6. Poets‘ graves

PORTLAND, Maine — A poet and filmmaker plans to visit and film more than 80 poets‘ graves in 11 western states in the coming months.

Freeport resident Walter Skold, a 53-year-old former middle school computer teacher, said the journey will bring his total number of graves visited to 400. He and his son Simon, 26, leave April 7.

Skold said his ultimate goal is to document 500 dead poets‘ graves in all corners of the country. He said the pair hope the project brings attention to National Poetry Month, which begins April 1.

„There’s this whole long tradition of poets visiting poets‘ graves and writing about them,“ he said. „I invariably find that they have an interesting story to tell.“ / The republic

5. Gedicht mit Taube

„vielleicht
sind wir doch keine Wunderkinder, sondern Arschlöcher, die eine Taube brauchen, um das
zu sehen, was sie nicht begreifen“

Franz Hodjak Gedicht mit Taube

Der neue Gedichtband von Franz Hodjak beginnt mit einem vielsprachigen Reisenden, dem Autor Franz Hodjak selbst, an einem ihm vertrauten, doch von Zeit, Gott und den Menschen verlassenen Ort. Dieser Ort ist ein stillgelegter Bahnhof. Keine Züge kommen mehr an. Keine Züge fahren mehr ab. Doch wurde der Bahnhof nicht abgeschlossen. Und es gibt noch ein Gleis. Und auch noch einen zweiten Gast. Das Gedicht heiߟt Aufgelassener Bahnhof.

(…)

Auf jeden Fall entführt€œ Franz Hodjak sich in seinen klug inszenierten Gedichten in eine uns angehende Geschichte. Die Geschichte nämlich von den Königskindern Ost-und Westeuropa, ein gefrorenes Kiesbett dazwischen.

Das wird im zweiten Gedicht des Buches sogleich noch um einiges klarer – spiegelt es doch die Ausgewanderten und deren Auswanderungsgrund, Leben / die nicht mehr zählen, in den Augen der Zögernden, der vor Ort Gebliebenen, wider, die ihr Bleiben, ihr lohnendes Leben, durch Selbstverleugnung teuer zu bezahlen hatten. Sie trauern nun um die einstige Identität und verharren doch in dummer / Geste erstarrt, ratlos, leer. / Axel Reitel, relevant.at

Franz Hodjak (Gedichte) / Hubertus Giebe (Lithografien), Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an, Verlag SchumacherGebler, 98 Seiten, ISBN 978 – 3-941209-28-2.

4. Aus Unverstand und Unverstand

Das Problem, meine Damen und Herren, ist nicht, das einige Betriebsmitglieder offenbar eine Grundfertigkeit der Branche verlernt haben: das Lesen. Sonst würden sie ja nicht eifrig posten, schreiben und twittern, dass es keine Literatur, also keine Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen über Lampedusa, Hartz IV und andere Fragen unserer Zeit gebe. Beherrschten sie die Fertigkeit des Lesens noch, schickten sie die real existierenden Leserinnen und Leser solcher real existierender Romane, Gedichte, Erzählungen und Dramen nicht mitsamt den von ihnen selbst NICHT gelesenen Autorinnen und Autoren in die Wüste. Aber wie gesagt, das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist ein anderes: der Haarausfall.

Deutschland muss nämlich Haarausfall haben. Dramatischen, unerklärlichen, beängstigenden, selbstverständlich Gegenmaßnahmen fordernden, scheußlichen Haarausfall. Man versteht dann sofort die Brisanz, steht das Haar doch für die urwüchsige Kraft, die allenthalben vermisst wird. Haarausfall! Anders ist nicht zu erklären, warum so eifrig Locken auf Glatzen gedreht werden. Die schönsten, die prächtigsten, die ausgefallensten Locken. Immer und immer wieder. Und immer schön im Kreis. Wir haben es darin zu einiger Kunstfertigkeit gebracht.

So nämlich, meine Damen und Herren, entstehen heutzutage Debatten. Polemik ist dabei gern gesehen. Der neueste Schrei ist, dass ihr elektrischer Schlag nicht mehr wie zu Schlegels Zeiten durch den Kurzschluss von Verstand und Unverstand entsteht – die Kür ist heute oftmals, und welche titanische Aufgabe ist das, aus Unverstand und Unverstand einen Funken zu schlagen! (…)

Es ist Zeit, dass ein mentaler Generationenwechsel quer durch die Generationen eintritt. Es ist Zeit, dass wir uns frei machen von Maßstäben, die den Denkmustern des Kalten Krieges verwandt zu sein scheinen.

/ Die Kritikerin Insa Wilke in ihrer Dankrede zum Alfred-Kerr-Preis, Börsenblatt

In eigener Sache

Liebe L&Poe-Leser, gegenwärtig läuft erneut ein Praktikum im L&Poe-Laden. Die alten Nachrichten der Lyrikzeitung zwischen 2003 und 2009 müssen ins Archiv eingebaut werden. Damit werden sie für alle Leser zugänglich, nicht bloß für mich wie bis jetzt. Leider schafft das Probleme für Sie, wenn Sie unsere Nachrichten abonniert haben, denn das System versendet jede neu eingetragene Nachricht als neu und verschickt sie prompt an Abonnenten. Achten Sie bitte auf das Datum, wenn Sie eine Nachricht lesen, sie könnte 11 Jahre alt sein. Wenn Sie nicht so viele Mails erhalten möchten, erwägen Sie, die Einstellungen für das Abo zu ändern (ein Link dazu befindet sich unter jeder Mailnachricht). Statt „sofort“ könnten Sie „einmal täglich“ wählen, dann bekommen Sie nur eine Mail mit allen neuen Nachrichten.

3. Tashi Rabten freigelassen

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD) welcomes the release of writer Tashi Rabten, also known as Theurang, who served four years at Mianyang Prison in Sichuan Province. He was sentenced on charges of “inciting activities to split the nation” by the Ngaba (Ch: Aba) Intermediate People’s Court on 2 June 2011.

Tashi Rabten was a student at the Northwest Minorities University in Lanzhou, Gansu province; he went missing on 26 July 2009, when the university closed for summer vacation. His whereabouts remained unknown until 6 April 2010, when he was traced to a detention center in Ngaba’s Barkham County.

The sentencing of Tashi Rabten violated, among others, article 19 of the United Nation’s International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR), which calls for the protection of freedom of expression. China signed the ICCPR in 1998 and since then it has dragged its feet on ratifying the covenant despite numerous recommendations from UN member states during China’s first and second Universal Periodic Review in 2009 and 2013 respectively. 

Tashi Rabten was released Saturday, 29 March 2014 – to a warm and rousing welcome from his family members, relatives and friends. / Tibetan centre for human rights and democracy

2. Dostojewskij als Poet

Von Felix Philipp Ingold

Die „Lyrikzeitung“ ist für manches gut, vielleicht auch mal für eine Entdeckung aus vergessenen Archivbeständen. Niemand weiss mehr (oder würde auch bloss vermuten), dass Fjodor Dostojewskij, Klassiker der russischen Erzählkunst und Erfinder der „Roman-Tragödie“, ein gewiefter Verseschmied war. In seinen Tagebüchern und Arbeitsjournalen finden sich, über viele Jahre verstreut, immer wieder kleine gereimte Gedichte, die in keiner Weise zu seinen dramatischen sozialkritischen Stoffen und philosophischen Exkursen passen, die aber womöglich als humoristische Kontrapunkte dazu gedacht waren. Die meist nur einstrophigen Gedichte sind noch nie gesammelt und bisher auch nicht übersetzt worden – ausgenommen ein paar Verse, die Dostojewskij dem verrückten Hauptmann Lebjadkin (im Roman „Dämonen“) in den Mund beziehungsweise unter die Hand gelegt hat. Auffallend ist die sonst bei Dostojewskij nicht zu beobachtende Neigung zu sexuellen Anspielungen, die sich da und dort zu ironisch-lyrischer Pornographie verbinden können – wie beispielsweise in dieser ungedruckt gebliebenen Strophe aus den Entwürfen zu den „Dämonen“ (1873):

Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.

Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskijs Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon findet sich wieder in seinem publizierten Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute (falls sie davon überhaupt Kenntnis haben) für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Es ist an der Zeit, diesen (zugebenermassen marginalen) Teilbereich von Dostojewskijs Schaffen aufzuarbeiten.

1. Marianne Rein

Die Lyrikerin Marianne Rein ist auch heute noch selbst unter Kennern der deutsch-jüdischen Literatur der 1930/40er-Jahre kaum bekannt. Noch 2012 konnte ein Band zu den „Weiblichen jüdischen Stimmen deutscher Lyrik aus der Zeit von Verfolgung und Exil“ erscheinen, in dem ihr Name nicht einmal im Index erscheint. Kaum eine Anthologie zu jenen Jahren bringt eines ihrer Gedichte. Eine rühmliche Ausnahme stellt hier die immer noch bedeutsame Anthologie Manfred Schlössers dar, „An den Wind geschrieben“ aus dem Jahre 1960; sie bringt ein einziges Gedicht, weiß aber sonst wenig über die Autorin. Umso verdienstvoller ist, dass Rosa Grimm nun erstmals alle ihr zugänglichen Gedichte und Prosatexte von Marianne Rein in zwei schmalen Bänden zusammenstellte, was es nun erlaubt, dieses in nur wenigen Jahren entstandene Werk in seinem Umfang und Gewicht kennenzulernen. / Friedrich Voit, literaturkritik.de

Marianne Dora Rein: Das Werk. 2 Bände.
Herausgegeben von Rosa Grimm.
Ergon Verlag, Würzburg 2011.
218 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783899138290

137. Behutsam

Der niederländische Dichter Erik Lindner geht behutsam mit der Welt um. Er schiebt ihr keinen fertigen Entwurf unter, er erspart ihr die Last einer Idee. Er prahlt nicht mit Bildungswissen, wie er sich überhaupt zurücknimmt; nur selten begegnen wir einem lyrischen Ich. Geschieht es doch einmal, ist es schon in der nächsten Zeile wieder verschwunden: „ich steh auf, kleide mich wie gestern / und geh über den Steg zur Fähre // auf Autoreifen setzt sich Koralle ab / schuppig zwischen Steg und Bug“. / Volker Sielaff, Tagesspiegel

Erik Lindner: Nach Akedia. Ausgewählte Gedichte. Niederländisch-Deutsch. Übertragen von Rosemarie Still.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2014., 170 S., 19,90 €.

136. Lyropolis / Textkette

Nicht will wohllauten der deutsche Mund, sagt Hölderlin. Beweis: Lyropolis heißt auf Deutsch Textkette. Das klingt ein wenig nach dem ebenfalls wenig wohllautenden  ungarischen Wort für Liebe: Szerelem. Eine Freundin verlängerte es probeweise: Textkettennebenstrecke. Vielleicht lustig, aber nicht wohlklingend. Aber eigentlich ist Textkette nicht die Stadt selbst, sondern das Herzstück, die Anthologie, die Lyrikbibliothek von Babel. Wie dem sei – Lyropolis existiert; und wächst. Hier ein Stadtplan:

1: Textkette (Stammbaum) 2: Freistil
1: Textkette (Stammbaum), 2: Agora , 11: Justitia, 12: Schatzhaus, 13: Galerie, 17: Freistil, 20: Privaträume
  • 1 Textkette: Eine labyrinthische Anthologie in Stammbaumform, ausgehend von der Dichterin Sappho = 0. Jeder Bewohner oder Besucher von Lyropolis kann an einer beliebigen (also ihm oder ihr gefallenden) Stelle am Stammbaum mitbauen. Das heißt, wenn Ihnen ein Gedicht von den rund 200 bisher vorhandenen gefällt, teilen Sie es in einem Kommentar mit und der Elektor des Gedichts wird Ihnen einen Autor vorschlagen, von dem Sie ein Gedicht auswählen und einreichen können. Damit erklären Sie sich bereit, selber Autoren auszuwählen, wenn einem anderen Ihr Gedicht gefällt.
  • 2 Agora (Marktplatz), Diskussionsforum
  • 12 Schatzhaus (Linkliste)
  • 13 Galerie. Wenn Sie Bewohner (also angemeldeter Teilnehmer) von Lyropolis sind, können Sie hier Fotos Ihrer Lyrikbibliothek oder einzelner Stücke Ihrer Sammlung teilen.
  • 17 Freistil. Bewohner können hier Gedichte oder Texte über Dichtung anderer Autoren veröffentlichen, kommentieren, illustrieren usw.
  • 20 Privaträume. Bewohner können hier eigene Gedichte zur Diskussion stellen.

Weitere Erläuterungen folgen.

135. Empfehlungen

Feridun Zaimoglu schreibt im Kulturspiegel:

Auf Empfehlung eines von mir sehr geschätzten Dichters habe ich mir antiquarisch eine Trinker-Trilogie von Ernst Herhaus gekauft (Kapitulation, Der zerbrochene Schlaf, Gebete in die Gottesferne). Der Dichter, der mir das empfohlen hat, ist übrigens selbst sehr zu empfehlen. Thomas Kunst ist für mich einer der größten Dichter, die wir haben. Nach seinem letzten Buch greife ich immer wieder. Es heißt Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte lese ich täglich. Es sollte kein Tag beginnen ohne Gedichte von Thomas Kunst oder Esther Kinsky, deren Gedichte ich ebenfalls sehr mag.

134. August 1914

Sommer 1914: Millionen Männer zogen singend an die Front, und die Dichter standen dabei in vorderster Linie. Englische war poets und deutsche Expressionisten, französische Dadaisten und russische Futuristen, flämische, ungarische und baltische Autoren kämpften mit  Waffe und Worten. Perlentaucher veröffentlicht einen Auszug aus Geert Buelens‘ Untersuchung „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“.

Auszug aus dem Auszug:

Vertreter jeder ethnischen Gruppe und Religion im russischen Reich versammelten sich in der Duma und erklärten sich solidarisch. Hunderttausend Russen strömten vor dem Winterpalais zusammen und knieten dort feierlich nieder, Fahnen und Ikonen in der Hand. Gott, Zar und Volk bildeten eine unbesiegbare Dreieinheit.

…Die Serben kamen, unsre Brüder,
Im hehren Glanz erschien der Hof,
Den Reservisten, immer wieder
Entrang sich einiges „Hurra!“
Man betete für unsre Waffen,
Und in der Kirche sang der Chor,
Da trat nach unsrer Väter Sitte
Zu seinem Volk der Zar hervor.(14)

Schriftsteller und andere Intellektuelle, die zuvor oft dem Vorwurf der Dekadenz und des Elitismus ausgesetzt waren, fanden plötzlich wieder Anschluss an das, was das Volk beschäftigte. Symbolisten der alten Garde (Fjodor Sologub, Wjatscheslaw Iwanow) ebenso wie ihr junger akmeistischer Kollege Sergej Gorodezki holten nicht nur das Reimwörterbuch, sondern auch den Säbel hervor und rühmten den ehrenvollen, heiligen Krieg, der die lang erwartete Neubelebung des russischen Geistes bewirken solle.(15) Für sie war es ein Kulturkampf, der Sieg über den Feind von außen würde auch das Übel im Innern töten.
Im Hintergrund stand eine zentrale Frage, die Russlands Platz in Europa betraf: Ließ sich die slawische Seele überhaupt mit der deutschen in Einklang bringen? Für einen Dichter wie Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949), der wie so viele seiner russischen Zeitgenossen in Deutschland studiert hatte und durch die Lektüre von Goethe, Novalis und Nietzsche geprägt war, war das keine theoretische Frage, sondern ein Problem, das den Kern seiner Identität berührte. Um dem Dilemma zu entgehen, unterschied Iwanow strikt zwischen dem „klassischen“ und dem von preußischen militaristischen und materialistischen Werten durchdrungenen „modernen“ Deutschland.(16) Die Organisationswut und der Kollektivismus des jungen deutschen Staates waren unvereinbar mit seinem Traum von sobornost, einer Art organischer Volksgemeinschaft auf der Grundlage gemeinsamer spiritueller Werte.(17)

(…) Die vielen braven oder sensationsgierigen Bürger, die Marinetti beinahe wie ein ausländisches Staatsoberhaupt empfangen hatten, wurden von Chlebnikow und seinem Mitfuturisten Benedikt Liwschitz in einem Flugblatt als Verräter „der russischen Kunst auf dem Wege der Freiheit und Ehre“ angeprangert und, schlimmer noch, als diejenigen, die „den edlen Hals Asiens unter das Joch Europas“ gebeugt hätten.(25) In einem Brief vom Februar 1914, in dem er Marinetti als „unbegabten Schwätzer“ titulierte, äußerte Chlebnikow, er sei davon überzeugt, dass sie einander irgendwann bei Kanonendonner wiedersehen würden, „im Zweikampf zwischen dem italo-germanischen Bund und den Slawen an den Ufern Dalmatiens“.(26) Diese Ortsangabe wählte der germanophobe Chlebnikow keineswegs zufällig.(27)

(…) In der österreichischen Armee dienten unter anderem folgende Dichter: der in Salzburg geborene Georg Trakl, der Wiener Ernst Angel, der deutschsprachige böhmische („tschechische“) Zionist Hugo Zuckermann, der deutschsprachige Prager Jude Franz Werfel, die Tschechen Rudolf Medek, Stanislav Kostka Neumann, Miloš Jirko und František Gellner, der Slowake Janko Jesenský (nach seiner Freilassung), der Pole Jerzy Żuławski, der Kroate Miroslav Krleža, der bereits erwähnte ungarische Serbe Miloš Crnjanski und die galizisch-polnischen, meist Jiddisch sprechenden Juden Samuel J. Imber, Uri Zvi Grinberg, Jacob Mestel, David Königsberg und Melech Rawitsch.

  • (14) zeitgenössische patriotische Lyrik, anonym zitiert in: Solschenizyn, August 1914 (hier zitiert nach der 5. Auflage der deutschen Übersetzung von 1974, S. 83)
  • (15) Strakhovsky 1950, S. 135-136, Orlov 1980, S. 343-344, Hellmann 1995, S. 84-102, und Jahn 1995, S. 106
  • (16) Hellmann 1995, S. 88 ff
  • (17) vgl. Hellmann 1995, S. 86-91; Billington 1966, S. 19, 635; Figes 2011, S. 160 u. 335
  • (26) Chlebnikow 1972, Bd. 2, S. 470-471
  • (27) Markov nennt Chlebnikow „germanophob“, 1968, S. 298. Siehe auch „A Friend in the West“, ein äußerst kritischer Aufsatz von 1913 über das seiner Ansicht nach slawophobe Deutschland, Chlebnikow 1987, S. 243-245

In der mehrteiligen Leseprobe geht es u.a. auch um Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Wladimir Majakowski, Janko Jesenský, Ber Horowitz, Guillaume Apollinaire.

133. Poetopie

die in der letzten Nacht verloren gegangene Stunde nun wiederfinden 

Hansjürgen Bulkowski

132. Lyrik für Mädchen

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bzw. ihrer „Frankfurter Anthologie“ springt mir ein Gedicht entgegen („Nach Jahr und Tag“), das die vom seligen Reich-Ranicki protegierte, dabei kurios untalentierte Ulla Hahn verfaßt und auch gleich kommentiert hat: „Ein Waggon fährt vorbei / Er hat Kohle geladen // Männer links Frauen rechts / Zu den Kabinen im Freibad // Schuhe liegen auf einem Haufen / Im Sommerschlußverkauf // Haare werden geschnitten / Zu einer neuen Frisur // Menschen gehen ins Bad / Zum Baden // Ein Feuer brennt / Es wärmt // Rauch steigt auf / Eine Kerze verlischt“, fabelhafter Auschwitz-Kitsch mithin, zu dem der Dichterin die passend perfiden und immerhin ebenso hilflos formulierten Blödheiten eingefallen sind: „Was damals geschah, schlägt einem die Wörter in die Kehle zurück – und doch. Auch mit unserer kleinen Sprache müssen wir versuchen, das Un-Faßbare in Worte zu fassen.“ Denn der Zweck, Millionen Ermordete mit den Mitteln des Kunsthandwerks für die nationale Lesebuchkultur in Dienst zu nehmen, heiligt noch die sprachlichen Mittel, die nicht und nicht zur Verfügung stehen („Wörter, aus dem Rasseln der Waggons geformt“ – so strukturell unmöglich klingt’s dann auch).

Enthalten ist, informiert uns die bibliographische Angabe, das Artefakt nicht nur in Hahns „Gesammelten Gedichten“ (877 S.!), sondern auch in dem bei Reclam erschienenen Band „Spring ich durch den Feuerreifen. Lyrik für Mädchen“, und wo es schon nicht einleuchten will, daß es in Jungsbüchern um Fußball, in Mädchenbüchern um Pferde gehen muß, ist „Lyrik für Mädchen“ die ungleich gröbere Verlade: denn Lyrik ist nicht männlich oder weiblich, sondern Kunst oder nicht, und wenn wir dem Titel des Bandes trauen, dann wird, in früher zielgruppendynamischer Konditionierung, jungen Leserinnen gefühliges Frauenpower- und Betroffenheitsverswerk als ihnen gemäßes angedreht, statt Gedichte nach ihrer Tauglichkeit für Jugendliche beiderlei Geschlechts auszusuchen. Wenn die Jungs dann trotzdem lieber Fußball spielen, selber schuld. / Gärtners Sonntagsfrühstück, Titanic

131. Erfunden

Selbst dem Fachkommissariat für Kunstkriminalität ist sein Name erst seit Kurzem ein Begriff: Igor Paskalow, russischer Künstler, 1894 – 1978. Überliefert sind ein, vielleicht zwei Dutzend konstruktivistische Collagen in kleinen Formaten, angeblich aus den 20er Jahren. Von späteren Werken, experimenteller Lyrik, avantgardistischen Cello-Kompositionen, ist die Rede, aber niemand weiß Genaueres.

Kein Wunder, es gab sie nie, denn es gab Igor Paskalow nie.

Die Bilder aber gibt es, sie sind sehr dekorativ, schön gearbeitet, die Farben prächtig erhalten. Die Signatur darauf: I.P. in kyrillischen Buchstaben.

Geschaffen hat die Bilder wie den Künstler: Detlef Gosselck, geboren 1940 in Mecklenburg, gestorben vor vier Monaten bei Berlin. / David Ensikat, Tagesspiegel

130. Chodassewitsch

Vladimir Nabokov war nicht gerade für schmeichelhafte Urteile bekannt. Doch in seinem Erinnerungswerk «Speak Memory» schrieb er über den russischen Dichter Vladislav Chodasevič, den er 1932 im Exil kennengelernt hatte: «Ich fand grossen Gefallen an diesem bitteren Mann, der aus Ironie und metallischem Genie gemacht war und dessen Lyrik ein ebenso komplexes Wunder darstellte wie die von Tjutčev oder Blok.» In seinem Nachruf auf Chodasevič, 1939, verkündete er geradezu siegesgewiss, dieser werde «der Stolz der russischen Dichtung bleiben, solange die letzte Erinnerung daran lebendig ist». (…)

Chodasevič, der elegante Saturniker, der pessimistische Klassizist, der formbewusste Melancholiker, der Dualität und Distanz zu den Grundzügen seiner Lyrik machte. Als Sohn eines verarmten polnischen Adligen und einer zum Katholizismus konvertierten russischen Jüdin 1886 in Moskau geboren, widmete sich Chodasevič zunächst dem Ballett, dann dem Studium der Jurisprudenz und Philologie, bis er zur Dichtung fand. Sein erster Lyrikband, «Jugend» (1908), verrät den Einfluss von Symbolisten wie Waleri Brjussow und gefällt sich in der Pose von Lebensmüdigkeit und Selbstironie. Das ändert sich in der zweiten, vor allem aber in der dritten Gedichtsammlung, «Der Weg des Korns» (1920), in der Chodasevič die Oktoberrevolution – die er zunächst begrüsste – und die Krise Russlands in den Blick nimmt. In mehreren (reimlosen) Langgedichten vergegenwärtigt er auf beklemmende Weise die Zerstörungen, die der Bürgerkrieg in Moskau angerichtet hat. Es sind lakonische Momentaufnahmen des Grauens, vermischt mit Bildern einer zweifelhaften Normalität. Kein Wunder, hat Joseph Brodsky den streng beobachtenden Sprachkünstler, der die Schrecken in Puschkinsches Jambenmass bannte, verehrt.

1922 erschien die Sammlung «Die schwere Lyra», darin die Dualität von Transzendenz und existenziellem Elend, von Natur und Technik zum Ausdruck kommt. Im selben Jahr verliess Chodasevič mit der nachmaligen Schriftstellerin Nina Berberova Russland Richtung Berlin. Geplant war ein Aufenthalt auf Zeit, doch wurde daraus ein Dauerexil. Chodasevič verbittert zusehends, der sarkastische Ton seiner Berlin-Gedichte ist unüberhörbar. Die deutsche Metropole erscheint ihm in grotesker Verzerrung, wie auf den Karikaturen von George Grosz. (…)

Eben dieser Kompromisslosigkeit aber verdankt sich sein postumer Ruhm. Wobei man sich nun endlich auch auf Deutsch ein Bild von Chodasevičs Dichtung machen kann. Adrian Wanner, bekannt für seine Übersetzungen von Alexander Blok, legt eine stattliche zweisprachige Ausgabe mit ausgewählten Gedichten von 1907 bis 1927 vor, ergänzt durch ein informatives Nachwort und den Nachruf von Vladimir Nabokov. (…)

Und mitten im Bürgerkriegsrussland, 1918, schreibt er die verstörenden Verse: «Mit kalten Blicken mustere ich nur / Den Ruhm der Zukunft, schal und leer . . . / Dafür brauch ich die Wörter ‹Blume›, ‹Kind› und ‹Tier› / Jetzt immer öfter, immer mehr.» Solche Verse machen einen frösteln. Statt Revolutionspathos diese formvollendete Klarheit, bis hin zu den Reimen, die Chodasevič meisterhaft beherrschte. An der Form war ihm gelegen, um desto deutlicher zu machen, wie sehr es im Gebälk des Lebens krachte. Den saturnischen Weltzustand – und den seines unerlösten Innern – kleidete er in Zeilen von kalter Eleganz.

Man muss ihn lesen, diesen Vladislav Chodasevič, «im Gedächtnis an die Zukunft». / Ilma Rakusa, NZZ

Vladislav Chodasevič: Europäische Nacht. Ausgewählte Gedichte 1907 bis 1927. Russisch/deutsch. Nachgedichtet und mit einem Nachwort herausgegeben von Adrian Wanner. Mit einem Essay von Vladimir Nabokov. Arco-Verlag, Wuppertal 2014. 222 S., € 24.–.

/