60. Literaturkunde

Sitzung einer Lyrikpreisjury. Die siebenköpfige Jury steht vor der Aufgabe, aus über 20 Büchern – jeder der Juroren nominierte etwa 5 Bücher – an zwei Tagen das eine auszusuchen, das den Preis kriegt. Wie vorgehen? Erst mal reduzieren. Jeder Titel der nicht wenigstens 2 Stimmen bekommt fliegt raus. Das scheint in Ordnung. Wenn ein Juror ein Buch vorgeschlagen hat, das alle sechs andern nicht für preiswürdig halten, muß es nicht weiter diskutiert werden. Zwei oder drei Autoren ostdeutscher oder rumäniendeutscher Provenienz werden nur von mir und meinem Freund Peter Geist benannt, das reicht für die nächste Runde.

Am Abend im Restaurant sagt die große Kritikerin einer großstädtischen Zeitung zu Peter und mir: „Ich würde Ihnen empfehlen, mehr Bücher westdeutscher Autoren zu lesen.“ Am nächsten Tag stimmt sie für einen ostdeutschen Autor, den das großstädtische Feuilleton lieber hat als jene zwei oder drei andern. Ich stimme, da die von mir präferierte, in den Vereinigten Staaten geborene, in Berlin lebende Österreicherin nicht mehr dabei ist, für eine rheinländische Autorin. Was nichts beweist als daß es genau so war.

59. Nora Iuga

Nora Iuga, die Grande Dame der rumänischen Lyrik ist schon seit einiger Zeit dabei, Deutschland zu erobern. So wurde sie beispielsweise mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. In Rumänien ist sie die Übersetzerin von Grass und Jelinek, Pastior und Jünger, Nietzsche und Celan. / Porträt von Dana Ranga, DLR

58. In Salzburg

Abseits von Highlights wie Mozart oder Sound of Music sollen Interessierte jetzt per QR-Code auf eine Homepage, dann weiter zu Videos und Büchern des Dichters und nicht zuletzt zu Gedenkstätten in der Stadt gelotst werden.

Finanziert wird die Trakl-Hompage kulturerleben.salzburgresearch.at/trakl mit Geld der EU, die im Rahmen des Projektes „CreativeCH“ (Creative Cooperation in Cultural Heritage) insgesamt 365.000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Damit wurden unter anderem einzelne Stationen und Hinweise auf den Salzburger Dichter Georg Trakl auf einer interaktiven Stadtkarte digital verortet und mit Hintergrundinformation zum Dichter und seinem Werk multimedial angereichert. Mitmachen sei, so eine Aussendung von Salzburg Research, explizit erwünscht. (…)

Auch die Salzburger Festspiele beschäftigen sich mit Georg Trakl. So hat Büchnerpreisträger Walter Kappacher das Theaterstück „Abschied“ geschrieben, das im Rahmen des „Young Directors Project“ uraufgeführt werden wird. Auch der Autor Walter Müller hat einen Theatertext „Mutter.Trakl“ geschrieben, der am Todestag des Dichters Anfang November im Schauspielhaus erstmals aufgeführt werden soll. / Salzburger Nachrichten

57. Poetopie

diese Hitze – wer legt den Kämpfern den Eisbeutel auf die Stirn?

Hansjürgen Bulkowski

56. Anne Carson

Die studierte Gräzistin, die Werke von Euripides, Sophokles, Äschylus und Sappho ins Englische übertragen hat, wird für den weitgespannten kulturellen Horizont ihres Schaffens ebenso gerühmt (und im Stillen wohl auch gefürchtet) wie für ihre formale Experimentierfreude: Ihre Dichtungen können sich an Filmdrehbuch und Dramolett ausrichten, sich zu mehrseitigen oder ein ganzes Buch umfassenden Erzählungen auswachsen, als achsensymmetrische Textfigur auf der Seite prangen und dann wieder in wildem Zickzack übers Papier laufen; in einem Zyklus über Edward Hopper finden sich sogar Gedichte, deren Gestalt sich an den Bildaufbau des verhandelten Gemäldes anzulehnen scheint. Fingierte Interviews und Kontrafakturen antiker Dichtungen begegnen dem Leser ebenso wie persönliche Journale und kryptische Kurzprosa; ihre assoziative Technik, die Ideen und Persönlichkeiten über eine Distanz von Jahrhunderten oder Jahrtausenden kurzschliesst, verwendet Carson auch in ihren Essays – dort freilich manchmal auf Kosten der Stringenz und inneren Logik. (…)

Rückgrat des Buchs ist das berühmte Carmen 101 , das Catull seinem ebenfalls in der Fremde verstorbenen Bruder gewidmet hat: Das eingangs auf Lateinisch abgedruckte Gedicht wird in der Folge auf den links liegenden Seiten Wort für Wort anhand scheinbar direkt aus dem Wörterbuch übernommener Einträge aufgeschlüsselt, in die Carson jedoch immer wieder eigene Elemente – die meist das Titelwort «nox» (Nacht) mitführen – einschiesst. Rechter Hand wechseln sich die öfters auf die Antike rekurrierenden Reflexionen der Dichterin ab mit Familienfotografien und den spärlichen Reminiszenzen an den Bruder, der den Kontakt mit der Familie bis auf rare Anrufe, Kartengrüsse und einen einzigen Brief unterbunden hatte; dazu kommen Zeichnungen, eingeklebte Fragmente jenes Briefes, eine Collage aus Briefmarken. Aus wenigem schafft Carson so nicht nur die Kontur des Verstorbenen, sondern eine subtile Meditation über Verlust und Abwesenheit; die als persönliches Notizbuch entstandene Arbeit ist in einer wunderschön faksimilierten Ausgabe beim Verlag New Directions erschienen. / Angela Schader, NZZ

Anne Carson: Decreation. Gedichte, Oper, Essays. Deutsch von Anja Utler. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2014. 251 S., Fr. 35.50.

55. Maja Haderlap

Heimatliebe wird hier ohne Heimattümelei zu Papier gebracht. Haderlap kann kitschfrei einen Sommertag über dem Jaunfeld besingen, beschäftigt sich in einem kleinen Zyklus mit der Geschichte von „karantanien“, ist aber ebenso in Piran, Triest und Venedig zu Hause. Grenzen werden von den Mächtigen gezogen: „ihre grenzlinien knüpften einen strang / aus fallstricken und übertretungen“. Mit Sprache lassen sich diese Grenzen jedoch überwinden: „meine kleine sprache träumt sich / ein land, in dem sie wortnester baut / zum ausschwärmen über die grenzen, / die nicht ihre eigenen sind“. / Tiroler Tageszeitung

Maja Haderlap: „langer transit. Gedichte“, Wallstein Verlag, 88 S., 20,50 Euro

54. Julius Rodenberg (1831-1914)

Julius Rodenberg war etablierter Dichter und Schriftsteller, Miterfinder des Stadtfeuilletons, Mitbegründer der Goethe-Gesellschaft sowie Gründer und 40 Jahre lang Herausgeber der bedeutendsten deutschen Kulturzeitschrift, der »Deutschen Rundschau«. Viele heute bekanntere Autoren, wie eben Fontane oder Storm, verdanken der »Rundschau« wichtige Erstveröffentlichungen. Dass Rodenberg, eine Instanz im deutschen Literaturbetrieb im 19. Jahrhundert, heute unbekannt ist, liegt paradoxerweise an seinem Erfolg – beziehungsweise daran, wie nachlebende Generationen und Regime »deutsche Kultur« definierten. Die NS-Kulturpolitik sorgte so gründlich für die Auslöschung seines Namens, dass er erst über zwei Generationen später, im Zuge der Neuentdeckung einer »deutsch-jüdischen« Literatur wieder genannt wird. Ob ihm dieses Etikett gerecht wird und inwiefern es dem Verständnis seiner Zeit entspricht, wäre dabei noch sehr zu fragen. / Hannah Lotte Lund, ND 11.7.

53. Grabgedicht

Rainer Kirsch spricht höchst lebendig im Gespräch mit der Zeitung, die früher der Partei gehörte, die ihn einst rauswarf, über seine Grabstelle samt Grabspruch:

Haben Sie denn eine Grabstelle dafür?
Inzwischen ja. Wenn man den Haupteingang reingeht, ist rechts die Bürobaracke, dann geht man auf den Luther zu, und wenn man rechts am Luther vorbei ist, steht 20 Meter weiter eine Linde. Da ist das Grab mit einer Graniteinfassung, die ich habe restaurieren lassen. Dann habe ich mir einen Grabspruch gesucht. Der muss kurz sein.

Hier ist er, vier Zeilen:

»Lila ein Schwein saß still auf einem Baum
Und wiegte sich auf zweifelbaren Ästen.
Wir sahens beide, und auf wenigem Raum.
So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten.«

Das ging so durch?

Der Kirchenvorstand muss zustimmen. Und ich habe Volker Braun gebeten, ein kleines Gutachten zu schreiben. Hat er gemacht.

52. Ashbery lesen

Ashbery lesen heißt, den Faden verlieren zu wollen. Denn die Suche nach dem Sinn dieses Gedichts wäre unvorteilhaft, da es lediglich „Marginalien“ hervorhebt. Der Leser ist in der Folge völlig auf sich gestellt; stilistische Fallhöhen sind wichtiger als Stabilität. „Obwohl der Sonne knusprig verkohlte / Eingeweide hinter jenen Gipfel gesackt sind, hat bisher niemand einen Anspruch auf / die erstaunliche Summe angemeldet, welche der Sachverwalter verspricht. Weißte, kein / Minnesänger brach je einen Eid“.

Mit diesem ästhetischen „Plan“ macht sich der Autor unangreifbar. Einerseits kann man ihm vorwerfen, beliebig zu sein, andererseits ist er nicht beliebig genug, weil das „Flussbild“ nicht in alle Winkel auswuchern kann. Im begrenzten Rahmen des Buches stellt Ashbery aber klar, dass er nicht Herr im Hause seiner Dichtung ist, was den Text in Bewegung setzt. Er wendet sich gegen jede Literatur, die einen ganz bestimmten Inhalt vermitteln will, und dürfte damit viele Leser abschrecken. Wer sich jedoch darauf einlässt, empfindet mitunter Freude daran, sich dem Bilderstrom zu überlassen, den Sinn dabei jedoch zu vergessen.

Matthias Göritz und Uda Strätling versuchen, diese Problematik in ihrer Übersetzung zu bedenken. Sie schaffen es, den ständigen Wechsel stilistischer Register auch im Deutschen wiederzugeben; die weitschweifige Gedichtstruktur bewältigen sie ohne weiteres. Allerdings geben sie vor allem Fachausdrücke wörtlich wieder („dislocation“ wird zu „Dislozierung“) oder verwenden Genitive oft in altmodischer Form (z. B. „heaven’s summit“ als „des Himmels Zenit“). Gelegentlich passieren den Übersetzern auch stilistische Patzer, wenn etwa Ashberys „replacement-sun“ auf einer „Sonnenersatzbahn“ davonfährt oder wenn sich ein schlichter „someone“ in einen „dünne[n] Mann“ verwandelt.

Solche Fehler sind zwar ärgerlich, im Großen und Ganzen ist es aber auch deutschen Lesern möglich, das surrealistische Sammelsurium an Bildern, Strichen und Fragmenten zu betrachten (obwohl Textverständnis hier nicht gefragt ist). / Matthias Friedrich, literaturkritik.de

John Ashbery: Flussbild / Flow Chart. Ein Gedicht. Zweisprachig.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling.
luxbooks, Wiesbaden 2012.
388 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783939557296

51. Auch wahr

Es ist kein Gedicht Johann Wolfgang von Goethes über den Fußball überliefert; auch der „Faust“ hat nichts mit Manuel Neuer zu tun. / Zollern-Alb-Kurier

50. Stadtschreiberin

Monika Rinck, Tübinger Stadtschreiberin

Vorgestellt von Reinold Hermanns

SWR2 Lesezeichen vom Samstag, 28.6. | 17.50 Uhr | SWR2

49. Rainer Kirsch 80

Die Gedichte Rainer Kirschs sind in der DDR erschienen, was bisweilen einem Wunder gleichkam, und sie erschienen den Machtlüsternen wohl als Stachel, den auf Dummheit Gepolten (sie nannten ihre Art Widerspruchsrodung Dialektik) als Dämon, den Tapferen als Trutzimpuls. Und den Anstößigen als ein Stoßseufzer, den auch das mutigste Gemüt benötigt. Der Dichter Rainer Kirsch, 1934 in Döbeln geboren, ist in seiner Lyrik ein Epiker und Epigrammatiker, ein Lehrdichter und Bänkelsänger, ein lustvoller Genießer und listenreicher Gebieter. Seine Gebote sind Witz und Weisheit, Willenskraft und Würde und Wut. Wut gegen die Wendischen, Würde inmitten der Weltnöte, Willenskraft gegen die Gewöhnungen, Weisheit wider die Weismacher, Witz in Bruderschaft zur bitteren Wahrheit. (…)

Heute wird Rainer Kirsch, dessen auf acht Bände angelegte Werkausgabe der Eulenspiegel Verlag betreut, 80 Jahre alt. (…)

Mehr von und über Rainer Kirsch wird es in der Wochenendausgabe des »nd« am 19./20. Juli in einem Interview mit dem Dichter zu lesen geben. / Hans-Dieter Schütt, ND 17.7.

48. Daumer vertont

Das Vertonte hat in jedem Falle verbesserte Überlebensbedingungen gegenüber dem bloß gedruckten oder gar bloß geschriebenen Mittleren. Wie der Lethe rücklings mehr und mehr über die Ufer tritt, zeigt uns die Musik eine Inselwelt, von ganz anderer Zahl und Form als das Gedruckte, das noch herausragt. Die Dichter, die auf oder unter den Titeln der massenhaft und so zierlich gedruckten Klavierlieder des 19. Jahrhunderts erscheinen, präsentieren einen ganz anderen Kanon als die Literaturgeschichten; von üblich verdächtigen Ausnahmen wie Uhland, Goethe, Heine, Eichendorff. Auflagenstärke gegen den Fluss des Vergessens, wie prosaisch!, denn natürlich ist alles, was je gedruckt wurde, noch irgendwo zu finden; aber so sehr zu suchen, um nichts Herausragendes aufzuspüren, ist ohne Forschungsauftrag ein selten müßiger Luxus. Sich von der Musik die Hand entlang der Regale des 19. Jahrhunderts führen zu lassen, ist da eine freudige Lösung und enttäuscht überraschend selten. Es gab in meinem Horizont keinen Grund, Gedichtbände von Georg Friedrich Daumer aus den Tiefen der Berliner Staatsbibliothek heraufzubeschwören, außer die Liebesliederwalzer op.52 von Johannes Brahms, wie ich einst keinen Grund für Wilhelm Müller außer Franz Schubert sah. (Beschwören statt bestellen, da die Staatsbibliothek im Moment des Bestellens noch gar nicht im Katalog verzeichnet hatte, ob einer der Bände den letzten Krieg überstanden hatte.) Wenn sich jener Grund aber einmal vollzogen hat und man das Buch in der Hand hält, muss man, schon aus Höflichkeit, versuchen, die Vertonung erstmal aus dem Spiel zu lassen (ein Stück Lethe abgraben). Ich kann mir nicht vorstellen, dass Daumer je Walzer im Sinn hatte.

Daumer steht unter Müller, soweit ich sehen kann, eine ganze Anzahl von Stufen. Was mich aber beim Hören von Brahms bereits begeistert hat, ist der Umstand, dass Daumer enorm ungelenk, fast könnte man sagen schlecht reimt, und ihn sein trotziger Wille zum Reim zu teils tollkühnen Lösungen treibt. Bezaubert von einem dieser Reime schaute ich also nach dem zweibändigen Gedichtband Polydora, ein weltpoetisches Liederbuch, in der Literarischen Anstalt Frankfurt a.M. 1855 gedruckt. Umwerfender Titel. Und wie die Zweibändigkeit schon anzeigt, schreibt Daumer ausgiebig, das noch umwerfendere Inhaltsverzeichnis versammelt Lieder aus 35 Nationen, zudem Sprüche aus einem guten Dutzend; nummernstarke Internationalität, wie man sie sonst nur an die Glocke etwa des Berliner Poesiefestivals hängt. Manche geographischen Angaben erscheinen mir merkwürdig bis erheiternd, aber ich weiß nicht, welche ich hier als Beispiel dafür angeben könnte, ohne zumindest verdachtsweise unkorrekt zu werden. Der Kreis ist jedenfalls bedeutend weiter als in bekannteren Sammlungen fernländisch kostümierter Liebeslyrik etwa der gerade abgelaufenen Goethezeit. Denn Liebeslyrik ist es, soweit ich sehen kann, bei Daumer sämtlich, und nach meinem ersten Eindruck klingt die Liebeslyrik in allen Ecken und Enden der Welt gleich. Kennt man alles schon, denkt man sich, unausweichlich, liedhafte Lyrik, nach Heine, aber ohne Heine, aber auch in diesem bekannten System findet sich Überraschendes; und ist es nicht überraschend, so ist es zuweilen schön gelöst. Und hin und wieder das völlige, lyrische, abgründige Rätsel, für das man, in gewisser Weise, starr vor Staunen (stupor deus, omnium ineptissimus), nichts anderes verantwortlich machen kann, als den Reim und seinen Sog. Das Bildfeld des Blitzes drängt sich mir auf, aber das stimmt natürlich nicht. Jedenfalls, der Reim, der mich schon beim Hören von Brahms so bezauberte ist die Nr.5 aus dem Kapitel Russisch-Polnische Kleinigkeiten, einer Sammlung von unzusammenhängenden Miniaturen zu je vier Versen:

O die Frauen, o die Frauen,
Wie sie Wonne thauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
Wären nicht die Frauen!

Der zweite Vers ist schlichtweg faszinierend. Es ist ja schon jede Körperflüssigkeit irgendwann irgendwo als Tau metaphorisiert worden, aber das in den Tau, als Metapher für besonders im Flux befindlichen Körper, wiederum eine Metapher hineingeschoben wird, obendrein mit dem sozialen Arkadianismus der Wonne, das ist schon eine kapitale Vorstellung. Was soll das heißen? Was auch immer, aber die Vorstellung passt zu jeder Variante, die etwa der Grimm angibt: thau ansetzen, erzeugen, thauig sein, wie thau niederflieszen (augen bei jean paul, wangen bei rückert, wimpern bei pyrker), mit thau netzen, in thauform bilden, wie thau niederflieszen lassen: eine Vorstellung schöner wie die andere, und die Freude, mit der der Vers es uns zuruft: Der ganzen Welt wollte man den Rücken kehren, wenn das nicht wäre! Tir’d with all these, from these would I be gone, / Save that, to die, I leave my love alone.

Rätselhaft in seiner Bildwahl und -folge erscheint auch die Nr. 11 aus dem Abschnitt Polnisch, die Brahms nicht vertont hat.

Umgehauen ist die Eiche;
Nimmer in die Luftbereiche
Ragt sie hoch und breit.
Habe dir mein Wort gegeben,
Und das gilt für’s ganze Leben,
Für die Ewigkeit.

/ Tobias Roth, Signaturen

47. Referenzfläche

4# ist da. Auflage: 50

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46. Thomas Brasch

war das Enfant Terrible der DDR – manche meinen, das einzige. Der älteste Sohn des SED-Funktionärs und stellvertretenden Kulturministers Horst Brasch, der als jüdischer Flüchtling und Mitgründer der FDJ nach dem Krieg bewusst in die russische Besatzungszone gegangen war, eckte früh an: beim Vater wie beim Arbeiter- und Bauernstaat, das war ja nicht zu trennen. Unmittelbar nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns ging er 1976 in den Westen und wurde dort auch nicht heimisch. 2001 endete sein verzweifeltes, von Alkohol und Drogenkonsum imprägniertes Leben. Er hinterließ Dramen, wenig Prosa („Vor den Vätern sterben die Söhne“ macht ihn im Westen 1977 gleich berühmt und öffnete ihm zunächst viele Türen in den Literaturbetrieb), vor allem aber großartige Gedichte. Dass man diesen radikalen, wütenden, existenziell ausgelieferten Poeten nicht vergessen – oder unbedingt aus dem Vergessen zurückholen – sollte: Diese Erkenntnis konnte man mitnehmen nach einer bemerkenswerten Hommage an den langjährigen Lebensgefährten von Katharina Thalbach im Weingut Dilger in der Freiburger Urachstraße. / Bettina Schulte, Badische Zeitung