerbe, weil sie genau wissen, dass sie dort nie eine echte Chance hätten. Weil sie die Bühnenpräsenz eines schlecht angeleckten Kuverts haben. Das ist wie mit dem Fuchs und den unerreichbaren Trauben im Märchen – Die Trauben sind dann plötzlich sauer. Da gehen Neid und Schisshasigkeit Hand in Hand. Ein Wettbewerb bezieht seine Glaubwürdigkeit doch aus der Expertise der Juroren, nicht aus deren Prominenz, der Überraschbarkeit des Publikums und dem Temperament der Auftretenden.
ZdW Das sind doch nur Hypothesen. Beweise will ich sehen! Fakten, Fakten, Fakten!
A (unterdrückt einen starken Würgereiz) Einmal unterstellt, es sei so, wie ich es behauptet habe und es wäre mir gestattet, Belege dafür nachzureichen …
ZdW Ich will hier und jetzt Beweise!
A Reicht einstweilen eine Heuristik?
ZdW …
A Man muss noch nicht auf die anthropologische Konstante ‹Menschliches Bedürfnis nach Anerkennung› abstellen, freilich mit seinen Nebenwirkungen (übersteigerte) Eitelkeit und Konkurrenzlust: Es reicht doch ein Blick auf die anhaltende Konjunktur des Poetry-Slams, um eine Idee davon zu bekommen, dass das Erlebnis kompetitiver Situationen ein menschliches Grundbedürfnis ist.
ZdW Dschungelcamp, GNTM und DSDS erfüllen auch Grundbedürfnisse, oder nicht? Wollen Sie nicht noch Bohlen und Zietlow in die Jury einladen?
A Sire, Sie sind ein Aushilfsmassenpsychologe … Irgendeine Idee, welche Menschen als Juroren des Lyrikpreises in München in Frage kommen?
ZdW Gegenfrage: Wer bezahlt die?
A Wie wär’s mit Crowdfunding? Auf Mäzene ist doch sowieso kein Verlass. Und sachfremde Literaturpolitiker haben meistens eine geschmäcklerische Agenda und lieben die Fortschreibung von Tautologien. – Also, hör ich eine Liste mit Namen?
ZdW Spinner.
A Bourgeois.
ZdW Also gut: Nora Gomringer, Ulrike Draesner, Monika Rinck, Ursula Krechel, Michael Lentz, Michael Gratz, Bertram Reinecke, Ulf Stolterfoht, Michael Krüger, Hans Thill. Hör ich ein Amen!?
A Nö, aber Ergänzungen: Annette Kühn und Christian Lux, Daniela Seel, Urs Engeler, Tom Bresemann, Florian Höllerer, Norbert Lange, Norbert Wehr. Warum nicht auch PeterLicht oder Helge Schneider in die Jury des Lyrikpreises München einladen? Das würde der Publizität dieses Poesiewettbewerbs guttun und ihm womöglich zu großem Ansehen verhelfen. Anders als die Einspeisung von buchhändlerischen Sachzwängen und Vergabestrategien: Michael Krügers Vorschlag mit dem Großpreis für deutschsprachige Poesie mag ja gut gemeint sein … – Und die Literaturkritik haben wir ganz vergessen …
ZdW Nein! Vielleicht wäre gerade das reizvoll, dass es kollegial, aber nicht gemütlich zugeht, aber eben nicht wie beim Haitauchen ohne Käfig oder, frei nach Walter Benjamin, wie beim Säuglingsfressen unter Kannibalen. Das Klagenfurter Autorenschlachten gibt es ja noch immer. – Aber jetzt mal ganz generell: Wieso eigentlich noch einen weiteren Preis?
A Na, zum einen, weil es in Deutschland nicht zentralistisch zugehen soll
. Und bei den Preisvergaben zweier medial präsenter Gedicht-Preise kam es doch zu nicht gerade wenigen Fehlentscheidungen in den letzten Jahren. Warum haben 2007 nicht Crauss. und/oder Mara Genschel und/oder Norbert Lange wenigstens einen Förderpreis erhalten? Für das Jahr 2009 ist die gleiche Frage in Bezug auf Kerstin Preiwuß zu stellen; für 2011 bezüglich Walter Fabian Schmid und Tom Bresemann. War für das Jahr 2005 nicht eher Gerhard Falkners Gegensprechstadt – ground zero des Peter-Huchel-Preises würdig? Und für 2009 nicht eher Monika Rincks Helle Verwirrung? Und für 2011 nicht eher gierstabil von Katharina Schultens? Und für 2012 nicht eher Norbert Langes Das Schiefe, das Harte und das Gemalene oder kummerang von Dagmara Kraus? Und für 2013 nicht eher Prachtvolle Mitternacht? – Beide Preise, der Peter-Huchel-Preis wie auch der Leonce-und-Lena-Preis haben aufgrund tendenziöser Jury-Entscheidungen nur noch eine schmächtige Aussagekraft …
ZdW Das sind doch müßige Erwägungen!
A Au contraire, Züßchen! Wenn aber nun zwei angesehene Preise für Poesie kaum noch wertig sind, muss tatsächlich ein Preis her, der das Vertrauen der Leser wieder herstellt und auf Anschlussfähigkeit wie hohes Niveau gleichermaßen setzt. Anschlussfähigkeit allein reicht aber nicht aus: Literaturpreise, die nach Wilhelm Busch und nach Robert Gernhardt benannt sind, die gibt es bereits. Warum diesen Preis also nicht nach Christian Morgenstern benennen. Die Auszeichnung wäre ein Ersatz für den entfallenen Oskar-Pastior-Preis.
ZdW Ach, endlich mal ein passgenau auf Sie zugeschnittener …
Morgenstern (erscheint mitten auf der Wippe, wendet sich an ZdW) Pst! Zuhören, Pöbel!
A Bei allem Respekt: Das ist kein Pöbel, das ist meine Figur!
ZdW Am Arsch die Räuber! Sie ramm’ ich ungespitzt …
M (schaltet ZdW stumm und umgibt ihn mit einer undurchdringlichen Kugel; ZdW zetert munter weiter) Sie haben vielleicht ein bisschen zu viel Respekt und Nachsicht, Herr Ames!
A Es ist mir ja auch ernst, man muss doch auch seine Gegner ernst nehmen! Und …
M Ernst?! Gegner?! Na, Ihnen kann geholfen werden, junger Mensch
. Und jetzt will ich wissen, wer in meinem Namen ausgezeichnet werden soll und wofür! Wenn Sie es wagen sollten, Ihren eigenen Namen zu nennen, muss ich Sie übrigens auf stumm schalten – und zwar für immer. Sie sind gewarnt …
A Mir fällt auf Anhieb eine ganze Reihe geeigneter Kandidaten ein, seltsamer Weise sogar in alphabetischer Namensreihenfolge: Tom Bresemann (Berliner Fenster), Crauss. (crausstrophobie), Gerhard Falkner (wemut, Kanne Blumma) Christian Filips (Heiße Fusionen), Mara Genschel (Tonbrand Schlaf, Referenzfläche), Simone Kornappel (raumanzug), Dagmara Kraus (kummerang), Norbert Lange (Dummkopfelegien), Georg Leß (Schlachtgewicht), Hans Manz (Lebenswerk), Bertram Reinecke (Sleutel voor de hoogdoitse Spraakkunst), Valeri Scherstjanoi (Scribentische Blätter), Sabine Scho (Tiere in Architektur), Ulf Stolterfoht (holzrauch über heslach. Die 1000 Tage des Brueterich), Ron Winkler (Prachtvolle Mitternacht), Uljana Wolf (falsche freunde)
M Und in München soll das stattfinden?
A Die Umbenennung und Umgestaltung des Lyrikpreises München wäre allemal fruchtbringender, als immer nur auf die Hauptstadtlyrik zu schimpfen, als ob das alles eine Sauce wäre … München hat ja schon einen lyrischen Stammtisch; eines zweiten bedarf’s nicht. Der Namensgebungen gebührt natürlich eine deutsche Narrenkappentarnung – nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, die Deutschen hätten Sinn für Humor und wären – flapsig geworden:
Christian-Morgenstern-Preis für absuditätstolerante Kommunikationsspiele
Zu vergeben in den Kategorien »cool in-sich-selbst-verschüttet« und »sprachverspielest«, somit für ältere Kinder und Junggebliebene geeignet. Es sollten, genau betrachtet, auch Kabarettisten und Satiriker als Juroren gewonnen werden: Martina Hill, Matthias Egerdörfer, Max Uthoff, Claus von Wagner, Oliver Welke … damit nicht die unzertrennlichen siebengescheiten Lyriker-Kritiker-Seilschaften den Gipfel von Mt. Tauto stürmen.
M Hm, da sind aber ein paar knochentrockene und spielfeindliche Konkretisten in ihre Liste hineingeraten …
A Das täuscht. Einige sind möglicherweise etwas defensiv, weil im 20. Jahrhundert der Kalauer doch sehr heinzerhardtisiert und robertgernhardisiert wurde. Da gerät noch der subversivste Kalauer in Verruf. Ein allgemein hohes Albernheitsniveau wäre über die Kultivierung des Kalauers und Sprachspiels erst in ein paar Jahrzehnten zu erreichen. Wenn die Naturtalente ermutigt würden. – Wie der Expressionismus ist auch der Kalauer durch teuschten Ernst nahezu verunglimpft worden, und gilt bloß noch als anspruchsloses Witzchen. Dass Le Rire von Henri Bergson noch immer als wertvolle Untersuchung zur Sprachkomik gelten kann und eine ernstzunehmende Zeitschrift für komische Literatur sich offenbar zur Namenswahl EXOT genötigt sieht – das spricht doch Bände! Bergson hat übrigens eine zu Trauer und Wehmut Anlass gebende Erklärung für die sukzessiv nachlassende Sprachspielfreude gefunden.
M (seufzt) Ich muss Ihren Zuß mal wieder einschalten … Sie meinen das ja bestimmt gut, Herr Ames … (seufzt und schaltet den bei ZdW wieder ein, er bleibt aber noch in der Kugel)
ZdW … und was hat dieser trübe Tropfen hier schon geleistet, sich hier so aufzuplustern, he!? Der soll das Maul nicht so aufreißen, dieser …
M (erschrickt) Sappradi! Vielleicht lieber doch nicht (schaltet ZdW wieder stumm), das ist ja nicht gerade ein kulturbefördernder Füll … Sagen Sie schnell, was Sie geleistet haben, sonst hält mich hier nichts mehr.
A Ich hab das Sonett vor der vollständigen Verelendung gerettet – jede freie Minute ist dem schönen Zerbröseln eines anderen Klischees gewidmet; ich mache Vorschläge. Und gerade jetzt schlage ich vor es, neben der pastoralen Linie (Hölderlin) und der profanen Linie (Heine) die weitere Genealogie zu konstruieren: Rabelais/Fischart – Sterne – Nietzsche – Morgenstern – Schwitters – Jandl/Pastior bis zu den heutigen Erben: …
M Sie schmeicheln mir, und das mag ich nicht.
A Das ist eine Feststellung. Wenn ich Sie als Genie bezeichnen würde, dann wäre das Schmeichelei, Lüge und Legendenbildung. So etwas tue ich nicht. Ich setze die Mitmenschen, Gegner zählen dazu, nicht auf hektisch zusammengeschreinerte Fallhöhen …
M Das wäre schön. Ihr Zuß hat übrigens recht: Mit Ehrenzeichen ist es so, wie mit Etüden und Übungen: Wer übt, hat’s nötig; und es gibt Dichter und mehrfache Gewinner von Preisausschreiben. Hat überhaupt schon einmal ein deutscher Mensch einen Orden oder Preis abgelehnt?
A Moment! Sie sind überhaupt nicht der Geist von Christian Morgenstern! Sie sind ein Schauspieler, ein nachgemachtes Idol, Sie Hundling!
M Oh, bitte! Wir wollen doch nicht vulgär werden, Herr Ames! Natürlich bin ich Christian Morgenstern. Aber ich habe mir erlaubt, dem Theater seit März 1914 zuzuschauen. Und dieser Satz mit der Übung, der hat es einfach in sich. Wettern Sie nur gegen das Genie, aber denken Sie an die Parabel vom Superfuchs und den Trauben …
A Das ist jetzt böswillig.
M Na, und wenn schon. Ich bin längst tot. Was scheren mich die Lebenden? Werden Sie mir nicht zum Gingganz, Herr Ames. Schreiben Sie einfach weniger zahme Ames-Imitate.
A Das ergibt doch keinen Sinn!
M Dann hören Sie doch einfach auf damit! Schreiben Sie wirksame Poesie! Etwas in der Art! (lacht sich weg)
ZdW (hatte sich unentwegt echauffiert; keucht nach seiner Brandrede und fühlt sich nützlich) Ich … bin … jetzt …uff … glücklich … echt … wie … so eine hippe Haupt-stadt-clique!
A Und ich frage mich, ob ich ernsthaft anfangen sollte, mit den primären Geschlechtsorganen zu schreiben … Ob der Morgenstern das so gemeint hat? – Braucht die Poesie wirklich Rap-Lektionen? Wäre das in einem poetischen Kontext nicht revanchistischer Fuppes?
Der Dschungelcamp-Kandidat besitzt eine Ranch.
Wendler verfügt über eine Menge Substanz als Komponist, Lyriker, Sänger und Bühnen-Act. Alle Songs stammen aus seiner eigenen Feder. Die Karriere-Geschichte von Michael Wendler ist revolutionär, polarisierend und unvergleichbar.
Vordringlicher als Selbstverwirklichungslyrik sind mir die Beobachtung der politischen Natur
und die Auswertung der Kommunikationselegien
.
ZdW Jaja. Und wichtiger als subjektive Schönheit
ist objektive Schönheit
. Amen!
A (lacht wie es sich gehört) Nicht zu vergessen: Das Verzeichnen von Bahnhofslyrik
und der Erhalt der Genussfähigkeit betreffs jeglicher Impression (d.h. Eindellung eines Organs) vor jeder Naturlyriklesung am Rochenbecken
.
ZdW Früher haben die Leute über Revolution wenigstens geredet.
A Drüber reden bringt nix. Die Bürgerkriege in Syrien, der Ukraine und Ägypten sind unter politische Natur rubriziert. In Berlin weiß ich von zwölf coolen Arbeiter_innen, die man auch nach den Orgien des modischen Unsinns der nächsten ein oder zwei Jahrzehnte noch wahrnehmen wird.
Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!
Über Religion
Ich kann unter keinen Umständen eine Revolution unterstützen, die in einer Moschee beginnt oder endet.
(…) Religion als führende Institution bedeutet immer Tyrannei. Als in Ägypten schon wenige Wochen nach dem Sturz Mubaraks die Fundamentalisten das Ruder an sich rissen, war mit einem Schlag klar, dass es keine echten Reformen mehr geben würde. Gruppen wie die Muslimbrüder wollten nicht die Gesellschaft ändern, sie wollten immer nur die bestehenden Machtverhältnisse ändern. Dies ist der Grund, weshalb es in der arabischen Welt schon seit Jahrhunderten kein Vorankommen gibt. Und so lange eine Revolution von religiösem Eifer befeuert wird, wird dies auch so bleiben. Religion ist nicht nur undemokratisch – sie ist auch essentiell antirevolutionär.
(…) In meinen Augen ist die Religion dort kein Schlüssel zur Lösung eines Problems – für mich ist sie das Problem.
(…) Eine Militärdiktatur kontrolliert nur deinen Körper und deine Gedanken. Die Diktatur der Religion erfasst dagegen auch deine Seele, sie nimmt Besitz von dir – das ist das Gefährlichste.
(…) Versuchen Sie heute in Tunis ein Buch von Shakespeare in die Hände zu bekommen, Sie werden es kaum schaffen! Alles, was Shakespeare geschrieben hat, steht mittlerweile auf dem Index. So viel zur arabischen Moderne, die damals alle kommen sahen.
Über Dichtung
Mein Gefühl ist, dass der 11. September 2001 das Verlangen nach Lyrik gesteigert hat. Zugleich hat dieses Datum aber auch den Fokus verengt. Die meisten Gedichte und Romane beschäftigen sich seither mit Kriegen.
(…) Die Dichter zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert waren in vielerlei Hinsicht liberaler als manche Dichter es heute sind. Es lag daran, dass sie in der Mehrzahl Sufisten waren und sich als solche viel stärker der arabischen Mystik zuwandten. Sie suchten die Wahrheit nicht in den Sätzen, sondern dazwischen, was unendliche Interpretationen zuließ – also eine metaphorische Qualität, die durch die heutige Texttreue ausgeschlossen wird.
(…) Die Sufisten haben das Verhältnis der Menschen zu Gott als dynamisch und wandelbar aufgefasst. Was wir heute in der arabischen Welt erleben – dass das gesprochene Wort als Verbrechen gilt – hat es im Laufe der Geschichte nie gegeben. Es mag seltsam klingen, aber die Dichter von damals hatten häufig ein freiheitlicheres, moderneres Weltbild.
/ Der arabische Dichter Adonis im Gespräch mit Claas Relotius, Die Welt
Lyrikzeitung dokumentiert die „gemeinfreien“ Texte der Facebook-Textkette, die immer noch wuchert.
Weil mir Bobrowskis „Der lettische Herbst“ gefiel, wies mir Thilo Krause Omar Khayyam zu.
Die English speaking peoples der Welt hatten das Glück, in Edward Fitzgerald einen Nachdichter des 900 Jahre alten persischen Dichters zu finden, dem es gelang, aus dem mittelalterlichen Dichter populäre englische Verse zu gewinnen. Wir hatten das nicht, nichts Populäres jedenfalls.
Ich entscheide mich für Julius Hart, der 1887 einen „Divan der persischen Poesie“ herausgab. Über Khayyam (Hart transkribiert Chijam) schreibt er einleitend: „Wie Hafis wurde auch Chijam als Religionsspötter, als ‚persischer Voltaire‘ von den Rechtgläubigen verfolgt, ja mit dem Tode bedroht; wie die Hafisischen Ghaselen wurden auch seine Vierzeiler später ganz mystisch gedeutet.“
Ich wähle ein paar „einschlägige“ Vierzeiler in Harts Numerierung; in einem Fall stelle ich eine Strophe Fitzgeralds dazu:
3.
Ihr Töpfer, die emsig den Thon ihr knetet,
Mit Händen ihn klopft, mit Füßen ihn tretet,
Bedenkt doch: was ihr also mißhandelt,
Sind Menschenleiber, zu Erde verwandelt.
7.
Weit lieber mit einer Schönen mag ich im Weinhaus plaudern,
Als ohne sie in den Moscheen beten;
Ja, Gott, ich wage sonder Zagen und Zaudern
Mit diesem Glaubensbekenntnis vor dich hin zu treten.
12.
Grüßt ehrfurchtsvoll von mir den Muhammed,
Und sprecht: „Herr der Lebendigen und Toten!
Sag an, warum erlaubst du den Sorbet,
Und hast den reinen klaren Wein verboten?“
13.
„Dir, Chijam, bietet seinen Gruß der Herr der Toten und Lebend’gen,
Doch Ignorant, wie mißverstehst du meines Weinverbots Natur!
Erlaubt hab ich den Wein für die Verständ’gen,
Und ich verbot ihn für die Dummen nur.“
30.
Eine Flasche roten Weines und ein Büchlein mit Gedichten
Und die Hälfte eines Brotes, andres wünsch‘ ich mir mit nichten;
Dann nur irgend eine Wüste, um mit dir darin zu wohnen,
Und beneiden will ich fürder keinen Herrscher von Millionen.
A book of Verses underneath the Bough,
A Jug of Wine, a Loaf of Bread – and Thou
Beside me singing in the Wilderness –
Oh, Wilderness were Paradise enow.
45.
Ist der Sinn von Wein und Rosen doch nur Weinverehrern klar!
Ihn begreifen Geistesarme, Herzensschwache nimmerdar;
Während ihre stumpfe Seele nur das Niedrigste gewahrt,
Wird dem Trinker des Genusses höchste Wonne offenbart.
Neu im Lyrikwiki
Unsi al-Hadj
(Arabisch: أنسي الحاج; andere Transkriptionen: Unsî al-Hâdj, El Hajje, Ounsi El-Hage, el-Hajj) (1937 – 18.2. 2014), libanesischer Schriftsteller.
Leben
Unsi al-Hadj wurde 1937 in Kaitouli, Jezzine im Süden Libanons geboren. Er besuchte eine französische Schule in Beirut, anschließend die “La Sagesse” High School. Seit 1954 veröffentlichte er Kurzgeschichten, Essays und Gedichte in Literaturzeitschriften. Er schrieb für die Zeitungen Al Hayat (seit 1956) und An Nahar. 1964 gründete er “Al Mulhaq“, die wöchentliche Kulturbeilage von An Nahar. 1992-2003 war er Herausgeber von An Nahar. 1957 beteiligte er sich mit Youssef Khal und Adonis an der Gründung der Lyrikzeitschrift „Shi’r“. 1960 erschien sein erster Gedichtband „Lan“, das erste Buch mit Prosagedichten in arabischer Sprache. Er gilt auch als erster surrealistischer Dichter in arabischer Sprache und hatte großen Einfluß auf jüngere arabische Dichter. 1963 begann er Theaterstücke ins Arabische zu übersetzen und Bücher für das Theater zu bearbeiten, u.a. von Shakespeare (etwa 10 Stücke), Ionesco, Arrabal, Camus und Brecht. Damit wurde er zum Initiator der libanesischen Theater-Avantgarde. Er übersetzte auch zahlreiche weitere Bücher, u.a. von André Breton, Antonin Artaud, Jacques Prévert. Zum Tod André Bretons schrieb er einen Nachruf mit der Überschrift: „Der König der Djinns starb in Paris“. Seine Gedichte wurden ins Französische, Englische, Deutsche, Italienische, Spanische, Portugiesische, Armenische und Finnische übersetzt.
Bibliographie
Gedichtbände
Essays
Auf Französisch
Auf Deutsch
In Anthologien
Website
Das folgende steht in meinem Lyrik-Diktionär, weil es vielleicht nicht nur für Araber und nicht nur für Bücher über Indien und Religion gilt:
Ein Beispiel bietet der Inhalt dessen, was über die Religionen und Lehrmeinungen der Inder geredet wird. Ich wies darauf hin, daß das meiste davon, was in unseren Büchern aufgezeichnet steht, frei erfunden ist; einer hat es vom anderen abgeschrieben und aufgelesen und noch mehr durcheinandergebracht. Keiner hat versucht, es mit ihren wirklichen Lehren in Übereinstimmung zu bringen und zu korrigieren. Ich habe unter den Verfassern der einschlägigen Werke keinen gefunden, der sich den schlichten Bericht ohne Verzerrungen und ohne Heuchelei zum Ziel gesetzt hätte, außer Abu l’Abbās al-Īrānšahrī, denn dieser gehörte gar keiner Religion an, vielmehr hatte er sich eine eigene zurechtgemacht, für die er warb. Er hat über den Glauben der Juden und Christen und über den Inhalt des Alten Testaments und des Evangeliums sehr schön referiert. Er gab sich auch große Mühe bei seinem Bericht über die Manichäer und über das, was in ihren Büchern über die ausgestorbenen Religionen steht. Als er aber auf die Gemeinschaften der Hindus und der Buddhisten zu sprechen kam, verfehlte er sein Ziel und geriet schließlich an das Buch von Zurqān und übernahm, was darinsteht, in sein eigenes Werk. Was er aber nicht daraus abgeschrieben hat, macht den Eindruck, als ob er es von den ungebildeten Anhängern beider Richtungen übernommen hätte.
Al-Bīrūnī (973-1048): In den Gärten der Wissenschaft. Ausgewählte Texte aus den Werken des muslimischen Universalgelehrten, übersetzt und erläutert von Gotthard Strohmaier. Leipzig: Reclam, 1988, S. 151 f.
Über Al-Bīrūnī heißt es in dem Buch: „genialster Gelehrter des islamischen Mittelalters, blieb im Unterschied zu Avicenna für das europäische Denken folgenlos, weil er als Empiriker nicht darauf aus war, die Wahrheit durch Harmonie und logische Geschlossenheit eines Systems zu erweisen.“
Damals hatten die Araber (natürlich nicht alle) einen Vorsprung in Sachen Aufklärung. Aber Rückstände haben auch wir heutigen Westler in erdrückender Zahl. Al-Bīrūnī stammte aus Kat im damaligen Choresm (Chorasan, heute in Usbekistan), das 712 von der Arabern erobert worden war. Sind seine Bücher lieferbar?
Der libanesische Dichter und Denker Unsi al-Hadj (Ounsi el-Hajj / El Hage), Pionier des arabischen Prosagedichts im 20. Jahrhundert, starb am Dienstag im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
Sein Tod ist „ein großer Verlust für die arabische Lyrik“, sagt der Literaturkritiker Akl al-Awit, leitender Redakteur der Kulturbeilage der Tageszeitung An-Nahar, die Ounsi el-Hajj gegründet hatte.
1957 gründete er gemeinsam mit den Dichtern Youssef al Khal und Adonis die Zeitschrift „Schiir“ (Poesie). 1960 erschien sein erster Gedichtband – der erste Band mit Prosagedichten in arabischer Sprache. Er veröffentlichte sechs Gedichtbände, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, und übersetzte Werke von Ionesco, Shakespeare, Camus und Brecht. 1998 erschien ein Sammelband seiner Gedichte Arabisch und Deutsch: „Die Liebe und der Wolf. Die Liebe und die andern“. / Le Parisien
Auf seiner Homepage gibt es Informationen und Texte Arabisch, Französisch und Englisch (einige englische Seiten scheinen falsch verlinkt, man erreicht sie teilweise über die französische Seite).
Unsi al-Hadj: Die Liebe und der Wolf. Die Liebe und die andern. Gedichte. Übersetzt von Heribert Becker und Khaled al-Maaly. Berlin: Das Arabische Buch, 1998
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Many of us feel a great sense of pride as we watch our children discover the world for the first time. Here, Kathleen Driskell, a Kentucky poet, shows us her own daughter taking that first taste of a late summer watermelon she has grown herself.
Seed
In first grade, you met Squanto,
nearly naked and
on his haunches, showing
those thick-headed pilgrims
how one must plant fish
to grow maize. And in autumn
you dove into the lobotomized
pumpkin, into the gooey pulp
and seeds, raising a clump
like a slimy chandelier
from the Titanic. And now
in late summer, daughter,
you smile, holding a ripe watermelon,
cut in half, exposing the black
seed within its bright red heart.
Your melon. How proud you are
to think you grew this delicious
thing all on your own.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Kathleen Driskell, whose most recent publication is Peck and Pock: A Graphic Poem, Fleur de Lis Explorations, 2012. Poem reprinted from Seed Across Snow, Red Hen Press, 2009, by permission of Kathleen Driskell and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
«Ich gehe schlafen», schreibt Alfonsina Storni am 22. Oktober 1938 in einer Pension in Mar del Plata in ihrem letzten Gedicht. Sie bringt es zur Post. Fünf Tage später wird es die Zeitung «La Nación» abdrucken. Storni wird dann bereits den Tod gefunden haben, sie ist ins Wasser gegangen. Den Echoraum ihres Abschiedsverses wird dreissig Jahre später der argentinische Schriftsteller Félix Luna durchschreiten und ihr ein Gedicht widmen: «Alfonsina y el mar», das sich als elegischer «Zamba» aus der Feder des Komponisten Ariel Ramírez in die Seelentiefen der Lateinamerikaner legen und durch CD-Aufnahmen weit über den Erdball Berühmtheit erlangen wird: «Du gehst, Alfonsina, mit deiner Einsamkeit. Welche neuen Verse gingst du suchen? Eine ferne Stimme aus Wind und Salz umschmeichelt deine Seele. Sie ruft dich, und du gehst dahin, wie im Traum, schlafend, Alfonsina, gekleidet aus Meer.» Später wird ihr der Schweizer Mundartpoet Pedro Lenz einen Liebesbrief schreiben, der 2012 im Schweizer Radio zu hören war: «Alfonsina, mein Herz, du warst ungefähr so alt, wie ich jetzt bin, als du in Mar del Plata ins Wasser gingst, immer weiter hinaus, bis nur noch deine Worte blieben, während dein Körper im unendlichen Meer versank.» / Miriam Hefti, NZZ
Alfonsina Storni: Meine Seele hat kein Geschlecht. Erzählungen, Kolumnen, Provokationen. Hg. von Hildegard Elisabeth Keller. Vorwort von Elke Heidenreich. Limmat-Verlag, Zürich 2013. 320 S., Fr. 46.90.
Der Zyklus dieser „schauerlichen Gedichte“ hat Schubert mehr angegriffen, als dies je bei seinen anderen der Fall war. Aus der bloßgelegten Emotionalität der Gedichte und ihrer durch Schubert sensibel differenzierten wie genialen Vertonung schimmert jene dialektische Lebensauffassung der Romantik durch, die eine Verstärkung des Lebens durch den Tod erkennt. Die Winterreise, als Monolog eines in der Liebe verwundeten trostlosen, tieftraurigen Menschen, könnte nicht trefflicher durch den Satz Sigmund Freuds erfasst werden: „Niemals sind wir ungeschützter gegen Leid, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.“ / Peter Szaunig, Siebenbürgische Zeitung
Übernahme von dasgedichtblog
Lyrik-Neuerscheinungen ausgelesen!
Rezensionen von Paul-Henri Campbell
Der deutsch-amerikanische Lyriker und Übersetzer Paul-Henri Campbell rezensiert Lyrik-Neuerscheinungen in einem zweiwöchigen Rhythmus. Alle Rezensionen von Paul-Henri Campbell auf dasgedichtblog finden Sie hier.
Martina Hefter »Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch«
von Paul-Henri Campbell
Etwas, das man zur Hand nimmt. Ein Buch, zum Beispiel – ein Handbuch. Martina Hefter überreicht dem Leser mit »Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch« (kookbooks, 2013) ein vierteiliges Kompendium, das die sonderbare Spannung zwischen Bewegung und Stillstand verhandelt. Erst im dritten Teil begegnet man einer Art Poetologie, die ringt zwischen leiblicher Expressivität und skripturaler Anamnese, zwischen Ausgedrücktem und Erinnertem (oder Abgedrücktem): »Wenn aus dem Schreiben eine Haltung wird und man konserviert das, was man geschrieben hat, aber die Haltung nicht, was dann? Wie man sich in eine Haltung hineinschreibt, so kommt man aus ihr nicht heraus. […] Aus der Haltung könnte eine Bewegung werden, deren passivster Teil ich bin« (Martina Hefter: Sitzen. Stehen. Gehen. Sätze).[1]
Dies ist eine bemerkenswerte Einsicht für eine Lyrikerin, die doch professionsmäßig ständig bemüht ist durch Sprache Bedeutungsüberschüsse zu arrangieren. Diese Einsicht, denke ich, entspringt aber dem schmerzvollen Wissen, das Schreiben immerfort auch Reduktion meint – und zwar trotz aller Deutungspotenz der Sprache. Hefter präsentiert ihren Zugang zum Schreiben allerdings nicht in Form eines achtblättrigen Traktats, sondern im Stil einer Meditation. Aber dazu sogleich.
Denn insofern das »Handbuch« auch einen gewissen ästhetischen Erfahrungsraum bereitstellt, den man Seite um Seite durchschreitet, ermöglicht uns Martina Hefter zunächst einige angenehme Erfahrungen dessen, was ich als die Wandelbarkeit und Variabilität des Sinns bezeichnen werde. Ich gebe nun nicht mehr als meine Lesart ihrer Gedichte wieder und schlage vor, Martina Hefters Büchlein unter vier Aspekten zu betrachten: I) das Verb als Ereignis; II) der heimlich arrangierende Rezipient; III) akustische Morphologien; IV) Handbuch der Freiheit.
Das Ereignis im Verb
Grundformen. Die Gedichte im ersten Teil von Hefters »Handbuch« tragen Titel wie »stehen«, »Schürsenkel binden«, »stampfen«, »hechten« oder »tanzen«. Noch kein Subjekt ist zu diesen Infinitiven gekommen und hat sie durch ein »Ich« oder »Du« oder einer »Sie« gebeugt; noch kein Subjekt hat aus diesen wundervollen Titeln Prädikate gemacht. Noch ist alles offen in der duktilen Unentschiedenheit des Infinitivs. Nachgestellt sind den Gedichttitel in dieser Sektion (»Bewegungen«) des Buches Angaben wie diese: »auf der Straße«, »bei einer Begrüßung während der andere die Arme ausbreitet« oder »nach dem Knauf der Wohnungstür, / nachdem man sich selbst ausgesperrt hat«. Nachdem also der Titel, die Bewegung nur benennt, folgt ein Art Untertitel, der diese Bewegung situativ verortet. Titel und Untertitel zusammengenommen machen also, denke ich, folgendes: Es sind typologische Bewegungen innerhalb einer spezifizierten Situation. Auf jeder Seite werden dem Leser nur zwei Gedichte dargeboten, von denen das erste eine lexikalische Matrix für das zweite Gedicht darstellt.
Hier ein Beispiel von der ersten Seite des Kapitels. Das obere Gedicht heißt »stehen« und ist per Untertitel verortet »im überfüllten U-Bahn Wagen«: »Mich verabschieden vom Muster / ‘Aufplustern herbeizaubern’. // Tu ich das Menschenmögliche? […] ich fädle mich ins Wachsen, wachse / zur Gestalt, normal entwickelt, (…) fahre Achsen ein. / Zwinkere aus meiner streunenden Form. // So überschatte ich den Nebenmann, / quetsche Zartheit in seine Taschen.«
Darunter steht ein weiteres Gedicht, welches sich aus dem Vokabular des Vorausgegangenen speist. Es heißt »→ Schnürsenkel binden« und ist situiert »auf der Straße«: »Von der Stirn bis in die Taschen quetscht sich die Achse, / mein Schatten schrumpft in Gestalten, überwachsen // von einem Verlangen. […] Ich bin kein Streuner // Was ich tu, ist möglich. / Ein Abschied von Zauberei«.
Die Sprache der beiden Texte ist zwischen (dem unbewusst zum Text kommenden) monologue intérieur und dem Selbstgespräch (das mehr oder weniger einen bewussten, durch Sprache vermittelten Selbstbezug schriftlich fixiert) gehalten. Gewiss haben beide Gedichte, auch ohne aufeinander verwiesen zu sein, ihren Reiz. Liest man sie jedoch als Thema und Variation, entsteht per Lektüre zwischen diesen beiden Gedichten – sowie allen anderen Gedichtpaaren in diesem Kapitel – eine weitere, dritte Relation. Der Leser selbst ist dieses dritte Ungeschriebene. Diese (ungeschriebene) Relation sodann kann wie ein Frage-Antwort-Spiel wirken. Man beachte hierzu die dritte Zeile aus Text 1 »Tu ich das Menschenmögliche?« und den Zeilen 8 und 9 aus Text 2: »Was ich tu, ist möglich. / Ein Abschied von Zauberei«.
Der Leser als Komplize
Was Martina Hefters Gedichte provozieren, ist eine besondere rezeptionsmäßige Komplizenschaft. Sie fordern den Leser dazu auf, Korrespondenzen zu identifizieren und zwischen den Gedichten zu lesen, dort ein drittes Gedicht zu entdecken, das ganz dem Leser gehört. Ist diese Variation tatsächlich eine dialogische Situation oder einfach nur ein Echo? Was passiert, wenn Worte, die in einem Gedicht verwendet werden, in einem zweiten Gedicht in neues syntagmatisches Verhältnis gebracht worden sind?
Was passiert da, wenn es z.B. in Text 1 heißt »Mich verabschieden vom Muster« und in Text 2 die Worte neu kombiniert sind, und es heißt: »Viele Menschen, mich musternd«. Was vormals ein Nomen (»Muster«) war, verwandelt sich nun zum Partizip 1 »musternd«. Hefters Gedichte stoßen also ein morphologisches Spiel mit den Wortarten, mit Bedeutungskontexten an; sie fordern ein festgeschriebenes Arrangement durch ein zweites Arrangement heraus. Man kann sich in diesen Variationen verlieren. Was die Dichterin damit beabsichtigt, ist unerheblich, da sie in einem herrlichen Respekt vor dem Leser, ihm überlässt, sich darin als Co-Arrangeur zu verstricken.
Der Leser begegnet auf diese Weise Gedichtpaare, die unterschiedliche Perspektiven des Alltäglichen ausloten etwa die Gedicht »sich die Haare aus der Stirn streichen« und »sich den Pullover anziehen«: »Hilf der Hand, Weiches zu finden, / wo das Weiche schon da ist, Fleece ist, / Kapuzenshirt, Haar.« und dann im zweiten Gedicht dieses Paars: »Ich schaue aus der Kapuze in die Welt gegenüber. / Nesteln, an nichts, verwresteltes Haar, / die Geste hilft nicht beim Duschen«. Befinden wir uns bei diesen beiden Gedichten in einem Dialog? Oder ist es ein Vorher und Nachher?
Die Variationen sind unterschiedlich in ihrer inhaltlichen Akzentierung – zum Beispiel korrespondieren die beiden Gedichte »tanzen« und »Kopfschütteln«[2] im Sinne von Erlebnis und Erinnerung – eine durchtanzte Nacht und der Tag danach.
Aber die Gedichte in der Abteilung »Bewegungen« erschöpfen sich nicht nur darin, spielerische Interpretamente für onanistisch-obsessive Semantiker zu ermöglichen. Sie haben freilich nicht nur eine noetische Dimension. Man muss sie nicht verstehen, um ihre poetische Qualität zu begreifen. Viele der Gedichte sind als klanglich ansprechende Kompositionen vorgetragen: »[…] / Air, Asphalt, ein Stauen im Lauf, / ich wollte nie stoppen, hopsen / stirbt ja zuletzt, ich wollte schauen pachten, Verdacht auslösen, mich / hochschrauben, / in Schüben abtauchen, […] Aussicht spenden, Aufprall verschwenden […]«. Man beachte die euphonische Schönheit dieser Verse, zunächst mit immer dunkler, bis in den Diphthong gehenden A-Laute (Ai – A – au – au), die dann überwechseln zu O-Lauten, die durch plosive Konsonanten noch exponiert werden (»stoppen« und »hopsen«). Die Wiederaufnahmen der Klangfolge »ich wollte« schaffen Tempo; der natürliche Binnenreim auf »spenden« oder »verschwenden« sammelt unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sinnspitze des Textes.
Ein weiteres Beispiel dieser Melismatik findet sich in »Schlittschuh laufen«: »Sich verwickeln ins Gelingen, obs glückt / oder nicht, twisten, mittendrin, wo Mitten / sich entziehen dem Thema rühren an Tilts, / sich türmen, dazu nicken, sich schleppen, wohin […]«. Angefangen mit Zischlauten (»sich«) und Vibranten »verwickeln«, die helle I-Vokale akustisch umrahmen, kommt dann eine stakkatoähnliche Versfolge, die mit Dentallauten in Wörtern wie »twisten«, »mittendrin«, »Thema« oder »Tilts« gebildet wird.
Das akustische Band
Ich springe aus dem ersten Kapitel und wende mich dem letzten Kapitel des »Handbuchs« von Martina Hefter zu. Es trägt den Titel »Stille Post« und trägt Gedichte in dreier und vierer Gruppierungen vor, die sich durch ihre klangliche Signatur ähneln. Hefter merkt am Ende ihres Bandes hierzu folgendes an: »Das Kinderspiel ‘Stille Post’ dient mir als Vorlage für Variationen […]. Jedes Wort wurde von mir beim leisen wie auch beim lauten Lesen zugleich absichtsvoll und intuitiv missverstanden«. Das poetische Konzept ist also denkbar simpel. Was herauskommt, ist allerdings äußerst spannend.
Hier wird die akustische Signatur eine Anordnung von Wörtern ist Hörfeld gebracht. Ein Gedicht wird in drei weiteren Versionen »missverstanden«. Freilich ist das »Missverständnis« geplant. Man könnte sagen, es handelt sich um eine Radikalisierung des Reims, indem man ihn auf jedes Wort im Gedicht anwendet, um ein weiteres Gedicht zu gewinnen. Verfolgen wir so einige Einzelverse durch mehrere Gedichte hindurch: »mit krachendem Charme« wird im Folgegedicht zu »Rache und Scham«, was wiederum zu »die Rache der Scham« und schließlich zu »Arachne, der Schah«. Es ist also so, dass man zunächst die vier Gedichte jeweils für sich lesen kann, aber auch einfach einzelne Verwandlungen versweise nachgehen kann und sich an der suggestiven Verschiebung des Wortsinns amüsieren kann. Gelegentlich können solche Relationen, freiwillig oder unfreiwillig, geplant oder zufällig, zu einer unheimlichen Verbindung werden; beobachten wir jeweils einen Vers durch seine Verwandlungen in vier Gedichten an: »Das Weltflüchtige brütet« → »Lass hellsichtige Mythen« → »Blass hellgesichtiges Üben« → »Blattzellen, gedichtet Sybill«. Obwohl die vier Verse jeweils in einem eigenen Gedicht, somit in einem eigenen Kontext eingebettet sind, kann man sie als Leser herauslösen und über die darin nur per Gleichklang aktivierte Bedeutung rätseln. Dieses poetische Konzept verbindet also einerseits die Linearität traditioneller Gedichtschreibung, aber auch das Cut-Up.
Das »Handbuch« als Anleitung zur Freiheit
Ich möchte nun noch einige Beobachtungen zum zweiten Kapitel »Aufgaben« sowie dem separaten Beiheft mit Illustrationen von Andreas Töpfer. Die Illustrationen sind interessant, allerdings kann ich dazu lediglich sagen: Sie sind blau und niedlich. Das zweite Kapitel jedoch unterbricht die traditionelle Präsentationsform der Texte. Wir finden keine brav untereinander notierten Verse. Stattdessen leere, querrechteckige Kästen von unterschiedlicher Dimensionierung und einzelne imperativartige Wortgruppen in Großbuchstaben. Durch die Wahl des Papiers schimmern die Kästen der Rückseite durch; durch das Layout umrahmen sie die Wortgruppe die sonst frei auf dem Papier stünde. Auch hier fordert Martina Hefter auf der Ebene der Seite sowie auf der Ebene von Text-und-Nichttext Korrespondenzen heraus. Die Wortgruppen sind unaufhebbar eigenartig und wohl je nach Leserichtung oder Leseverfahren frei kombinierbar. Hier ein paar Beispiele: »SPIELE / IN SELBIGE / RICHTUNG« oder »FÜHLE DIE KRAFT / EINES SCHWARMS« oder »EIN / WINKEN / DENKEN« oder »PROTHESE SEIN/ FÜR DIE EIGENE / INNERLICHKEIT« oder »EINFACH NUR EIN GORILLA«.
Ich lese diese Sektion, die aus acht Blättern besteht, als eine Antwort auf das Problem, das Martina Hefter im dritten Kapitel in meditativer Prosa ausführt und womit ich diese Rezension begonnen hatte, die prinzipielle Insuffizienz der Sprache gegenüber dem, was wir Wahrnehmen und Imaginieren nennen. Nicht alles, was wir fühlen, denken, uns vorstellen, lässt sich sprachlich kodifizieren. Es ist freilich eine alte These, die häufig problematisiert wird. Den Problemaufriss, den Martina Hefter im dritten Kapitel ihres »Handbuchs« in Form eines leitmotivisch durchgearbeiteten Fließtextes herstellt, ist wunderbar, weil er weitausufernd sich am menschlichen Körper orientiert, der als eine in der Zeitlichkeit durch variierende Haltungen geprägte Expressivität nicht einfach durch einen Textkörper »konservieren« lässt.
Wenn es eine Disziplin gäbe, die sich »Ausdrucksforschung« nennen würde, so wäre dieser prosaische Text von Martina Hefter gewiss ein Grundlagentext. Ich habe eingangs schon daraus zitiert. Er beginnt mit »Wenn ich merke, dass ich dabei bin, eine Haltung auszuhalten, muss ich gleich überprüfen, ob ich damit nicht eine Haltung einnehme […] Will ich [die Bewegung/Haltung] vor dem Vergessen bewahren, muss ich sie aufschreiben, sie filmen oder zeichnen, oder ich muss sie einer anderen Person zeigen, die sie nachmacht und sie aufbewahrt in und mit ihrem Körper.« Es geht also darum, gewahr zu werden (»zu merken«), dass so etwas wie eine »Haltung« überhaupt eingenommen wird. Wir sind hier bei einem Urbild der Selbstreflexion, die Voraussetzung ist, um »vor dem Vergessen bewahren« zu können.
Sich über die immanente Bedeutung der eigenen (körperlichen) Expressivität oder den menschich-leibliche Ausdruck als existierendes Wesen gewahr zu werden, ist für Martina Hefter die Grundvoraussetzung (»muss«), um überhaupt in einen Prozess einzugehen (»aufschreiben« / »filmen« / »nachmachen«), der diese Haltung festhält und für seine künftige Erkennbarkeit konservierend sorgt.
Aber das ist schon das Problem. Denn obgleich Martina Hefter sich wünscht, dass »alle meine Bewegungen mich überleben«, braucht es Rezipienten: »ich werde es hier für euch wiederholen«. In dieser pro nobis Geste von Martina Hefter, wird das Motiv ausdifferenziert. Sie möchte nicht all ihre Bewegungen für sich selbst, also egoistisch, konservieren, sondern »für euch,« denn die Anderen (die Übrigen, die Späteren, Wer-auch-immer) sind jene, auf deren Körper, Martina Hefter die Spuren ihrer selbst hinterlässt: »Man soll den Druck meiner Hand auf seinem eigenen Arm noch jahrzehntelang spüren können«. Das dialogische Prinzip, das Hefter hier anspricht, macht vielleicht auch ihre Beschäftigung mit so vielen Variationen in diesem Gedichtband deutlich, wie ich sie im Hinblick auf das erste und letzte Kapitel des Buchs oben besprochen habe. Es sind die Korrespondenzen bzw. die Zwischenräume, in denen durch Druck und Widerstand ein Abdruck entsteht.
Zum Schluss ihrer poetologischen Meditation hin kommt Martina Hefter zu folgender Formulierung: »Das ist, was ich bestimme, was von mir übrig bleiben soll. Ein Abdruck meines Schwankens in der Stadt. Ich war hier und ich hatte mich ganz in der Hand«. Was die Expressivität, also das Einnehmen, Wahrnehmen und Festhalten vieler verschiedener Haltungen oder Variationen, produziert, ist ein Zeugnis, nämlich davon, dass man sich in dem, was man festhält, »ganz in der Hand« hatte. Worauf Martina Hefter also abzielt, denke ich, ist eine poetische Erfahrung dessen, was wir Autonomie nennen. Aus diesem Grund möchte ich diesen Gedichtband unbedingt zur Lektüre empfehlen.
Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch
Martina Hefter
kookbooks, Berlin 2013
80 S., mit beiliegendem Heftchen mit Illustrationen von Andreas Töpfer
€ 19.90 (Broschur mit Umschlag-Poster)
Martina Hefter: »Vom Gehen und Stehen. Ein Handbuch« bei Calle Arco kaufen
Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen. Gedichte | At the End of Days. Gedicht:Poetry«.
Der Lyriker, Essayist und Erzähler Uwe Berger ist tot. Nach Angaben seiner Frau Dr. Anneliese Berger ist der Autor am Sonntag, dem 16. Februar in Berlin gestorben. Das hat der Mecklenburger Verlag EDITION digital am 17. Februar mitgeteilt. Bei EDITION digital war aus Anlass von Bergers 85. Geburtstag am 29. September vergangenen Jahres sein gesamtes Prosawerk als E-Books erschienen.
Dazu gehören sein bis dahin unveröffentlichtes Tagebuch „Ungesagtem lauschen“ aus den Jahren 2000 – 2012 sowie sein letzter Roman „Suche nach mehr“. Uwe Berger hatte nach der Veröffentlichung der E-Books im Herbst vergangenen Jahres noch erklärt, wie glücklich er über diese Form der Veröffentlichung seiner Prosa war. Einen Teil seiner Lyrik hatte in den letzten Jahren außerdem der Zwiebelzwerg Verlag Willebadessen in Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Der 2007 veröffentlichten Gedichtband DEN GRANATAPFEL EHREN mit außergewöhnlichen Versen aus vier Jahrzehnten ist eine Zusammenfassung seines Schaffens und die Vorbereitung für weitere weltoffene Gedichte. / Bayrischer-Wald-News
Neueste Kommentare