Von Christina Schmidt
Posted on March 21, 2014
„Plötzlich ist Deutschland nicht mehr Deutschland, sondern Russland.“
(Alfred Döblin, November 1918)
Betr.:
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz | „Kreidekreis Krim – Sprengstoff für die politische Architektur Europas“ | Podiumsdiskussion mit: Dr. Uwe Krüger, Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Jürgen Rose und Serhij Zhadan. Moderation: Sebastian Kaiser | 16.3.2014, 20 Uhr
Berlin, den 17.3.2014
Sehr geehrter Serhij Zhadan,
normaler Weise ist es als Theaterwissenschaftlerin nicht meine Art, emotionale Briefe und Stellungnahmen zu verfassen, sondern vielmehr distanzierte Analysen formaler Darstellungen von Emotionen. Nach der gestrigen Veranstaltung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz habe ich jedoch das dringende Bedürfnis, mich bei Ihnen, als ukrainischem Schriftsteller, der sich engagiert für die Demokratisierung seines Landes einsetzt und dem in der gestrigen Veranstaltung in einem der wichtigsten deutschen Theater so eine unsolidarische, ja teils verächtliche Haltung seitens der Veranstalter entgegengebracht wurde, zu entschuldigen! Ich weiß, das ist unmöglich. Aber ich möchte Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen, dass ich mich angesichts der gestrigen Veranstaltung in der Volksbühne, als Theaterwissenschaftlerin, als Berlinerin, als Deutsche, schäme für die Verhöhnung der Maidanaktivisten, des ukrainischen Parlaments, der ukrainischen Demokratiebewegung, der Krimtataren. Ich schäme mich für die unreflektierte Übernahme und Weiterverbreitung der derzeitigen Kremlpropaganda und für die offenkundige Desinformation, die auf dieser Veranstaltung, besonders seitens der völlig inkompetenten Moderation betrieben wurde. So behauptete der Moderator, der Dramaturg Sebastian Kaiser, dass die Krim erst seit 24 Jahren zur Ukraine gehören würde, womit er offenbar darauf abzielte, die international anerkannten Grenzen eines souveränen Staatswesens in Europa zu revidieren. Dass die Krim 1954 unter Chruschtschow zur ukrainischen Sowjetrepublik kam, dass die Ukraine als Staatswesen eine längere Geschichte hat als die postsowjetische, davon kein Wort. Vielmehr zielte die hintersinnige Begründung des Moderators darauf ab, die Krim wäre ja, wie man dieser Tage allzu häufig in deutschen Medien liest, durch und durch russisch. Ich will mir gar nicht imaginieren, wie er angesichts der Multiethnizität und der alten, Jahrhunderte langen tatarischen Geschichte der Krim zu diesem Befund gekommen ist, besonders angesichts der Tatsache, dass er, laut Pressetext der Veranstaltung, zweimal Leiter eines internationalen Kunstfestivals auf der Krim gewesen ist. Schrecklich ist, dass hier (wieder) Deutsche, unter dem Signum des „Russlandexpertentums“ – so auch der Mitdiskutant und Journalist Uwe Krüger mit Blick auf „Russlands Interessen“ als Begründung für seine relativistischen Aussagen anbrachte, er habe einmal „1 ½ Jahre in Russland gelebt“… –, über andere Staaten und Völker hinweg meinen, Geopolitik machen zu dürfen. Heute nacht las ich, dass man im russischen Staatsfernsehen (Rossija 1) verkündete: „Russland kann die USA in radioaktive Asche verwandeln“. Nachdem Sie als Letzter in der Podiumsdiskussion zu Wort kamen, haben sie auch auf die durchaus vorhandene, weil vor allem seit nunmehr Monaten durch diffamierende, kriegstreiberische Propaganda vorbereitete militärische Gefahr seitens der Politik der Russischen Föderation, insbesondere für die Ukraine, verwiesen.
Darauf durfte der – zum Glück und zurecht in Deutschland völlig unbekannte – Jürgen Rose, der von der Volksbühne als Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr vorgestellt wurde, eine minutenlange Hasstirade gegen die US-amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik loslassen. Diese anscheinend zum Beruf geronnene private Obsession sei ihm unbenommen. Man soll alten Männern ihre Gewohnheiten lassen. Aber warum lässt man diesen durch nichts hierzu qualifizierten Herrn zur Okkupation/Abspaltung der Krim als „Sprengstoff für die politische Architektur Europas“ sprechen, wofür er sich offensichtlich überhaupt nicht interessiert? Warum überhaupt müssen diese Männer, Krüger, Rose, Kaiser, in einer öffentlichen Diskussion zur politischen Krise in der Ukraine ihren Antiamerikanismus austoben? Und warum lädt man Sie, lieber Serhij Zhadan, den man kaum zu Wort kommen lässt, zu diesem durchgeknallten deutschen Plauderstündchen ein, in dem sich pseudo-linke Russlandversteher und USA-Hasser eine altstalinistische Geopolitik im scheinbar „medienkritischen“ Gewand zueigen machen, dass es sich gewaschen hat. Überhaupt: die „Medienkritik“. Kritisiert wurde die „Einseitigkeit“ der deutschen Medien, was erst einmal gut klingt und immer gut ankommt. Das Problem war nur, dass die selbsternannten Medienkritiker Krüger und Kaiser die „Einseitigkeit“ der deutschen Medien – sie meinten damit vor allem die Bildzeitung, was für sich spricht –, gar nicht richtig analysieren konnten. Ihre „Kritik“ zielte offenbar darauf ab, dass nicht genügend über die rechten und rechtsradikalen Kräfte auf dem Maidan berichtet worden sei. Was nachweislich falsch ist: Gerade in den letzten Wochen ist dieses Thema rauf- und runterberichtet worden, zum Teil mit der Tendenz zur völligen Diffamierung der ukrainischen Demokratiebewegung und Delegitimierung des ukrainischen Parlaments (vgl. z.B. die Sendung „Anne Will“ mit dem Titel „Ist die Krim erst der Anfang?“ und die Kritik an der Sendung, über die u.a. FR-online berichtete). Es gibt, insbesondere durch Verlinkung im Internet und auf Facebook, ungezählte Möglichkeiten, sich sehr breit gefächert in seriösen Medien, auf deutsch und englisch über das Thema Rechtsextremismus in der Ukraine zu informieren, sei es in der taz, der FAZ, der ZEIT, in BBC, der Süddeutschen, der Deutschen Welle, sei es über FB-Seiten wie „Berliner Osteuropa-Experten“, bei Reporter ohne Grenzen, in den Tagesthemen, im DLF (insbesondere durch die sehr kritische und ausgewogene Berichterstattung der Korrespondentin Sabine Adler) usw. Ganz sicher keine seriösen Informationen zum Thema bekommt man von seiten der russischen Staatsmedien, die in den letzten Wochen und Monaten mehr und mehr gleichgeschaltet wurden. So wurde vor einiger Zeit einem der letzten regierungskritischen Sender Dozhd-TV der Saft abgedreht. Vor wenigen Tagen wurde die Chefredakteurin eines der letzten unabhängigen und seriösen Internetmedien in Russland, lenti.ru, Galina Timtschenko abgesetzt. Den – bis dahin – unabhängigen Radiosender Echo Moskwy ereilte bereits im Februar ein ähnliches Schicksal. Und am 13. März berichtete Wedomosti, dass nun auch – zumindest von Russland aus – die Internetmedien grani.ru, die Seiten der Regierungskritiker Kasparow, kasparov.ru, und Alexej Nawalny, http://navalny.livejournal.com, sowie das Infoportal ej.ru ganz offiziell von Regierungsseite blockiert seien. Begründung dieses Amoklaufs gegen die Informationsfreiheit war vor allem die polyperspektivische Verlinkung der genannten Medien hinsichtlich der politischen Situation in der Ukraine, also, so die russischen Regierungsbehörden, das „Aufrufen zu illegalen Handlungen“. Dahinter steht, dass die Propaganda – ja, man muss das wirklich so nennen! – seit Monaten vom sich in der Ukraine ausbreitenden „Faschismus“ fabuliert, die ukrainische Übergangsregierung als Junta bezeichnet, die das „Volk“, vor allem das russischsprachige, das als „eigenes“ angesehen wird, bedrohe. Angesichts der Pro-Regierungsdemonstration am 15.3. in Moskau – der zum Glück eine wesentlich größere Antikriegsdemonstration mit zw. 30- und 50.000 Teilnehmern gegenüberstand, die allerdings vom Staatsfernsehen weitgehend bagatellisiert wurde –, angesichts der militärischen Gestik, der sowjetnostalgischen Symbolik (Fahnen), der propagandistischen Parolen („Gegen Faschismus“), die nicht zuletzt auf das Schmieröl des Stalinismus, den „Großen Vaterländischen Krieg“ rekurrieren, dieser erstgenannten Moskauer Demonstration, angesichts der busweise aus Russland über die Grenze in die östlichen Städte der Ukraine, nach Donezk und Charkiw gekarrten „Pro-Russland-Demonstranten“, die sich ein ums andere Mal bereits als beinharte Nazis entpuppt haben, angesichts all dessen fragt man sich allerdings mehr und mehr: wer ist hier eigentlich der Faschist, wer ist durch wen vom Faschismus bedroht? Wessen Land wurde eigentlich okkupiert? Wogegen gehen eigentlich in Moskau zehntausende Antikriegsdemonstranten auf die Straße? Wessen Panzer rollen denn über die Krim?
Seine Lyrik versucht, im Subversiv-Komischen wie in der Suche nach wahrer Erkenntnis, geistige Klarheit zu schaffen. Sie spiegelt auch die zeittypische große Skepsis gegenüber der Tauglichkeit der Sprache wider, die Wirklichkeit objektiv zu erkennen und darzustellen. Nicht von ungefähr wird Christian Morgenstern auch als einer der ersten Avantgardedichter und Vorläufer von Dadaismus und Konkreter Poesie betrachtet. In der letzten Nacht seines Lebens, jener zum 31. März 1914, soll er, fieberträumend, gesagt haben: „Mein Husten ist vierdimensional“. / ORF
Wer grad nix bessers zu tun hat und wissen will, wie das Volk denkt und schreibt… das Denkervolk, das Schreibervolk hier wie überall.
Die Kinderbuchautorin, Lyrikerin und Übersetzerin Friedl Hofbauer ist am Samstag im Alter von 90 Jahren gestorben. Das teilte die IG Autorinnen Autoren am Dienstag mit. Zu ihren Werken zählen etwa die Sagenbände „Sagen aus Wien“, die „Donausagen“ oder „Gruselsagen aus Österreich“.
„Sie war eine der Vertreterinnen einer neuen österreichischen Kinderliteraturgeneration, die im gesamten deutschen Sprachraum für Aufsehen gesorgt hat. Und sie war das Vorbild für viele der heutigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen“, so die IG Autorinnen Autoren. „Die Bedeutung, die Ernst Jandl für die Weiterentwicklung der Lyrik in der Erwachsenenliteratur hatte, kam Friedl Hofbauer in der Kinderlyrik zu.“ (…)
(…) „Manchmal, wenn ich einen Salatkopf entblättere / sitzen darin, wie Schnecken ohne Haus, / Gedichte, und ziehen die Fühler ein.“ / Der Standard
Cixous: Die Menschen lesen immer weniger und wissen immer weniger. Sie besitzen keine Erinnerung und kehren der unmittelbaren Vergangenheit den Rücken. 15 Jahre sind für sie ein Jahrhundert! Sie verlieren, was wir erworben haben. „Armut“ existiert. Frankreich befindet sich in einem besonders erbärmlichen Zustand. Niemand in der Regierung hat jemals ein Buch gelesen. Wir werden zu Wüstenbewohnern. Natürlich wird etwas passieren. Es wird sogar eine Revolution geben. Ich weiß nur nicht wann! Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschheit einwilligt, unproduktiv und unfruchtbar zu sein. Dass sie jede Vorstellung von Begehren verloren hat. Das Begehren wird natürlich erwachen. Es schläft nur. Ich kann nicht glauben, dass dieser Schlaf ewig währt. / Ronald Pohl sprach mit Hélène Cixous, DER STANDARD, 25.3.2014
Die Wiener Schule für Dichtung sucht für ihre Onlineklasse “Terror, Assault, Anthrax“ Gedichte zum Thema Überwachung. Kommentiert werden die Beiträge von dem in Wien lebenden Schriftsteller Ilija Trojanow. Noch bis 13. April können Beiträge gepostet werden.
„Schenken wir den leidgeprüften Sicherheitsdiensten Gedichte! Es geht so einfach. Wir müssen uns gar nicht persönlich an die NSA, den HND oder BND wenden – ein paar ‚Reizwörter‘ im Netztext reichen, damit sie auf uns aufmerksam werden“, heißt es von der Schule für Dichtung. Als Beispiele für Reizwörter werden etwa „Al-Quaida“, „Sayyid Qutb“ oder „Anthrax“ genannt.
Die Beiträge werden von Ilija Trojanow kommentiert. Der Autor setzt sich seit Jahren kritisch mit dem Thema Überwachung auseinander. Er verfasste etwa gemeinsam mit Juli Zeh die Kampfschrift Angriff auf die Freiheit. Er beteiligt sich aktiv an Diskussionen zum Thema und hat auch selbst hautnah Erfahrungen damit gemacht. Trojanow wurde die Einreise in die USA verweigert.
Der Autor mit bulgarischen Wurzeln durfte ohne Angabe einer Begründung nicht einreisen – er hatte der Einladung zu einem Germanistenkongress folgen wollen. Autorenkollegin Zeh brachte den Vorfall in Zusammenhang mit dem gemeinsamen Engagement bei den Schriftstellerprotesten gegen die Überwachung durch den US-Geheimdienst NSA. / ORF
Die schönste Nach-Messe-Reportage kommt heute in bildnerischer Form. Petrus Akkordeon war als Messezeichner unterwegs. Hier einige seiner schönen Zeichnungen.
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Poetisiert euch!
M. Vogel signiert
Als ich vor etwa zwei Jahren Boris Preckwitz‘ Band wahnpalast gelesen habe, war ich doch ziemlich angetan vom satirisch-aufrührerischen Sound, mit dem der Dichter die mittlerweile regelrecht in Vergessenheit geratene Eurokrise kommentierte. Das Schöne, weil Einfache daran war, dass sich die Gegenstände klar benennen, die (Gegen-)Positionen dazu klar beziehen, die Texte leicht verständlich lesen ließen. Und so hatte mich Preckwitz eigentlich nicht wachgerüttelt, sondern dort abgeholt, wo ich ohnehin schon stand. In seinem neuen Band Kampfansage geht dieses Prinzip leider nicht mehr auf, denn die Feindbilder dieser politischen Gedichte sind nicht mehr allein die Banken und EU-Kommissare, sondern alle, die in Deutschland auf irgendeine Weise, bewusst oder unbewusst, Autorität ausstrahlen oder diese zumindest für sich beanspruchen. Und das meint nicht allein den Staat, die Regierung, Polizei und gehobenes Bürgertum, sondern offensichtlich auch einige Lyrikverlage, die innerhalb der florierenden Indieliteraturszene zu festen Größen geworden sind. Diese bekommen in einem angehängten Essay nämlich genauso ihr Fett weg wie zuvor in den Gedichten die Reichen und Mächtigen dieser Welt. (…)
Das eigentliche, das große Ärgernis in Preckwitz‘ neuem Band ist jedoch der Essay Verschrobenbooks. Zur neohermetischen Schule. Darin hat er es vor allem auf die Autoren des 2011 erschienenen lyriktheoretischen Sammelbandes Helm aus Phlox, sowie die Verlage kookbooks, luxbooks und roughbooks abgesehen. Allerdings scheint es Preckwitz nicht um eine konstruktive Kritik zu gehen, die in der so genannten „Diskurslyrik“ auf durchaus fruchtbaren Boden fallen könnte. Vielmehr äußert er sich in geradezu diffamierender Weise über die „publikumsfeindlichen“ deutschsprachigen Gegenwartslyriker, die sich laut Preckwitz zu einer „sich selbst genügenden Dichterclique“ zusammengeschlossen und gegenüber dem Rest der Welt abgeschottet hat. Hier könnte man vielleicht noch glauben, dass jemand seinen Ärger darüber äußert, dass er bei kookbooks & Co. nicht mitspielen darf. Allerdings dürfte Preckwitz‘ Interesse an diesen Spielkameraden gering sein, wenn er sie mehr als beleidigend auf eine Stufe mit „Suchtkranke[n], Selbstmörder[n], politische[n] Irrläufer[n] [sic!] und verschwurbelte[n] Sonderlinge[n]“ stellt und ihnen „eine Flucht in eigene Oberstübchen“ vorwirft. Doch da er diese ganz offensichtlich nicht versteht, woraus er auch keinen Hehl macht, ist sein Essay weder Kampfansage, noch Rundumschlag, sondern eigentlich nur Kapitulation und Bankrotterklärung. (…)
Der Vorwurf, man würde die „neohermetischen Dichtung“ schlicht nicht verstehen, ist so alt wie die Diskussion darum. Preckwitz nährt ihn jedoch mit neuen Anschuldigungen, die schlichtweg unerträglich sind, weil sie von einem sehr eindimensionalen Literaturbegriff ausgehen. So hetzt er gegen experimentelle Verfahren, nennt das Spiel mit der Sprache „Geschwafel, dem die Abstraktion zur Zwangshandlung geworden ist“ und diagnostiziert den Lyrikern ein „sprachliches Vermüllungssyndrom“, ganz zu schwiegen von einer „Rückwärtsgewandtheit in Folge akademischer Überkompensation“. Namentlich teilt er auch gegen die dichterischen Vorbilder an der „Schwurbelkurbel: Mayröcker, Pastior, Kling, Erb, Ashbery“ aus und beweist dieselbe Engstirnigkeit, die er noch ein paar Seiten vorher mit schwafeligen Gedichten bekämpfen wollte. / Mario Osterland, Fixpoetry
Boris Preckwitz: Kampfansage
Lyrikedition 2000
72 Seiten · 12,50 Euro
ISBN: 978-3-86906-588-5
Verlagswerbung:
Boris Preckwitz neues Langgedicht »Kampfansage« bringt die politische Lyrik in Deutschland auf den Stand des 21. Jahrhunderts. »Es ist an der Zeit / ein Leben in Freiheit / am Staat vorbei / zu gestalten«, beginnt das rund 500 Verse lange Gedicht und rüstet zum Kampf „gegen die Japrahler – / im Saale der Sonntagsreden / wo sitzverteilt / der Schwarmschwachsinn / sich die Gewalt gibt.« Es ist die Wendung gegen einen Staat, der die politische und wirtschaftliche Entmündigung der Bürger betreibt. Der Band setzt einen aktuellen Maßstab für die Verbindung von politischer Lyrik, Poetologie und Gesellschaftskritik. Er vertritt den Standpunkt, dass kulturelle Teilhabe nur über Wissen zu haben ist: »Wer in seiner Gesellschaft den kundigen Umgang mit Kulturleistung pflegen möchte, wird sich noch immer die Leitkultur erarbeiten müssen.«
Im Nürnberger Poetenladen* gibt es die Rubrik „Stele“, erdacht hat sie als kleine Nachruf-Kolumne der Dichter Hans Thill. Dichter gedenken darin ihrer verstorbenen Kollegen. Heute erinnert die Tagtigall an den ungarischen Dichter Szilárd Borbély, der im letzten Monat, am 19. Februar 2014, aus dem Leben schied.
„Was wäre, wenn überhaupt nichts mehr wäre? Wenn ich keines all der schwierigen Dinge, die ich gerade tue, fertig stellen müsste?“ – Diese Frage hat der ungarische Autor, Essayist und Dichter, Szilárd Borbély, 2003 in dem Gedichtband „Hamlet Berlin“ aufgeworfen, der bislang nicht auf Deutsch vorliegt, von dem aber kürzlich in The American Reader englischsprachige Auszüge erschienen sind.
In Briefform wird darin u.a. verschwiegen und doch beredt Krieg und Liebe – das Liebeswerben – zwischen seinem Ungarn und seinem Deutschland beschworen:
If I come to Berlin at Easter, would you have an hour to spare,
so that I could visit you? It could be at any time, for I won’t
have any other business in Berlin, save our meeting. I hardly
have a proper suit in which to appear before you. But that is truly
incidental. One easily slides into temptation, however. I am only
travelling to Berlin to show myself to you, the one misled
by my letters, so you can see who I really am. I could not accomplish this in writing,
because I was in defiance of myself: in the light of reality
nothing remains hidden. Presence is irrefutable. If only I will have had
enough sleep when I meet you. If only my knees won’t shake. What
a farcical and vague monologue this is. If I travel,
I will be staying in the Askanischer Hof hotel on Königgrätzstrasse.
Szilárd Borbély, Jahrgang 1964, wird die deutschsprachige Veröffentlichung der Berlingedichte nicht mehr erleben. / Marie Luise Knott, Perlentaucher
*) Sezession oder umgezogen? Neulich war er noch in Leipzig, der Herr Heidtmann.
Seit fast 45 Jahren existiert er nun, der Karin Kramer Verlag in Berlin. Dennoch ist er vielen im oft nur geschäftstüchtigen Literaturbetrieb noch immer kein Begriff. Das liegt weniger an Kramers Verlagsprogramm als an der immer weiter abnehmenden Neugierde des Buchhandels und des Feuilletons. Dabei hat der Verlag in vielfacher Hinsicht Geschichte geschrieben – auch mit Geschichten. Beispielsweise erschienen hier Texte von Thomas Kapielski und Karsten Krampitz, Bernd Papenfuß‘ Rumbalotte-Gedichte sind hier gesammelt zu erwerben.
Zugleich ließ Karin Kramer die Romane von Roland Topor und die Texte von Jim Morrison übersetzen. Vor allem aber waren hier unzählige Bücher von Bakunin, Kropotkin, Malatesta, Landauer und Mühsam zu finden, denn der Karin Kramer Verlag hat sich auf Gedeih und Verderb dem Anarchismus verschrieben. Hinzu kamen, geradezu selbstverständlich, viele Bücher zur antiautoritären Erziehung. Im Verlagsprogramm finden sich auch die zahlreichen Bücher von Bernd Kramer, Kreuzbergs wohl genialischstem Kneipendenker. Bernd Kramer führte den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Karin.
Das Präteritum ist angebracht, denn Karin Kramer ist am vergangenen Donnerstagmorgen nach langer Krankheit verstorben. Karin Kramer war eine geradezu klassische linke Figur der siebziger Jahre, unangepasst und geschichtsbewusst. In einem Interview mit der Zeitung Graswurzelrevolution sagte sie einmal: „Manches treibt einen zum Nonkonformismus. In unserer Familie gab es übrigens ein ganz frühes Berufsverbot. Mein Großvater, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts illegal SPD-Flugblätter in Hausbriefkästen verteilte, wurde denunziert und verlor seine Arbeit als Gärtner bei der Stadt Berlin.“ / Jörg Sundermeier, taz
Der Prix Mokanda 2014 geht an den aus Kongo (Brazzaville) stammenden Dichter Gabriel Okoundji. Mitbewerber waren der tunesische Dichter Tahar Bekri und der Marokkaner Abdellatif Lâabi. Hinsichtlich der öffentlichen Haltung zur Lyrik als einem kleineren Genre der Literatur stellt der Autor fest: „Die Lyrik ist die erste literarische Regung, eine wichtige Kunst. Sehr wenige Menschen interessieren sich dafür, denn sie verlangt Ausdauer… Nur die Poesie kann den Menschen von der Schwerkraft freimachen, von den täglichen Mühen. Ein einziges poetisches Wort reicht aus, um den Weg zu erleuchten“, so sagte er gegenüber dem Journal de Brazza.
Der Preis wird dem Autor im Juni überreicht. Ein sehr emotionaler Monat – am 14.7. erhält er auch den diesjährigen Prix Senghor de poésie.
In der Region Aquitanien, wo der Autor heute lebt, findet vom 4. zum 6. April auf der Buchmesse in Bordeaux ein Treffen seiner Übersetzer aus Italien, England und Finnland statt. Unter ihnen Jacques Chevrier, der dem Autor ein Buch gewidmet hat – „Gabriel Okoundji, Dichter der beiden Flüsse“. Zwei Tage lang werden sie über das Werk diskutieren und versuchen, dem Publikum zu erklären, was es mit dieser Dichtung auf sich hat, die bis heute im kongolesischen Universum, für das sie geschrieben wurde, ignoriert wird.
Der Prix Mokanda wurde 2012 gestiftet, um das Gesamtwerk eines frankophonen Autors zu ehren, der sich durch ein „Darlehen der Liebe zu Afrika“ auszeichnet. Die bisherigen Preisträger waren:
Heute hatte ich Lust, etwas zu trinken, also wählte ich die Nummer des Herrn Rezayi*, meines „Saghi“ (Saki), ein altes, aus der persischen Poesie entlehntes Wort mit der Bedeutung Mundschenk, jemand der einen König, Prinzen oder eine hochgestellte Person mit Getränken versorgt. Das Wort wird heute gern benutzt für Lieferanten der verbotenen alkoholischen Getränke.
– Hallo, was hast du auf Lager?
– Whisky « Red Label » 200.000 Tomans (50 Euros), Whisky «Label 5» 100.000 Tomans (25 Euros), Wodka 100 000 Tomans (25 Euros)
– Ich nehme drei Flaschen „Red Label“
– Okay, ich bin in 40 Minuten da
– Okay, bis gleich!
Alkohol ist in Iran offiziell verboten und Trunkenheit wird nach dem islamischen Strafrecht mit 80 Peitschenhieben bestraft, eine Strafe, die nur selten angewandt wird, vor allem weil die Person gestanden haben muß, daß sie getrunken hat, um verurteilt zu werden. Nach den gleichen Bestimmungen wird bei einer dritten Verurteilung die Todesstrafe verhängt.
(…)
Herr Rezayi* bringt mir den Whisky und erzählt, daß die Polizei vor kurzem sein Auto beschlagnahmt hat, weil man im Kofferraum Flaschen gefunden hat.
Ich genehmige mir ein Gläschen Whisky und ein Gedicht von Omar Khayyam, dem großen und populären persischen Dichter aus dem 12. Jahrhundert, hallt in meinem Kopf wie ein historisches Gebot:
« Nous et le vin et le banc de la taverne et nos corps d’ivrogne nous sommes
Insoucieux de l’espoir de la miséricorde et de la terreur du châtiment;
Nos âmes et nos cœurs et nos coupes et nos vêtements tachés de lie
Sont indépendant de la terre et du feu et de l’eau. »
Ich fand eine – vermutlich weder sehr treue noch sehr poetische – Übersetzung dieses Rubai von Omar Khayyam (trotzdem, wenigstens gab es sie, und damals strebte man noch eine „Bibliothek der Gesamtlitteratur des In- und Auslandes“ an):
Ich, Sänger, Wein, der wüste Raum: Gewand,
Pokal, Herz, Seel‘ weihn wir dem Wein als Pfand;
Der Gnadenhoffnung und der Straffurcht ledig,
Was sind uns Erde, Wasser, Wind und Brand?
Hart, Julius: Divan der persischen Poesie: Blütenlese aus d. pers. Poesie, mit e. litterarhist. Einl., biogr. Notizen u. erl. Anm.. Halle a.d.S.: Otto Hendel, 1887 (Bibliothek der Gesamtlitteratur des In- und Auslandes ; Nr. 143/145), S. 50.
Nasim
* Namen wurden geändert
Über 6 Millionen kostenlose eBücher
Darunter alte Schätze wie dieser:
Thomas Kunst
MAN WEISS NIE, WIE ALLES KOMMT, ABER
Auf diese Insel würde ich immer wieder
Gehen. Und sei es nur noch für ein
Halbes Jahr, Safschani, viel zu
Niedrige Felsen. Zu wenig Möglichkeiten,
Richtig sinnlos zu versacken. Nur Hitze,
Schleim, in der Gelassenheit von
Flußruinen. Die Brandung ist das eine.
Das Saufen ist das eine. Die Musik
Ist das eine. Die Frauen sind das
Eine. Die Kinder sind das eine. Die Gedichte
Sind das eine. Die schönen,
Vertrockneten Gedichte, die mutwillig
Schönen, die niemand mehr will. Aber ich
Will sie. Und ich werde sie euch
Zurückbringen. Aber nicht nachts. Und schon
Gar nicht im Sommer. Bei einem
Himmel mit entblößten, streng
Herunterhängenden Universitäten. Denn Geruch
Und Müdigkeit sind immer das
Gleiche. Die schönen, vertrockneten
Gedichte sind noch lange nicht
Am Ende, auch wenn sich all die anderen
Jungen, nachstoßenden Gedichte schon wie
Glatte, ausgereifte Seminare gebärden, so
Starr, ideenlos und ohne Leidenschaft. Aber ich
Werde sie euch zurückbringen. Ich will sie euch wieder
Zurückbringen. Die mutwillige Schönheit der
Gedichte. Und den naiven Reichtum an
Bezeichnungstrost und Wut. Aber nicht
Nachts. Und schon gar nicht im
Sommer. Das Saufen ist das eine. Die Musik
Ist das eine. Die Kinder sind das
Eine. Die Frauen sind das eine. Die Gedichte
Sind das eine. Alles
Ist immer nur das eine.
Korbinian Frenzel: Wenn wir noch mal auf die generelle Bedeutung von Gedichten schauen – das letzte Mal, dass ein Gedicht öffentlich wirklich hohe Wellen geschlagen hat, war das Gedicht von Günter Grass, „Was gesagt werden muss“. Darin hat er ja Israel schwer angegriffen. Sie haben damals eine Art Gegenposition eingenommen, nicht inhaltlich, sondern eher in der Frage, was Dichtung soll. Sie legt sich, haben Sie damals geschrieben, nicht mit der Realität an. Darüber bin ich ein bisschen hängen geblieben, über dieser Formulierung, weil das für mich so klingt wie ein literarisches Biedermeier, wo man sich wohl fühlen kann.
Durs Grünbein: Nein. Ich habe mal an anderer Stelle gesagt, in einem Gedicht, um es vielleicht mal so kurz wie möglich für mich, übrigens nur für mich zu definieren, was das ganze soll, gefragt, was es eigentlich ist, das Poetische: Es geht auch um die Besonnenheit traumdichter Bilder in der Bananenrepublik des Realen. Ich habe also gesagt, okay, dieses Reale, was uns immer umgibt, dass wir auch alle sehr gut kennen, das wird ein bisschen, wenn man diesen Abstand hat, selber zu einer Art Bananenrepublik. Ich sage damit, dass eigentlich die Dichtung mit ihren Möglichkeiten es schafft, qua Fantasie dieses sogenannte Reale immer neu zu durchkreuzen, und das ist sehr wichtig. Das ist kein Biedermeier, sondern das ist eine Art Souveränitätserklärung.
Wer sagt mir denn, dass das, was mich umgibt, politisch umgibt, etwa das Ewige ist oder so, dass es immer so bleiben muss und so weiter? Ich kann also auch in politischen miserablen Situationen mittels Dichtung vorankommen. So war das immer in der Menschheit. Es waren oft kühne Dichterträume, die uns schon die Zukunft gezeigt haben und Möglichkeiten, aus diesem Schlamassel herauszufinden, weshalb ich dann immer enttäuscht bin, wenn die Dichtung direkt missbraucht wird für sehr direkte politische Botschaften. Das hatten wir auch oft gerade im 20. Jahrhundert, aber das sehe ich als Missbrauch der Poesie und das ist kein Biedermeier. Im Gegenteil! Das ist eine Art Unabhängigkeitserklärung, die sich durch Poesie herstellt.
/ DLR
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